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Dialog mit Hölderlin

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250 Jahre alt wird in diesem Jahr der berühmte Schriftsteller Friedrich Hölderlin. Wie hat er getickt? Zeit, seiner "Verfahrungsweise des poetischen Geistes" auf den Grund zu gehen.

Hölderlin hat selber darüber geschrieben, wie er seine Arbeit als Autor begreift. "Über die Verfahrungsweise des poetischen Geistes" heißt der Text. So fängt das Ding an:

Wenn der Dichter einmal des Geistes mächtig ist, wenn er die gemeinschaftliche Seele, die allem gemein und jedem eigen ist, gefühlt und sich zugeeignet, sie vestgehalten, sich ihrer versichert hat, wenn er ferner der freien Bewegung, des harmonischen Wechsels und Fortstrebens, worinn der Geist sich in sich selber und in anderen zu reproduciren geneigt ist, wenn er des schönen im Ideale des Geistes vorgezeichneten Progresses und seiner poëtischen Folgerungsweise gewiß ist, wenn er eingesehen hat, daß ein nothwendiger Widerstreit entstehe zwischen der ursprünglichsten Forderung des Geistes, die auf Gemeinschaft und einiges Zugleichseyn aller Theile geht, und zwischen der anderen Forderung, welche ihm gebietet, aus sich heraus zu gehen, und in einem schönen Fortschritt und Wechsel sich in sich selbst und in anderen zu reproduciren, wenn dieser Widerstreit ihn immer vesthält und fortzieht, auf dem Wege zur Ausführung ...

WTF, Hölderlin, du hast doch auch für Zeitschriften geschrieben! Was haben sie dir eigentlich im Journalistik-Grundkurs beigebracht? Schon mal was von Aufmerksamkeitsspanne gehört? Jeder Satz mit mehreren Nebensätzen lässt sich in einzelne Hauptsätze mit nicht mehr als einem Nebensatz auseinandernehmen. Das hier sind bis jetzt ungefähr zehn Nebensätze, und der Hauptsatz immer noch in weiter Ferne.

... wenn er ferner eingesehen hat, daß einmal jene Gemeinschaft und Verwandtschaft aller Theile, jener geistige Gehalt gar nicht fühlbar wäre, wenn diese nicht dem sinnlichen Gehalte, dem Grade nach, auch den harmonischen Wechsel abgerechnet, auch bei der Gleichheit der geistigen Form (des Zugleich- und Beisammenseyns), verschieden wären, ...

Okay, WTF geht eigentlich auch nicht. Bei Abkürzungen zuerst ausschreiben, Abkürzung in Klammern, später nur noch Abkürzung, so lautet die Regel: What the Fuck (WTF). Ich gebe zu, das war für mich ein wenig eine Double-Bind-Situation. Nein, nicht wegen der Anglizismen. An Fremdwörtern habt ihr ja auch nicht gespart. Eher griechisch und so, so ändern sich die Zeiten. Nein, WTF ist eigentlich unterste Schublade, ganz niederes Stilniveau, überhaupt nicht literaturwürdig. Passt ganz und gar nicht zu deinem gehobenen Ton.

... daß ferner jener harmonische Wechsel, jenes Fortstreben, wieder nicht fühlbar und ein leeres leichtes Schattenspiel wäre, wenn die wechselnden Theile, auch bei der Verschiedenheit des sinnlichen Gehalts, nicht in der sinnlichen Form sich unter dem Wechsel und Fortstreben gleich bleiben, wenn er eingesehen hat, daß jener Widerstreit zwischen geistigem Gehalt (zwischen der Verwandtschaft aller Theile) und geistiger Form (dem Wechsel aller Theile), zwischen dem Verweilen und Fortstreben des Geistes, sich dadurch löse, daß eben beim Fortstreben des Geistes, beim Wechsel der geistigen Form die Form des Stoffes in allen Theilen identisch bleibe, ...

Alter Schwede, Hölderlin, wo soll das hinführen? Nein, ich weiß, dass du kein Schwede bist, sagt man halt so, weiß auch nicht warum. Gab es bei euch nicht, ihr wart eher humorbefreit.

... und daß sie eben so viel ersetze, als von ursprünglicher Verwandtschaft und Einigkeit der Theile verloren werden muß im harmonischen Wechsel, daß sie den objectiven Gehalt ausmache im Gegensaze gegen die geistige Form, und dieser ihre völlige Bedeutung gebe, ...

Meine Fresse, die Redaktion killt mich. Ich hatte einen Text angeboten darüber, wie Hölderlin so gedacht hat. In seinen eigenen Worten. Sonst besteht ja immer die Gefahr, dass man da was rein interpretiert oder dazu erfindet, was er so gar nicht gemeint hat. Wie gehen denn die Kollegen damit um? Schau'n wir mal, SWR: "Kaum ein anderer Dichter fordert die Künste und seine Leserschaft bis heute so heraus wie er." Das kann man wohl sagen. "Seine tragische Lebensgeschichte zwischen Genie und Krankheit spiegelt die politischen und kulturellen Kämpfe im Zeitalter der Aufklärung und der Französischen Revolution: um bürgerliches Selbstbewusstsein, Demokratie und Menschenrechte." Biografie, Zeitumstände, alles gut und schön. Aber Hölderlin ist doch nicht berühmt geworden, weil er verrückt geworden ist, sondern wegen dem, wie er geschrieben hat. Die Verfahrungsweise.

