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Diskriminierung in Stuttgart

Ein Leidensweg

Diskriminierung in Stuttgart: Ein Leidensweg
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Jeanette Widmer soll ihre Wohnung im Hallschlag räumen. Von ihrer Rente wird sie die neue Wohnung nicht bezahlen können, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet hat. Ihre Vorfahren waren Juden, Sinti, Roma und Jenische. Sie wurden jahrhundertelang diskriminiert und verfolgt.

Die ältesten Häuser der Stuttgarter Siedlung Hallschlag, insgesamt 110 Wohnungen, will die städtische Wohnungsgesellschaft SWSG abreißen. Zu denjenigen, die ihr Heim verlassen sollen, gehören Jeanette Widmer und ihre Kinder. Schon ihre Urgroßmutter lebte am Hallschlag, seit die ersten Häuser in den 1920er-Jahren bezogen wurden. Sie sei Romnja, hatte Widmer Kontext bei einem ersten Besuch vor einem Jahr erzählt.

Gehört sie zu den Sinti, die seit 600 Jahren in Deutschland leben, oder zu den Roma, die seit dem späten 19. Jahrhundert aus Südosteuropa dazukamen? "Beides", sagt Widmer. Ein Urgroßvater väterlicherseits war ein Rom, dessen Frau eine Sintiza. Jeanette Widmers Urgroßmutter mütterlicherseits wiederum, Emma Geggenheimer, war diejenige, die zu den ersten Bewohnern des Hallschlag gehörte. Sie war Jüdin.

Sinti, Roma, Juden – die Vorfahren von Jeanette Widmers Familie haben unvorstellbares Leid erlebt. Ihr einer Großvater wurde mit zwei seiner Kinder deportiert und ermordet, während ihre Großmutter sich mit ihrer Mutter bei einem Bauern auf dem Land verstecken konnte. Eine Großtante wurde mit Kind nach Auschwitz deportiert – die Tochter wurde umgebracht, die Mutter überlebte. Ein Stolperstein in der Hackstraße erinnert an ihr Schicksal. Zwei Geschwister der Großtante wurden zwangssterilisiert und erhängten sich.

Jeanette Widmers Großmutter Pauline Widmer überlebte den Nationalsozialismus versteckt im Wald, kehrte nach dem Krieg nach Stuttgart zurück und zog 1947 mit ihrem Mann an den Hallschlag. Der Hallschlag und die mittlerweile abgerissene Keltersiedlung in Zuffenhausen, wo sieben Sinti-Familien wohnten, hießen damals im Volksmund auch "Zigeunersiedlung" oder "Zigeunerinsel". Die BewohnerInnen waren mit den krassesten Vorurteilen konfrontiert.

Aus der Familie: die Weinstube Widmer

Die Verfolgung der Sinti und Roma hat nicht erst in der NS-Zeit begonnen. Schon dreihundert Jahre zuvor forderten staatliche Stellen, sie sollten am besten ganz ausgerottet werden. Seit Einrichtung des ersten "Nachrichtendiensts für die Sicherheitspolizei in Bezug auf Zigeuner" 1899 in München wurden sie reichsweit grundsätzlich wie Verbrecher behandelt – auch wenn sie sich nichts hatten zuschulden kommen lassen. Ihre Bewegungsfreiheit wurde eingeschränkt, aber wo immer sie versuchten sich niederzulassen, schlug ihnen größtes Misstrauen entgegen. Meistens wurden sie wieder verjagt.

Ähnlich ging es den Jenischen, zu denen Jeanette Widmers Vater Harry gehörte. Die Jenischen sind keine eigene Ethnie, sie gehören aber wie die Sinti zu den Bevölkerungsgruppen, die nach dem Dreißigjährigen Krieg verarmt waren und Wandergewerben nachgingen. Etwa als Bürsten- und Besenbinder oder wie die Widmers als Schausteller. Auch sie wurden verfolgt, hatten deshalb eine Geheimsprache entwickelt. Diebere etwa heißt sprechen, ein Fiesl ist ein junger Mann, die Freundin heißt Mößle oder Tschai.

Bekannt ist alten Stuttgartern noch die legendäre Weinstube Widmer im Leonhardsviertel. Eröffnet 1963 von Emma Widmer, genannt Melle, eine Tante von Harry Widmer. Es war das erste Lokal in Stuttgart, das länger als 23 Uhr geöffnet hatte, und wurde gerne von Schauspielern besucht. Zur Künstlerszene hatte Melle Widmer einen persönlichen Bezug: Als Kind bekam sie Ballettunterricht, wechselte mit 17 Jahren an das russische Arkoff-Barwilova-Ballett über und wurde Spitzentänzerin im Czardas, schreibt 1969 der Journalist Hans Fröhlich, der das Lokal später übernahm. Die NS-Zeit überlebte Melle Widmer in einer Fabrik.

