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Gott wird rot

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"Protest" heißt die Zeitung, die den Stuttgarter Kirchentag demnächst quer bürsten will. Sie knüpft an den evangelischen Megaevent von 1969 an. Damals überklebten Kritiker die offiziellen Plakate, ein Lautsprecherwagen wurde zur Aktionszentrale. Und aus der kirchlichen Spendenaktion Brot für die Welt wurde mit einem schnellen Scheren-Schnitt eine politische Forderung – "Rot die Welt".

Die Aktionszentrale stand auf Rädern und wurde von einem engagierten Kriegsdienstverweigerer gestellt. Der Stuttgarter Altpapiergroßhändler Hartwig Schnabel aus Stuttgart-Gaisburg packte seinen 7,5-Tonner aus der Garage, Studenten der Kunstakademie bemalten die Außenwände mit dem Slogan "Gott wird rot". Ob aus Scham über das Kirchengeschehen oder aus politischen Gründen, darüber sollte 1969 diskutiert werden. Auf der Ladefläche stand ein Tisch mit Schreibmaschine und einem Wachsmatrizenabzugsgerät, um aktuelle Flugblätter zu drucken. Der Lastwagen fuhr direkt ins Kirchentagsgelände vor die Messehallen. Und auch vor dem offiziellen Plakat machte die Kritik nicht halt.

Schon wenige Stunden, nachdem in der Stuttgarter Innenstadt die offiziellen Kirchentagsplakate hingen, trafen sich beim dritten Kirchentag in der Landeshauptstadt politisch engagierte Stuttgarter aus dem damaligen Club Voltaire. Sie überklebten die offizielle Losung "Hunger nach Gerechtigkeit" mit dem Motto "Durst nach Revolution". Fotografiert hat diese Aktion der Stuttgarter Fotograf Uli Kraufmann. Noch während die "Nachrichten" gedruckt wurden, überklebten die Akteure in der gleichen Nacht die anderen Plakate in der Stadt. Stuttgarter, die morgens ihre Zeitung aus dem Briefkasten geholt haben, fanden darin eine Abbildung des "umgestalteten" Kirchentagsplakats. 

Diese fantasievollen Provokationen zum Stuttgarter 1969er-Kirchentag waren Reaktionen auf die Weigerung der Kirche, gesellschaftspolitische Probleme zu thematisieren und zu diskutieren. Denn in welchem politischen Umfeld fanden Kirchentage damals statt? Die westdeutsche Gesellschaft war nicht nur bürgerlich konservativ, sondern zum großen Teil reaktionär und die politische Diskussion von Tabus geprägt. Die Rolle der Väter in der Nazizeit wurde nicht diskutiert, die Themen Bundeswehr, Rüstungsindustrie und Remilitarisierung oder Vietnamkrieg unterdrückt. Obwohl dies zentrale Themen waren, auf die eine junge Generation Antworten erwartete. Die Kirchen haben sich wie die Politik einem Disput verweigert. Eine Diskussion über die in Südamerika entstandene Theologie der Befreiung war kaum möglich, strittige Themen wie Ökumene oder Friedenspolitik kamen höchstens am Rande vor.

An Diskussion war nicht zu denken

Kirchentage waren Zusammenkünfte meist älterer Herren im dunklen Anzug mit Krawatte, oft Akademiker, häufig mit Professorentitel, zumindest was die Referenten betraf. Akademische Vorträge prägten die Veranstaltungen, kritische Fragen wurden als Provokation empfunden – und an Diskussionen war erst recht nicht zu denken.

Zu denen, die sich damit nicht zufriedengeben wollten, gehörten die evangelischen und katholischen Studentengemeinden. Der Wandel deutete sich bereits im Juni 1967 beim 13. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover an und beim Katholikentag in Essen im September 1968. Dort hatten sich Studenten zur "Katholischen außerparlamentarischen Opposition", der "Kapo", formiert und das Pillenverbot des Papstes kritisiert. Sie plakatierten: "Wir reden nicht über 'die Pille' – wir nehmen sie." Als bekannt wurde, dass Papst Paul VI. für die Schlusskundgebung des Katholikentags "Zustimmung und Gehorsam" fordert, erteilten ihm die Katholiken eine Abfuhr. 5000 Teilnehmer eines Eheforums bekundeten in einer Resolution, dass sie der päpstlichen "Forderung nach Gehorsam ... nicht folgen können".

