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"Querdenker" in Konstanz

Völlig losgelöst

"Querdenker" in Konstanz: Völlig losgelöst
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 Fotos: Patrick Pfeiffer 

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Datum:

Gesteigerte mediale Aufmerksamkeit sicherten sich die "Querdenker" in Konstanz durch die Ankündigung, mit einer riesigen Menschenkette im Guinness-Buch der Rekorde zu landen. Ein spektakulärer Fall von Windbeutelei.

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Imposante Menschenketten haben in Baden-Württemberg eine gewisse Tradition. So schlossen sich am 10. September 2010, im Zuge der Protestbewegung gegen Stuttgart 21, knapp 70.000 Demonstrierende in der Landeshauptstadt zusammen. Doch es geht noch größer: Etwa am 22. Oktober 1983, als circa 400.000 Menschen eine Kette von Stuttgart bis nach Neu-Ulm bildeten, 100 Kilometer lang, um gegen die geplante Stationierung von Atomwaffen zu protestieren. Die Messlatte liegt also hoch. Doch Gerry Mayr – Extremsportler, Motorrad-Experte und umtriebiger "Querdenker" –, hat schon zahlreiche Rekorde gebrochen. Um nur einige Verdienste aufzulisten: Im Guinness-Buch der Rekorde landete er bereits 1997, als er die Panamericana, eine Strecke von fast 24.000 Kilometern, mit einem Pick-Up zurücklegte. Schneller als alle anderen, umrundete Mayr 2001 das östliche Mittelmeer mit einem Kleinlaster. Und 2018 setzte er sich auf einen Quad mit Anhänger und fuhr vom Bodensee nach Benin, 10.000 Kilometer weit.

Vergangenes Wochenende, so schien es zumindest, startete der Rekordjäger den nächsten Anlauf, sich einen weiteren Eintrag im Guinness-Buch zu sichern: Diesmal allerdings ohne Vehikel, sondern mit der ersten Menschenkette, die durch vier Länder führt. Und wenn es dann mit der angepeilten Teilnehmerzahl von 250.000 Personen klappt, den ganzen Bodensee zu umrunden, wäre das "die längste Friedenskette, die es in Deutschland je gab", behauptete Mayr im "Südkurier". Statt der erhofften Viertelmillion beteiligten sich dann aber laut Polizei nur etwa 11.000 Menschen an der Aktion. Stimmt nicht, meinen die Veranstalter und verkünden auf ihrer Website: "Mit 25.000 Menschen im Abstand von 3 Meter ist uns es vermutlich gelungen eine Friedenskette von ca. 75 Kilometer Länge zu realisieren." Nach Adam Riese wäre es mit der eigentlich angestrebten Teilnehmerzahl, die um ein zehnfaches höher lag, also nicht nur gelungen, den Bodensee zu umrunden, sondern weiter bis nach Straßburg – das fünfte Land für den Weltrekord! – zu menschenketten, dann auf einen Schlenker nach Brüssel, und von dort aus ab nach Rotterdam, wo immer noch rund 70 Kilometer Budget verblieben, um ein paar Mal die Innenstadt einzukesseln. 

Beim Guinness-Buch weiß man von nichts

Die Kalkulationen scheinen also auf wackligen Beinen zu stehen. Noch kurioser gestaltet sich die sonderbare Gemengelage durch eine Anfrage beim Guinness-Buch. Eigentlich müsste Mayr als alter Hase ja bestens Bescheid wissen, wie man einen Rekordversuch geltend macht. Auf Anfrage der Redaktion versichert eine Sprecherin jedoch, dass das Event – auch wenn die Veranstalter mit dem Logo warben – "kein offizieller 'Guinness World Records'-Titelversuch" sei, und auch keine Gutachter des Guinness-Buchs vor Ort waren. Stattdessen liest sie den "Querdenkern" die Leviten: "Wegen der Gesundheitsrisiken, die die gegenwärtige Covid-19-Pandemie mit sich bringt, empfehlen wir allen Bewerbern und Bewerberinnen nachdrücklich, die örtlichen Gesundheitsbehörden zu konsultieren, bevor sie entscheiden, ob sie einen solchen Versuch starten wollen." Zuletzt darf der Hinweis nicht fehlen, dass der gegenwärtige Rekord für die längste Menschenkette am 11. Dezember 2004 aufgestellt wurde, mit etwa fünf Millionen Beteiligten, gut 1.000 Kilomter lang, von Teknaf nach Tentulia in Bangladesh.

