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Antisemitismus

Der erste Polizei-Rabbiner

Antisemitismus: Der erste Polizei-Rabbiner
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Nur 0,1 Prozent der deutschen Bevölkerung ist jüdisch. Und dennoch sind zwei Drittel der religionsfeindlichen Hasskriminalität antisemitisch. Das ist, man kann es nicht anders sagen, eine Schande. Und es bezeugt die fundamentalen Versäumnisse deutscher Erinnerungskultur.

"Der Internationale Holocaust-Gedenktag an diesem Mittwoch", schreibt Maram Stern, Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses, "wird gleich von mehreren Entwicklungen überschattet." Nicht nur verhindert die Corona-Pandemie direkte Begegnungen – und damit "die Eindringlichkeit und Nähe eines persönlichen Eindrucks" – mit den "wenigen Überlebenden, die Zeugen dieses ungeheuerlichen Verbrechens sind". Noch schlimmer als in den Vorjahren, betont Stern, sind die aktuell um sich greifenden Verschwörungsmythen. Als "besonders widerlich" empfindet er dabei die Versuche aus der "Querdenken"-Szene, "für sich selbst eine Opferrolle in Anspruch zu nehmen, die den Opfern des Holocaust gleichkommt" – während man Seite an Seite mit bekannten Neonazis marschiert oder sich Judensterne mit der Aufschrift "ungeimpft" anheftet. "Ich weiß nicht, was schändlicher sein könnte, als sich im Angesicht der hochbetagten Überlebenden von Auschwitz, Majdanek und tausender anderer Konzentrationslager und Ghettos an deren Leidensgeschichte zu vergreifen."

Das ist nicht nur entsetzlich anmaßend, der Inbegriff von Empathielosigkeit, Verblendung und Zynismus, wie Stern schreibt. Es ist auch brandgefährlich. "Denn das Denken prägt das Handeln, und verwirrte Menschen können sehr viel Schaden anrichten."

Am 9. Oktober 2019 versuchte ein antisemitischer Terrorist in Halle, 51 Menschen zu ermorden, die in einer Synagoge den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur (zu deutsch: das Versöhnungsfest) feierten. Weil es ihm nicht gelang, ins Gebäudeinnere einzudringen, erschoss der Rechtsextremist wahllos zwei Menschen und wurde im Dezember 2020, unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. "Heute ist ein wichtiger Tag für Deutschland", kommentierte Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, den Richtspruch, denn er mache deutlich, "dass mörderischer Hass auf Juden auf keinerlei Toleranz trifft". Doch es ist gleichermaßen erschreckend wie aufschlussreich, wenn er im selben Atemzug dazu sagt: "Nicht selten erleben wir in der Justiz eine Sehschwäche auf dem rechten Auge."

Sechs Millionen Gründe

Nach dem Terror von Halle erinnerte Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), die deutsche Nation an "sechs Millionen Gründe, besonders sensibel gegenüber Neonazi-Bewegungen und linkem Judenhass zu sein." Dennoch, betonte er in einem Gastbeitrag für die FAZ, "es ist dem Land auf erschreckende Weise nicht gelungen, das jüngste Wiederaufleben des Antisemitismus wirksam zu bekämpfen – vor allem im Bereich Polizei und Justiz gibt es nach wie vor deutliche Rückstände." Lauder verweist auf die alarmierenden Befunde einer Studie, die der WJC beauftragt hat. Demnach ist eine Vielzahl von Deutschen der Meinung, "dass Juden zu viel über den Holocaust sprechen (41 Prozent)" und "mehr als ein Viertel der deutschen Eliten vertritt die antisemitische Überzeugung, dass Juden im Geschäftsleben (28 Prozent) und in globalen Angelegenheiten (26 Prozent) zu viel Macht haben". Er zieht daraus den Schluss: "Offensichtlich waren manche der erzielten Fortschritte nicht so nachhaltig, wie viele dachten. Um es ganz deutlich zu sagen: Nur zwei Generationen nach dem Holocaust sind Juden in Deutschland und in der Welt wieder Ziele von Übergriffen."

