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Todenhöfer in Stuttgart

Er war doch mal so hübsch

Todenhöfer in Stuttgart: Er war doch mal so hübsch
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Jürgen Todenhöfer ist ein Egomane der Sonderklasse. Einst war er Hoffnungsträger der CDU und der schönste Mann im Bundestag, heutzutage ist er Hauptredner bei "Querdenken", marschiert mit Leibgarde und Trommelwirbel am Stuttgarter Schlossplatz auf – und erzählt dort viel verquastes Zeug.

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Irgendwann haben sogar ein paar Ordner:innen genug. Die Veranstaltung geht inzwischen in die vierte Stunde nach dem Zug vom Cannstatter Wasen in die Innenstadt, und der 81-jährige Todenhöfer, übrigens fit wie ein Turnschuh, will einfach kein Ende finden. Der darf, sagt eine Frau in Warnweste zu den vier Männern, künftig aber nicht mehr eingeladen werden, das werde sie beim nächsten Vorbereitungstreffen verlangen, denn: "Der lobt sich dauernd und redet ja nur über sich."

Das stimmt nicht ganz, aber fast. Viele von Todenhöfers zwischen deftig und infantil changierenden Angriffen – "Kanzlerchen", "Gurkentruppe", "die Ampel plündert Deutschland aus", "Ganovenmoral" – beginnen oder enden mit Anekdoten, in denen der Jurist und einstige Burda-Manager die Hauptrolle spielt. Viel fehlt nicht, und Todenhöfer hätte den Abzug der Sowjetunion aus Afghanistan ab 1988 auf seine Gespräche mit einem offenbar schwer von ihm beeindruckten russischen Feldmarschall zurückgeführt. Wenig später erzählt er von den saudi-arabischen Flugzeugen, die ihn bei einem Aufenthalt im Jemen angegriffen hätten, so als wäre er ganz persönlich deren Zielscheibe gewesen.

Er kokettiert mit seinem "biblischen Alter" und erinnert in immer neuen Volten an jenen Diener von Johannes Fugger, der im 12. Jahrhundert auf dem Weg nach Rom ein "Est" auf das Tor von Gasthöfen schrieb, um für seinen Chef zu markieren, wo es guten Wein zu trinken gab. "Est, Est, Est" heißt noch heute ein Spumante aus dem Latium. "Ich, Ich, Ich" könnte der Titel von Todenhöfers Streifzug lauten durch die deutsche Nachkriegsgeschichte bis zu seinem Austritt aus der CDU vor zwei Jahren. Da nämlich gründete der Streitbare seine eigene "Gerechtigkeitspartei", benannt nach ihm selbst, mit der er nun einen "Aufstand des Anstands" organisieren will.

Vor der Bühne haben sich circa fünftausend Fans versammelt, die allerdings im Zuge des Redeschwalls nach und nach deutlich weniger werden. Mit viel Zustimmung, Johlen und Pfeifen hat sich das Publikum die diversen Horrorszenarien angehört, von den völlig unfähigen Politikern speziell in dieser Bundesregierung und den Müttern, die sich Heizen nicht mehr leisten können und ihre Kinder nachts zu sich ins Bett holen. Nur eine Allee weiter haben sich die ungerührt auf ihre Partie konzentrierten Boule-Spieler längst ihrer Jacken entledigt, weil es sommerlich warm ist im Talkessel. Todenhöfer beschwört derweil, wie sich "der kleine Mann" nichts mehr leisten kann in Deutschland.

Viele weiter hinten auf der Wiese, mit Kinderwagen, kleinen und großen Hunden und sogar Picknickkörben, hören ohnehin nicht zu, applaudieren aber, wenn andere applaudieren. Auch mit den gefalteten Pappschildern in rot-blau-weiß, den Farben vom "Team Todenhöfer", weil die mehr Krach machen als gewöhnlicher Beifall. "Bei der Rüstung sind sie fix", steht auf den Schildern zu lesen, "für das Volk tun sie nix!" Natürlich, sagt der hin und her sprintende Mann auf der Bühne, sei er gegen Putin und den Krieg. Um dann ein halbes Dutzend Mal mit anschwellender Lautstärke die Suggestivfrage an sein Auditorium zu richten, wer denn wohl hinter dem allem steckt. Putin kommt in seiner Antwort nicht vor, stattdessen die USA, denn nur die profitieren in Todenhöfers Welt vom Krieg.

