KONTEXT:Wochenzeitung
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Gefährliches Online-Zocken

Gefährliches Online-Zocken
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Online-Glücksspiele boomen, und Corona verstärkt diesen Trend noch. Besonders bei Sportwetten werden dabei Kunden mit ihrem vermeintlichen Fachwissen gelockt, am Ende verdienen nur die Anbieter. Suchtexperten fordern deshalb ein totales Werbeverbot. Die Politik geht lieber einen anderen Weg.

Als Ralf Fuchs (Name von der Red. geändert) begann, regelmäßig höhere Beträge vom gemeinsamen Konto abzuheben, schöpfte seine Frau Verdacht. Zunächst vermutete sie, dass er fremdging und Geld für seine Geliebte brauchte. Aber als sie nachbohrte, gestand er ihr, dass er im Internet zockt und aufs gemeinsame Konto zurückgreifen musste, weil alle anderen Quellen erschöpft waren. Über die Jahre hatte sich ein Schuldenberg von 60.000 Euro angehäuft.

Seine Frau war entsetzt, glaubte aber zunächst Ralf Fuchs' Beteuerungen, dass er aufhören würde. Als er trotzdem weitermachte, stellte sie ihn vor die Alternative: Entweder zieht sie mit dem Kind aus, oder er geht zur Therapie. Dies hat er dann vor zwei Jahren auch getan. Ein Jahr lang blieb Fuchs abstinent, wurde wieder rückfällig, aber jetzt ist er offenbar "trocken".

Nach Einschätzung des Stuttgarter Suchtberaters Martin Epperlein hat der 40-Jährige noch Glück gehabt: "Ich kenne andere Fälle von Spielsüchtigen, bei denen die Beziehung und das Häusle futsch waren und am Ende auch noch der Job verloren ging." Zwar hat der Mitarbeiter der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) vor allem mit Automaten-Spielern zu tun, die noch ganz traditionell in der Spielhalle sitzen und vergeblich aufs große Glück warten. Doch Epperlein beobachtet einen Trend, der ihm Sorgen macht: die zunehmende Attraktivität von Angeboten im Internet.

Besonders junge Menschen sind gefährdet

Nur ein Fünftel der Fälle beziehen sich bei der eva bisher auf die Online-Wetten und -Spiele. Abteilungsleiterin Cornelia Holler verweist darauf, dass es im Jahr rund 1.200 Erstkontakte mit Süchtigen gibt. 68 Prozent der Fälle betreffen Geldspielautomaten in Spielhallen und im Gastrobereich, 22 Prozent Online-Glücksspiele. Hinzu kommen einige, die hauptsächlich an Automaten spielen und dazu noch bei Online-Glücksspielen unterwegs sind.

Milliardengewinne, riesige Folgekosten

Deutschland ist der größte Glücksspielmarkt Europas. Lottogesellschaften, Sportwetten- und Casinoanbieter setzen hierzulande nach Daten der Bundesländer 13,9 Milliarden Euro um. Der Schwarzmarkt ist riesig: Ein Fünftel dieser Summe entfällt auf bislang illegale Angebote. Allein an die zwei Milliarden Euro verdienen Anbieter illegaler Online-Casinos schätzungsweise im Jahr. Den größten Anteil haben nach wie vor Spielautomaten in Gaststätten und Spielhallen mit einem Marktanteil von gut 42 Prozent, gefolgt von den 16 Lotteriegesellschaften der Bundesländer mit etwa 33 Prozent. Illegale Angebote wachsen seit Jahren am schnellsten. Während die Glücksspielindustrie an den Süchtigen viel verdient, kosten diese den Staat viel Geld. Einer Studie der Universität Hohenheim zufolge betrugen die Folgekosten von Glücksspielsucht in Deutschland im Jahr 2008 schätzungsweise 326 Millionen Euro.  (rl)

64 Prozent der Klienten sind zwischen 25 und 44 Jahre alt, nur sieben Prozent zwischen 14 und 18. Das liegt daran, dass eher die älteren Süchtigen zu den persönlichen Beratungsgesprächen kommen, erklärt Epperlein. "Die jüngeren Spieler suchen sich eher Beratungsangebote im Internet und klopfen vermutlich bei Beratungsstellen an, die explizit jüngere Leute als Zielgruppe ansprechen." Gerade die junge internetaffine Generation sieht Epperlein als besonders gefährdet für die Verlockungen der Online-Angebote.

