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IBA'27

Wohnen in der Fabrik

IBA'27: Wohnen in der Fabrik
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 Fotos: Jens Volle 

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Die 160 Jahre alte Neckarspinnerei in Wendlingen soll ein Modell für das Wohnen und Arbeiten im 21. Jahrhundert werden. Für einen ersten Eindruck hat der Verein Adapter schon mal eine Wohnung in die Fabrikhalle gestellt.

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"Wir wollen den Faden nicht abreißen lassen", erklärt Frank Reiner, kaufmännischer Direktor der HOS Anlagen und Beteiligungen GmbH, der die 1861 erbauten Neckarspinnerei in Wendlingen-Unterboihingen gehört. Reiner spielt an auf die Unternehmensgeschichte: Hinter den drei Buchstaben verbirgt sich die Firma Heinrich Otto und Söhne, einer der großen Textilindustriebetriebe des Landes, der, anders als viele andere, noch bis vor zwei Jahren produziert hat und heute unter anderem im Immobiliengeschäft ist. Den Faden nicht abreißen zu lassen, bedeutet für das 200 Jahre alte Familienunternehmen, Leerstand und Verfall zu vermeiden und das beeindruckende, denkmalgeschützte Ensemble einer neuen Verwendung zuzuführen.

Die Neckarspinnerei ist ein Projekt der Internationalen Bauausstellung Stuttgart und Region 2027 (IBA'27). Die Idee der HOS Gruppe passt bestens zu zwei Kernthemen der IBA. An erster Stelle: "Die produktive Stadt". Es geht um "gemischte, lebendige und kreative Stadtquartiere". Damit sind nicht nur Wohnviertel gemeint, in denen auch Gewerbe mit untergebracht ist, sondern ebenso "die Fabrik als gleichberechtigter Stadtbaustein", die jedoch nicht mehr Fabrik hinter hohen Mauern und Stacheldraht ist, sondern ein offenes Stadtquartier zum Wohnen und Arbeiten. Und das Areal liegt direkt am Neckar – ein weiteres IBA-Thema.

"Einen Traum leben" will Dirk Otto, Geschäftsführer in siebter Generation. Er sucht nach einer Antwort auf die Frage, wie wir im 21. Jahrhundert leben und arbeiten wollen. Das bedeutet für ihn, an die Geschichte des Werks anzuknüpfen, das sein Vorfahr Heinrich Otto 1859, im Jahr der Eröffnung des Wendlinger Bahnhofs, aufzubauen begann: mit damals modernsten Maschinen, umweltfreundlich betrieben durch Wasserkraft aus einem eigens angelegten Wehr. Heinrichs Vater Friedrich Otto hatte 1816 in Nürtingen mit der Textilproduktion begonnen, als er die erste Spinnmaschine, die "Spinning Jenny", aus England ans Neckarufer holte.

Keine Spinnerei: Wohnen und Arbeiten mischen

Eine Vision für das Wohnen und Arbeiten im 21. Jahrhundert: Das heißt, scheinbare Gewissheiten in Frage zu stellen, sich genau anzusehen, wohin sich die Welt bewegt, und neue, noch nicht ausgetretene Pfade zu beschreiten. Die Stadt Wendlingen tut sich damit bisher noch schwer. Wie in vielen anderen Kommunen denken die Stadträte in herkömmlichen Kategorien: hier Gewerbe-, da Wohngebiet. Doch heutzutage greift diese Aufteilung nicht mehr, die einst Familien vor Industriedreck und -lärm schützen sollte. Auch dafür ist die IBA da: Wind in die Sache bringen und zeigen, dass es auch anders geht. Nötigenfalls auch mit Ausnahmen von der Baugesetzgebung, die Wohnen und Arbeiten noch strikt trennt.

Wie aber soll der Gemeinderat einer 16.000-Einwohner-Kommune sich vorstellen können, wie aus dem einstmals größten Industriebetrieb der Stadt nun ein kunterbuntes Quartier mit Startups und Wohnungen wird, wenn selbst der Besitzer noch nicht so genau weiß, wohin die Reise geht? Er sei "total froh, dass die Adapter hier sind", bekennt Dirk Otto: fünf junge Architekt:innen, die zu einem ersten Besichtigungstermin eingeladen haben.

Vor etwas mehr als drei Jahren haben sie den Verein Adapter gegründet, noch aus dem Studium heraus, um leer stehende Gewerbeimmobilien vorübergehend in Wohnraum zu verwandeln. In einem Laden mit großen Schaufenstern haben sie angefangen – Kontext hat berichtet. Es durfte nicht viel kosten, daher bestand die Möblierung damals aus Wellpappe. Inzwischen sind sie ein paar große Schritte weiter, wie sich an diesem Tag zeigen wird.

Ein Shuttle-Taxi holt die Besucher:innen am Bahnhof ab. In mehreren Schlaufen geht die Fahrt über die Bahnlinie und unter der Autobahn hindurch zu dem eigentlich nah gelegenen Areal. Ein Pförtnerhäuschen bewacht das Fabrikgelände: rechts ein beeindruckender dreigeschossiger Bau, links eine große, flache Halle, dazwischen ein langer, schmaler Hof.

Dirk Otto begrüßt die Gäste, gefolgt von Robi Wache, dem Architekten, der den Bau instandsetzen soll, und Karin Lang, der kaufmännischen Direktorin der IBA. Dann geht es hinein ins Gebäude. Tafeln zur Unternehmensgeschichte hängen an den gusseisernen Stützen. Quer in der Mitte des geräumigen Saals steht noch eine hochmoderne Spulmaschine. Bis vor zwei Jahren hat sie Garn auf Spulen gewickelt: 150 Kilometer auf zweieinhalb-Kilogramm, "einmal von hier nach Schaffhausen", erläutert Frank Reiner. Die Maschine konnte fehlerhafte Stellen herausschneiden und die beiden Enden reißfest wieder verbinden. Sie ist inzwischen weiterverkauft und wird bald abgeholt.

