Erdoğan-Anhänger demonstrieren während des Umsturzversuchs in der Türkei vor dem türkischen Konsulat in Stuttgart. Foto: dpa

Ausgabe 278
Gesellschaft

"Schier das Herz zerrissen"

Von Susanne Stiefel (Interview)
Datum: 27.07.2016
Mit seiner Familie floh Edzard Reuter als Siebenjähriger vor den Nazis in die Türkei. Heute wird ihm angst und bange um das Land, in dem er seine Jugend verbracht hat. Der ehemalige Daimler-Chef wünscht sich mehr Klartext wie von Mario Gomez. Der will in dieser Türkei nicht länger Fußball spielen.

Herr Reuter, meine zweite Heimat ist die Türkei, sagen Sie immer wieder. Geht Ihnen dieser Satz heute noch über die Lippen?

Wenn die Menschen in einem Land einmal zur zweiten Heimat geworden sind, dann bleiben sie das auch. Deswegen hat es mir schier das Herz zerrissen hat, als die ersten Nachrichten vom Putsch und von der Säuberungswelle kamen. Ich bin ein Mensch, der sich ganz gut im Griff hat, aber ich habe zeitweise nicht mehr gewusst, wie mein Verhältnis zu dieser Türkei in Zukunft sein wird. Inzwischen spricht wieder eher mein Kopf. Trotzdem ist es ein fundamentaler Wandel, der sich derzeit in der Türkei abspielt, und das geht nicht spurlos an mir vorüber.

Der fundamentale Wandel heißt Entlassung von Lehrern, Richtern, Soldaten, von mehr als 60 000 Staatsbediensteten. Ausreiseverbot für Hochschullehrer, Rückruf von Wissenschaftlern im Ausland. Heißt Demonstrationsverbot, Denunziation, Angst. Erleben wir gerade den Tod einer Demokratie direkt vor unserer Haustür?

Man muss es befürchten. Natürlich kann ein Putsch nicht geduldet werden. Aber im Augenblick spricht vieles dafür, dass Präsident Erdoğan nicht zögert, fundamentale demokratische Rechte außer Kraft zu setzen. Es kann mir niemand erzählen, dass innerhalb von 24 Stunden eine so große Zahl von Mitverschwörern identifiziert werden konnte, die jetzt allesamt "gesäubert" werden müssen. Schon allein dieser schreckliche Begriff, der nicht zuletzt von den Nazis in Deutschland erstmals in die Tat umgesetzt worden ist, verträgt sich in keiner Weise mit Menschenrechten und schon gar nicht mit den Strukturen einer modernen Demokratie.

In Deutschland leben drei Millionen türkischstämmige Menschen. Die Spaltung der türkischen Gesellschaft setzt sich in Deutschland fort. Ist die Integration dieser Menschen bei uns gescheitert?

Nein, davon kann keine Rede sein. Allerdings habe auch ich einen großen Schreck gekriegt, als ich nach dem Putsch gesehen habe, was sich hier auf den Straßen in Stuttgart oder in Berlin und anderen großen Städten in Deutschland abgespielt hat. Wo schreiende Menschen mit riesigen Fahnen aufgetaucht sind, wo Scheiben eingeworfen wurden. Es gab und gibt allerdings genauso viele, die diese Auseinandersetzungen auf der Straße aufs Tiefste verachten. Sie sind überzeugte Demokraten. Was nicht ausschließt, dass es auch hier Menschen aus der Türkei gibt, die besinnungslos einem Führer nachlaufen. Das ist gefährlich. Und es ist unsere Aufgabe, mit diesen Menschen zu reden und ihnen klarzumachen, dass es so etwas bei uns nicht geben kann.

Sie haben sich immer für die Integration der Türken in Deutschland eingesetzt, Sie wurden mit dem ersten Manfred-Rommel-Preis des Deutsch-Türkischen Forums in Stuttgart ausgezeichnet. Noch einmal die Frage: Fühlen sich nun diejenigen bestärkt, die immer Zweifel an einer Integration hatten?

