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Gartensia in Tübingen

Verwelkt

Gartensia in Tübingen: Verwelkt
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Mit Rückendeckung aus der Kommunalpolitik besetzte ein buntes Kollektiv vor zwei Jahren ein leerstehendes Haus am Tübinger Neckar. In der gelebten Utopie schienen Träume wahr werden zu können. Inzwischen aber macht die Gartensia einen traurigen Eindruck. Und daran, so die bittere Erkenntnis, ist nicht nur Corona schuld.

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Gelächter und Musik am Lagerfeuer, Gesang und Tanz in langen Nächten, leidenschaftliches Wolfsgeheul, um den Mond für seine Pracht zu preisen – an die Blütephase der Gartensia, wo Leerstand Lebenslust gewichen war, erinnern sich SympathisantInnen der Besetzung mit schwärmerischer Wehmut. Hier wurde nicht nur gefeiert, gescherzt und geträumt: Neben revolutionären Gute-Nacht-Geschichten und bürgerlichen Weinproben zählt ein junger Mann, der früher Veranstaltungen im Haus organisierte, ein Seminar zu seinen liebsten Erinnerungen, das sich kritisch mit der baden-württembergischen Kolonialgeschichte auseinandersetzte.

Jede Woche gab es Konzerte, jeden Tag ein buntes Programm und im Erdgeschoss ein Café, in dem die KundInnen über die Preise des Kuchens bestimmen durften. Doch wo dem Projekt Verbundene an die goldenen Stunden der Besetzung zurückdenken, tun sie das nicht ohne Schmerz. Zu bitter ist die Entwicklung der mit ansteckendem Frohsinn gestarteten Aktion. Verspielt sind die Sympathien einer Stadtgesellschaft, in der es einmal auf begeisterte Hilfsbereitschaft gestoßen ist, dass sich endlich jemand dem über zwei Jahrzehnte unbewohnten Bau mit seiner bröckelnden Fassade und dem verwilderten Garten annehmen wollte. Selbst der Tübinger Oberbürgermeister betonte zu Anfang, dass es sich bei der Leerstandsbelebung zwar "rein rechtlich" um ein illegales Vorgehen handle, stellte aber klar: "Das Problem ist hier die Rechtslage."

Mehr als zwei Jahrzehnte lang verkam das Haus in bester Lage direkt am Neckar, die Schaufensterscheiben, hinter denen in grauen Vorzeiten ein Porzellanladen beheimatet war, hatten dicke Staubschichten angesetzt, ehe ein Kollektiv linker AktivistInnen die im Dornröschenschlaf versunkene Immobilie einer gründlichen Reinigung unterzog und die 480 Quadratmeter Wohnfläche einem praktischen Nutzen zuführen wollte.

Selten schien es auf größere Sympathien zu stoßen, sich über die Gesetze zum Schutz fremden Eigentums hinwegzusetzen. Und statt das Vorgehen zu verurteilen, bilanzierte der Journalist Ulrich Janßen im "Schwäbischen Tagblatt", dass der langjährige Leerstand des Gebäudes "ein einziger Skandal" sei. Und: "Wenn ein Haus in Tübingen besetzt gehörte, dann war es die Gartenstraße 7." Auch die Stadtpolitik nahm die Besetzung positiv auf, regte – anders als etwa Stuttgart – keine Zwangsräumung an, sondern wollte junge Menschen im Vorhaben unterstützen, preiswerten Wohnraum auf einem angespannten Markt zu schaffen.

Der fürsorgliche Umgang ist Geschichte

Dass die Aktion einst mit so viel Wohlwollen gestartet ist, dürfte wesentlich damit zusammenhängen, wie viel wert die BesetzerInnen darauf legten, fürsorglich mit den in Obhut genommenen Räumlichkeiten umzugehen. So herrschte im Inneren ein striktes Rauchverbot, wer beim Plenum mitmachen wollte, musste die Schuhe ausziehen. Und sogar die hochbetagte Eigentümerin, die zunächst entsetzt war, dass ihre Immobilie ungefragt bezogen worden war, zeigte sich verblüfft, was für wirklich nette Leute das doch waren.

