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Schikane in Sigmaringen

Aus Dorftratsch wird Polizeiwillkür

Schikane in Sigmaringen: Aus Dorftratsch wird Polizeiwillkür
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Die Steinbildhauerin Tatjana Matter wollte sich in Jungnau, einem beschaulichen Ortsteil von Sigmaringen, einen Traum erfüllen. Der ist vorerst geplatzt. Was mit Gerede auf dem Dorf begann, endete mit Blutspritzern auf Polizeiprotokollen.

Am Ende bleibt ein Polizeiprotokoll mit vielen Blutflecken. Und das Wissen darum, wie manche PolizistInnen ticken, wenn keiner hinschaut und wie eine junge Frau behandelt wird, die PolizistInnen für eine "Links-grüne Hippie-Votze" halten. Man solle ihr eine reinhauen, sagt ein Polizist auf der Tonspur, die zufällig entstanden sein soll. Dieses Audiodokument, das stundenlang die Übergriffe einiger PolizeibeamtInnen konserviert hat, ist der Höhepunkt eines Konflikts im schwäbischen Outback.

Wir fahren hin, schauen uns vor Ort um. Der Bach, der durch den kleinen Ort fließt, ist glasklar. In kräftigem Grün schimmern Wasserpflanzen hindurch, die sich in der Strömung wiegen. Ein Zuchtbetrieb von Galloway-Rindern. Vor einem Haus hat sich jemand einen Leuchtturm in den Garten gebaut. In Sigmaringen-Jungnau mit seinen 700 EinwohnerInnen gibt es viel Platz. Sonst gibt es wenig, keinen Laden, keinen Arzt, nur eine alte Kneipe, die manchmal am Abend geöffnet ist. Auf der Internetseite von Jungnau steht: "Toll, dass Sie unseren Internetauftritt so gezielt ausgewählt haben ... oder war es gar nur Zufall?"

"Zwei Burgen bestimmten hier für Jahrhunderte die Geschicke", ist auf einem Schild am Dorfbrunnen zu lesen. "Sie waren zugleich Schutz und Verkörperung der Macht." Eine davon, die Burg Schiltau, ist in Teilen noch erhalten und vom Brunnen in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen. Teile der Burgmauern stehen noch, dazwischen Häuser, manche alt, andere neu dazu gebaut. Ein besonders großes erhebt sich an der Straße, die mit dem ehemaligen Burgweg identisch ist: mehr als 2000 Quadratmeter Grundstück, der Garten paradiesisch groß. Würde man eine Party veranstalten, fände der ganze Ort Platz.

Wetter schön, Nachbarn nett – ein guter Anfang

Tatjana Matter, 34 Jahre alt, wollte sich auf diesem Gelände einen Traum erfüllen. Sie ist  Steinmetz- und Steinbildhauermeisterin aus Tübingen, eine kluge Frau, etwas exzentrisch, Künstlerin, man sieht ihr die Studentenstadt an. 2016 hat sie als Botschafterin für nachhaltige Entwicklung das Kursformat "Plastiken aus Erde" entwickelt. Arbeiten aus ihren Kursen haben die Volkshochschule in Reutlingen ausgestellt, das Reutlinger Spendhaus, das Schulamt in Tübingen. In Jungnau sollte ein Ort für ihre eigenen Steinbildhauer-Arbeiten entstehen, eine Heimat für sie, ihren Lebensgefährten und ihre beiden Kinder, vielleicht auch eine Art KünstlerInnen-Kollektiv. Matters Mutter hat das Gelände für ihre Tochter erworben, die 2018 in das große Haus zog.

Es fing auch alles gut an – Wetter schön, Nachbarn nett. Der örtliche Faschingsverein "Jongner Zigeiner" widmete Tatjana Matter sogar ein wohlwollendes Portrait in der Vereinszeitung. Von Jungnau aus fährt sie ihren Sohn täglich bis zu 140 Kilometer in die Waldorfschule auf der Alb, zu Logopädie und zum Tanzunterricht, kümmert sich um die Förderung ihrer Tochter. Waldorfschule, alternatives Künstlerinnen-Leben einer Städterin mitten im Dorf, einiges muss alteingesessenen DorfbewohnerInnen dann doch recht fremd vorgekommen sein.

"Betrunkene Autofahrerin greift Polizisten an", steht drei Jahre später, am 2. Mai 2021 auf "südkurier.de". In der Nacht zuvor, der vom 1. auf den 2. Mai, ist Tatjana Matter vor ihrem Haus in Jungnau mit der Polizei aneinander geraten. Sie sei Schlangenlinien gefahren, habe BeamtInnen angegriffen und "aufs Übelste" beleidigt, steht in der Zeitung. "Die Nacht verbrachte die Frau dann in einer Arrestzelle. Ihr Führerschein wurde beschlagnahmt und es schließen sich umfangreiche, strafrechtliche Ermittlungen an." In der Meldung wird Matters VW erwähnt, die Straße benannt, in der sie wohnt. Alle DorfbewohnerInnen wissen, wer gemeint ist.

