Ausgabe 451
Kolumne

Weg mit dir, Venedig, verschwinde!

Von Peter Grohmann
Datum: 20.11.2019

Kein Mensch braucht Venedig wirklich, außer natürlich den Kreuzfahrern und ihren Sklaven. Echt jetzt. Venedig, die Prostituierte des Tourismus, sollte untergehen, ganz, ganz schnell und besser heute als morgen. Erstens, weil wir wirklich alles gemalt oder fotografiert haben. Milliarden Bilder! Wir haben gefilmt, erzählt, aufgeschrieben und den Rest auf Youtube gespeichert. Hunderte von Millionen Menschen waren in Venedig, haben in die Lagunen gekackt, an der Kunst vorbeigeschaut, Müll abgeladen, sich künstlich erregt, weil der Espresso auf dem Markusplatz vier Euro kostet. Jetzt reicht's. Keiner muss mehr hin. Bevor man einmal mehr zur Rettung der Stadt aufruft, was zu befürchten ist, sollte klar sein: alles zu spät. Es gibt nichts mehr zu retten.

Schön, alles was abgehängt werden kann von den Wänden, muss abgehängt werden und ist am besten der Mafia zu übergeben, bevor die Häuser einstürzen. Nichts über die Verwaltung der Stadt laufen lassen oder die Parlamente, die Abgeordneten, die Regierung, die Parteien oder Donna Leon. Klappt nicht. Die Mafia ist die preiswerteste Alternative und Italiens sicherste Adresse. Von Fall zu Fall kann man reiche Chinesen oder die Ärsche von Dubai fragen, ob die was brauchen. Klar, der Markusdom als Ganzes geht auf kein Schiff, das weiß selbst meine Omi Glimbzsch in Zittau. Der muss ausgebeint werden. Den Dogenpalast würden die Amis nehmen, die Seufzerbrücke geht an die Kinder des Vatikans, den Karneval nehmen die Kölner. Es gibt wirklich von allem und jedem tragfähige Kopien, Repliken, Drucke von Tizian, Giacomo Casanova, Claudio Monteverdi, Antonio Vivaldi oder diesem Carlo Goldoni. Die Ausstellungen gehen an den Meistbietenden. Um die Kunstbiennale, die Architekturbiennale, die Filmfestspiele und Theatertage etc. pp. werden sie sich reißen wie um G 5.

Logisch, zunächst wird das Geschrei groß sein, wenn man die Rialto-Brücke schleift und das alles live im Berlusconi-TV übertragen wird. Da werden Köpfe rollen, da werden neue Gefängniszellen gebraucht. Zu spät. Denn der Untergang ist eine von der Natur beschlossene Sache. Die Natur hat die Schnauze voll, endgültig. Kein Freikauf mehr. Der Appell von Luigi Brugnaro, Bürgermeister der Lagunenstadt, an die Klimaforscher, doch für besseres Wetter zu sorgen, für freundlichere Prognosen, geht im Gurgeln des Canale Grande unter. Gratulation. Wir haben es gewusst. Was für ein schönes Schauspiel.

Der Gerechtigkeit halber sei hinzugefügt: Venedig ist erst der Anfang.


Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter. Alle Wettern-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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3 Kommentare verfügbar

  • Gerda Breuninger
    vor 2 Wochen
    Recht hat er ja, wenn auch nicht in einem Punkt: es gibt durchaus eine bemerkenswerte Gruppierung/Bewegung gegen die Kreuzfahrschiffe: http://www.nograndinavi.it/,
    leider bisher ohne Erfolg. Einmal haben Demonstranten sogar versucht, schwimmend im Giudecca Canal Schiffe zu stoppen.
    • Peter Grohmann
      vor 2 Wochen
      Nu jaja, nu ne ne, wie meine Omi Glimbzsch in Zittau gern sagt. Die Bewegung gegen die Schifferei mag "bemerkenswert" sein, ist aber alleingelassen. Was fürs Feuilleton der Grünen. Wenn die Stuttgarter Zeitung etwa unverhohlen für die Kreuzschiffer den journalistischen Teppich ausrollt und sich in der aufgeklärten LeserInnenschaft nix rührt, sagt das alles.
  • Wolfgang Kaemmer
    vor 2 Wochen
    Brutal, aber irgendwie musste ich mir sagen: "Recht hat er." Der Vergleich mit der Prostituierten ist treffend. Mal billige Schlampe für die Massen von Kreuzfahrtschiffern, dann wieder Edelnutte für Filmfestspiele und Kunstaktionen. Und die Zuhälter verdienen sich dumm und dämlich. Wenn dann die Falten zu offensichtlich werden, wird die Goldeselin dann eben aussortiert. Auf nach Dubrovnik, solange es noch steht!

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