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Sinti und Roma

In ihrer Sprache gibt es kein Wort für Krieg

Sinti und Roma: In ihrer Sprache gibt es kein Wort für Krieg
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Zum fünfzigsten Mal findet am 8. April der Welttag der Sinti und Roma statt. Lange hat es gebraucht, bis sie sich gewehrt und Anerkennung gefunden haben. Nach dem NS-Völkermord waren sie traumatisiert. Mit Ausgrenzung haben sie noch heute zu tun.

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"Das ist mein Großvater", sagt Richard Guttenberger wie aus der Pistole geschossen und zeigt auf den stehenden Violinisten, der ihm tatsächlich sehr ähnlich sieht. Das Foto aus einem Zeitschriftenartikel zeigt das Quartett, das 1906 beim Musikwettbewerb König Wilhelms II. von Württemberg den ersten Preis, die Goldene Rose gewann (Auf Wunsch der Familie zeigen wir das Foto nicht, d. Red.). Dasselbe Bild war auch einmal in einem Katalog des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg abgedruckt, dort bezeichnet als "Streichquartett der Familie Guttenberger".

In der Wohnung von Peter Reinhardt in Stuttgart entspinnt sich sofort eine lebhafte Diskussion zwischen ihm und den Nachfahren des abgebildeten Musikers, Richard Guttenberger und seinen Söhnen Mano und Knebo. Der Außenstehende kann allerdings nicht folgen, da das Gespräch auf Romanes stattfindet. "Wir tun das, damit Sie nicht mitkriegen, was wir sagen", flachst Reinhardt. Mano Guttenberger klärt auf: "Wenn wir unter uns reden, verfallen wir automatisch ins Romanes."

Die Namen stimmen nicht. Zwar ist der stehende Violinist Ahnherr der Guttenbergers, aber er heißt, mit Sinto-Namen, Wangelo Winter. Doch die anderen gehören nicht zur Familie. Darum gab es einmal Streit. Das Bild, das sich in Privatbesitz befindet, ist seither nicht mehr verfügbar. Allerdings hat Knebo Guttenberger ein anderes Foto auf seinem Handy: sieben Musiker in Livree, darunter sein Urgroßvater am Kontrabass. Hier sind Zweifel ausgeschlossen: Das Bild stammt aus Familienbesitz. Das Ensemble aus Markgröningen war landesweit bekannt.

Sinti haben fast immer zwei Namen

Reinhardt und die Guttenbergers haben sich bereit erklärt, etwas zur Lage der heute in Stuttgart lebenden Sinti zu sagen. Am 8. April ist der Welttag der Sinti und Roma. Zum zweiten Mal gibt es dazu in Stuttgart ein Programm, zum Teil online, aber auch eine Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus am Karlsplatz mit Reden und Musik.

Bei Nelly Eichhorn vom Stuttgarter Theater am Olgaeck laufen die Fäden zusammen. Warum engagiert sie sich für Sinti und Roma? Vor zwei Jahren, kurz vor Weihnachten, gab sie einmal einer bettelnden Frau am Straßenrand Geld. Doch dann fragte sie sich: Wie ist es möglich, dass in einem so reichen Land wie Deutschland Menschen betteln müssen?

Es ist kompliziert: Die deutschen Sinti betonen, dass sie eine eigene Volksgruppe sind. International werden jedoch manchmal auch alle Romanes-Sprecher als Roma bezeichnet. Sie hatten und haben fast immer zwei Namen. Denn wenn sie zu früheren Zeiten mit dem Planwagen unterwegs waren, mussten sie sich ausweisen. Doch Namen wie Knebo oder Wangelo akzeptierten die Behörden nicht.

Wenn einer keinen Ausweis besaß, erzählt Reinhardt, ging er zum Pfarrer einer Kirche, von der er wusste, dass dort ein Sinto getauft worden war. Er behauptete, er hätte seinen Taufschein verloren, und da er Name und Taufdatum richtig angeben konnte, stellte der Pfarrer ihm ein Ersatzdokument aus. So gab es bald mehrere Menschen, die alle am selben Tag in derselben Kirche auf denselben Namen getauft waren. "Wir untereinander wussten ja, wer wir sind", fügt Reinhardt hinzu. Soviel zur Namensverwirrung.

Diskriminierung ohne Ende

Seit die Sinti vor rund 600 Jahren zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum auftauchten, sind sie mit hartnäckigen Vorurteilen konfrontiert. Sie stehlen Kinder, heißt es. Sie können einen verhexen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gab es im Deutschen Reich eine Reihe von Bestimmungen zur "Bekämpfung der Zigeunerplage". Sie waren zwar lustige Musikanten, die jedoch grundsätzlich als Verbrecher eingestuft wurden. "Was haben wir getan?", fragt Mano Guttenberger. "Wir sind friedliche Leute. Wir haben nicht einmal ein Wort für Krieg."