Zwei Jahre später aber ist die Szene hinter der Besetzung so zerstritten, dass bloß niemand mehr mit Namen in der Zeitung genannt werden will, einige überhaupt nicht mehr über das Projekt reden und die Zusage, dass keine Schäden am Haus entstehen würden, nicht eingehalten werden konnte. Im Waschbecken neben einer Toilette mit schmierigem Fußboden stecken heute ein paar Batterien und im Flur liegt, neben allerlei Gegenständen, deren Brauchbarkeit fraglich ist, eine ramponierte Gitarre ohne Saiten. Wie konnte es so weit kommen? Es war doch "fast schon ein bisschen unheimlich, wie gut alles läuft", hatte eine früh Beteiligte Kontext nach vier Monaten Besetzung anvertraut.

Einen bedeutenden Anteil am Scheitern der gelebten Utopie hat ohne Zweifel die Pandemie: Die wöchentlichen Strategieplena, in denen bis zu 50 Menschen über die Zukunft der Gartensia diskutierten, konnten nicht mehr tagen, ebenso mussten ab dem Sommer 2020 alle Veranstaltungen abgesagt werden. Zudem habe es, wie einer, der lieber anonym bleiben will, gegenüber Kontext sagt, dem Projekt sicher nicht gut getan, dass die BewohnerInnen der Gartensia durch die Pandemie isoliert aufeinander saßen.

Viele, auch hausgemachte Probleme

Und dennoch wäre es beschönigend, die Schuld nur bei dem Virus zu suchen, das die ganze Welt seit Monaten im Würgegriff hält. Denn – das wird klar, obwohl viele Involvierte bei ihren Schilderungen des Werdegangs bei vagen Andeutungen bleiben – auch innerhalb der linksalternativen Szene Tübingens gab es, ausgelöst durch interne Konflikte, massiven Streit, der bis heute anhält. Weil sich die Redebereitschaft gegenüber der Presse in Grenzen hält, fällt eine genaue Rekonstruktion des Verlaufs schwer. Sicher ist aber, dass das Bild von der Gartensia als Raum für Utopie, als Zufluchtsort für alle Geschlechter, beschädigt wurde, als es dort zu einem sexualisierten Übergriff gegen eine Bewohnerin kam, sich ein großer Teil der Hausgemeinschaft auf die Seite des Täters schlug und letztlich die Betroffene sowie "die einzige mit ihr solidarische Person unter Anwendung körperlicher Gewalt aus dem Haus geworfen" wurden.

So beschreibt es eine anonyme Gruppe von Menschen, die eine Aufarbeitung des Vorfalls anstrengten und eine achtseitige Stellungnahme auf der Website der Gartensia veröffentlicht haben. Auch eine umfangreiche Dokumentation der Vorgänge, inklusive eines Gedächtnisprotokolls der Betroffenen, ist im Internet abrufbar. Neben einer Belästigung durch übergriffige Flirtversuche, von denen der Verantwortliche trotz mehrerer Bitten der Betroffenen, damit aufzuhören, nicht abließ, sollen unter anderem folgende Äußerungen gefallen sein, ohne dass sie einen Rauswurf aus der Gartensia als Konsequenz gehabt hätten: "Frauen, die von ihrem Partner geschlagen werden, sind dumm. Sie sind selbst schuld, sie können ja einfach gehen." Zudem sei es nach Ansicht eines Bewohners gerechtfertigt, dass ein Partner seine Frau schlage, denn "sie hat ihn betrogen, er muss sie doch bestrafen!"

