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Esther Reinhardt-Bendel

"Ihr habt eine Stimme"

Esther Reinhardt-Bendel: "Ihr habt eine Stimme"
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Mitglieder ihrer Familie wurden vor 80 Jahren vom Stuttgarter Nordbahnhof nach Auschwitz deportiert. Heute engagiert sich Esther Reinhardt-Bendel in der Initiative Sinti-Roma-Pride. Noch immer ist die Minorität mit Ausgrenzung und krassen Vorurteilen konfrontiert.

234 Sinti und Roma wurden am 15. März 1943, vor genau 80 Jahren, vom Stuttgarter Nordbahnhof aus nach Auschwitz deportiert. An den Gleisen des früheren Güterbahnhofs befindet sich die Gedenkstätte "Zeichen der Erinnerung", neben vielen Reinhardts – der häufigste Nachname der Sinti – steht 28-mal der Name Lauster, um an die Opfer zu erinnern. 24 von ihnen kamen aus Magstadt: Verwandte von Anton Reinhardt, dem Großvater von Esther Reinhardt-Bendel. Die beiden Ältesten waren fast 60, der Jüngste keine zwei Jahre alt.

Zum dritten Mal findet an der Gedenkstätte nun eine Veranstaltung zur Erinnerung an die Sinti und Roma statt. Bei der Einweihung 2006 hatten ihre Namen noch gefehlt, sie wurden erst zwei Jahre später nachgetragen. Der Gedenktag beginnt um 11 Uhr mit einem Empfang bei Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Neuen Schloss. Esther Reinhardt-Bendel, Mitbegründerin der Initiative Sinti-Roma-Pride, ist zwar eingeladen, ihr Vater Peter Reinhardt und der Rest der Familie aber nicht.

Mündlich und schriftlich

Peter Reinhardt weiß mehr über die Stuttgarter Sinti als jeder andere, mit Ausnahme des Diözesanhistorikers Stephan Janker. Ihre Kenntnisse ergänzen einander. Reinhardt, 1951 geboren, hat schon als Kind am Küchentisch die Geschichten der traumatisierten Überlebenden in sich aufgesogen und ist so zum Chronisten der Stuttgarter Sinti geworden. Vom Deportationszug am Nordbahnhof erzählt er hier. Janker hat dagegen in den Archiven geforscht. Auf seine Recherchen gehen die insgesamt 261 Namen an der Stuttgarter Gedenkstätte und die meisten der Stolpersteine für Sinti und Roma in Stuttgart zurück. (dh)

Das liegt in diesem Fall nicht allein an der Mehrheitsgesellschaft, die auch in der Nachkriegszeit die Sinti und Roma ausgegrenzt hat. Erst 1982 hat die Bundesrepublik den Porajmos, die Ermordung von mindestens 500.000 Sinti und Roma, als Völkermord anerkannt. Beim Gedenken waren und sind sie oftmals Opfer zweiter Klasse.

Aber in diesem Fall hat auch der Landesverband der Sinti und Roma nicht daran gedacht, den Nachfahren der Überlebenden eine Einladung zu schicken. Nicht dass die Reinhardts dem Verband nicht bekannt wären. Esther Reinhardt-Bendel war Gründungsvorsitzende der Bundesvereinigung der Sinti und Roma, die sich im Sommer 2021 auf Betreiben des Landesvorsitzenden Daniel Strauß in Abgrenzung vom Zentralrat der Sinti und Roma neu gegründet hat.

Die Bahn wollte das Denkmal entfernen

Hintergrund waren Meinungsverschiedenheiten zum Berliner Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma. Die Deutsche Bahn will eine S-Bahn-Linie bauen und wollte das Denkmal zunächst ganz entfernen. Nachdem sie davon abgerückt ist und das Denkmal stattdessen untertunneln will, signalisierte der Zentralrats-Vorsitzende Romani Rose Einlenken, während etwa der grüne Europaabgeordnete Romeo Franz, Generalsekretär der Bundesvereinigung, noch im vergangenen Oktober Kritik geübt hat.