Quer durch ganz Europa nimmt der Antisemitismus zu. Nicht nur in Ungarn, wo sich der Regierungschef an Hetzkampagnen gegen George Soros beteiligt. Auch in der Bundesrepublik, wo die Hasskriminalität gegen Juden seit Jahren zunimmt. Dabei findet teils das rechtspopulistische Narrativ Verbreitung, wonach der Anstieg an einem "importierten Antisemitismus" liege, von dem auch schon Politiker wie Jens Spahn (CDU) oder Heiko Maas (SPD) sprachen. "Dies erlaubt es, den Antisemitismus als Fremdkörper zu behandeln, der vor allem bei Muslimen und Migranten zu finden sei", analysierte der Journalist Alexander Nabert in einem Beitrag für die "Jungle World". Doch während auch islamischer Judenhass, der auf antizionistischen Demonstrationen teils roh und unkodiert in Erscheinung tritt, ein Problem darstellt, heißt das keineswegs, dass die deutsche Gesellschaft den Antisemitismus überwunden hätte. Die Statistiken sind jedenfalls eindeutig: Knapp 85 Prozent der antisemitischen Gewalttaten, so zeigen es die Zahlen der Sicherheitsbehörden, sind rechtsextremistisch motiviert. Religiöse Beweggründe und die sogenannte Ausländerkriminalität fallen da weit weniger ins Gewicht.

In Baden-Württemberg, wo Bernd Gögel als Fraktionschef der AfD mit seinen Gleichgesinnten gegen die Einführung eines Antisemitismusbeauftragten stimmte, sieht das nicht anders aus. So meinte Gögel einen Widerspruch darin zu erkennen, dass sich die Altparteien "feierlich zu den Anständigen in Deutschland erklären", während doch seit 2015 aus Ländern, "in denen Antisemitismus Staatskult ist, aus Ländern, in denen Adolf Hitler noch heute verehrt wird, über eine Million junge Männer in dieses Land geholt worden" seien. Allerdings waren 2018 auch im Südwesten von 136 antisemitischen Straftaten 130 der rechten Szene zuzuordnen.

Dabei handelt es sich nur um die erfassten Fälle. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer judenfeindlicher Verbrechen erheblich höher liegt, wie unter anderem Michael Blume betont. Der konnte seine Arbeit als Antisemitismusbeauftragter gegen den Widerstand einer rechtsradikalen Gesamtpartei aufnehmen und hat im Oktober 2019 einen umfassenden Bericht mit Handlungsempfehlungen vorgelegt.

Eine von vielen positiven Folgen: Moshe Flomenmann, Landesrabbiner und Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach, hat seit Jahresbeginn eine weitere Aufgabe übernommen. Als bundesweit erster Polizei-Rabbiner für Baden sensibilisiert und informiert er nun Polizisten und Polizeischüler über jüdische Themen. Dass das Bundeskriminalamt in der Jüdischen Gemeinde Halle "keinen auffälligen Risikopunkt" erkennen wollte, dass es also nur dem unerwarteten Versagen der Mordwaffe zu verdanken ist, dass der Terror vom 9. Oktober 2019 nicht noch mehr Opfer umbrachte, zeigt, wie bitter nötig solche Schritte sind.

 

Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

Online-Gedenkkundgebung: Nie wieder! Gedenkstätte "Zeichen der Erinnerung", Nordbahnhof Stuttgart; die Aufzeichnung der kleinen, aus Pandemiegründen nicht-öffentlichen Veranstaltung wird am 27. Januar online gestellt, Link zur Aufzeichnung abrufbar hier und hier.

Digitale Live-Stream-Führung im Hotel Silber mit Kurator Friedemann Rincke, Schwerpunkt: die Verfolgung der Zeugen Jehovas. Auf Instagram kann live und aktiv an der Führung teilgenommen werden (Voraussetzung: ein eigener Instagram-Accoun), danach wird die Führung ohne Beschränkung sowohl auf dem Instagram- als auch auf dem Facebook-Kanal des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg abrufbar sein.

Podcast: "Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus". Ein Gespräch mit dem Historiker Hubert Roser. Ab 10 Uhr auf der Website www.geschichtsort-hotel-silber.de unter „Digital“ abrufbar.

Gedenkstunde des Landtags von Baden-Württemberg zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Ab 8:30 Uhr online unter: https://www.ltbw.de/gedenken

 


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1 Kommentar verfügbar

  • SSV Ulm 1846 - aweng asozial, aber immer antifaschistisch!
    am 31.01.2021
    Antworten
    Das ist es, was uns alle an den Querdenkern stört: ihre traute Eintracht mit Antisemiten, Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und esoterischen und religiösen Sekten.
    Deshalb: Nein zu diesen Verwirrten!
    Kapitalismuskritik: immer, und zwar von links!
    Aber keinen Fußbreit diesen antisemitischen…
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