Bei den Schilderungen zur versuchten Aufarbeitung tun sich einige Abgründe auf. So sei die Gartensia, wie es in dem Statement heißt, in ihrer Anfangsphase ein sehr offener Ort gewesen – was auch zu Problemen führte: "Durch die Haltung 'Wir-tolerieren-auch-Intoleranz' einiger Bewohner*innen (meist weiße, cis-männliche) wurde die Gartensia zu einem Ort, an dem Sexist*innen, Rassist*innen, Homofeindliche, Antisemit*innen und (später auch) Querdenker*innen sich wohlfühlen konnten." Mit der Folge, dass sich immer mehr Menschen – insbesondere solche, "die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden" – aus dem Projekt zurückzogen, weil sie sich dort nicht mehr sicher und erst recht nicht wohl fühlen konnten.

Inzwischen ist der Täter zwar kein Bewohner mehr und hat Hausverbot. Allerdings bemängeln die AutorInnen der Stellungnahme, dass dies "viel zu spät" geschehen sei und dass "mindestens drei der derzeitigen Bewohnenden (…) an dem Rausschmiss der Betroffenen letztes Jahr beteiligt" gewesen seien. In einem ernüchterten Fazit fordern sie, "dem Scheitern ins Auge zu sehen" und fragen, wie es sein kann, "dass linke Räume und Strukturen so sehr dem eigenen Sexismus ausgeliefert sind".

Noch ist die Gartensia bewohnt

Andere Stimmen, darunter auch solche, die sich dem linken Spektrum zuordnen, werfen der Betroffenen und ihren UnterstützerInnen vor, überreagiert zu haben und finden, die sollten sich mal nicht so anstellen – was auch als Teil des Problems aufgefasst werden kann. Schlimm genug, wenn Übergriffe anderswo geduldet werden. Aber gerade dort, wo Entwürfe für eine bessere Gesellschaft gelebt werden sollen, müsste das Bedürfnis nach einem Schutzraum für ohnehin Diskriminierte besonders nachvollziehbar sein.

In der Bilanz bleibt festzuhalten, dass die Projektgruppe, die aus der Gartenstraße 7 preiswerten Wohnraum machen wollte und die ernsthaft einen Hauskauf anstrebte, im Juli dieses Jahres desillusioniert und entnervt aufgegeben hat. Allerdings wird in den Räumlichkeiten weiterhin gewohnt. "Die Besetzung ist noch nicht vorbei", sagt einer, der nicht aufgeben will und auf zehn Menschen verweist, für die die Gartenstraße 7 nach wie vor Lebensraum bleibt.

So wurde die Besetzung selbst zwar von einem überwiegend studentischen Kreis initiiert. Doch abgesehen von gelegentlichen Übernachtungen in der Gartensia hat nur ein relativ kleiner Anteil dort wirklich regulär gelebt. Sicherlich mit den besten Absichten wurde der freistehende Wohnraum an Obdachlose vermittelt. Wobei der Verdacht nicht unbegründet scheint, dass dabei unterschätzt wurde, wie gravierend die Probleme der Hilfsbedürftigen ausfallen können.

Wo sie nun hin sollen, wenn sie die Gartensia verlassen müssen? "Kein Dach. Kein Haus. Mal sehen", sagt Zoltan schulterzuckend. Er lebt seit 23 Jahren in Tübingen, viele davon auf der Straße. Neben ihm spielt der kleine Roberto, sieben Jahre alt, mit einem glitzernden Gorilla aus Pailletten auf dem T-Shirt; er lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter in der Gartenstraße. Zoltan hat viel Diskriminierung erlebt, berichtet er, und schlechte Erfahrungen gemacht mit den Notunterkünften der Stadt. Dort ist es Familien oft nicht möglich, gemeinsam unterzukommen, es gibt eine strikte Geschlechtertrennung, außerdem ein strenges Alkohol- und Drogenverbot, das bei Verstößen zum Rausschmiss führt.