Seitdem lebt Tatjana Matter nicht mehr in ihrem Haus in Jungnau. Die NachbarInnen wissen nicht, wo sie ist, sind besorgt, manchmal leeren sie Matters Briefkasten. Ein Nachbar, um die Neunzig, kommt gerade aus seiner Schmiede-Werkstatt und trägt eine Art Arbeitskleidung, "Des isch a Wilde" mit "wilde Kinder", sagt er. Dabei scheint der alte Mann durchaus Sympathien für die Steinbildhauerin zu pflegen: "Sie hat scho was im Hirn". Matter habe den Stammtisch zu sich nach Hause eingeladen und angeboten, am Dorffest an der Bar zu arbeiten, erzählt er. Manchen DorfbewohnerInnen war das anscheinend zu stürmisch. Sie sei darauf hingewiesen worden, dass ihr Platz – zumindest vorerst – vor der Bar ist.

Der alte Mann meint, Projekte wie die KünstlerInnen-Gemeinschaft und die alternative Lebensform seien für ihn von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen: "Das geht bei uns nicht. Bei uns heißt es: Bleib aufm Land und schaff redlich." Die Polizeimeldung vom 2. Mai kennt er. Matter habe bei der Verkehrskontrolle "die Polizei gebissen". Gerüchte verbreiten sich bekanntermaßen schnell und variantenreich – erst recht auf dem Land.

Seit dem 2. Mai ist das große Haus mit dem wunderschönen Garten in der Mitte des Dorfes unbewohnt. Der bunte Bauwagen auf der Wiese ist verlassen, die Luft aus den Reifen der Fahrräder vor der Tür gewichen, der VW steht mit einem Platten an einem Stein. Auf den, so heißt es in der Polizeimeldung, sei sie draufgefahren. Im Beschluss der Staatsanwaltschaft Hechingen ist zu lesen, dass Matter der Trunkenheit im Verkehr beschuldigt wird. Die Fahruntüchtigkeit habe sich darin gezeigt, dass die Beschuldigte langsam fuhr, mehrmals auf die Gegenspur abkam und vor ihrem Haus auf einen Stein gefahren sei. Den Führerschein haben die Beamten einbehalten.

Gunst und Gnade

Matter sitzt in einer Hütte im Tübinger Wald, in die sie sich vor den Vorkommnissen in Jungnau geflüchtet hat. Sie ist sichtlich erschöpft, spricht schnell und hat Mühe, die Ereignisse zu sortieren. Sie kniet auf den Holzdielen im Wohnzimmer, Stück für Stück wickelt sie behutsam filigrane schwarze Wachsmodelle aus Tüchern und arrangiert sie, balanciert eine Figur auf einer anderen aus: Es geht um Gunst und Gnade.

Dann zeigt sie Bilder und Videos auf ihrem Handy, die ihr Freund von der Verhaftung und deren Folgen gemacht hat. Sie zeigt ein Foto, auf dem ein riesiger blau-gelber Fleck und rot hervortretende Einstichstellen zu sehen sind. Ihr Handgelenk schmerzt noch nach Monaten und erschwert ihre Arbeit.

Nach Jungnau zurück traut sie sich nicht. "Weil ich mit dieser Willkür nicht leben kann", meint Matter. Mit "Willkür" meine sie vor allem die Vorkommnisse im Rahmen der Verkehrskontrolle vom 1. Mai. Und die Erzählungen, die im Dorf davon kursieren.

Auf der einen Seite eine offizielle Polizeimeldung über eine betrunkene Autofahrerin, die Polizisten angreift. Auf der anderen der Vorwurf von Polizeiwillkür aus Sicht der Betroffenen. Aussage gegen Aussage – und erstere erscheint zunächst glaubhafter, geprüfter, in der Zeitung veröffentlicht. Gäbe es da nicht diese Tonaufnahme auf Matters Handy.

Das Handy hört mit – neun Stunden lang

Das Telefon sei im Trubel zu Boden gefallen, die Beamten hätten es aufgelesen und mitgenommen. Die Aufnahmefunktion sei aus Versehen aktiviert gewesen, sagt Matter. Das Handy hat die Verkehrskontrolle aufgenommen, die Festnahme, es lag wohl im Polizeiauto und auf der Polizeistation, während Matter zur Blutabnahme im Krankenhaus und in Gewahrsam war. Insgesamt neun Stunden soll die Aufnahme umfassen. Matters Anwalt hat dem Amtsgericht Sigmaringen und der zuständigen Staatsanwaltschaft ein Protokoll dieses Audios und die Tonaufnahme vorgelegt. Das Protokoll liegt auch Kontext vor.

