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Der Menschenfreund

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Durch seine Urheberrechtsklage gegen die Bahn wurde Peter Dübbers 2010 schlagartig einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Es ging ihm darum, das Hauptwerk seines Großvaters Paul Bonatz vor der Teilzerstörung durch Stuttgart 21 zu erhalten. Nun ist der Architekt im Alter von 81 Jahren gestorben.

David gegen Goliath, meinten viele, als Peter Dübbers vor zehn Jahren gegen die Deutsche Bahn juristisch zu Felde zog. Er tat dies, um den Stuttgarter Hauptbahnhof, erbaut 1914 bis 1928 von seinem Großvater Paul Bonatz, in allen seinen Teilen zu erhalten – denn für das Projekt Stuttgart 21 sollten die beiden Seitenflügel abgerissen werden. Tatsächlich scheiterte er mit seiner Urheberrechtsklage, so wie auch schon die Bedenken des Denkmalamts gegen die Zerstörung dieses Kulturdenkmals von besonderer Bedeutung zum Schweigen gebracht worden waren. Aber Dübbers war seitdem eine stadtbekannte Persönlichkeit.

Bis dahin hatten die wenigsten gewusst, dass es einen lebenden Enkel, ebenfalls Architekt, von Paul Bonatz gab. Auch wenn dieser 1977, zu Bonatz' 100. Geburtstag, in der Reihe "Stuttgarter Beiträge" mit dem Denkmalpfleger Norbert Bongartz und dem Bauhistoriker Frank Werner eine kleine Publikation auf den Weg gebracht hatte, die erstmals das Lebenswerk seines Großvaters vorstellte. Und auch wenn viele Stuttgarter den einen oder anderen Bau, für den Dübbers selbst verantwortlich zeichnete, gut kennen müssen.

Aber Dübbers musste man schon sehr direkt fragen, um zu erfahren, was er selbst als Architekt geleistet hatte. Sein größtes Projekt, die Erweiterung des Messegeländes am Killesberg in den späten 1980er Jahren, ist zum überwiegenden Teil heute schon wieder Geschichte. Das von Horst Bidlingmaier und Heinz Egenhofer gegründete Büro, in dem Dübbers vom Angestellten zum Teilhaber aufgestiegen war, war damals mit 20 Mitarbeitern so groß wie nie. Geblieben ist die im Zuge der IGA 93 gebaute Stadtbahnhaltestelle Killesberg: kennzeichnend in verschiedener Hinsicht für die Arbeit des Architekten.

Eine U-Bahn-Haltestelle ist per se nichts, was als Architektur überhaupt wahrgenommen wird, schon allein weil sie im Erdboden versteckt ist. Dennoch bedeutet die Bauaufgabe, wenn sie nicht nur als pure Zweckerfüllung verstanden wird, eine nicht geringe gestalterische Herausforderung. Dübbers tat alles, um den Abstieg in die Tiefe zu einem so weit wie möglich vom Tageslicht bestimmten Erlebnis und die Haltestelle selbst zu mehr als einer Reklamefläche zu machen. Keine Plakate, keine Videos: Die Wände ziert in voller Länge der "Wandfilm" des Künstlers Ulrich Bernhardt (bekannt auch durch ein ikonisches 68er-Plakat) zum Thema "Kulturströme".

Für einen Architekten ungewöhnlich uneitel

Im Anschluss hat Dübbers weitere Haltestellen entworfen, etwa den Stadtbahnhalt Filderstadt in Bernhausen oder die S-Bahn-Station Winterbach. Dass er ein guter Zusammenarbeiter war, sprach sich bei seinen Auftraggebern herum. Sein Büro hat, in der Regel von Wettbewerben ausgehend, ausschließlich öffentliche Bauten errichtet, von der Stadthalle Leonberg, Dübbers' erstem großen Werk, bis hin zur Katholischen Fachschule für Sozialpädagogik in Stuttgart-Degerloch. Für einen Architekten ungewöhnlich uneitel, standen für ihn nicht die eigenen Ideen im Mittelpunkt, sondern ein für alle Beteiligten gelungenes Ergebnis.

Sicher war es auch die dominierende Position seines Großvaters, die ihn zur Bescheidenheit gemahnte. Denn zum einen war ihm von Paul Bonatz, der ihm den Architektenberuf selbst nahelegte, ein Bewusstsein für Qualität sozusagen in die Wiege gelegt. Zum anderen wäre es von vornherein aussichtslos gewesen, den Architekten, nach dem der von 1959 bis 1974 vergebene Paul-Bonatz-Preis benannt war, überbieten zu wollen. Persönlich war es allerdings eine eher kurze Begegnung. Seit 1943 in Ankara, kam Bonatz erst 1954 endgültig nach Stuttgart zurück, als Dübbers gerade mal 16 war, und starb zwei Jahre danach.

 

Seine Kindheit hat Dübbers in Kornau bei Oberstdorf verbracht. Als Paul Bonatz in die Türkei gegangen war, zog die Mutter, Bonatz' Tochter Susanne, mit den Kindern in das von ihrem Vater erbaute Ferienhaus, das später der Dichter Arthur Maximilian Miller übernahm, und in dem sich heute die Maximilian-Miller-Stiftung Haus Bonatz befindet. 1950 kehrte die Familie nach Stuttgart zurück, in das im Krieg zerstörte und von Bonatz selbst leicht verändert wiederaufgebaute dritte Wohnhaus des Architekten am Bismarckturm, in dem Dübbers bis zu seinem Lebensende gewohnt hat.