Corona verstärkt dies offenbar noch: Online-Glücksspiele finden momentan eine größere Resonanz als bisher, weil die Menschen viel mehr Zeit zu Hause verbringen und öfter als sonst im Internet unterwegs sind, berichten laut Epperlein seine Klienten. "Es wird definitiv mehr online gespielt."

Wie schnell man in die Sucht hineinrutschen kann, zeigt für den Suchtexperten sein Fallbeispiel. Ein Mann ist über Toto-Lotto-Fußballwetten zu Sportwetten im Internet gekommen. Ihm war nicht nur zu langweilig geworden, auf Sieg oder Niederlage in der Bundesliga zu setzen, bei den Online-Sportwetten in Ligen aus aller Welt witterte er auch höhere Gewinne.

Hierin liegt für Epperlein eine besondere Gefahr. "Die Beteiligten fühlen sich als Fußballexperten und meinen, mit ihren Kenntnissen bei den Wetten große Chancen zu haben." Die typische Fehleinschätzung von Süchtigen: Bei anfänglichen Gewinnen werden die Einsätze immer riskanter. Dies führe langfristig auf die Verliererstraße.

Die Sucht entsteht meist in drei Phasen

Wettanbieter versprechen, mit gutem Fachwissen könne beim Wetten Geld verdient werden. Diesem Irrglauben unterliegen einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln zufolge besonders aktive Sportlerinnen und Sportler. Doch zahlreiche Studien haben gezeigt, dass es keinen Unterschied macht, ob Laien oder Experten tippen. Es ist Glückssache.

Hunderttausende Süchtige

Suchtberater beklagen, dass das Thema Spielsucht immer noch unterschätzt wird. Erhebungen zufolge weisen 1,5 Prozent der Deutschen ein problematisches bis krankhaftes Spielverhalten auf, was etwa 1,2 Millionen Menschen bedeuten würden. Kleiner sind die Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), nach deren Angaben in Deutschland 326.000 Menschen als problematisch Spielende und 180.000 als pathologisch gelten. Laut einer Umfrage der BZgA von 2017 zum Glücksspielverhalten in Deutschland, haben 75,3 Prozent der Befragten im Alter zwischen 16 und 70 Jahren irgendwann in ihrem Leben an einem Glücksspiel teilgenommen. 37,3 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten 12 Monaten an einem Glücksspiel teilgenommen zu haben.  (rl)

Untersuchungen zeigen auch, dass Glücksspielsucht meist in drei Phasen entsteht. Zu Beginn begrenzen Spieler das Zocken auf die Freizeit. Verluste werden in dieser ersten Phase schnell wieder ausgeglichen, gleichzeitig bekommen Spieler Routine, ihre Risikofreude steigt. Damit beginnt die zweite Phase, die so genannte Verlustphase. Die Betroffenen spielen immer häufiger, versuchen, höhere Gewinne zu erzielen. Damit beginnen die ersten familiären und finanziellen Probleme. In der dritten Phase wird das Spiel zum Lebensmittelpunkt, den Betroffenen ist die Kontrolle über ihre Sucht völlig entglitten.

So ähnlich ist auch der Verlauf bei Ralf Fuchs gewesen. Dessen Fall zeige auch, wie einfach der Zugang zu den Online-Glücksspielen und Sportwetten geworden sei, betont Epperlein. Fuchs hat nämlich meist auf dem Smartphone gespielt, oft auch während der Arbeitszeit im Büro. Überall könne heute unauffällig gespielt werden, und dies werde auch genutzt, weil die Betroffenen, ähnlich wie an der Börse, befürchten, eine Gewinnchance zu verpassen. Außerdem ist die Gefahr, entdeckt zu werden, viel geringer als beim Alkoholismus. Glücksspielsucht könne so lange verborgen bleiben, sagt Epperlein, auch vor Angehörigen und Freunden. Im Schnitt werden 25.000 Euro Schulden gemacht.