Wenigstens ist der Werdegang konsequent

Vor Jahrzehnten war der gebürtige Offenburger ein bekennender CDU-Hardliner, der gern Aufsehen erregte mit spektakulären Thesen und Aktionen. So in den Siebziger Jahren, als er die Unterstützung des gewählten chilenischen Regierungschefs Salvador Allende durch die sozialliberale Bundesregierung scharf kritisierte, nach dem Putsch in Santiago aber Hilfsmittel für Diktator Pinochet freigeben wollte. Immer wieder griff er Kanzler Willy Brandt und Innenminister Hans-Dietrich Genscher an, und Herbert Wehner, Minister für gesamtdeutsche Fragen, ohnehin, weil dieser Moskaus Geschäft in Deutschland betreibe. Wehner konterte kalt – "Dieser Mann ist reif für die Nervenheilanstalt" – und schüttelte seinen Namen auf legendäre Weise vulgär ("Hodentöter").

Schon vor seinem Abschied aus dem Bundestag hatte ein Schulfreund Todenhöfer in sein Unternehmen geholt: Der Offenburger Großverleger Hubert Burda machte den früheren Richter zum stellvertretenden Vorsitzenden der Geschäftsführung. 22 Jahre lang bleib Todenhöfer Burda treu, neben seinem vielfältigen Engagement auf anderem Felde: Er engagierte sich gegen die Angriffskriege der USA in Afghanistan und im Irak, reiste mehrfach in den Iran zu hochrangigen Treffen, in Syrien traf er sogar Baschar al-Assad und plädierte vor mehr als zehn Jahren für die Aufnahme von Verhandlungen. Er relativierte den Völkermord an den Armeniern, er schmähte Bundespräsident Joachim Gauck. Er machte sich als Verfasser verdienstvoller Bücher, in denen er eine immer kritischere Position zum Verhalten des reichen Westens gegenüber armen Ländern im nahen und fernen Osten einnahm, einen Namen, und surfte mit einer immer unheilvoller werdenden Melange aus Richtigem und Falschem durch Interviews und Talkshows.

Nach einen halbem Jahrhundert kam 2020 der Bruch mit der CDU. Bis zur Bundestagswahl 2021 wollte er "fit werden" mit seiner neuen Partei, eben jenem "Team Todenhöfer", das genau wie die Galionsfigur ein paar überzeugende Ansätze vertritt, aber an dramatischer Selbstüberschätzung leidet und sich in Wirrungen verliert. Im Wahlkreis München-Ost, in dem Todenhöfer selber antrat, reichte es 2021 für ganze 1,3 Prozent, bundesweit für 0,5, die er als Erfolg und als "erstes Etappenziel eines langen Weges" zu verkaufen versuchte. Dass der sich inzwischen mit den sogenannten Querdenkern kreuzt, passt zum nach wie vor ungestillten Geltungsdrang.

"Selbstentwicklungshelfer" nannte ihn der große Journalist Jürgen Leinemann, der im "Spiegel" einmal die vielen Beleidigungen von Jürgen Gerhard Todenhöfer auflistete, ihm das Lebensmotto: "Leg' dich quer, dann bist du wer" attestierte und die Reaktionen Betroffener seiner Angriffe beschrieb: "Wer dennoch auffährt, wenn das Büblein [Todenhöfer, d. Red] stampft und hacket, den befällt bald Ekel oder Mitleid oder beides, wenn er einmal Zeuge der hechelnden Freundlichkeit geworden ist, mit der er seinem Opfer hinterher mit herzlichem 'nichts für ungut' menschliche Wertschätzung anträgt."

Mit einem "Nichts für ungut" ist es seit dem Andienen bei den "Querdenkern" und deren niveaulosen Rundumschlägen nicht mehr getan. Jetzt hat er sich in eine Ecke ohne Ausweg gestellt. Selbst wenn sich die Stuttgarter Ordner:innen durchsetzen sollten und er wirklich nie mehr wieder eingeladen wird.


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26 Kommentare verfügbar

  • Ks
    am 26.10.2022
    Antworten
    Wenn man die Kommentare ließt, scheints, als seien Leser und Autorin auf zwei verschiedenen Veranstaltungen gewesen.
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 23 Stunden
Sehr interessant!


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