Una forma de ser – eine Art zu sein

Die Ausstellung "Una forma de ser" im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart beschäftigt sich mit den Roma in Spanien und Europa seit Francisco Goya. Zu sehen sind auch die um 1930 entstandene Serie "Fahrendes Volk, Zigeuner und Landstreicher" des Fotografen August Sander, Kohlezeichnungen von Otto Pankok aus derselben Zeit sowie die eindrucksvollen Tuschzeichnungen, in denen die österreichische Romnja Ceija Stojka sechzig Jahre danach ihre Auschwitz-Erlebnisse verarbeitet hat. Bis 11. Juli 2021, nach Voranmeldung. (dh)

"Zigeuner" gelten als Nomaden. Doch wer es sich leisten konnte, hatte durchaus einen festen Wohnsitz, und nicht alle gingen "auf die Reis'", wie die Sinti und andere ambulante Gewerbetreibende sagten. Die Familie Schneck etwa lebte bis 1936 in der Stöckachstraße 28, in einer kleinen, nach der Weltwirtschaftskrise erbauten Siedlung. Josef Schneck, der Vater, war Geigenbauer und Instrumentenhändler. Er besaß viele Bücher und legte Wert auf die Schulbildung seiner Kinder.

Gudrun Greth, die damalige Rektorin der Grund- und Hauptschule Ostheim, hat die Geschichte der Familie 2007/08 mit Jugendlichen ihrer Schule aufgearbeitet. Elisabeth Guttenberger, geborene Schneck, die einzige Überlebende, besuchte hier einst mit ihrem ein Jahr älteren Bruder Donatus dieselbe Klasse. Als sie noch nicht einmal zehn Jahre alt war, so erzählte sie den Schülern, erlebte sie zum ersten Mal offenen Rassenhass. "Eine Mitschülerin, eine BDM-Führerin, fiel eines Tages mit der halben Klasse über mich her. Gemeinsam schlugen sie mich blutig."

Am nächsten Tag ließ der Rektor das Mädchen zu sich holen. "Er empfing mich mit den Worten: 'Was hast du dir denn gestern erlaubt?' Und er gab mir mit dem Rohrstock sechs Tatzen auf die ausgestreckten Hände. Ich war fast ohnmächtig vor Schmerz." Doch ihre Lehrerin, eine ehemalige Reichstagsabgeordnete, nahm sie in Schutz, "und hielt den anderen Mädchen eine Moralpredigt. Am Ende erlaubte sie sich sogar die Worte: 'Habt ihr diese Frechheit etwa im BDM gelernt?' Und keiner wagte, ihr zu widersprechen, selbst der Rektor nicht, der ein Nazi war."

"Porajmos" nennen sie den NS-Völkermord

Es war für lange Zeit das letzte Mal, dass Elisabeth Guttenberger eine menschliche Regung erlebte. Vor Verhaftungen gewarnt, floh die Familie nach München, wurde dann aber von dort nach Auschwitz deportiert. Elisabeth Guttenberger hat 1962 in den Auschwitz-Prozessen ausgesagt. Sie erschien nicht selbst und hätte den Prozess wohl auch nicht ertragen, denn anstelle der Angeklagten wurden die Zeugen ins Kreuzfeuer genommen. Die Täter-Anwälte versuchten dem Gericht weiszumachen, Sinti*zze seien notorische Lügner. Und sie hatten Erfolg. Das Gericht hielt Elisabeth Guttenbergers Aussage für nicht beweiskräftig.

Die Täter aber wussten ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Paul Werner zum Beispiel, der als Leiter des sogenannten Zigeunerreferats im Reichssicherheitshauptamt 1937 mit einem Erlass zur "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" die Deportationen vorbereitet hatte, stieg nach Gründung des Landes Baden-Württemberg bald zum Regierungsdirektor auf. Ein Verfahren gegen ihn stellte die Stuttgarter Staatsanwaltschaft 1963 ein, da es sich um "Maßnahmen gegen die Zigeunerplage" gehandelt habe. Rassismus? Aber nein, nicht doch.

Es gibt keine Sinti-Familie, die nicht vom Porajmos, dem Verschlingen, wie der NS-Völkermord auf Romanes heißt, betroffen war. Richard Guttenbergers Vater und Großvater haben das Konzentrationslager Dachau überlebt, der Großvater – der Musiker auf dem Foto –wurde fast 100 Jahre alt. Seine Mutter war dagegen die einzige ihrer Familie, die lebend aus Auschwitz zurückkam. Er selbst hat als Gitarrist mit Paul Kuhn gespielt und dokumentiert das mit einem Foto – ein guter Musiker, da sind sich alle einig. Die Söhne haben von ihm gelernt.

