KONTEXT:Wochenzeitung
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Hold, holder, Hölderlin

Hold, holder, Hölderlin
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"Wenn Ihre von mir geschätzte kritische Wochenzeitung aus Stuttgart Hölderlin zitiert, dann sollte sie das Zitat auch korrekt wiedergeben." Das schrieb uns in der vergangenen Woche Rudi Deuble vomStroemfeld-Verlag, ehemals Roter Stern in Frankfurt am Main, bezüglich eines Kontext-Artikels in Ausgabe 267: "Libido oder Libero?" war der Titel, "der Vaueffbeh in der zweiten Liga? Da halten wir es mit Hölderlin" ging's weiter und dann: "Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch." Das ist falsch.

"Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch (...)"

heißt's nämlich richtig. Zur Interpretation lag dem Brief das rosarote, nach frisch gedruckt duftende Stroemfeld-Bändchen "Philologie als Rettung" von Roland Reuß bei, herzlich zur Lektüre empfohlen und tatsächlich erfrischend erhellend. Reuß beschreibt darin, welche Wichtigkeit beim Hölderlin das Ende der ersten Zeile, der Umbruch zur vollen Entfaltung des Wörtchens "wächst" besitzt. Es bezieht sich zunächst auf die "Gefahr", die immer größer wird, alleine weil ihr die Zeile keinen Punkt zur Begrenzung spendiert. Und erst im Lesen über den Zeilensprung hinaus – "durch das Redehandeln" sozusagen – wird das "wächst" zum Prädikat, hüpft also in die nächste Zeile und kuschelt sich, wie zum zweiten Akt, dann doch an das "Rettende".

Dem Retten übrigens ist im Büchlein viel Platz gewidmet, denn ein wenig als Retter sieht sich dessen Autor auch selbst. Als Kämpfer jedenfalls gegen den ständigen Falschgebrauch des besagten Hölderlin-Zitats. Zuletzt, so steht es in einer Fußnote des Essays, von Lukas Beckmann beim 35. Parteijubiläum der Grünen 2011. Ganz zuletzt eben bei Kontext. "Man muss hier sehr genau hinsehen", schreibt Reuß. ... 'tschuldigung.

Seinem Rat aber schließen wir uns an. Das genaue Hinsehen wird sowieso ständig unterschätzt. Vor allem in der Presse, wo das Lesen sich ja meist vor das Sehen drängelt. Auch bei Kontext. Dabei erzählt eine Fotografie von Joachim E. Röttgers fast so viel wie die berühmte Hölderlin-Edition von Stroemfeld.

Die besten Werke unseres Fotografen sind ab Sonntag in einer Ausstellung im Theaterhaus zu sehen. Um 18.30 Uhr wird Leni Breymaier, Verdi-Landesbezirksleiterin Baden-Württemberg, die feierliche Vernissage eröffnen. Joachim E. Röttgers wird dort die besten Bilder zeigen, die er in fünf Jahren Kontext "geknipst" hat, wie er sagt.

Nicht von Großkopferten, die sowieso schon Sonnenbrand haben vom Blitzlichtgewitter. Sondern von "Unterprivilegierten, wie sie früher genannt wurden", schreibt Röttgers Kollege und Freund Hans-Ulrich Grimm in seinem Porträt "Der Menschenknipser". Er fotografiert "Proletarier aller Länder, Behinderte, Flüchtlinge. Arme und Ausgegrenzte. Er zeigt sie mit Würde, in ihrem Reich, in dem sie ganz groß sind."

Oder, um es noch mal mit Hölderlin zu versuchen:

"Der Not ist jede Lust entsprossen,
Und unter Schmerzen nur gedeiht
Das Liebste, was mein Herz genossen,
Der holde Reiz der Menschlichkeit."


PS: Wer wissen möchte, wo Hölderlin schon mal entlanggelaufen ist, der sollte hier klicken.


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