Ausgabe 451
Schaubühne

Häuserkampf reloaded

Von Jonas Riedel (Text und Video)
Datum: 20.11.2019
Da singen, tanzen und demonstrieren sie, die Freiburger Punks, Hippies und Freigeister, in schwarz-weiß, etwas krisselig auf dem alten Super-8-Material. Es sind die Siebziger- und Achtzigerjahre in Freiburg, die Zeit des "Häuserkampfs" um Freiräume für alternatives Leben. Jonas Riedel, 19 Jahre alt, hat diesen Teil der Geschichte in eine Doku verpackt und mit seinem Film "Kultur von unten" einen zweiten Preis im "Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten" gewonnen. Hut ab!
Jonas Riedel

Jonas Riedel, 19 Jahre alt, hat seine Dokumentation "Kultur von unten" in der elften Klasse gedreht. Mittlerweile hat er sein Abitur in der Tasche. Riedel liebt Jazz, spielt Trompete und wollte eigentlich eine Dokumentation drehen über die Konzerthäuser in Freiburg. Dann aber hörte er bei einer Diskussionsrunde, dass viele der heutigen Kulturinstitutionen in Freiburg auf den "Häuserkampf" zurückgehen. "Das konnte ich nicht richtig glauben", sagt Riedel, "und da habe ich angefangen nachzuforschen." Sein Film ist entstanden aus eigenen Aufnahmen, Material der Medienwerkstatt Freiburg und des Archiv soziale Bewegung e.V., des SWR, der "Badischen Zeitung" und Interviews mit Zeitzeugen. "Ich musste bei den Arbeiten an meinem Film oft aus meiner Komfortzone raus", sagt Riedel, "Fremde Leute anzurufen, ihnen in ungewohnter Umgebung Fragen zu stellen – das lernt man nicht in der Schule", sagt er. (ana)

Mitte der 1980er schwappte die Idee der Hausbesetzungen aus Berlin und Frankfurt nach Freiburg im Breisgau über. Hauptgrund dafür war zunächst die Wohnungsnot in vielen Großstädten. Vornehmlich Studenten ließen es sich nicht gefallen, dass viele stadtnahe, bewohnbare Häuser jahrelang aus Spekulationsgründen leer standen, während gleichzeitig überall Wohnungsnot herrschte. So auch in Freiburg.

Vor den ersten Hausbesetzungen gab es dort keine Freiräume für alternative Gruppen. Das Haus der Jugend wurde zwar schon genutzt, aber die Richtlinien der Stadt wurden für viele als sehr einschränkend angesehen.

Dreisameck

1975 zieht die Dresdner Bank aus ihrem Hauptsitz in der Kaiser-Joseph-Straße in einen Neubau am Rande der Innenstadt. Das Karree Kaiser-Joseph-Straße 282-286 und Schreiberstraße 2 und 4 wurde schon 1969 an den Immobilienmakler Alois Selz verkauft. Doch es ist ein Spekulationsgeschäft und das "Dreisameck" steht für zwei Jahre leer.

1977 wird es besetzt, hauptsächlich von Studenten. Die vorherigen Verhandlungen mit Selz waren fehlgeschlagen.

"Mit dieser Aktion wollen die 'Besetzer' [...] vor allem zwei Dinge erreichen: daß sie selbst [...] endlich eine richtige Unterkunft bekommen; daß darüber hinaus aber endlich wieder einmal in der Öffentlichkeit deutlich wird, daß trotz einer Wohnungsmisere in dieser Stadt bewohnbare Häuser nicht vermietet werden." (aus der BZ vom 7.6.1977)

Es bildet sich eine farbenfrohe Lebensgesellschaft, das Dreisameck wird zum Treffpunkt. Es bietet Lebensraum, aber vor allem auch Räume für das Kulturleben. Fast täglich gibt es Veranstaltungen. Das Ziel ist Kultur von unten. Kultur, die normalerweise unter die Zensur von öffentlichen Veranstaltungsorten fallen würde. Das Dreisameck hat zeitweise mehrere 10 000 Besucher wöchentlich. Sie kommen aus der Schweiz, Frankreich, dem ganzen Dreiländereck.

Für viele alternative Kulturgruppen ist das Dreisameck endlich ein Ort der Identifikation. Das Haus ist gut organisiert, es gibt Arbeitsgruppen für Öffentlichkeitsarbeit, die für Flugblätter, Infostände und Kontakt zur Presse zuständig sind, eine Zielsetzungsgruppe, die langfristige Ziele ausarbeitet, eine Kneipengruppe und natürlich eine Kulturgruppe für das Organisieren von Veranstaltungen.