In bestem Schwäbisch wird Matter wüst beschimpft. Sie sei außerdem eine links-grüne Bazille und das sei auch der Grund für die Kontrolle und den Gewahrsam.

Matter berichtet, ein Polizist soll in der Aufnahme von seiner Schwiegermutter gesprochen haben, einer Nachbarin von Matter, die ihm schon schlimme Geschichten über die Alternativen von nebenan erzählt habe. Es freue ihn, dass Matter nun in Gewahrsam genommen wurde, weil sie eine blöde Hippie-Sau sei, soll der Beamte gesagt haben. Der Polizist habe sie schon häufiger gern mal kontrollieren wollen, bei Matter würden Althippies aus dem Tübinger Epplehaus ein und aus gehen.

Matter wird von den BeamtInnen zur Blutuntersuchung ins Krankenhaus gefahren. Laut dem Audio-Protokoll besprechen sie anschließend im Streifenwagen, dass sie keinerlei Beweise gegen die Frau in der Hand haben, die eine Blutuntersuchung auf Betäubungsmittel rechtfertigen würden. Aber sie wollen, so sagen sie es, dass Matter die Kosten dafür tragen muss.

Gegen die Blutentnahme wehrt sich die Frau, so steht es später in der Akte der Staatsanwaltschaft Hechingen, die Kontext vorliegt: Sie sei an Armen und Beinen von mehreren Beamten am Boden festgehalten worden. Wegen Matters Gegenwehr sei während der Blutentnahme Blut auf das Blutentnahmeprotokoll gespritzt.

Die Blutuntersuchungen auf Alkohol zeigen, dass Matter unter dem kritischen Promillewert gelegen hatte, ab 0,5 Promille wird der Führerschein einbehalten, bei Tatjana Matter wurden 0,47 festgestellt. Auch Drogeneinfluss ließ sich nicht nachweisen. Dennoch wird ihr der Führerschein abgenommen, fast ein halbes Jahr bekommt sie ihn nicht zurück, Matter schaltet einen Anwalt ein.

Die Künstlerin erinnert sich, wie ein Beamter bei der Ingewahrsamnahme mit seinem Körpergewicht ihr Handgelenk fixierte. Später wird auf der Tonaufnahme zu hören sein, dass sich der Beamte wünscht, das Handgelenk sei gebrochen. Matter sagt, sie habe noch "ein Restvertrauen" gehabt, dass die BeamtInnen schon aufpassen werden. Das ist jetzt zerstört. Auch "die Art wie über Menschen geredet wird, die einen überhaupt nicht kennen", schockiert sie. "Wenn jemand bei mir einbricht – wen sollte ich jetzt rufen? Die Polizei?"

Unvereinbar mit dem Leitbild der Polizei

Am 2. November gab es einen Beschluss, dass Matter ihren Führerschein zurückbekommt. Die zuständige Pressestelle bei der Polizei in Ravensburg teilt auf Anfrage mit, der Vorfall sei ihnen nicht bekannt. Die "vorgebrachten Äußerungen widersprächen in gravierender Art und Weise unserem Leitbild".

Zwei Welten sind hier aufeinandergeprallt. Aus Missverständnissen, die sich verselbstständigt haben, ging Polizeiwillkür hervor. Der Umgang der Polizei in Sigmaringen mit Tatjana Matter wirft zudem einmal mehr die Frage auf: Wer kontrolliert eigentlich OrdnungshüterInnen? Warum wird immer noch so wenig gegen rechte Strukturen in Sicherheitsbehörden getan?

So schnell werden die Schäden nicht reparabel sein, die durch die Geschehnisse entstanden sind. Die Zukunft des Geländes auf der ehemaligen Burg Schiltau scheint derweil ungewiss. In Jungnau selbst, das auf einer Tafel mit den "Holzschnitten und Plastiken Jungnauer Künstler" wirbt, sind an der Brücke über die Lauchert folgende Gedichtzeilen zu lesen: "Wie sie beide Ufer bindet/ Soll sie ernst die Menschen mahnen:/ Führt auch ihr Euch eng verbunden/ Und begrabt den Streit der Ahnen." Neues und Altes müssen nicht in Widerspruch stehen – diese Erkenntnis am lauschigen Fluss plätschert leise und stetig vor sich hin.

 


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11 Kommentare verfügbar

  • Jan
    vor 5 Tagen
    Antworten
    Sehr traurig!
    Aber auch garnicht überraschend, oder?
    "Aufm Dorf" leben halt traditionell eher alte, einfach gestrickte, rechts-rechts-konservativ-konservative CDU-Wähler, dessen Welt- und Menschenbild irgendwo zwischen Mittelalter, Kaiserreich und drittem Reich hängen geblieben ist.
    Ich frage…
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