Hier, zwischen der Waldorfschule am Kräherwald, die seine drei Kinder besuchten, und dem Killesberg-Messegelände, seinem größten Auftrag, hat sich ein Großteil seines Lebens abgespielt. Dübbers ist nie viel gereist, auch wenn er 1968, frisch verheiratet, ein Stipendium der Villa Massimo in Rom erhielt, wo dann auch seine älteste Tochter Tanja zur Welt kam. Hinter seinem Haus am Bismarckturm führt der Bonatzweg vorbei. Vier weitere Häuser hat sein Großvater in der unmittelbaren Umgebung erbaut: von dem des Lederfabrikanten Fritz Roser gleich gegenüber bis hin zum Domizil Ferdinand Porsches.

Der Mensch war Dübbers wichtig

Bonatz war für Dübbers zeitlebens ein Vorbild, weit mehr als sein Vater, der auch Architekt war. Es waren jedoch nicht die Bauformen, an denen er sich orientierte: Als Dübbers, nach Bonatz' Tod, in Stuttgart sein Architekturstudium aufnahm, hatte sich die Formensprache längst gewandelt. Rolf Gutbrod, der Architekt der Liederhalle, hat von einer "zweiten Stuttgarter Schule" gesprochen. Doch auch er war Schüler von Bonatz gewesen. Der Mensch war Dübbers wichtig: Es ging kollegial und humorvoll zu im Büro und am Lehrstuhl seines Großvaters, selbst noch in nationalsozialistischer Zeit.

Bonatz war nie ein Nazi: Eine jüngst erschienene umfassende Untersuchung der Universität Stuttgart kommt sogar zu dem Schluss, dass er zu den Verfolgten des Naziregimes gehörte. Wie er selbst sehr wohl ahnte, entging Bonatz bereits 1933 nach einer despektierlichen Äußerung in der Schweiz nur um Haaresbreite dem KZ. Für jüdische Studentinnen, Studenten und Mitarbeiter tat er das Menschenmögliche. Für Dübbers muss es unerträglich gewesen sein, als sich viele abschätzig über seinen Großvater äußerten und ihn in ideologische Nähe zum NS-Regime rückten, bis hin zu Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und Ministerpräsident Günther Oettinger (der die Seitenflügel des Hauptbahnhofs auch als "Hüttenkruscht" bezeichnete).

So kam es 2010 zur Urheberrechtsklage. Und obwohl er der Protestbewegung gegen S 21 ursprünglich keineswegs nahe stand, wurde Dübbers, als er aus nächster Nähe miterleben musste, wie mit den Kritikern des Milliardenprojekts umgegangen wurde, zu einem engagierten Mitstreiter der "Architekten für den Kopfbahnhof". An der Umstiegs-Variante hat er mitgearbeitet. Gegen die Verunstaltung des Rest-Bonatzbaus für ein Hotel durch den Tiefbahnhofsarchitekten Christoph Ingenhoven hat er vergeblich Einspruch erhoben.

Dies alles hat ihn belastet. Seine Gesundheit war ohnehin angeschlagen, seit er infolge einer Operation auf Medikamente angewiesen war. Während des Urheberrechtsstreits, der ihn auch finanziell unter Druck gesetzt hat, kam noch ein Gallenleiden hinzu. Doch er hat nie geklagt, vielmehr seine Kräfte eingebracht, so lange es ging – auch auf anderen Gebieten, etwa den Einrichtungen des Viktor-Köchl-Hauses.

Irgendwann ging es nicht mehr. Er ist nicht am Corona-Virus gestorben, vielmehr hat die Krise seinen drei Kindern Gelegenheit gegeben, im Haus am Bismarckturm seine letzten Tage mit ihm zu verbringen. Gegenseitig lasen sie sich aus Bonatz' Lebenserinnerungen vor, die Dübbers fast auswendig kannte. Er war eben auch der Verwalter des Nachlasses seines Großvaters, der sich inzwischen am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt befindet.

Dübbers wird im engsten Kreis im Familiengrab am Waldfriedhof Stuttgart beigesetzt. Als seine Mutter Susanne Dübbers, geborene Bonatz, vor 40 Jahren starb, hatte die Stadt die Bonatz-Grabstätte bereits als Ehrengrab übernehmen wollen. Doch auf Dübbers‘ Wunsch ist die Familie weiterhin für den Unterhalt aufgekommen: damit er dort, an der Seite seines Großvaters, seine letzte Ruhestätte fände. "Beizeiten", so seine älteste Tochter Tanja Dübbers, soll aber auch noch eine öffentliche Ehrung folgen.


August 2011: Peter Dübbers warnt auf der 89. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 vor der Zerstörung des Bonatzbau-Südflügels. Video: Walter Steiger


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2 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 24.04.2020
    Antworten
    Der uneitle Utopist(?), dem der Mensch wichtig war.

    Grenzgänger allemal, zwischen der Bildungselite und dem mündigen Bürgertum.
    Mittler zwischen dem Gestern und Heute, als Bewahrer für schützenswertes Kulturgut.
    Kritischer im Geist und in sich ruhender mit dem Bewusstsein, dass laut sein nicht…
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