Aus dem Theaterstück "Die Freiburger Stadtmusikanten":
"Hund: Schrecklich, Schrecklich,
 mein Vermieter will meine Hundehütte modernisieren lassen,
 da konnte ich die Miete nicht mehr bezahlen und musste ausziehen."

Das Dreisameck ist Anlaufpunkt für alle, die keinen Anschluss an die bürgerliche Gesellschaft finden. Doch die Unterstützung geht weit über das Gebäude hinaus. Der Großteil der Freiburger Bevölkerung teilt die Ansichten der Hausbesetzer.

"Der Traum, das gerade Entstandene zu sichern, breitete sich in unseren Köpfen aus. Hier ein Zentrum zu schaffen, in dem wir nach eigenen Vorstellungen zusammenwohnen könnten, in selbstverwalteten Betrieben arbeiten könnten und unsere eigene Kultur machen und genießen könnten." (Aus: Die Geschichte des Dreisamecks, 1979)

Zu Beginn werden viele Veranstaltungen noch von den Besetzern selbst getragen; doch zunehmend treten sie als reiner Veranstalter auf, kümmern sich nur noch um die Organisation und Bewirtung. Dabei vermehren sich auch die Konflikte der Besetzer untereinander. Ursprünglich sollte das Dreisameck allen zur Verfügung stehen, die eine Wohnung suchten und so finden auch viele Alkoholiker, Junkies und Dealer dort einen Platz.

Bald gibt es eine Kluft zwischen aktiven und passiven Besetzern. Die Passiven tragen nicht zum Weitererhalt des Ortes bei und die Zustände werden so schlecht, dass sich die Kulturgruppe bald weigert, weiterzumachen. Für drei Tage werden alle Türen geschlossen und es wird darüber diskutiert, wie es weitergehen soll. Im Hintergrund gehen derweil die Verhandlungen mit der Stadt über die Zukunft des Dreisamecks weiter.

Krise, Umbruch, Aufbruch

Unter dem Thema "So geht's nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch" stand der Geschichtswettbewerb 2018/2019, der in diesem Jahr zum 26. Mal ausgeschrieben wurde. "Was machen Krisen mit den Menschen?", war die Fragestellung. "Wie entsteht Neues aus Krisen? Sind Krisen bisweilen auch Motor der Geschichte?" Diese ganz unterschiedlichen Perspektiven haben 5627 Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen recherchiert und in 1992 Einsendungen zum Wettbewerb eingereicht. Darunter sind nicht nur Texte, sondern auch Filme, Podcasts, Ausstellungen, fiktive Tagebücher, Comics, Spiele und Multimedia-Präsentationen. (ana)

Die Medien berichten noch immer landesweit und vielfältig. Die Besetzer werden von der SPD, den Grünen, der FDP und dem Großteil der Bevölkerung unterstützt. Zeitweise sind bis zu 20 000 Menschen auf den Freiburger Straßen, um zu protestieren. Bereits im März 1978 kommt die erste Kündigung von Eigentümer Alois Selz. Die Besetzer legen Widerspruch ein. Sie verteilen Flugblätter, durch öffentliche Veranstaltungen wollen sie zeigen, wie wichtig ein Kulturzentrum wie dieses für Freiburg wäre. Der wohl nachhaltigste Versuch, das Dreisameck weiterleben zu lassen, ist, eine Genossenschaft zu gründen und das Gebäude aufzukaufen, um ein autonomes Kultur- und Kommunikationszentrum zu erschaffen.

Besonders viel Empörung gibt es, als die Stadt nicht bereit ist, ein solches Zentrum zu unterstützen, während sie aber bereit ist, ein Konzerthaus, das damals schon in der Planung war, für mehrere hundert Millionen Mark zu bauen.

"Obendrein würden die Folgekosten für das 'Nobelzentrum' pro Jahr fast so hoch kommen, wie die Erstellungskosten für ein 'allgemeines Gebrauchszentrum'." (Aus der BZ vom 25.3.1980)

Mit "Nobelzentrum" ist hier das Konzerthaus gemeint.

Doch alle Öffentlichkeitsarbeit und aller Widerstand helfen nicht. Die Gerichtsprozesse ziehen sich über Monate in die Länge. Die Räumung ist schließlich unausweichlich. Die Besetzer bauen Barrikaden und verstärken alle Fenster und Türen.