Lange haben sich die deutschen Sinti nicht gewehrt

Knebo und Mano spielen als Guttenberger Brothers im Sextett Jazz Manouche in der Tradition von Django Reinhardt, aber auch Vocal Jazz mit deutschen Texten – das ist Knebos Spezialität, der auch die Texte schreibt. Mano ist dagegen ein versierter Sologitarrist, der schon mit dem Violinisten Wedeli Köhler, Enkel eines Wiener Hofmusikers, gespielt hat. Mit sechs Bands unterschiedlicher Stilrichtungen hält er sich über Wasser. Nicht einfach, damit seine Familie mit sieben Kindern zwischen zwei und 21 Jahren zu ernähren, zumal in Zeiten von Corona. Aber er kommt über die Runden.

"Wenn Sie erleben wollen, wie es uns geht, lade ich Sie ein, einmal einen Tag mit mir in meinem Wohnwagen mitzufahren", sagt Mano Guttenberger im Verlauf des Gesprächs mehr als einmal. "Da geht es mit Ihrem Selbstbewusstsein ziemlich bergab." Er macht eine Handbewegung, die so ungefähr in Höhe der Fußknöchel endet. Schilder an Campingplätzen: Keine Zigeuner. Der Wohnwagen plötzlich von Polizisten umstellt, Maschinengewehre im Anschlag. "Erklären Sie das mal Ihren Kindern." Mano Guttenberger und Peter Reinhardt können abendelang solche Geschichten erzählen.

Reinhardt hat allerdings auch schon anderes erlebt. Da sie auf Campingplätzen zumeist abgewiesen werden, parkten sie ihre Wohnwagen einmal bei Saulgau auf einer frischgemähten Wiese. Mit dem Bauern hatten sie sich auf einen Preis geeinigt. Mitten in der Nacht wurden sie jedoch verhaftet und angezeigt. Am Tag vor dem Prozess rief der Richter ihn an und entschuldigte sich, er habe die Akten erst jetzt ansehen können. Zwei Polizisten habe er sofort entlassen und den Bauern, der unter Drohungen zu seiner Falschaussage gebracht worden war, zu sich bestellt und ihn zu einer Geldstrafe verurteilt.

Lange Zeit hat es gebraucht, bis sich die Sinti in Deutschland zu wehren begannen. Als vor 50 Jahren in London der erste Welt-Roma-Kongress stattfand, hätten die Organisatoren aus Frankreich, Großbritannien und dem damaligen Jugoslawien sie gerne dabei gehabt. Doch sie trauten sich nicht aus der Deckung. Erst als zwei Jahre später der Sinto Anton Lehman in Heidelberg von einem Polizisten erschossen wurde, gingen sie auf die Straße.

Nelly Eichhorn organisiert nun die Aktivitäten zum 50. Jahrestag des Kongresses. Ein Film über die Stuttgarter Sinti befindet sich in der Entstehung. Peter Reinhardt ziert sich noch. Er hat sich schon so oft zu Wort gemeldet. Auf die Frage, wie viele Sinti überhaupt noch in Stuttgart leben, winkt er ab: "Nur eine Handvoll. Die meisten sind weg." Was meint er mit "weg?" "Von den Älteren sind viele schon gestorben. Die Jüngeren kehren Stuttgart den Rücken." Andere Städte hätten wenigstens versucht, die Sinti zu integrieren. In Stuttgart sei davon nichts zu bemerken.


Info:

Zum Internationalen Tag der Sinti und Roma am 8. April veranstaltet das Theater am Olgaeck wieder ein Roma-Festival auf dem Stuttgarter Karlsplatz. Für Musik sorgt der Verein Romano Jilo, los geht's um 17.30 Uhr.

Am 13. Juni um 11 Uhr lädt das Hotel Silber, Stuttgart, zu Lesung und Gespräch mit Magdalena Guttenberger und Manuel Werner. Es geht um das Buch "Die Kinder von Auschwitz singen so laut! Das erschütterte Leben der Sintiza Martha Guttenberger aus Ummenwinkel" – weitere Infos hier.

Und hier die Guttenberger Brothers live:


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2 Kommentare verfügbar

  • Waldemar Grytz
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Wer im Internet das Stichwort "Zigeuner Prozess Berleburg" eingibt, stößt auf eine der wenigen Beispiele, wie nach 1945 die Verfolgung von Sinti-/Roma-Familien von der Justiz behandelt wurde. "Ehrenwerte Bürger" einer westfälischen Kleinstadt standen da vor Gericht - nicht etwa "Zigeuner", wie das…
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