"Ihr Vater gehörte zur ältesten Stuttgarter Schaustellerfamilie", bemerkt Fröhlich. Seit 1905 lässt sich die Familie Widmer im Stuttgarter Adressbuch nachweisen. Auch der Großvater von Jeanette Widmer, Otto, wuchs in dieser Welt der Schausteller, der Jenischen, auf. Für Jeanette war das Leben als Kind einer Sinti-Roma-Jenischen-Familie mehr als schwierig. Nicht einmal ein Jahr lang ging sie zur Schule. Denn ihr Lehrer an der Altenburgschule sei ein alter Nazi gewesen, der ihnen NS-Propagandafilme vorführte. "Der hat mi 'plagt", erzählt sie: "Alles, was schwarze Haar g'habt hat, war halt Zigeuner." Er zog sie an den Haaren und schlug sie, bis ihr Vater kam und sie von der Schule nahm. Später, "auf der Reis'", kümmerte sich niemand um die Schulpflicht. Entweder man ließ Jeanette in Ruhe, oder sie wurde in irgendeine Klasse gesteckt. "Da setzt' dich hin und wartest, bis vorbei ist", erinnert sich die alte Dame.

Die Kinder sollen es besser haben

Als Erwachsene ist Jeanette Widmer nicht mehr gereist. Ihre Kinder sollten eine ordentliche Ausbildung erhalten. In einer kleinen Vierzimmerwohnung hat sie sieben eigene großgezogen, mit ihrer Mutter und einem Pflegekind waren sie zu zehnt. Widmer hat seit ihrem achtzehnten Lebensjahr fast immer gearbeitet. Die Miete einer Neubauwohnung am Hallschlag – 11,50 Euro kalt pro Quadratmeter statt bisher weniger als acht – wird sie von der Rente, die sie bald bekommen wird, niemals bezahlen können.

Derzeit lebt sie mit drei ihrer erwachsenen Kinder in ihrer Wohnung. "Manche finden das merkwürdig, aber bei uns ist das ganz normal", fügt sie hinzu. Das liegt auch am Geld. Eine Tochter arbeitet im Supermarkt, ein Sohn beim städtischen Abfallwirtschaftsbetrieb, beide können zur Miete beitragen, eine weitere Tochter hat vor drei Jahren ein Nagelstudio eröffnet und hat unter Corona nichts verdient.

Jeanette Widmer ist mehrfach mit der Polizei aneinandergeraten. Ende 2018 rückten zwölf, nach anderen Angaben sogar 35 Mannschaftswagen an – wegen eines Sorgerechtsstreits ihres Sohns. Widmer schaltete sich ein, wurde von Beamten zu Boden gebracht und erlitt mehrere Hämatome. Nun ist sie in erster Instanz wegen tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte und vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt: eine sechzigjährige Frau, die drei Schlaganfälle und zwei Herzinfarkte hinter sich hat, gegen durchtrainierte Polizeibeamte. Ihre eigene Anzeige gegen die Beamten wurde trotz zweimaliger Beschwerde eingestellt. Ihre Anwältin und der Staatsanwalt haben Berufung eingelegt.

Für Jeanette Widmer fühlt sich das an wie eine Fortsetzung der jahrhundertelangen Verfolgung ihrer Vorfahren. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma in Württemberg systematisch verfolgt. Nicht weniger als elf Erlasse zu ihrer Bekämpfung gab das Land allein zwischen 1902 und 1908 heraus, gegen Ende der Weimarer Republik waren es über zwanzig. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Leben der Sinti und Roma nicht unbedingt besser. Solange dem Problem keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, prägt diese Geschichte auch das Verhalten der Polizei bis heute.

Angesichts von Widmers Familiengeschichte kann es umgekehrt kaum verwundern, wenn es ihr schwerfällt, die Beamten als "Freunde und Helfer" zu betrachten. Die Polizei war in der NS-Zeit dafür zuständig, die Sinti und Roma der Vernichtung zuzuführen. Ein Mann, erzählt Widmer, sprach die Kinder auf der Straße auf Romanes an. Er wurde nur Masengro genannt. Widmer weiß gar nicht, was das bedeutet, nämlich Metzger. Denn wenn sie antworteten, wurden sie deportiert und ermordet. Eben deshalb hat ihre Großmutter Pauline ihren Kindern kein Romanes beigebracht.

Warum zählt sie sich überhaupt zu den Sinti und Roma, wo sie doch auch jüdische und jenische Vorfahren hat? Es liegt wohl daran, dass sie von anderen immer als "Zigeunerin" eingeordnet wurde – mit allen dazugehörigen Vorurteilen.


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3 Kommentare verfügbar

  • TakkaTukka
    am 18.08.2021
    Antworten
    Komisch ist, das Menschen, die nicht arbeiten in besseren grösseren Wohnungen im Hallschlag wohnen, als Menschen die berufstätig sind ! Wer teilt das denn so ein ? Es sind aber auch aus dem Osten zugezogene EU-Bürger, die Ressentiments gegen Menschen mit "schwarzen Haaren" haben.
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