Ist bunt und macht Spaß: Zirkus-Mutter-Erde-Festival, 2017. Foto: Sven Weber

Ausgabe 377
Gesellschaft

Warum Knödel nachhaltig sind

Von Oliver Stenzel
Datum: 20.06.2018
Nachhaltigkeit, eine hohle Vokabel? Mit viel Fantasie und Engagement füllen die MacherInnen des Zirkus-Mutter-Erde-Festivals, das am Wochenende zum dritten Mal in Stuttgart stattfindet, den Begriff mit Leben. Und sie haben noch viel mehr vor.

Überall stehen Paletten und Eimer voller Gemüse in der Küche und im Essensraum des Generationenhauses West in Stuttgart. Paprika, Tomaten, Pilze, Kartoffeln undundund. Alles vom Verein Foodsharing geliefert, der von Supermärkten Essen abholt, das nicht mehr verkauft werden kann, obwohl es noch problemlos zu genießen wäre. Etwa ein Dutzend junge Frauen und Männer hocken an den Tischen, schnibbeln, quatschen, lachen. Es wird vorgekocht für das bevorstehende Zirkus-Mutter-Erde-Festival. Welche Gerichte es gibt, hängt davon ab, was geliefert wird. "Wahrscheinlich Ratatouille", sagt Kim Illy, "und auf jeden Fall Knödel."

Knödel? Ja, die haben besonders viel mit Nachhaltigkeit zu tun. Ganz einfach deshalb, weil immer viel Brot entsorgt wird und sich daraus wunderbar welche machen lassen. Die Knödel haben sich mittlerweile zu einem Markenzeichen des Festivals entwickelt, das, vom Verein Zirkus Mutter Erde organisiert, am kommenden Wochenende zum dritten Mal auf dem Berger Festplatz in Stuttgart stattfindet. Und auch die Resonanz lässt sich am Knödel messen. Im ersten Jahr: 1000 Portionen, alle weg. Im zweiten Jahr 2000, auch alle weg. "In diesem Jahr machen wir 4000 Portionen", sagt Illy, die auch Vorstand des Vereins ist. Die aus kostenlos gelieferten Zutaten zubereiteten Essen werden auf dem Festival auch kostenlos verteilt, Geld zur Deckung der Unkosten verdienen die MacherInnen nur über den Getränkeverkauf, über Spenden, oder wenn Besucher das Pfand fürs Geschirr schenken.

Aber ums Geldverdienen geht es ja sowieso nicht, sondern um Nachhaltigkeit. Und die geht bei Zirkus Mutter Erde nicht nur durch den Magen. Auf dem Festival, so die Grundidee, soll das Thema Nachhaltigkeit in der Gesellschaft präsentiert und dafür regionalen Vereinen, Initiativen und Organisationen eine Plattform geboten werden – um sich vorzustellen und zu informieren, aber auch, um sich auszutauschen und zu vernetzen. Dabei sind dieses Jahr rund 20 Gruppen, darunter das Aktionsbündnis Recht auf Wohnen, die Initiativen Freifahren und Radentscheid, die Obdachlosenzeitung "Trottwar", die Casa Schützenplatz und das Linke Zentrum Lilo Herrmann.

Drei Themenbereiche sollen in diesem Jahr im Mittelpunkt stehen, "Mobilität und Feinstaub", "Sozialer Wohnraum und neue Formen des Zusammenlebens" sowie "Nutzung des öffentlichen Raums und Subkultur". Zu jedem dieser Themenbereiche gibt es mehrstündige Vortragsblöcke im Vortragszelt. Neben der reichhaltigen Hirn- und Magenkost gibt es im Hauptzelt noch ein abwechslungsreiches Musikprogramm mit Bands wie Dreiblatt, Cast Glass und Peaceful Peas – alle aus Stuttgart, denn alles andere wäre wegen der langen Anfahrtswege nicht sehr nachhaltig.

"Verein für Nachhaltigkeit" nennen sich Zirkus Mutter Erde, "obwohl wir den Begriff anfangs eigentlich gar nicht verwenden wollten", erinnert sich Illy. Ist Nachhaltigkeit doch mittlerweile zu einem etwas beliebigen Label, zu einer ausgelutschten, hohlen Vokabel geworden. Letztlich geht es aber vor allem darum, ihn mit Leben zu füllen. "Nachhaltigkeit hat drei Säulen, die soziale, die wirtschaftliche und die ökologische", sagt Illy, "und wir versuchen die auf dem Festival auch umzusetzen." Nicht nur durch Vermittlung von Inhalten, sondern auf allen Ebenen. Dadurch, dass die Flyer und Plakate auf Umweltschutzpapier gedruckt werden, dass durch Foodsharing gerettete Lebensmittel zu Essen gekocht und umsonst herausgegeben werden, dass überhaupt kein Einweg-Geschirr verwendet werde, alles über Pfand laufe. "Wir geben auch keinen Müll an die Besucher raus, keine Servietten oder sonst etwas." Es gehe darum, ein Bewusstsein für die Auswirkungen des eigenen Handelns zu schaffen, für Wirkungszusammenhänge zu sensibilisieren – und letztendlich die Menschen selbst zum Handeln anzuregen.