Natürlich flammen diese Zweifel wieder auf, weil sich einige türkische Mitbürger nicht an unsere Überzeugungen und Regeln halten. Doch bin ich sehr zuversichtlich, dass es keinen Rückschlag für die Integration geben wird. Wir müssen uns allerdings die Mühe machen, auch die schreienden Erdoğan-Anhänger ernst zu nehmen und ihnen zu erklären, dass wir in Deutschland eine andere Auffassung von Demokratie und Menschenrechten haben, an die sich jeder zu halten hat.

Viele der liberalen und säkularen Türken hier schweigen oder sind zumindest leiser als die Erdoğan-Anhänger. In Deutschland herrscht kein Ausnahmezustand. Warum hört man höchstens verhaltene Stimmen, die sagen: Wir sind nicht einverstanden?

Ich wage zu behaupten, dass das mit einer noch nicht abgeschlossenen demokratischen Entwicklung zu tun hat. Schon in der Nachfolge von Atatürk sind in der Türkei immer Ansätze zu einem demokratischen Weg verfolgt worden. Sie wurden aber festgemacht an Leadern, an führenden Persönlichkeiten. Man folgt einer Person X, das ist die Verkörperung der Partei Y. Es fehlten die gewachsenen parteipolitischen Strukturen, an die wir bei uns gewöhnt sind. Auch unsere demokratischen Parteien werden natürlich durch Persönlichkeiten verkörpert. Doch daneben gibt es eine große Zahl von Menschen, die um den Weg ihrer Partei streiten. Wenn wir heute in eine solche Putschsituation kämen, gäbe es genügend Leute, die auch ohne Aufforderung von Frau Merkel für die Grundprinzipien der Demokratie auf die Straße gehen und sich wehren würden.

Sie sind ein Optimist, Herr Reuter. Aber bleiben wir in der Türkei. Vor drei Jahren sind die Menschen in Istanbul für die Erhaltung des Gezi-Parks auf die Straße gegangen und haben von ihrem demokratischen Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit Gebrauch gemacht. Das Ergebnis kennen wir.

Dieser landesweite Aufstand wurde mit Wasserwerfern und Tränengas niedergeschlagen. Doch diese Proteste waren auch Kennzeichen einer im Werden begriffenen jungen Demokratie. Es gibt sie also, und deswegen wäre es so fatal, wenn Herr Erdoğan diese Wurzeln jetzt mit Gewalt herausreißen würde.

Viele Türken, ob dort oder in Deutschland, haben Angst um ihre Familie, fürchten um ihre Geschäfte, um ihre wissenschaftliche Ausbildung. Und schweigen bewusst. Sie haben maßgeblich die Entwicklung der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul vorangetrieben. Haben Sie auch Angst?

Zusammen mit vielen anderen engagiere ich mit seit einigen Jahren dafür, dass die Türkisch-Deutsche Universität auf die Beine kommt. Das ist ein Pflänzchen, das sich hervorragend entwickelt hat. Die Universität hat heute bereits drei Fakultäten und sie ist immer noch am Wachsen. Auf deutscher Seite wird diese wissenschaftliche Zusammenarbeit geführt von Frau Süssmuth, und auch der frühere Stuttgarter OB Wolfgang Schuster engagiert sich. Natürlich muss man sich da überlegen, wie deutlich man sich zur derzeitigen Situation äußert. Insofern mache ich mir große Sorgen. Um vieles mehr gilt das natürlich für die türkischstämmigen Familien, die ich gut kenne. Keine von ihnen würde einen Militärputsch gutheißen, keine von ihnen würde einer demokratisch gewählten Regierung widersprechen, keine von ihnen würde den Irrlehren des Fetullah Gülen folgen wollen. Umso mehr fördert es die Angst, wenn der Ausnahmezustand verkündet wird, wenn offensichtlich ohne Grund verhaftet wird.

Angst macht stumm. Doch gerade in dieser Situation müsste man die Stimme erheben.