"Vom Denkmal habe ich nichts Neues mehr gehört", sagt Esther Reinhardt-Bendel nun. Sie hat sich nach einem halben Jahr vom Vorsitz der Bundesvereinigung zurückgezogen. In die Rivalitäten zwischen den Verbänden – daneben gibt es auch noch den Bundes Roma Verband mit Sitz in Göttingen – wollte sie nicht hineingezogen werden. Die Verdienste Romani Roses und des Zentralrats erkennt sie an. Aber als Sinteza der nächsten Generation will sie sich nicht auf die Opferrolle beschränken. Auch wenn sie am eigenen Leib und bei anderen viel Diskriminierung erlebt hat.

Denn Esther Reinhardt-Bendel hat gelernt, sich zu wehren. Vor gut zehn Jahren gründete sie mit anderen die Initiative Sinti-Roma-Pride. Was sie verband, war, dass sie bei rassistischen und antiziganistischen Kommentaren im Netz Kontra gaben. "Es ist eigentlich nur eine Facebook-Gruppe", erklärt sie. "Wir kannten uns vorher nicht." Inzwischen gibt es auch einen Instagram-Kanal. Auch in Zeitungen und anderen Medien ist die Initiative gut präsent.

Belastetes Verhältnis zur Polizei: Hier ändert sich was

"Das ist mein Beruf", erklärt die Sinteza und meint ihren Aktivismus: "Bei Vorfällen wie vor zwei Jahren in Singen gefühlt ein Sechzehn-Stunden-Job." Ein elfjähriger Junge aus einer Sinti-Familie war damals von der Polizei in Handschellen abgeführt worden, laut dem Anwalt des Kindes hätten die Beamten den Jungen als "Zigeuner" bezeichnet und die "kenne man". Bei Esther Reinhardt-Bendel liefen die Fäden zusammen. Das Telefon stand nicht still. Sie vermittelte den Fall an den Landesverband weiter, der die Familie juristisch unterstützte.

Mit Erfolg: Die Staatsanwaltschaft Konstanz erließ gegen zwei der Beamten Strafbefehl, je 3.600 Euro wegen Freiheitsberaubung und Nötigung. Das Verfahren gegen die beiden anderen stellte sie gegen Zahlung eines kleineren Geldbetrags ein. Die Täter erhoben zuerst Einspruch, akzeptierten dann jedoch die Geldstrafe. Seit letztem Herbst ist der Landesverband darüber hinaus an der Aus- und Fortbildung der Polizei beteiligt. Das gibt es bisher nur in Baden-Württemberg.

"Ein historisches Ereignis", meint der Landesvorsitzende Daniel Strauß. Lange Zeit, seit 1899 in München ein "Nachrichtendienst für die Sicherheitspolizei in Bezug auf Zigeuner" eingerichtet worden war, war die Polizei im Gegenteil damit beauftragt, die Sinti und Roma zu verfolgen. Schon vor und noch lange nach der NS-Zeit. In Stuttgart etwa blieb Adolf Scheufele, der als Sachbearbeiter der Kriminalpolizei die Deportation der Sinti und Roma organisiert hatte, auch nach dem Krieg weiter im Dienst.

Esther Reinhardt-Bendel wird auch viel für Workshops angefragt. Etwa an Schulen oder jetzt am 23. März an der Volkshochschule Leinfelden-Echterdingen: diesmal für Flüchtlingshelfer:innen, die erleben, dass Roma anders behandelt werden als andere aus der Ukraine Geflohene. In der Initiative Sinti-Roma-Pride sind sie mittlerweile nur noch zu dritt. Jùlie Halilic lebt in Langen bei Offenbach, Vojtėch Gina bei Aschaffenburg. Seit der Corona-Zeit geben sie Workshops auch online und können sie damit bundesweit anbieten. Reinhardt-Bendel selbst wohnt mit ihrem Mann, einem in der Solarbranche selbstständig tätigen Sinto, und ihrem achtjährigen Sohn im Stadtteil Zuffenhausen-Rot, nicht weit entfernt von der inzwischen abgerissenen Keltersiedlung, in der sie aufgewachsen ist.

An den Schulen ist Antiziganismus sehr präsent

"Meine Schullaufbahn war holprig", gesteht sie. Zwar hatte sie Glück – oder ihre Eltern hatten die richtige Schule gewählt: Viele Sinti ihrer Generation, sie ist 1986 geboren, bekamen grundsätzlich eine Sonderschulempfehlung. Sie brachte es bis zur Realschule. Allerdings hatte sie eine Rechenschwäche. Als sie zum zweiten Mal um die Versetzung bangen musste, meinte ihr Deutschlehrer noch, sie könne die Mathe-Fünf mit einer Zwei in Deutsch ausgleichen. Doch es kam anders. Dem Deutschlehrer tat es leid: Er habe sich im Kollegium nicht durchsetzen können.