Getragen wurde diese Kritik im Wesentlichen von der KDSE, der Katholischen Deutschen Studenteneinigung. Sie war auch Geburtshelfer der Zeitschrift "kritischer katholizismus". Diese wurde in den Räumen der Katholischen Studentengemeinde Bochum produziert, bis der damalige Ruhrbischof Franz Kardinal Hengsbach den Studentenpfarrer Hugo Ehm anwies, der Redaktion Hausverbot zu erteilen. Darauf übernahm die Evangelische Studentengemeinde Bochum dieses Projekt. Diese freundschaftlich-APO-linke Zusammenarbeit führte im Herbst 1968 in der ESB Bochum zur Gründung der Zeitschrift AMOS (die bis heute besteht).

Der Arbeitsausschuss der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) baute auf den Erfahrungen der katholischen Brüder und Schwestern aus Nordrein-Westfalen auf und nutzte sie beim Evangelischen Kirchentag in Stuttgart, um gesellschaftspolitische Diskussionen anzustoßen. Beschlossen wurde eine Zeitung "Pro-Test", die dann während des Kirchentags täglich erschien. Logistisch und organisatorisch war dies kein Problem, denn die Bundesgeschäftsstelle der ESG war damals in Stuttgart Bad-Cannstatt in der Mercedesstraße 2, direkt neben dem heutigen Kirchentagsgelände. Das Layout stammte von dem heute in Dresden wirkenden Grafiker Jochen Stankowski, der auch die neue "Protest" zum Kirchentag 2015 gestaltet.

Aufstand statt christlicher Harmonie

Der Kirchentag 1969 war nicht nur durch den Protest der Studenten geprägt. Protest hat ihn auch von anderer Seite voll erfasst – innerkirchlich, im Vorfeld. Als die als modern abgestempelten Theologen, der Hamburger Pastor Heinz Zahrnt und Professor Ernst Käsemann aus Tübingen, beim Kirchentag auftreten sollten, versuchte die Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" das zu verhindern und nahm in den Vorbereitungsgremien so massiv Einfluss auf die Programmgestaltung, dass der damalige württembergische Landes-Synodalpräsident Oskar Klumpp sein Amt niederlegte.

Diese Debatten störten das Harmoniebedürfnis der Kirchenleitung empfindlich, zumal konservative Kreise massiven Druck ausübten und Gegenveranstaltungen zum Kirchentag planten. Hilflos versuchte sie, an der politischen Front Ruhe zu erhalten, indem sie ein Jahr vor der Bundestagswahl proporzgerecht Politikern wie Rainer Barzel (CDU), Helmut Schmidt (SPD) und Wolfgang Mischnik (FDP) eine Bühne bot. Damit erreichte sie bei der Außerparlamentarischen Opposition (APO) genau das Gegenteil.

Die Studenten kämpften für einen lebendigen, diskussionfreudigen Kirchentag. Es blieb nicht nur bei "Pro-Test". Sie mischten sich mit Einfallsreichtum und Kreativität in das Kirchengeschehen ein. Jutta Oesterle-Schwerin, später eine von drei Fraktionssprechern der Grünen im Bundestag, gestaltete das damals bekannteste kirchliche Plakat mit dem Motiv "Brot für die Welt" um: Die ausgestreckte Hand eines Hungernden wurde zur Faust und die Trennlinie mit der Schere veränderte die Aussage provokativ in "Rot die Welt". 

Die Sache mit der Aktionszentrale auf vier Rädern hatte ein teures Vorspiel. Das Kommissariat 14, die politische Abteilung der Polizei, raunte, auf dem Lastwagen befinde sich ein Störsender, der die Lautsprecheranlagen in den Hallen lahmlegen und den Kirchentag sprengen könne. Das nahm man bei der Kirchentagsleitung für bare Münze und verbreitete den Unsinn auch noch. Mit der Folge, dass die Assekuranz die Versicherungsprämien erhöhte. Sie sollen danach zehnmal so viel gekostet haben wie bei vorangegangenen Kirchentagen. 

 

Uli Röhm mischte schon 1969 den Stuttgarter Kirchentag auf. Damals war er Mitglied des Bundesvorstands der Evangelischen Studentengemeinde.

Info:

Die Zeitung braucht freundliche Menschen, die bei der Finanzierung der 25 000 Exemplare helfen. Mehr dazu unter diesem Link.

 


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