... daß auf der anderen Seite der materielle Wechsel des Stoffes, der das Ewige des geistigen Gehalts begleitet, die Mannigfaltigkeit desselben die Forderungen des Geistes, die er in seinem Fortschritt macht, und die durch die Forderung der Einigkeit und Ewigkeit in jedem Momente aufgehalten sind, befriedige, daß eben dieser materielle Wechsel die objective Form, die Gestalt ausmache im Gegensaze gegen den geistigen Gehalt ...

Das Hölderlin-Jahr hat ja noch kaum begonnen. Der Geburtstag ist am 20. März, da wird sich der eine oder andere schon noch was einfallen lassen. Andererseits wurde über Hölderlin auch bisher schon viel geschrieben. Vor zwei Jahren erst der 175. Todestag. Christian Linder damals im Deutschlandfunk: "Ob Friedrich Hölderlin am Ende seines Lebens wirklich 'geistig umnachtet' war, ist bis heute nicht geklärt." Genie und Wahnsinn, prima Stoff, aber ziemlich ausgelutscht. Dazu kurze Textausschnitte: "Heimat An deinen Pfaden, o Erd'// Hier wo Rosendornen / Und süß Linden duften neben / den Buchen, des Mittags" – Gedichte abschreiben kann ich auch. Aber die Verfahrungsweise! Wie hat er das gemacht, wie ist er vorgegangen?

... wenn er eingesehen hat, daß andererseits der Widerstreit zwischen dem materiellen Wechsel, und der materiellen Identität, dadurch gelöst werde, daß der Verlust von materieller Identität, von leidenschaftlichem, die Unterbrechung fliehendem Fortschritt ersetzt wird durch den immerforttönenden allesausgleichenden geistigen Gehalt, ...

Einerseits, andererseits. Hölderlin, alter Junge, ich weiß gar nicht, wie die das machen wollen, jetzt ist ja dein 250. Geburtstag, der soll ganz groß gefeiert werden. In Lauffen und Tübingen – Nürtingen weniger, die haben sich total verstritten, ob das Haus, in dem du aufgewachsen bist, wieder in den Originalzustand versetzt oder aufgestockt werden soll, und jetzt ist gar nichts fertig.

... und der Verlust an materieller Mannigfaltigkeit, der durch das schnellere Fortstreben zum Hauptpunct und Eindruk, durch diese materielle Identität entsteht, ersezt wird, durch die immerwechselnde idealische geistige Form ...

"WTF 1770 – Hölderlin meets Beethoven" heißt tatsächlich ein Stück des Tübinger Zimmertheaters zum Hölderlin-Jubiläum. Ich geb' zu, WTF hab' ich da geklaut. Passt einfach zu gut. Ganz schön clever, die beiden 250er in ein Programm zusammenzupacken. Musik geht immer, da kommt's nicht so drauf an, ob man die Lyrics komplett versteht.

... wenn er eingesehen hat, wie umgekehrter weise eben der Widerstreit zwischen geistigem ruhigem Gehalt und geistiger wechselnder Form, so viel sie unvereinbar sind, so auch der Widerstreit zwischen materiellem Wechsel und materiellem identischen Fortstreben zum Hauptmoment, so viel sie unvereinbar sind, das eine wie das andere fühlbar macht, ...

Lauffen auch: Hölder, das Rockmusical. Gab ja schon mal die Band Hoelderlin in den siebziger Jahren, mit oe geschrieben, vielleicht wieder so’n Urheberrechts-Ding. Lange Haare, bisschen crazy, Sympathie für die Revolution, gern in der Natur unterwegs: das hat schon ganz gut gepasst. Was aus denen wohl geworden ist? "Im Juli 2006 spielte Hoelderlin auf dem Burg Herzberg Festival vor 10.000 Konzertbesuchern", heißt es auf Wikipedia. Seither wenig Neues. Wär' vielleicht der geeignete Moment für eine neue Reunion. Ob dir das gefallen hätte?

... wenn er endlich eingesehen hat, wie der Widerstreit des geistigen Gehalts und der idealischen Form einerseits, und des materiellen Wechsels und identischen Fortstrebens andererseits sich vereinigen in den Ruhepuncten und Hauptmomenten, und so viel sie in diesen nicht vereinbar sind, eben in diesen auch und ebendeßwegen fühlbar und gefühlt werden, wenn er dieses eingesehen hat, ...

Hölderlin, ernsthaft: das sind bis jetzt 3865 Zeichen (mit Leerzeichen), mehr als zweieinhalb Seiten in deiner Textausgabe und immer noch der erste Satz. Nichts als Nebensätze, um die 40 schätzungsweise, bevor du endlich auf den Punkt kommst. Zum Hauptsatz:

... so komt ihm alles an auf die Receptivität des Stoffs zum idealischen Gehalt und zur idealischen Form.

Was das heißen soll, Hölderlin, kapier' ich ehrlich gesagt nicht so ganz. Kommt wahrscheinlich noch, sind ja erst zehn Prozent deines Traktats, kann ich hier aber nicht weiter ausführen – die Redaktion gibt mir 10 000 Zeichen, mehr nicht. Noch so ein Satz und ich bin raus. Gut, der nächste geht noch, der ist von der Länge her halbwegs okay:

Ist er des einen gewiß und mächtig wie des andern, der Receptivität des Stoffs, wie des Geistes, so kann es im Hauptmomente nicht fehlen.

P.S.
Wer ergründen will, was es mit Hölderlins Text auf sich hat, mag es mit dem Büchlein von Jürgen Thies, Mitbegründer der Freien Kunstakademie Nürtingen, versuchen: Friedrich Hölderlin und die "Einheit in Göttlichem-Harmonisch-entgegengesetztem" – Versuch einer Analyse, herausgegeben von Jürgen Thies, Nürtingen 2016.


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