Aus all diesen Gründen tritt Epperlein entschieden für ein totales Verbot der Werbung für Online-Glücksspiele ein, um keine Anreize zu schaffen, vor allem auch für Jugendliche. Er schlägt Alarm, weil er festgestellt hat, dass ein Markt, der sich bislang zu einem Großteil in der Illegalität abspielt und meist von ausländischen Anbietern bedient wird, durch die Corona-Pandemie weiter befeuert worden ist, und weil für ihn besonders Sportwetten ein Milliardengeschäft mit hohem Suchtpotenzial sind. Mit seiner Forderung und Einschätzung ist sich der Suchtberater mit vielen seiner Kollegen einig.

Online-Angebote: illegal, aber geduldet

Dessen ungeachtet setzt die Politik nicht auf Verbote, sondern auf die Legalisierung von Angeboten, um den Markt besser unter Kontrolle zu bekommen. Anfang des Jahres haben sich die Bundesländer nach zähen Verhandlungen grundsätzlich auf eine Reform des Glücksspielmarktes in Deutschland geeinigt. Damit würden Sportwetten, Online-Poker, virtuelles Roulette sowie virtuelles Automatenspiel bundesweit für Anbieter, die eine Lizenz erhalten, legal. Offiziell sind sie bisher illegal, die Anbieter werden nach Angaben des Glücksspielforschers Tilman Becker von der Universität Hohenheim nur geduldet. Aber auch da gibt es Abstufungen.

Vieles bewegt sich in einer Grauzone. So beruft sich der Anbieter Tipico, für den Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn wirbt, auf eine EU-Lizenz. Aber auch Anbieter ohne Lizenz sind ganz einfach im Internet zu finden. Ins Darknet müsse man da gar nicht abtauchen, meint Epperlein. Besonders ärgert ihn, dass bundesweit im Fernsehen für Online-Glücksspiele geworben werde, mit dem Zusatz, dass dies nur für Einwohner Schleswig-Holsteins erlaubt sei. Denn das Land hat in der Vergangenheit schon einen Sonderweg eingeschlagen, hat sich dann den anderen Ländern wieder angeschlossen, nun aber im Vorgriff auf den Staatsvertrag Lizenzen an bestimmte Anbieter von Online-Glücksspielen vergeben.

Die Beschränkung auf Schleswig-Holstein sei leicht zu umgehen, sagt Epperlein. Denn es sei einfach, sich mit einer falschen Identität anzumelden oder eben irgendeinen anderen Anbieter zu wählen. Der Staat habe gar nicht die Kapazitäten, die Szene im Internet zu kontrollieren, bestätigen Suchtexperten. Und Vorgaben, wie sie ab dem kommenden Jahr bundesweit gelten sollen, dass ein Spieler nur 1.000 Euro im Monat einsetzen dürfe, könnten leicht umgangen werden, sagt Epperlein. Auch Ralf Fuchs hat über mehrere Kreditkarten gespielt.

Der Schwarzmarkt erlebt seit Jahren einen Boom, der durch die Corona-Krise weiter angeheizt worden ist. Nicht nur dem Staat entgehen dadurch hohe Steuereinnahmen, auch die staatlichen Lotterien verlieren Erträge. Der Großteil der Angebote – Sportwetten, Online-Casinos, Online-Poker, virtuelles Roulette sowie virtuelles Automatenspiel, zum Teil mit einer Konzession aus einem anderen EU-Land – wird hierzulande bisher praktisch geduldet.

Der Finanzexperte der Linken-Bundestagsfraktion, Fabio de Masi, kritisiert die mangelnde Aufsicht. Zahlungsdienstleister und die Finanzaufsicht würden wegschauen, so könnten über das Online-Glücksspiel Drogen-Kartelle und die Mafia Geldwäsche betreiben. Den gegenwärtigen Wildwuchs in Deutschland kritisiert er als "organisierte Verantwortungslosigkeit". Entschieden kritisiert de Masi "die geplante Liberalisierung der Online-Zockerbuden".

Inzwischen hat der Bundesverband der Deutschen Glücksspielunternehmen (BDGU) Klage erhoben gegen einen Privatsender, der bundesweit Werbung für Online-Glücksspiele macht, die bisher nur in Schleswig-Holstein zugelassen sind. Nachdem in den vergangenen Wochen Lotto-Kioske und Spielhallen geschlossen hatten, verzeichneten die Online-Anbieter noch stärkeren Zulauf – der Verband will die Werbeoffensive fürs Online-Glücksspiel daher unterbinden.

