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Rotlicht im Stuttgarter Leonhardsviertel

Ausgebumst

Rotlicht im Stuttgarter Leonhardsviertel: Ausgebumst
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Das geplante Verbot von Bordellen im Stuttgarter Leonhardsviertel löst zwar das Problem mit der Armutsprostitution nicht, aber es ist ein Anfang im Umdenken über Freiertum.

Der Bordell-Befürworter und Stuttgarter FDP-Stadtrat Armin Serwani hatte sich ins Zeug gelegt – mit einem der dümmsten Sätze, die einem Provinzpolitiker in diesem Jahr aus dem Kartoffelkopf purzeln konnten: "Jede Großstadt hat Bordelle. Ohne wäre Stuttgart ein Provinzkaff". Das wäre wirklich zum Lachen, wenn es die Gestalten von der FDP, AfD und CDU nicht todernst meinen würden. Mein Gott, Armin! Dein Opa hat angerufen – er will die Feldfreudenhäuser zurück! Aber ja, man muss sie verstehen, die Ewiggestrigen, denn sie haben es aktuell nicht leicht: Jetzt nehmen ihnen die verdammten "Woken", Feminazis und "links-grünen" Meinungsdiktator[ironisierte Sprechpause]:innen nämlich auch noch den Puff weg!

Nix darf Mann mehr! Nicht mal seine Schrumpelwurst gegen Geld in Frauen stecken, die eigentlich keine Lust auf Sex haben, aber ihre Miete sonst nicht zahlen könnten. Dabei könnten die doch einfach Nein sagen. Zwingt sie ja niemand. Ihre Entscheidung. Selbstverantwortung und so. Und außerdem "Empowerment", gell, gnähähä. Hätt' ja BWL studieren können statt GV, höhöhöhö. Und ist nicht jeder Sextourist eigentlich auch ein Entwicklungshelfer?

Ausgabe 616, 18.01.2022

Ruhe im Unfrieden

Von Susanne Stiefel

Einst konnte es dem Bordellbesitzer John Heer nicht schnell genug gehen, der Stuttgarter Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle den Mund zu verbieten. Im ersten juristischen Anlauf ist das gescheitert, der zweite sollte flugs folgen. Doch plötzlich ist Ruhe.

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Jaja, Scherz ist schon beiseite. Dämliche Freierargumente, mit denen heute nur noch am Stammtisch oder bei der Bungabunga-Party verkokster Aktionäre gepunktet wird, haben es jetzt auch im Stuttgarter Gemeinderat schwer. Denn der hat den Rotlichtromantikern das Licht ausgeknipst. So laut die Puff-Befürworter im Gemeinderat auch maulten: Mit ihrem medial wirksamen Geplärre entstand zwar der Eindruck, dass sich die nostalgischen Misogynen in Stuttgart durchsetzen, damit alles gleich scheiße bleibt. Tatsächlich gab es Mitte Dezember jedoch einen kleinen Paukenschlag in Sachen Freiertum und Stadtbild: Eine 10:5-Mehrheit von Grünen, SPD, Linksbündnis, Puls und den Freien Wählern entschied, die Stadt beim Versuch zu unterstützen, Bordellen im Leonhardsviertel künftig den Betrieb zu untersagen.

Diese Entscheidung ist zwar wahrscheinlich mehr städtebaulichen Planungsinteressen und langjährigen baurechtlichen Konflikten zwischen Puffbetreibern und der Stadt zu verdanken – und weniger einer dezidierten Haltung gegen Betriebe und Profiteure von Betrieben, in denen Männer Frauen sexuell ausbeuten. Wenn das ganze Hin und Her um die Zukunft des Leohnardsviertel und einen Bebauungsplan jedoch dazu führt, dass Frauen künftig durch das Altstadtviertel schlendern können, ohne sich wie ein Stück Schinken zu fühlen, dann ist Stuttgart tatsächlich auf dem Weg, das zu werden, was es immer schon gerne wäre: progressiv. Emanzipation als Kolleteralzugewinn.

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2 Kommentare verfügbar

  • Harald Berenfänger
    am 02.01.2024
    Antworten
    Sexarbeit zu verbieten ist sowohl sinnlos als auch falsch. Es kommt viel mehr darauf an, diese Arbeit mit Rahmenbedingungen zu versehen, dass sie sicher und legal geleistet werden kann. Diese Gesellschaft braucht qualitativ hochwertige Sexarbeit, die angemessen bezahlt wird. Was sie nicht braucht,…
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