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Ich zähle

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Kommt ein Vöglein geflogen, zückt der Nabu seinen Stift. Auch in diesem Jahr wollen die Naturschützer wieder wissen, wie es um Spatz & Co. bestellt ist. Unsere Autorin hat mit Freude mitgezählt.

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Kohlmeise: III

Entschuldigung, aber ich zähle. Auf Einladung des Naturschutzbunds. Der hat mich ganz konstruktiv und ermunternd mit dem süßen Versprechen sozialer Schwarmwonnen angesprochen: "Retten wir gemeinsam ein Naturparadies." Gemeinsam? Anders als auf den meisten anderen Handlungsfeldern des an allen Ecken und Enden bedrohten Planeten klingt diese Rettung vergleichsweise einfach und bequem. Ich soll eine Stunde lang in meinem "Siedlungsraum" (Garten, Balkon, Fenster oder Stadtpark) die dort beobachtete Anzahl von Vögeln zählen, notieren und dann an den Nabu melden. Dafür kann ich das Online-Meldeformular nutzen oder eine App.

Und ehrlich gesagt: Ich zähle lieber auf dieser Seite der Erdkugel meine gefiederten Kostgänger in einem kleinen Garten im Landkreis Sigmaringen als auf der gegenüberliegenden Hälfte tote Kängurus, Wallabys, Kakadus und Honigfresser. Bisher geschätzt 1,25 Milliarden nach Ansage des WWF, Stand 7. Januar. Da wirst du ja mit Zählen gar nicht mehr fertig? Die App will ich sehen!

Ganz klar bin ich als Mitglied der Generation Hühnerstall-BikerInnen hier in der Pflicht. Hier. Nicht in Australien! Auch wenn ich meine ornithologische oder überhaupt Naturbeobachter-Qualifikation massiv bezweifele. Meine botanischen Kenntnisse begrenzen sich auf die Dichotomie von "Rasen" und "Rosen". Es handelt sich dabei nicht nur um die schlichte Wortbedeutung "Gabelung des Pflanzensprosses". Vielmehr bilden die beiden Kategorien das, was man in der Linguistik ein "minimales Paar" nennt. Das schmückt mich mithin ganz ungemein.

Mit diesem botanischen Basiswissen allerdings kann man weder einen Krieg gewinnen noch als Naturfreundin und Planetenretterin bella figura machen.

Spatz: IIII IIII

Also für mich ist das doch ganz klar ein Spatz? Komisch, der Kamerad taucht in dem Nabu-Vogel-Steckbrief gar nicht auf. Nicht etwa schon wieder eine Bildungslücke? Doch, wie mir der phänotypische Abgleich dessen, was ich "Spatz" nenne, mit dem Vogel-Suchplakat im Internet verrät. Das Vöglein firmiert offiziell unter der Bezeichnung "Feldsperling". Bitte schön:

Feldsperling: IIII IIII

Aus purem Trotz und damit fast präsidial schiebe ich hinterher: umgangssprachlich oder zumindest von mir auch "Spatz" genannt.

Der definierte "Siedlungsraum" dieser meiner Feldstudie ist nachgerade optimal, weil exzesshaft ländlich. Und zwar dort, wo sie, die Ländlichkeit, am tiefsten und irreversibel verzweifelt ist. In unserem Weiler am äußersten Rande des westlichsten Südzipfels der Schwäbischen Alb gibt es nicht einmal Straßennamen. Aber immerhin eine Straße. (Und seit dem Jahr 2000 sogar Kanalisation!) Straßennamen lohnen sich hier nicht, weil nur eine (1) Straße rein und dieselbe wieder raus aus diesem Milchkannen-assoziierten "Siedlungsraum" existiert.

Der Spatz führt

Die Mitmachaktion "Stunde der Wintervögel" hat bereits 80.000 FreundInnen gefunden, berichtet der Nabu. Dabei seien zwei Millionen Tiere gezählt worden. Klarer Spitzenreiter ist der Haussperling, vulgo Spatz, vor der Kohl- und der Blaumeise. Die zum zehnten Mal durchgeführte Untersuchung wird bis zum 20. Januar fortgesetzt, so dass noch Änderungen in der Rangliste möglich sind. Das nötige Mitmachformular findet sich hier. (red)

Auch die Milchkanne ist längst Mythos. Hier rollen neben anderen die Tankwagen der Omira/Lactalis – weltgrößter Milchindustriekonzern, der nicht nur wegen dem Skandal um Salmonellen in der Babymilch 2018 in der Kritik steht. Sondern wegen seiner Milchpulver-Exporte, die auf anderen Kontinenten die landwirtschaftlichen Märkte vernichten.

Keine Milchkannen. Kein Straßenname. Da ist es dann praktischer, einfach nur die Häuser durchzunummerieren. Rodungstechnisch jedoch stehen wir hinter den urbanen Räumen keinen Millimeter zurück. In den 20 Jahren, in denen ich hier wohne, wurden gut zwei Drittel des Baum- und Strauchbestandes um die Handvoll Häuser herum eigeninitiativ und um der schieren Bequemlichkeit willen vernichtet. Diese Natur-aversive Mit-Wut-roden-Ideologie hat hier Tradition.

Feldsperling (Spatz): IIII IIII II

Läuft!

Nochmal wegen meines üblen Karmas als Mitglied der Generation, die – immerhin auf permanente "Wachstum gleich Wohlstand"-Ansage hin – leider den Planeten verfrühstückt hat. Die moralische Schuld daraus kann doch unmöglich so hoch sein, dass wir es verdient hätten, ausgerechnet von den Rechten verteidigt zu werden?

Da, da! Da ist er wieder: dieser eine feige Spatz-Feldsperling mit der schlappen Schwanzfeder! Wenn der am Knödel hängt und es nähert sich auch nur von fern ein Kollege von rechts, gibt er sofort den Knödel preis. Ich nenne ihn Tom Buhrow.

Buntspecht: I

Der heißt Thomas. Also ich glaube jedenfalls, dass es der (eine) Buntspecht ist, den ich vor Jahren schon auf diesen Namen getauft hatte. Früher hat er sich täglich in dem meterhohen Haselnussstrauch und seinem Vegetationsnachbarn aufgehalten, dessen Name mir leider nicht bekannt ist (war weder Rose noch Rasen). Auch den hat mein Vermieter mit Stumpf und Stiel … Sie wissen schon! Seither sehe ich Thomas nur noch ganz selten. Aber er ist wenigstens nicht ... tot?

Eichelhäher: I

Ob es de facto ein Eichelhäher ist oder zwei sind, kann ich nicht mit Sicherheit bestimmen, wenn nicht im zweiten Falle beide gleichzeitig in meinem Garten das Streufutter abräumen. Sieht ja einer aus wie der andere? Seit letzter Woche weiß ich diesem Waldwelten-Polizisten aber wertschätzend zugutezuhalten, dass er seinen Job leise und effektiv zu versehen versteht, ohne dabei die ganze Welt an den Rand der Katastrophe zu bomben.

So. Fertig. Gezählt, gemeldet, gerettet. Ich muss jetzt Schluss machen. Packen. Die Koffer. Denn bestimmt ruft jetzt gleich Joe Käser an, um mir einen Sitz im Siemens-Aufsichtsrat anzubieten.


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