Noch wissen wir nicht, was Erdoğan wirklich will. Auch wenn es genügend furchtbare Anzeichen gibt, wie etwa schon vor dem Ausnahmezustand die Eingriffe in die Pressefreiheit. Aber in naher Zukunft wird der Punkt kommen, wo die vielfältig organisierte türkische Gemeinde hier aufgerufen ist, ihre Stimme zu erheben. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Herr Sofuoğlu, tut das ja bereits, mutig und ohne zu provozieren. Dasselbe muss von kulturellen, wissenschaftlichen oder sportlichen Verbänden in Deutschland kommen.

Nun hat die Türkei mit dem Ausnahmezustand auch die europäische Menschenrechtskonvention außer Kraft gesetzt. Katapultiert sich Erdoğan gerade selbst aus der EU?

Er ist zumindest auf dem besten Wege. Es ist völlig ausgeschlossen, dass man mit einem Land, das sich von demokratischen Grundrechten verabschiedet, weitere Beitrittsverhandlungen führen kann. Aber ich rede als politischer Laie. Da gibt es die Profis, die Türen offen halten wollen. Unsere Bundeskanzlerin steht ja an der Spitze derer, die sich gerne vor grundsätzlichen Festlegungen drücken. Aber irgendwann kommt auch für Frau Merkel der Zeitpunkt, wo sie Klartext reden und das Thema der türkischen EU-Mitgliedschaft angehen muss.

In dieser Frage hat Europa die Türkei lange und erfolglos zappeln lassen. Ein Fehler?

Ein Kardinalfehler. Zwischen Helmut Schmidt und mir war es immer ein grundlegender Streitpunkt, er vertrat die These, die Türkei gehöre nicht wirklich da rein. Ich war immer der Meinung, wir schaden der europäischen Gemeinschaft und den liberal aufgeschlossenen Menschen in der Türkei, wenn wir sie zappeln lassen. Jetzt sag ich aber einmal etwas ganz Böses: Vielleicht war das damals ein Fehler, aber vielleicht haben die anderen doch recht gehabt? Denn stellen Sie sich vor, die türkische Republik wäre Mitglied der EU mit diesem Herrn Erdoğan an der Spitze. Das wäre eine Katastrophe.

Deutschland ist mit der Türkei verbunden, Teil ihrer Geschichte. Zufluchtsort für Flüchtlinge aus Nazideutschland. Sie selbst haben im Alter von sieben bis 18 Jahren in Ankara gelebt. Werden wir jetzt Zufluchtsort für Türken, die vor den Säuberungen fliehen?

Warten wir mal die nächsten drei, vier Monate in der Türkei ab. Aber sollte es so sein, dann werden viele Menschen, die nie die Türkei verlassen wollten, bei uns um Asyl bitten. Derweil schicken wir Flüchtlinge in die Türkei zurück und behaupten, das sei ein sicheres Herkunftsland. Eine unvorstellbare Situation. Ich möchte nicht in der Haut der Menschen stecken, die die deutsche Außenpolitik gegenüber der Türkei verantworten müssen.

Stichwort europäisches Flüchtlingsabkommen: Muss das ruhen, solange in der Türkei der Ausnahmezustand herrscht?

Wenn wir in Europa nicht in der Lage sind, die Flüchtlinge fair auf alle Länder zu verteilen, dann müssten wir in der Tat unsere Grenzen schließen. Ich plädiere in keiner Weise dafür. Brüssel und die in der EU vertretenen Länder allerdings müssen überlegen, wie man auf die Entwicklung in der Türkei reagiert. Doch Herr Erdoğan weiß auch, dass es Konsequenzen für sein Land und für ihn haben kann, wenn er seine jetzige Politik fortsetzt. Dann brechen nämlich nicht nur die politischen und kulturellen, sondern auch die wirtschaftlichen Beziehungen zusammen. Mit der wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei steht es heute schon nicht zum besten, eine der großen Ratingagenturen hat die Türkei bereits herabgestuft. Erdoğan kennt diese Realitäten, er ist ja kein Verrückter wie Hitler und Mussolini. Die Türkei ist auf einem gefährlichen Weg, aber bis jetzt noch keine Diktatur.

