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Karin Burger

Ein Senf der €DU!

Karin Burger: Ein Senf der €DU!
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Sie hat immer gekämpft für demokratische Werte. Und dass diese Werte gefälligst auch dort zu gelten haben, wo man nicht so genau hinsieht. Jetzt ist Karin Burger, Betreiberin des Blogs "Satiresenf" und Autorin von Kontext, gestorben.

Es ist ein paar Jahre her, da sagte der Kollege: "Schau dir mal den Blog 'Satiresenf' an. Die Frau hat eine echt scharfe Schreibe." Gesagt, getan und nicht nur eine irre Schreibe gefunden, sondern auch eine bemerkenswerte Frau um die 60, die genau das hatte, was JournalistInnen brauchen, vor allem im Lokalen: Chuzpe, Biss und die Begabung, Worte wie geschliffene Schwerter zu formulieren, um auch mal deutlich auf den Punkt zu bringen, was gesagt werden muss. Karin Burger und ihr "Satiresenf", beheimatet in Sauldorf, haben den Kreis Sigmaringen und das Land drumherum ordentlich aufgemischt.

"Satiresenf", entstanden 2015 als Satire-Kommentar-Blog, hat sich mit den Jahren zu einem Watchblog für Kommunalpolitik gewandelt. Und das getan, was Journalismus vor allem auch im Kleinen tun sollte: die auf dem Schirm haben, die in der Peripherie der Großstädte, in den kleinen Orten und Dörfern auf dem Land, gerne schalten und walten, wie es ihnen passt. Oft unter dem Radar, dank fortschreitender Pressekonzentration und der Schließung von Lokalredaktionen. Oder einer manchmal unerträglichen Nähe der LokalreporterInnen zu denen, die am Drücker sitzen.

"Schlicht und einfach Bullshit"

Karin Burger hat vor allem da ganz genau hingesehen, mit wachem Augen, scharfem Verstand und noch schärferer Schreibe. Die hat sie "Senf" genannt und immer die "besenft", die sich wieder mal was geleistet hatten. Mit Vorliebe die "Korruptions- und Skandal-Partei €DU" – das C hat sie irgendwann und ab da durchgehend durch das Eurozeichen ersetzt – denn: "Es drängt sich ohnehin zunehmend der Eindruck auf, dass die Zugehörigkeit zur €DU allmählich selbstverständliches Begleitmerkmal von Regelverstößen und Willkür-Management (auch) in der Kommunalverwaltung ist."

Noch im Mai dieses Jahres hat "Die Willkür-Frauschaft der Fränzi Kleeb" (auch €DU) ihren Senf abgekriegt. Kleeb, Bürgermeisterin der Gemeinde Stegen im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, hatte im redaktionellen Teil des Amtsblatts, eigentlich nur vorgesehen für amtliche Mitteilungen, ein privates Wohnungsgesuch abdrucken lassen. Wie sich später herausstellte, für den Schulsozialarbeiter und "im Rahmen der Personal- und Fürsorgepflicht", wie die Bürgermeisterin mitteilte. Karin Burger urteilte: Das sei "schlicht und einfach Bullshit", denn ganz sicher gebe es in Stegen noch eine Menge anderer BürgerInnen, die sehr gerne Gebrauch machen würden von einer solch "privilegierten Anzeigenmöglichkeit". Ein Stegener beispielsweise hatte daraufhin beim Amtsblatt nachgefragt, ob er denn bitte – natürlich bezahlt – ein Inserat mit dem Text "All animals are equal, but some animals are more equal than others. George Orwell, Animal Farm" im Amtsblatt aufgeben dürfe. Wurde abgelehnt.

Karin Burger hat über den neuen Regionalplan Bodensee-Oberschwaben geschrieben, der nicht nur die Flächenversiegelung auf ein ganz neues Level hebt, über die Causa Ummendorf, die hohe Wellen schlug, weil in der Gemeinde im Landkreis Biberach nur Einheimische einen Bauplatz bekamen. Sie hat über Nazis bei Sicherheitsdiensten berichtet, über Klimaaktivisten, die von der Schwäbischen Zeitung als Terroristen geframt wurden, über die Amazon-Ansiedlung in Trossingen und die unrühmliche Rolle des Stuttgarter Ordnungsbürgermeisters in dieser Geschichte. Manchmal, aber selten, schrieb sie auch über leichtere Kost, mal über die "Kitsch- und Kotzsendung Landleben 4.0" des SWR oder, für Kontext, über die Vogelzählaktion des Nabu in ihrem "Siedlungsraum". Der sei, so schrieb sie, für die Vogelzählaktion "nachgerade optimal, weil exzesshaft ländlich. (...) In unserem Weiler am äußersten Rande des westlichsten Südzipfels der Schwäbischen Alb gibt es nicht einmal Straßennamen. Aber immerhin eine Straße. (Und seit dem Jahr 2000 sogar Kanalisation!)"