Begonnen hatte 2015 alles damit, dass sich Kim Illy, wie sie sagt, "ein bisschen untätig gefühlt hatte", angesichts dessen, was in der Welt gerade alles passiert. "Ich wollte gerne etwas mit Umwelt und Nachhaltigkeit machen", erzählt sie, "und weil ich aus dem Kulturmanagement-Bereich komme, erschien mir das Organisieren eines Festivals das einfachste." Die Idee stieß auch in Illys Freundeskreis auf fruchtbaren Boden, viele stiegen gleich mit ein.

Ein Verein wurde gegründet, um das Festival zu organisieren. Den Namen "Zirkus Mutter Erde" wiederum steuerte Co-Vereinsvorstand Marc Stegmaier bei, inspiriert von früheren Aufenthalten in Südamerika. Dort gilt bei einigen indigenen Völkern Göttin "Pachamama" als personifizierte Erdmutter. Und Zirkus, weil "auf unserer Mutter Erde gerade irgendwie Zirkus ist", sagt Illy, "ein Ungleichgewicht. Das versuchen wir, im Rahmen unserer begrenzten Möglichkeiten, ein bisschen zu korrigieren, andere Sichtweisen mitzugeben, Ansätze, wie man es anders machen könnte."

Zehn Leute organisierten das erste Festival 2016, mittlerweile zählt der Verein 35 Mitglieder. Nachdem anfangs immer alle gemeinsam alles entschieden haben, haben sich nun einzelne Ressorts gebildet, etwa für Marketing, Essen und Getränke, Bühnenprogramm und inhaltliche Arbeit. Eine gewisse Professionalisierung vielleicht, zumindest in der Organisation, mit Kommerz hat das Ganze nach wie vor nichts zu tun. Alle arbeiten ehrenamtlich, jedes Vereinsmitglied ist frei, wie viel es sich einbringt, und der jährliche Vereinsbeitrag von zehn Euro ist eher symbolisch. "Wir haben mit Null Euro angefangen und hatten dann sogar leichte Gewinne auf dem ersten Festival", erzählt Illy, "das Ziel ist immer, Null auf Null rauszukommen."

Mit der Größe des Vereins erweiterten sich mit der Zeit auch die Ziele. Das Festival wuchs, im zweiten Jahr kam zur Musikbühne und den Infoständen etwa das Vortragszelt hinzu, und auch jetzt gibt's wieder Neues. Und zur ursprünglichen Idee, mit einem Festival einmal im Jahr eine Art Plattform zu bieten, gesellten sich weitere Aktivitäten.

Etwa die Sammelaktion "Gib Wolle!": Jährlich Anfang Dezember wird aufgerufen, einen Schuh- oder sonstigen Karton voll warmer Kleidungsstücke zu spenden, die dann in Einrichtungen für Obdachlose verteilt werden, zusammen mit einem von Foodsharing organisierten Brunch. Die Aktion hatte ein späteres Vereinsmitglied schon vor der Gründung von Zirkus Mutter Erde begonnen, nun wird es gemeinsam und dadurch mit mehr Ressourcen und Reichweite umgesetzt.

Und für kommendes Jahr ist das Projekt "Umweltprofis für morgen" geplant, sagt Illy. Da gehe es darum, "dass ein Jahr lang vier bis fünf Schüler mit unserer Unterstützung ein nachhaltiges Projekt realisieren." Dass es in die Bildungsrichtung gehe, liege auch daran, dass es unter den Zirkus-Mutter-Erde-Mitgliedern ein leichtes Übergewicht an PädagogInnen gebe.

Neben der Nachhaltigkeit ist, wie die Homepage informiert, der zweite Grundsatz von Zirkus Mutter Erde "eine positiv-optimistische und freudige Grundstimmung". Tatsächlich ist im Generationenhaus West von missionarischem Ernst nichts zu spüren, es wird viel gelacht. Optimismus braucht es wohl auch, wenn man als im Bereich Nachhaltigkeit engagierter Mensch in Stuttgart mit der kommunalen Politik konfrontiert ist. Von Nachhaltigkeit sei hier wenig zu spüren, ob beim Thema Wohnungsnot oder Feinstaub und Stickoxide. "Wenn ich mir das Thema Diesel-Fahrverbote anschaue, das ist ja wohl ein Witz, was die Stadt da macht", sagt Illy. "Wobei, es ist nicht mal ein Witz, sie macht ja gar nichts." Immerhin da lachen jetzt alle.

Da bleibt nur selber handeln. So soll es im Vorfeld des diesjährigen Festivals einen kleinen Kongress geben, zu dem Zirkus Mutter Erde verschiedene lokale im Bereich Nachhaltigkeit aktive Organisationen und Initiativen eingeladen haben. "Davon gibt es in Stuttgart wahnsinnig viele im Vergleich zu anderen Städten, das ist hier einfach ein Thema", so Illy. Bei diesem "ersten Date" wolle man sich kennenlernen, vernetzen, gemeinsame Aktivitäten ausloten. "Da können wahnsinnige Projekte rauskommen, wenn sich alle diese Gruppen an einen Tisch setzen", glaubt Illy.


Info:

Zirkus Mutter Erde Festival, 23./24. Juni, Sa 12-22 Uhr, So 11-19 Uhr, Berger Festplatz, S-Ost; das ganze Programm gibt's hier.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

0 Kommentare verfügbar

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr
unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.
JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!