Es war nicht das erste Mal, dass sie in der Schule mit Diskriminierung Bekanntschaft machte. Als sie eingeschult wurde, war ihre Welt noch in Ordnung. Die Keltersiedlung war ein gemischtes Viertel mit vielen Zuwanderern und weiteren Sinti-Familien. Dass sie der Minderheit angehörte, war ihr natürlich klar, schon allein wegen der Sprache. Aber sie hatte damit keine Schwierigkeiten. Bis ihr in der dritten Klasse ein Mitschüler nachrief: "Zick zack, Zigeunerpack, zahlen keine Steuern."

"Mama, was sind Steuern?", fragte sie, als sie nach Hause kam. Ihre Mutter, eine Gadji, also keine Sinteza, half ihr, so gut sie konnte. Aber mit diesem Vorfall hatte sich etwas geändert: "Die Unbeschwertheit war weg."

Später begegnete sie denselben Vorurteilen, mit denen die Minderheit seit Jahrhunderten konfrontiert ist. Ihre Mitschülerinnen beschuldigten sie, zu stehlen. Klassisches Mobbing: Der angebliche Diebstahl war frei erfunden. Einmal, als ein Junge aus ihrer Klasse sie als "dreckige Zigeunerin" beschimpfte, wurde es ihr zu bunt. Sie gab ihm eine Ohrfeige. Und musste sechs Wochen nachsitzen. Der Junge käme aus einer angesehenen Familie, hieß es im Lehrerkollegium, als ihre Mutter intervenierte. Sie fand kein Gehör.

Ein bisschen was hat sich verbessert

Später hat Esther Reinhardt-Bendel die Mittlere Reife an der Handelsschule nachgeholt. Sie hat Bürokauffrau gelernt, doch in dem Beruf nie gearbeitet. Bildung ist ihr trotz ihrer negativen Erfahrungen sehr wichtig. Bei anderen Sinti- und Roma-Familien beobachtet sie, dass Eltern, die selbst keine Chancen hatten, auch ihren Kindern nicht helfen können: ein Teufelskreis. Im Bildungssystem ist die Antidiskriminierungsarbeit noch nicht angekommen. Noch immer begegnen Sinti und Roma vielen Vorurteilen.

Hat sich gegenüber der Zeit, in der sie aufgewachsen ist, denn gar nichts geändert? "Es kommt auf die Schule an", antwortet sie. Bei ihrem Sohn lief bisher alles gut. Nur einmal fragte die Lehrerin alle Schüler:innen, die Eltern aus einem anderen Land haben, nach ihrer zweiten Sprache. Sie schrieb an die Tafel: Italienisch, Türkisch … nur Romanes nicht. Sie hatte noch nie etwas davon gehört. Im Nachhinein ärgert sich Reinhardt-Bendel, dass sie nicht den Mut hatte, zu ihr zu gehen und darüber zu sprechen.

Wie viele Sinti gibt es in Stuttgart? Diese Frage kann Esther Reinhardt-Bendel nicht beantworten. Viele verheimlichen ihre Identität, um Diskriminierung auszuweichen. Reinhardt-Bendel kann das verstehen, sie aber möchte mit der Initiative Sinti-Roma-Pride auch anderen Mut machen und ein positives Bild der Minorität zeichnen.

"Wir dürfen nicht zusehen, wie rechtes Gedankengut zu Taten wird", sagt Esther Reinhardt-Bendel in einer Videobotschaft. "Wir müssen aufstehen gegen jede Form von Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Ihr habt eine Stimme. Nutzt sie!"


Der Fahrplan der heutigen Gedenkfeiern:

11 Uhr: Empfang bei Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Neuen Schloss (nur auf Einladung),
14 Uhr: Gedenkgottesdienst in der Domkirche Sankt Eberhard, Königstraße, Stuttgart-Mitte,
16 Uhr: Veranstaltung an der Gedenkstätte "Zeichen der Erinnerung",

18 Uhr: Ausklang im Hotel Silber.

19 Uhr, Wagenhalle Stuttgart-Nord: eigene Gedenkveranstaltung des Vereins Indus Kunst und Kultur, das sind Nachfahren der überlebenden Sinti aus Magstadt.


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