15 Euro für vier Stunden Arbeit

Solche Glossen waren eher Ausnahmen. Meistens war die Frau das, was man wohl unbequem nennt. Kaum ein Rathaus in ihrem Umfeld, das nicht schon einmal mit scharfen Nachfragen belegt wurde. Manchmal war sie etwas drüber, zugegeben, aber auf eine positive Art und Weise, immer auf Seite der Guten und der Gerechtigkeit. Eine Kämpferin für die Werte der Demokratie, immer antifaschistisch, immer gegen Nazis. Mit denen hat sie Erfahrungen gesammelt, als sie sich publizierenderweise mit rechten Tierschützern anlegte – die ihr dann, so hat sie es erzählt, eine Kuchen mit eingebackenem Dildo zusandten und protestierend vor ihrer Haustür aufmarschiert waren.

Hinter dieser Tür lebte sie alleine. Zur Miete in einem alten Haus, in dem sie viele Jahre vor allem riesige Deutsche Doggen aus dem Tierschutz betreute. Bis sie das nicht mehr konnte. Sie saß im Rollstuhl, ging auf Krücken, wegen langwieriger und schwerer körperlicher Erkrankung. Karin Burger hat später von Hartz IV gelebt, weil der Tierschutz über die Jahre zwar von Herzen kam, aber mehr gekostet als eingebracht hat, weil der Blog nicht den Lebensunterhalt decken konnte. Ebenso nicht die Honorare als freie Mitarbeiterin des "Südkurier". "Für die wichtige Arbeit der Gemeinderatsberichterstattung werden Sie schlechter bezahlt als eine Reinigungsfachkraft", hatte sie einmal für uns geschrieben. Und Beispiele gebracht aus dem Jahr 2016: "Aufwand von vier Stunden inklusive Fahrt für eine Gemeinderatssitzung (Dauer: 2,25 Stunden) – Honorar dafür: 15 Euro. Kein Einzelfall: Aufwand von 4,5 Stunden inklusive Fahrt für eine Gemeinderatssitzung (Dauer: 2,0 Stunden) – Honorar: 20 Euro. Ergibt ein Stundenhonorar von 4,44 Euro für eine selbstständige Tätigkeit, bei der sich der/die Freie selbst sozialversichern, Krankheit und Urlaub abdecken muss. Vor Steuern!"

Solange ich sie kannte, hat sie gekämpft, die Frau mit der Schwertgosch, die Worte nicht geschrieben, sondern jedes einzelne geschnitzt und gedrechselt hat. Sie hat gekämpft mit den körperlichen Einschränkungen, aber mehr noch mit der Fremdbestimmtheit und den amtlichen Unverschämtheiten, die Hartz IV mit sich bringt, und gegen die sie immer wieder versucht hat, sich zu wehren. Das Geld, es hat eigentlich nie gereicht. Nicht zum Tanken des Autos, nicht für einen Elektrorollstuhl, kaum um zu heizen und zu leben. Ein Leben in Armut ist ein anstrengendes Leben.

Texthex' mit schwarzem Humor

Und trotz allem oder vielleicht gerade deshalb: Frau Burger, die "Texthex", wie sie sich nannte, hatte einen rabenschwarzen Humor. Mit sich selbst, mit anderen. Sie hat mit Vorliebe auf ihrem Blog gewirbelt, ordentlich Welle gemacht und ist besonders gerne der – Moment – €DU auf die Füße getreten, im tiefschwarzen Süden Baden-Württembergs. Corona hat sie mit erhobenem Haupt und viel Sarkasmus vorbeiziehen lassen. Nach einem Schlaganfall im Frühjahr hat sie sich zurückgekämpft, die Finger trainiert, damit sie wieder schreiben konnten, den Kopf, damit er die Worte wieder fand. Aber letztlich hatte sie wohl doch genug von diesem Leben. Karin Burger war eine sehr stolze Frau. Zu stolz, um in Abhängigkeit von Ämtern, und in einem immer schwächer werdenden Körper alt zu werden.

Seit Mai liegt "Satiresenf" brach, und die darauf zuletzt angekündigte "Bombe" wird nicht mehr platzen.

"Heute habe ich mich mal 'chic' gemacht", hat sie vor Längerem mal auf "Satiresenf" geschrieben. "Heißt bei mir: Aschenbecher geleert und ein buntes Schleifchen am Rollator." Liebe Frau Burger, Sie werden uns und Ihren LeserInnen fehlen. Und dem Landkreis Sigmaringen. Denn wer, wenn nicht Sie, besenft denn jetzt die ganzen Großkopferten?


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2 Kommentare verfügbar

  • Ruby Tuesday
    am 17.08.2021
    Antworten
    „Eigentlich habe ich keine Worte mehr “, könnten Karin Burgers letzte Gedanken gewesen sein, bevor sie, inzwischen kraftlos geworden, dem Gevatter Tod die Tür öffnete. Über arme Menschen wird viel berichtet, aber arme Menschen haben zu oft keine Medien. Für die gibt es allenfalls Facebook ,…
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