Der Makler sucht nun eine Privatperson als Käufer

In der Gartensia konnten die zehn verbliebenen BewohnerInnen weitgehend autonom leben. Einige von ihnen arbeiten und können sich trotzdem keine Wohnung in Tübingen leisten. In der Gartenstraße 7 hatten sie ein Stockwerk für sich, auch schon zu Zeiten, als die Projektgruppe noch den Hauskauf anstrebte. Wie berichtet wird, kam es aber zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen, auch wenn nicht jeder Vorwurf konkretisiert wird. Bei Geburtstagen und Feiertagen, erzählt Zoltan, kommen alle BewohnerInnen zusammen, sie feiern große Feste, er fühle sich wohl hier. Nebendran darf Roberto unter großer Freude eine leere Bierdose platt treten. Bei der zweiten schreitet Zoltan ein.

Zwar können sich noch nicht alle in Tübingen damit abfinden, dass die Utopie am Neckar gescheitert ist. Doch als finaler Sargnagel besiegelte, neben vielen, auch hausgemachten Problemen, der Tod der alten Eigentümerin die Gartensia-Träume. Die Erbengemeinschaft hat einen Makler beauftragt, der jüngst klarmachte, "nicht an einen Projektentwickler, sondern an eine Privatperson" verkaufen zu wollen. Die im Haus verbliebenen Menschen sollen von der Stadt gebeten werden, das Gebäude zu verlassen, wobei "ihnen, wo möglich, Alternativen" angeboten werden könnten. Baubürgermeister Cord Soehlke betont derweil – völlig zurecht –, als Stadtverwaltung deeskalierend gearbeitet zu haben, in einer Rolle als Vermittlerin und immer mit der Absicht, "langfristig bezahlbaren Wohnraum in der Gartenstraße 7 zu schaffen". Auch das dürfte nun ein Traum bleiben.

Als klar war, dass sich die Projektgruppe Gartensia auflöst, hat das städtische Ordnungsamt einen Besuch angekündigt – was auf Kritik verbliebener UnterstützerInnen der dort lebenden Menschen gestoßen ist. In einer umfangreichen Mail prangern sie die Gentrifizierung in Tübingen ebenso an wie das diskriminierende deutsche Sozial- und Aufenthaltsrecht. "Wer eine Räumung der Gartensia fordert, kennt die Situation der Bewohner*innen nicht oder hat kein soziales Gewissen", heißt es darin und vor Ort bemängelt eine weiterhin aktive Unterstützerin, dass die Stadt nun eine härtere Gangart an den Tag lege, weil es sich nicht mehr um eine "studentische Kuschelbesetzung" handle.

Der Baubürgermeister sagt, eine Räumung der Immobilie sei wie in den vergangenen zwei Jahren "auch jetzt nicht" geplant. Doch ist wohl damit zu rechnen, dass sie im Zweifelsfall erzwungen wird, wenn die im Haus Verbliebenen nicht selbst gehen möchten und eines Tages einem Kaufvertrag im Weg stehen. Womöglich ist jedoch einigen sogar damit geholfen, falls sie tatsächlich brauchbare Alternativen angeboten bekommen und der Prozess von einer professionellen Betreuung begleitet wird. In ihrem gegenwärtigen Zustand sieht die Gartensia zumindest nicht nach einem Ort aus, an dem Kinder unbeschwert aufwachsen können. Diese Keimzelle für ein besseres Leben, die zwischenzeitlich zur prächtigen Blüte gedieh, ist verwelkt.


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3 Kommentare verfügbar

  • steffiebaur
    am 22.08.2021
    Antworten
    Die Betroffene und ihre Unterstützerinnen wollen genau das, was sie sagen, Herr Nowak. Sie haben versucht ein Wohnprojekt für von Sexismus betroffene Personen mit einem Ort für wohnungslose Menschen (also neuen Wohnraum ohne dass die Menschen im Haus gehen müssen) zu schaffen. Leider ist die Stadt…
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