In der Stuttgarter Klett-Passage Zeitungen verkaufen mit Cocker Scoubidou. Foto: privat

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Ausgabe 427
Gesellschaft

Leben in Kisten

Von Anne Brockmann
Datum: 05.06.2019
Seit Jahren sucht Martin Kikiny in Stuttgart eine Wohnung – vergebens. Weil er zwei Hunde hat, bleibt ihm der Zutritt zu Notunterkünften verwehrt. Also lebte er im Auto. Das gab Ärger. Mittlerweile schläft er meistens auf der Straße.

Martin Kikiny hält seine Hände schulterbreit auseinander. Er erinnert sich an sein letztes Zuhause und versucht, die Größenverhältnisse zu beschreiben. "Das war die Küche", sagt er, als er auf den Raum zwischen seinen Händen blickt. Etwa 60 Zentimeter misst der. "Ein Euro", fügt Martin Kikiny noch hinzu. Das Bad: genauso groß. Das Schlafzimmer: ebenso. Und beide auch: ein Euro.

Was Martin Kikiny beschreibt, sind nicht Zimmer, sondern Plastikboxen. Er hatte mehrere davon in einem Kramladen für jeweils einen Euro erstanden und darin sein Hab und Gut sortiert. In einer Kiste waren Töpfe, Messer, Lebensmittel untergebracht. Das war die Küche. In einer anderen wohnten Zahnbürste, Rasierapparat, Toilettenpapier. Das war das Bad. In einer dritten bewahrte er seine Kleider auf – Hosen, Westen, Kopfbedeckungen. Das war das Schlafzimmer. Diese Kisten standen über viele Jahre im Kofferraum eines Autos ordentlich nebeneinander. Mit dem Griff in eine Kiste betrat Martin Kikiny ein Zimmer. Denn das Auto war für lange Zeit sein Zuhause.

Martin Kikiny stammt aus einem abgelegenen Dorf in der Slowakei. Er hat in seiner Heimat die Schule besucht und eine Ausbildung zum Koch absolviert. Aber weil sich dort einfach keine Arbeit finden ließ, zog es ihn als jungen Mann mit Anfang 20 nach Deutschland. Leicht hat er es auch hier nicht. Während der ersten Jahre schlug er sich als Bettler und Straßenkünstler durch. Als Pantomime verwandelte er sich auf dem Schlossplatz in verschiedene Gestalten. Mittlerweile hat Martin Kikiny eine Festanstellung. In der Arnulf-Klett-Passage verkauft er die Straßenzeitung "Trott-war". Außerdem besitzt er einen Wohnberechtigungsschein, der den Vermietern zusichert, dass das Jobcenter seine Miete bezahlt.

Tiere sind unerwünscht

Mit einer Wohnung in Stuttgart wollte es dennoch nicht klappen. Martin Kikiny teilt sein Leben mit zwei Hunden, den Cockerspaniels Benny und Scoubidou. Er vermutet darin den Grund für seine Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche: "Die Vermieter wollen keine Tiere im Haus", sagt er. Und weil auch in den Notunterkünften keine Tiere gestattet sind, blieb für Martin Kikiny nur das Auto als Heim. Denn sich von seinen Hunden zu trennen, ist für ihn keine Option.

Seine erste Wohnung richtete er sich in einem Ford Mondeo ein. Den hatte er aus der Slowakei mitgebracht. Baujahr: 1998. Kilometerstand: rund 40 000. Eckdaten, die Fahrern normalerweise wichtig sind, spielten für Martin Kikiny aber überhaupt keine Rolle. Der Motor musste laufen, damit er die Heizung anwerfen konnte. Das war alles. Und dass es sich bei dem Mondeo um einen Kombi handelte, war praktisch. Martin Kikiny klappte die Sitze um und schuf sich mithilfe seiner Plastikboxen im Rückraum des Wagens Schlafzimmer, Küche und Bad. Zum Kochen zog er mit seiner Küche ins Freie um. Er stellte neben seinem Auto einen Gaskocher auf und nutzte die Motorhaube als Arbeitsplatte. Unzählige Paprika hat er darauf geschnippelt. Denn das Lieblingsgericht des gelernten Kochs ist Gulasch nach Szegediner Art. Oft hat er nicht nur für sich, sondern für einen ganzen Kreis von Menschen gekocht. Freunde zum Essen einladen – auch das war mit dem Auto als Wohnung kein Problem.