Am Sonntag den 8. Juni 1980 wird das Dreisameck um 5.00 Uhr morgens mit 1200 Polizisten geräumt. Umgehend beginnt der Abriss. Das ganze Eckhaus ist mit Stacheldraht abgesperrt. Freiburg ist in den nächsten Tagen in einem Ausnahme-Zustand. Täglich ziehen Zehntausende durch die Straßen. Am Freitag, fünf Tage nach Abrissbeginn, ist das Dreisameck weg.

Schwarzwaldhof

Aus einer Demonstration heraus wird 
fünf Tage nach Räumung des Dreisamecks der leerstehende Schwarzwaldhof besetzt. Der Schwarzwaldhof liegt strategisch günstig, ein großes Areal mit nur zwei Eingängen. Leicht zu verteidigen also. Die Besetzung wurde grundlegend anders angegangen. Sofort wurden Schritte zur Legalisierung geprüft.

Aus einem Brief der Besetzer an den damaligen Oberbürgermeister Eugen Keidel:
"Wir stellen uns zunächst folgende Schritte der Stadt vor: [...] 2. Den Erlaß eines Bebauungsplans [...] der die derzeitige Bebauung beläßt. Dies soll [...] allen Beteiligten die Gelegenheit verschaffen, die Nutzung des Schwarzwaldhofs [...] als Wohngebiet, Kulturzentrum, mit Café, Werkstätten, Kinderläden und Krabbelstuben abzusichern."

Doch sie bekommen keine Rückmeldung, die Stadt scheut sich, mit den Besetzern zu verhandeln. Allerdings werden sie in Ruhe gelassen und das bunte Leben im Schwarzwaldhof kann beginnen.

"Aber aus der Langeweile gebiert sich ein Brodeln, wachsen neue Formen und Inhalte. Die Kultur von Unten. Unten? Wo ist das? Das sind wir. Das bist du. Das sind die Musiker, die Theaterleute die politisch Verfolgten, die Tagträumer, die Seiltänzer des Lebens. [...] Kultur heißt für uns Austausch, Lebendiger Austausch von Musik, von Erfahrungen von Verzweiflung von Wut und von Lust, so haben unsere Veranstaltungen auch ein anderes Gesicht. Die Eintritte finanzieren nur die Unkosten. Es gibt keine Ordner keine exakten Anfangszeiten, und schon gar kein vorprogrammiertes Ende. [...] Kultur heißt für uns Austausch, Austausch auch von politischen Erfahrungen. Die heilige Grenze zwischen Politik und Kultur wird niedergerissen. (Aus: Z'Friburg in dr Stadt, Sufer ischs un glatt, 1981)

Der Schwarzwaldhof besteht für neun Monate. Die Nachbarschaft beschwert sich immer wieder über Ruhestörung, denn die Nachtruhe ab 22 Uhr wird selten eingehalten. Nachdem die Bewohner dann auch noch verdächtigt werden, in Verbindung mit der Terroristischen Gruppe RAF zu stehen, wird auch der Schwarzwaldhof geräumt.

Autonomes Zentrum

Am 2. Oktober 1981 wird in der Nacht ein leerstehendes Lagergebäude der Universität im Glacisweg besetzt und zum "Autonomen Zentrum" (AZ) erklärt. Die Stadt, die gerne einem weiteren besetzten Haus aus dem Weg gehen würde, wählt den Verein Arbeitskreis Alternative Kultur (AAK) zum Ansprechpartner für Ersatzräume. Allerdings lehnt dieser ab, da er nicht stellvertretend für die ganze "Szene" dastehen will.

Der Fokus rückt nun vollständig auf die Kultur, und das erfolgreich. Das Einzigartige am "Autonomen Zentrum" ist, dass hier nicht nur Punks und Hippies zusammenkommen, sondern auch weltbekannte Jazzer wie Waldi Heidepriem Konzerte geben. Zu den sonntäglichen Jazzsessions kommt nun auch das bürgerliche Publikum.

Neben Jazz gibt es dort auch Rock, Pop, Punk und Hip-Hop. Die Stadt toleriert das Autonome Zentrum für lange Zeit, bis die Universität anmeldet, das Gebäude wieder selber nutzen zu wollen. Die Stadt sucht im Dialog mit den Besetzern nach Ersatzräumen, aber wenige der Parteien sind daran interessiert, das AZ aufzugeben, die Angst ist zu groß, dass die selbstbestimmte Kulturarbeit in Gebäuden der Stadt verloren gehen würde. Kurz vor der geplanten Räumung brennt das Gebäude 1985 ab. Die Ursachen sind bis heute nicht geklärt. Wieder wird protestiert; doch die Unterstützung durch Freiburger Bürger ist längst nicht mehr so groß wie fünf Jahre zuvor.