Schön, stabil und schnell montiert

Hinter der Maschine steht die von Adapter gebaute Wohneinheit: Ein gemütliches Schlafzimmer mit Schiebetüren, ein Bad mit Dusche und Waschbecken sowie eine Küchenzeile, Wasser- und Stromleitungen sind im Sockel verborgen. Alles aus schönem Holz, an einem Tag aufgebaut und auch an einem Tag wieder abbaubar, wie Richard Königsdorfer von Adapter erklärt.

Die flexibel auf- und abbaubare Einzimmerwohnung ist nun nicht mehr aus Wellpappe, sondern durchdacht und solide von Architekt:innen gebaut. Qualität hat ihren Preis. Unermüdlich haben sie in den letzten drei Jahren nicht nur nach leer stehenden Gewerberäumen gesucht, um ihre Ideen umzusetzen, sondern auch nach Förderern – und schließlich drei Stiftungen gefunden, die sie nun unterstützen.

Leer stehende Räume gibt es genug. Das Problem ist, die Besitzer zu überzeugen, sie für eine temporäre Wohnnutzung zu öffnen. Die meisten haben nicht das Gemeinwohl im Sinn, sondern ihren Profit. Insofern hat die Zwischennutzung auch eine politische Dimension, bestätigt Adapter-Architektin Elif Kälberer: Es geht auch darum, auf Leerstände als ungenutzte Ressource aufmerksam zu machen.

Sie und ihre Kolleg:innen scheinen immer noch nicht ganz glauben zu können, dass dies in der Neckarspinnerei nun auf so positive Resonanz stößt. Dirk Otto macht ihnen per Mikrofon ein "Riesen-Kompliment", erklärt, sie hätten freie Hand. Am 10. Juli soll erstmals die breite Öffentlichkeit eingeladen werden, aus Wendlingen und darüber hinaus. Im August ist eine Summer School für Architekt:innen geplant. Und im kommenden Jahr könnten zehn Wohneinheiten in der Fabriketage stehen und tatsächlich bewohnt werden.

Ein Anfang. Das Fabrikgebäude hat drei Etagen. Gegenüber stehen zwei weitere riesige Hallen bereit. Adapter macht durch die Zwischennutzung begreiflich, dass es möglich ist, "den Faden nicht abreißen zu lassen", also die Räume schon während der Renovierung weiter zu nutzen. Und wie es sich anfühlt, in einer Fabriketage zu wohnen. Da das System modular aufgebaut ist, sind auch andere Konstellationen denkbar: größere Wohnungen etwa mit Gemeinschaftsräumen oder Wohnateliers.

Eine Chance für Wendlingen

Bis zur IBA 2027 sind derweil noch andere komplexe Aufgaben zu bewältigen. Die Fabrik steht unter Denkmalschutz, da ist besonderes Engagement nötig. Über das Wizemann-Areal in Stuttgart ist Dirk Otto auf den Architekten Robi Wache gestoßen, der auf Baudenkmale spezialisiert ist und die Fabrik, wie er sagt, von innen heraus, also aus ihrer eigenen baulichen Struktur nach allen heutigen Anforderungen – Klimaschutz, Brandschutz und so weiter – modernisieren will.

Parallel dazu möchte die IBA noch in diesem Jahr ein Werkstattverfahren in Gang bringen. Das bedeutet, mehrere Büros werden eingeladen, Entwürfe anzufertigen, an denen sie anschließend gemeinsam weiterarbeiten. Sie kümmern sich weniger um den Erhalt des Bestands als um alles, was noch dazu gehört: Anders als bisher soll das Quartier nicht nur auf labyrinthischen Wegen mit dem Auto erreichbar sein, sondern zu Fuß, mit dem Rad oder ÖPNV vom nicht mehr als einen Kilometer entfernten Ortszentrum. Das Neckarufer soll zugänglich werden und auf einem großen, bisher ungenutzten Areal in Richtung Autobahn sollen Neubauten entstehen, vielleicht nochmal im selben Umfang wie der Bestand.

Den Faden nicht abreißen lassen heißt, dass es ständig, ohne Unterbrechung weitergeht. In ein unregelmäßig fünfeckiges Gebäude am Südzipfel des Areals, das sie Pentagon nennen, sind bereits Startups eingezogen. An dem Batteurbau davor, so benannt nach einer Maschine der Baumwollverarbeitung, hat die Max-Planck-Gesellschaft Interesse angemeldet. Hier könnte einmal die neueste Generation effizienterer Akkus für die E-Mobilität entwickelt werden. Verkehrstechnisch könnte die Lage nicht günstiger sein zwischen der Bahnlinie, die schon für Heinrich Otto den Ausschlag zur Werksgründung gab, und der A 8 Stuttgart–München.

Für Dirk Otto bedeutet, den Faden nicht abreißen zu lassen, aber auch, sich in die Tradition seines Unternehmens zu stellen. Der Blick aus der Hintertür der Fabrik fällt auf einige ältere Häuser, vor denen Menschen sitzen und nah am Neckarufer den Feierabend genießen. Es sind ehemalige Mitarbeiter des Werks, das auf dem Gelände auch früher schon Wohnungen gebaut hat. Stephanie Kerlein, die Projektleiterin der IBA, stellt fest: "Die Neckarspinnerei ist definitiv eine große Chance zur Umsetzung unserer IBA'27-Qualitäten und somit zur Gestaltung eines lebenswerten und zukunftsfähigen Quartiers!"


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