Doch ungeachtet des Umstands, dass die Absicht, einen weiteren Eintrag im Guinness-Buch einzuheimsen, im Vorfeld als ziemlich unrealistisch erscheinen musste, genügte allein die Ankündigung eines Rekordversuchs – die offenbar kaum eine Redaktion hinterfragen wollte – für großen Medientrubel und gesteigerte "Querdenker"-Präsenz in den Nachrichten. Um "die Ausmaße des Protests und der Menschenkette abschätzen zu können", war etwa der "Südkurier" am vergangenen Samstag, dem Tag der Aktion, mit Luftbildfotograf und Pilot im Einsatz. "Sie bestätigen: Eine ununterbrochene Menschenkette gab es nicht."

Doch dass es ein paar Lücken gibt, scheint die Teilnehmenden nicht besonders zu stören. "Die schließen wir im Geiste", sagt eine Beteiligte, die sich an der Diskrepanz zwischen Erwartung und Wirklichkeit nicht weiter zu stören scheint. Auch Rekordjäger Mayr meint, dass er zufrieden mit der Aktion sei (er hatte außerdem angekündigt, bei der Abschlusskundgebung vom Samstag "Merkel abzuwählen"; auch das hat nicht geklappt). Seitens der Polizei, die sich mit insgesamt 29 angemeldeten Kundgebungen und Demonstrationen in Konstanz auf ein arbeitsintensives Wochenende eingestellt hatte, wird eine ernüchternde Bilanz gezogen: Die Teilnehmerzahlen seien teils deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben, heißt es. Andere Kundgebungen, darunter eine, für die 5.000 Teilnehmer angemeldet waren, "fanden dagegen erst gar nicht statt". Sonderlich viel Aufregendes scheint am vermeintlichen Rekordsamstag nicht passiert zu sein – denn laut Polizei habe es keinerlei "herausragende Vorkommnisse" gegeben. Und damit wenigstens irgendwas in der Pressemitteilung zum Demonstrationsgeschehen steht, findet dort Erwähnung, wie zwei Maskenpflichtverweigerer aus einer Gaststätte geworfen wurden.

Rechtsextrem mit Blumenschmuck

"Wo sind denn die ganzen Nazis?", ist so ein Wortfetzen, der seitens verschiedener "Querdenker" am Samstag öfter herüberweht. Offensichtlich ist es ironisch gemeint, denn die meisten stufen sich scheinbar nicht als rechtsextrem ein. Tatsächlich lassen sich – im Gegensatz zu früheren "Querdenker"-Aktionen – kaum rechte Symbole ausfindig machen, der Großteil wirkt bunt und munter.

Dann aber sind da Menschen wie Stephan Bergmann, der zwar kein Hakenkreuz auf die Stirn tätowiert hat und mit seiner Vorliebe für Blumenschmuck ganz harmlos erscheint. Aber Bergmann ist auch Gründungsmitglied des Reichsbürgervereins "Primus inter Pares", den sogar der baden-württembergische Verfassungsschutz – nicht bekannt fürs leichtfertige Schwingen der Nazikeule – als rechtsextrem einstuft. Zudem existieren Belege, wie Bergmann im Netz vor der Vermischung der Rassen warnt, mit der der IQ der weißen Bevölkerung reduziert werden solle; wie Bergmann den verurteilten Holocaust-Leugner Nicolai Nerling umarmt; wie Bergmann im Gespräch mit einem AfD-Politiker verkündet, er habe schon von "verschiedenen Sehern und verschiedenen Prophezeiungen" gehört, dass das deutsche Volk von "diesem Gebiet aus und von dieser, ja, Menschenseele, dass da die Befreiung der Welt geschehen wird". Und obwohl das alles seit Wochen bekannt und dokumentiert ist, darf Stephan Bergmann bis heute der offizielle Pressesprecher der "Querdenken"-Bewegung bleiben. In Konstanz ist er mit einer Trommel unterwegs und singt fröhlich "No Corona, no cry".


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6 Kommentare verfügbar

  • Ulrich Hartmann
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Die Diskrepanz zwischen den Fakten und ihren Vorstellungen stört die "Querdenker" nicht, denn viele von ihnen sind einerseits Anhänger von Donald Trump. andererseits Esoteriker, die meinen, daß man eine Wirklichkeit herbeimeditieren, herbeiwünschen oder herbeitrommeln kann.
    Reichsbürgerdenken…
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