Dr. Rolf Böhme wird 1982 Oberbürgermeister von Freiburg; er geht die Probleme mit den Hausbesetzern anders als sein Vorgänger Eugen Keidel.

"Ich habe [...] die Notwendigkeit gesehen, dass man die Alternative Kunst auch als Kunst anerkennen muss. Nicht nur als politische Bedrohung." (Böhme, Alternative Kultur in Freiburg, 2018)

Jahrelang wird für Ersatzräume gekämpft, oft werden weitere Besetzungen versucht, die jedoch nie erfolgreich sind. Das Autonome Zentrum spaltet sich auf in viele kleine Interessengruppen. Laut Böhme habe nach dem Abbrennen des AZ eine "Kernspaltung" stattgefunden. Es gibt keinen zentralen Treffpunkt mehr und die Ersatzangebote der Stadt werden nur von wenigen wahrgenommen, da eine Kooperation mit den "Etablierten" gegen das Grundprinzip Vieler verstößt.

Die Stadt bietet einen Keller in der Schnewlinstraße an. Doch nur die Punks nehmen ihn an und richten sich dort ihr "Cräsh" ein. Der Raum wird liebevoll "Böhme-Bunker" genannt.

Aus einem Flugblatt der AZ Betreiber, hier wird Böhme zitiert:
"Das Ersatzangebot gilt ja nur für diejenigen, die Kultur machen. Für die Polit-Chaoten hat es nie bestanden."

Der Kommentar darauf:

"Diese Entwicklung bestätigt, daß wir vom Autonomen Zentrum mit unserer Ablehnung jeglicher Verhandlungen recht hatten, Ohne Besetzung wird es kein neues AZ geben und wir wollen ein neues AZ. Bis dahin werden wir an unterschiedlichen Orten, mal legal, mal nicht so illegal, als AZ im Exil weitermachen." (Flugblatt, 7.5.1985)

Das "AZ im Exil" veranstaltet über Jahre hinweg noch Konzerte auf öffentlichen Plätzen. Immer wieder wird für ein autonomes Zentrum protestiert. Der AAK lässt sich, nach zehn Jahren Kampf, im E-Werk nieder. Andere alternative Gruppen finden in der Fabrik oder auf dem Grethergelände einen Platz.

Die Jazzer in Freiburg bekommen das Jazzhaus. Ursprünglich als Tiefgarage geplant, setzt sich Böhme, der selber Jazzfan ist, dafür ein, den alten Weinkeller der Universität dafür umzubauen. Bei der Eröffnung, nur zwei Jahre nach dem Brand im AZ, kommt sogar Miles Davis und spielt in den Tagen der Eröffnung.

Revolution bleibt aus, dafür kommt Kultur

Obwohl die Hausbesetzer der Siebziger- und Achtzigerjahre zunächst hauptsächlich politisch motiviert waren, hat die Kulturbewegung aus dieser Zeit am meisten verändert. Revolution, die damals viele wollten, kam dann doch nicht. Veränderungen in der Kulturlandschaft hervorzurufen ist wesentlich einfacher, als ein Mächtegleichgewicht ins Wanken zu bringen.

Zu Beginn der Hausbesetzungen spielt zwar der Wohnraumaspekt noch die größte Rolle. Doch im Laufe der Besetzungen wird die Kultur immer wichtiger. Das Dreisameck bot noch Raum zum Leben für etwa 80 Leute, der Schwarzwaldhof nur noch für 30 und im AZ wohnte keiner mehr. Die Suche nach "Lebensraum" wandelte sich vollständig in eine Suche nach Freiräumen.

Aus besetzten Häusern wurden Kulturzentren. Diese wurden zu Räumen für neue Musik, Theater, Kabarett und neue Formen des Selbstausdrucks. Unzählige Vereine und Arbeitsgruppen gründeten sich in diesen Freiräumen. Nur wenige gibt es heute noch, aber die Impulse, die damals aufkamen, beeinflussen auch die heutige Freiburger Kulturszene noch maßgeblich.

Es ist unvorstellbar, das E-Werk, das Theater im Marienbad, das Vorderhaus und das Jazzhaus aus dem Freiburger Kulturleben wegzudenken. Dass diese attraktive, kulturelle Vielfalt den Hausbesetzern zu verdanken ist, ist heute nur noch wenigen bewusst.


Der Text ist eine stark gekürzte und leicht bearbeitet Fassung des Arbeitsberichts zum Film für den "Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten".


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