Sie haben also die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Erdogan zurückkehrt auf den demokratischen Weg?

Ich wage derzeit keine Zukunftsprognose. Wenn Herr Erdoğan allerdings weiter den türkischen Nationalismus befeuert, dann wird mir schon angst und bange. Ich weiß aber auch, dass die Hälfte der türkischen Bevölkerung sich Europa zugehörig fühlt. Sie merkt, dass dieser Weg für ihre und die Entwicklung ihrer Kinder lebenswichtig ist. Die Türkei war in der Nachfolge von Atatürk auf einem guten demokratischen Weg, und sie kann auf diesen Weg zurückfinden. Ich bin kein Anhänger vom Profifußball. Aber ich finde es prima, dass einer wie Mario Gomez gesagt hat: "In diesem Land spiele ich nicht weiter Fußball." Solche Aussagen brauchen wir.


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4 Kommentare verfügbar

  • Blender
    am 27.07.2016
    @Dieser landesweite Aufstand wurde mit Wasserwerfern und Tränengas niedergeschlagen. Doch diese Proteste waren auch Kennzeichen einer im Werden begriffenen jungen Demokratie. Es gibt sie also, und deswegen wäre es so fatal, wenn Herr Erdoğan diese Wurzeln jetzt mit Gewalt herausreißen würde.

    Auch bei uns gibt es Politiker die vor keiner Gewalt zurückschrecken. Ersetzen sie Erdogan durch Mappus und es passt zu 99% auf Baden Württemberg. Hätte Mappus' C?D?U die Landtagswahl damals gewonnen, gäbe es keinen Untersuchungsausschuss zu Schwarzem Donnerstag oder Theresienwiese und er wäre jetzt dabei Kanzler zu werden. Wie wir wissen kam es anders, aber es war verdammt knapp an einer demokratischen Katastophe vorbei. Interessierten Kreise (Adlige, Finanzeliten, Industrielle, Antidemokraten, Geheimdienste, Skandalisierungsjournalisten, etc.) arbeiten weiter an der Destabilisierung der Demokratie, da bin ich mir recht sicher. Wir müssen jeden Tag auf unsere "Freiheitlich Demokratische Grundordnung" aufpassen.
  • Zaininger
    am 27.07.2016
    Wer auf unseren Straßen loszieht, um Erdogans Politik der Repression hoch leben zu lassen, dabei kurdische, alevitische, säkulare Mitbürger bedroht oder gar vor deren Geschäften und sonstigen Eichrichtungen randaliert, sollte schleunigst seinen deutschen Pass abgeben und Platz machen für diejenigen, die der Sultan außer Landes treibt.
  • PeBo
    am 27.07.2016
    Ich zolle Mario Gomez großen Respekt vor seinem Schritt, die Türkei wegen der dortigen politischen Zustäande zu verlassen.
  • Ernst-Friedrich Harmsen
    am 27.07.2016
    Wo er recht hat, hat er recht - und hat in anderer Notzeit dort mit seiner Familie Zuflucht gefunden wie viele andere, gerade auch Hochschullehrer, die für von Atatürk neu gegründete Universität in Istanbul und Ankara einen Grundstock moderner Forschung und Wissenschaft legten und eine zweite Heimat - und Schutz fanden. Den brauchen auch heute unsere türkischen Freunde hier.
    Hundert Jahre nach dem Armeniergenozid geht es jetzt in der Türkei regierungsgesteuert auf die Kurden und Menschen, die versuchen, den Kopf freizubekommen für Bildung und demokratische Verhältnisse. Die Masse der Mitläufer unter den Fahneschwenkern ist das nicht. Und das können wir bei uns genau beobachten bei den Pegiden und dem AfD-Gefolge.

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