Immer wieder verscheucht ihn die Polizei

Martin Kikiny mochte sein Leben im Auto. Er fand es beinahe unbeschwert. Wären da nicht die Begegnungen mit der Polizei gewesen. "Die Polizisten haben mich manchmal mitten in der Nacht geweckt und aufgefordert, wegzufahren", erinnert er sich. Dabei hat er nie an verbotenen Orten geparkt. Auch das gehört zum Know-how, das man dringend braucht, wenn man im Auto lebt: Wo kann ich über einen längeren Zeitraum legal und kostengünstig stehen?

Martin Kikiny hat oft den alten Busbahnhof in Obertürkheim genutzt. Dort kostete ihn das Parken 60 Euro im Monat. Immer wieder wurde er aber auch von dort vertrieben. Dabei spricht laut Straßenverkehrsordnung nichts dagegen, im eigenen Auto zu übernachten. Es gibt kein Verbot. Allerdings hat die Polizei die Aufgabe, den Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Als öffentliche Ordnung gilt die Gesamtheit der ungeschriebenen Regeln, die der Einzelne in der Öffentlichkeit zu befolgen hat. Darauf können sich Polizisten berufen, wenn sie von Menschen wie Martin Kikiny mitten in der Nacht verlangen, den Standort zu wechseln.

Denn das Leben im Auto könnte theoretisch Unannehmlichkeiten für andere mit sich bringen. Müll könnte rund um das parkende Fahrzeug anfallen. Der Parkplatz zur Toilette werden. Oder Ungeziefer sich angezogen fühlen. Neben dem Platzverweis darf die Polizei auch mit Verwarnungen und Geldbußen arbeiten. Der Gebrauch ist aber jedes Mal eine Einzelfallentscheidung. Das hat auch Martin Kikiny so erlebt. "Manchmal haben die Polizisten einfach nach dem Rechten geschaut, uns freundlich behandelt und sind weitergezogen, wenn sie gesehen haben, dass bei uns alles in Ordnung ist. Manchmal haben sie richtig Druck gemacht", erzählt der 36-Jährige. Auch ihn haben immer wieder Verwarnungen und Bußgelder getroffen.

Ein Auto für einen Euro

Eines Tages wurde sein Ford Mondeo schließlich abgeschleppt. Da hatte er von jetzt auf gleich keine Bleibe mehr. "Dann ist aber etwas Unglaubliches passiert", sagt Martin Kikiny mit einem Strahlen. Als die Mechaniker aus der Werkstatt, in die er seinen Wagen manchmal gebracht hatte, mitbekamen, was ihm widerfahren war, haben sie ihm für den symbolischen Preis von einem Euro ein Auto geschenkt. Einen Opel Astra hatte Martin Kikiny nun. Alt und klapprig, aber mit laufendem Motor.

Verwarnungen und Bußgelder bekam er auch mit seinem neuen Gefährt. Zuletzt sei die geforderte Strafe so hoch gewesen, dass er Angst bekam, erzählt der Mann. Er will keine Probleme mit der Polizei haben, sagt er. Denn er wolle in Deutschland bleiben. Deshalb hat er sein Auto vor anderthalb Jahren an seine Eltern in der Slowakei verschenkt. Seitdem weiß er kurz vor Feierabend oft nicht, wo er die Nacht verbringen wird. Er pendelt zwischen Brücken, Friedhöfen und Parks. Manchmal kommt er bei Freunden unter.

Dabei hat er inzwischen sogar eine eigene und vor allem bezahlbare Wohnung. Die liegt aber nicht in Stuttgart, sondern in Sulz am Neckar, etwa 70 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt. Dort kann er wohnen, aber nicht arbeiten, denn die Straßenzeitung verkauft sich dort nicht gut. Das tägliche Pendeln fräße beinahe seine gesamten Einkünfte. Schließlich braucht er nicht nur Tickets für sich, sondern auch für seine beiden Hunde.

Und so hat Martin Kikiny eine Wohnung, die er nur am Wochenende nutzen kann. Aber wenn es in Sulz geklappt hat, klappt es eines Tages vielleicht auch noch in Stuttgart. Die Hoffnung jedenfalls gibt Martin Kikiny nicht auf.


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