Politik will bessere Kontrolle – und mehr Einnahmen

Warum sind die Bundesländer an einer Legalisierung von Online-Glücksspielen interessiert? Ein Argument ist, dass den Ländern erhebliche Einnahmen entgingen. Deutschland ist der größte Glücksspielmarkt Europas, auf dem ein Fünftel der Umsätze auf dem Schwarzmarkt erzielt werden. Als Grund wird aber auch genannt, dass die Spieler in einem unregulierten Markt nicht geschützt werden könnten. Aber für Suchtexperten wie Epperlein sind die Vorgaben zum Schutz von Spielern im Internet ohnehin fraglich, weil dort Missbrauch, zum Beispiel durch falsche Identitäten, leicht möglich sei. Anders als im realen Leben, wo die Zahl der Automaten in einer Spielhalle oder in einem Casino reglementiert ist und  die Spieler unter Beobachtung stehen.

Laut dem neuen Glücksspielvertrag soll es auch eine gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder geben. Dies begrüßt der Hohenheimer Forscher Tilman Becker, denn es eröffne Möglichkeiten, effektiver gegen illegale Anbieter im Internet vorzugehen. Voraussetzung dafür sind für ihn aber einige wesentliche Verbesserungen des Vertrags, die er in vier Forderungen zusammengefasst hat. Erstens müsse die neue Behörde Rechtsverordnungen erlassen können, damit sie schnell auf die rasanten technischen Entwicklungen reagieren kann. Zweitens sollten illegale Internet-Angebote ebenso besteuert werden wie die legalen, damit sie keine Vorteile gegenüber legalen Anbietern haben, die oft eine Steuer- und Abgabenlast von fast 50 Prozent haben. Drittens sollte im Strafgesetzbuch die Möglichkeit geschaffen werden, auch strafrechtlich gegen illegale Anbieter vorgehen zu können. Die entsprechenden Paragrafen des auf Deutschland beschränkten Strafgesetzbuches müssten an die Situation im Internet angepasst werden. Viertens fordert Becker, die wissenschaftliche Glücksspiel-Forschung zu stärken.

Im kommenden Jahr soll der Staatsvertrag in Kraft treten. Das Land Baden-Württemberg begrüßt ihn, "weil im Glücksspielwesen etwa wegen der Online-Angebote und der länderübergreifenden Werbung ein ländereinheitliches Vorgehen sinnvoll ist", betont das Staatsministerium auf Kontext-Nachfrage. "Die Gefahren des Online-Glücksspiels sehen wir durchaus. Allerdings sind die Nachfrage und der Trend zu Online-Angeboten und auch Sportwetten nicht aufzuhalten", heißt es weiter. "Ein Verbot würde lediglich illegales, viel gefährlicheres Glücksspiel befördern. Über den neuen Glücksspielstaatsvertrag wird diese Nachfrage hin zu legalen, kontrollierten Angeboten kanalisiert. Dies dient insgesamt dem Spielerschutz", ist das Land überzeugt.

Daneben will Baden-Württemberg die wissenschaftliche Begleitung stärken und hat die Förderung der bundesweit einmaligen Forschungsstelle Glücksspiel in Hohenheim zugesagt. Die Einrichtung, die sich seit mehr als 15 Jahren mit Fragen zu dem Thema beschäftigt, erhält nun jährlich 100.000 Euro vom Land. Darüber hinaus engagiert sich die Staatliche Toto-Lotto-GmbH Baden-Württemberg zunächst für zwei Jahre mit jeweils 100.000 Euro. Dies ist zumindest ein Versuch, Suchtgefahren beim Online-Glücksspiel ein Stück weit einzudämmen. Inwieweit das bei einem rasant wachsenden und äußerst lukrativen Markt erfolgreich sein kann, steht auf einem anderen Blatt.


Am 27. Mai befasst sich auch der Innenausschuss des baden-württembergischen Landtags auf Antrag der FDP-Fraktion mit dem Thema. Es geht um die Regelungen des Glücksspielstaatsvertrags, insbesondere auch darum, wie der Schutz für Spieler und Jugendliche gewährleistet werden soll.


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