Demonstration gläubiger Muslime im September 2012 in Freiburg gegen ein Schmähvideo, in dem der Prophet Mohammed vorkam. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 199
Gesellschaft

"Mit Islam hat das nichts zu tun"

Von Peter Henkel
Datum: 21.01.2015
Nach den Anschlägen in Frankreich beteuern Muslime in aller Welt, Gewalt und Terror hätten "mit dem Islam nichts zu tun", vielmehr werde er von den Tätern bloß "missbraucht". Viele wohlmeinende Nichtmuslime hierzulande stimmen ein. Unser Autor fürchtet: Sie sind alle auf dem Holzweg.

Ehe Nikolaus Schneider im Sommer aus seinem Amt als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) schied, gab der Theologe ein bemerkenswertes Interview: Was von den muslimischen Verbänden hierzulande zur Legitimation von Gewalt im Koran und in der islamischen Tradition gesagt werde, sei zu wenig. Und: "Auch die christlichen Kirchen haben eine sehr problematische Gewaltgeschichte."

Weiß Gott, ergänze ich da, auch als Atheist.

Man muss aber nicht gottlos sein, um sich zu wundern über ebendiese globalen Sprechchöre, die bei Bedarf einen scharfen Trennungsstrich ziehen wollen zwischen Islam und den Gräueln der Gotteskrieger. Die von Paris waren unzweifelhaft gläubige Muslime. Nicht anders übrigens als die unzähligen Muslime, die in arabischen, asiatischen und afrikanischen Ländern mit Gewalt gegen andere Muslime vorgehen, nur weil die einer der vielen anderen Strömungen innerhalb des Islam angehören. Krieg, Gewalt und Unterdrückung spielen eine riesige Rolle in den islamischen Regionen dieser Welt, und das nicht erst in unseren Tagen.

Und ausgerechnet hier, wo die Religion ganz anders als im Westen Politik und Alltag durchdringt, sollte der Islam "nichts zu tun" haben mit denen, die mit ihm Gewalt rechtfertigen oder sie sogar rühmen als Pflichterfüllung?

Überall begegne ich Konfusion. So bei Bundestagspräsident Norbert Lammert, der im Bundestag zunächst das Übliche sagte: Terror habe mit dem Islam, mit Religion nichts zu tun. Wenig später der Widerruf: Der Satz sei falsch, so wie es auch falsch sei zu behaupten, das Christentum habe nichts zu tun mit Kreuzzügen, Inquisition, Hexenverfolgung. Lammert: "Die Zusammenhänge sind offenkundig."

Und dann sagt die Pfarrerstochter Angela Merkel, von der Beiträge zur Belebung des darniederliegenden hiesigen Religionsdiskurses ansonsten nicht überliefert sind, die islamische Geistlichkeit müsse sich kritischen Fragen stellen, sie dürfe "nicht länger ausweichen".

Weiß Gott, ergänze ich da schon wieder, endlich mal Klartext statt Kleister. Was ist aber gemeint mit d e m Islam, mit welchem Mord und Totschlag nichts zu tun haben sollen? Anstatt sich zu verlaufen in Teilsektoren des Islam, im Irgendwo zwischen Pariser Banlieues und Kobanê, wäre es sinnvoll, auch für Nichtexperten, sich mit dem literarischen Fundament des Ganzen zu befassen: dem Koran, dem Wort Gottes, durch Vermittlung des Erzengels Gabriel geoffenbart dem Propheten Mohammed.

Wiederum: Man muss kein Atheist sein, um beim Blick in dieses Buch ähnlich ins Staunen zu geraten wie beim wiederholten Blick ins Alte Testament der Bibel. Was die beiden großen Weltreligionen da zu bieten haben, sind mitnichten Zeugnisse von Güte, Barmherzigkeit und Friedensliebe, wie sie in Predigten und Talkshows von mehr oder weniger sympathischen ChristInnen und MuslimInnen als Markenkerne ihres Glaubens angepriesen werden. Auch im Koran spielen finstere Themen wie Tod, Vergeltung, Sünde, Höllenfeuer, (Un)Gehorsam die Hauptrolle, und nicht zuletzt die totale Abhängigkeit des Menschen von göttlichem Willen.

Der Islam, dem ich hier begegne, hat nichts zu tun mit dem, was wir seit der Französischen Revolution "unsere Werte" nennen: Freiheit, Gleichheit und eine Brüderlichkeit, die eben nicht nur Gesinnungsgenossen gelten darf. Die gemeinsame Erbsünde der Bibel wie des Koran besteht ja gerade darin: dem Menschen zu winken mit der Alternative Heil oder ewige Verdammnis und es ausgerechnet von religiöser Gefolgschaft abhängig zu machen, was davon ihm bevorsteht. Dass Muslime wie Christen seit eh und je dieses Junktim hinnehmen und seine Absurdität nicht einmal zu bemerken scheinen, bleibt ein schwer begreiflicher kultureller Skandal.

Auch dieses Problem ist mir von Christen nur zu vertraut: selektives Zitieren und Zuhören. Muslime verweisen zwar gern auf die vielen Stellen, die Allahs Güte und Weisheit rühmen. Dass es sich so gut wie immer um göttliches Selbstlob handelt, bleibt außen vor. Und: Laut Koran kann Allah, der allmächtige Allerbarmer und Erschaffer von Welt und Mensch, auch ganz anders. Vers 5 in Sure 9: "Sind die geschützten Monate vorüber, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet." In der gewohnten Deutung gilt das nur für schon ausgebrochene Verteidigungskriege. Wie ja überhaupt die herrschende islamische Geschichtsschreibung den Eindruck erwecken will, während und nach der Staatsgründung durch den Propheten hätten Muslime immer nur in Notwehr zu den Waffen gegriffen; dabei haben sie sich im Rekordtempo riesige Territorien zwischen Asien und Atlantik einverleibt.

Und Vers 29 in Sure 18 transportiert dies: "Wer nun will, der glaube, und wer will, der glaube nicht." Ihn feiern gerade liberale Muslime als ultimativen Beleg für die Toleranz ihrer Religion. Nicht gewusst oder unterschlagen wird, was ihm unmittelbar folgt: "Siehe, für die Sünder haben wir ein Feuer bereitet [...] Und wenn sie um Hilfe rufen, dann soll ihnen mit Wasser wie flüssigem Erz geholfen werden, das ihre Gesichter röstet."

Die zumutbare Zumutung an Muslime, zumal an die in Europa lebenden, bestünde also darin, sich dem g a n z e n Koran zu stellen. Sich mithin nicht zu begnügen mit seiner erbaulichen Verkürzung auf jenseitige Versprechungen und ein Regelwerk für den frommen Alltag in einem Diesseits, von dem sich unzählige Gläubige ohne solche rituellen Leitplanken überfordert zu fühlen scheinen. Als Erstes müssten Tabus fallen, die Trampelpfade des Konformismus verlassen werden. Stattdessen behaupteten die drei monotheistischen Religionsgemeinschaften in Deutschland in einer gemeinsamen Erklärung zu dem Blutbad in Paris: "Bibel, Koran und Thora sind Bücher der Liebe." So etwas kann nur sagen, wer sie nicht kennt oder warum auch immer ein geschöntes Bild von ihnen entwerfen will.

"Terrorismus hat keinen Platz in irgendeiner Religion", deklamierte der oberste Muslim-Vertreter in Österreich, und anno 2006 verkündete der Zentralrat der Muslime In Deutschland: "Der Koran untersagt jeden Zwang in Angelegenheiten des Glaubens." Ein reichlich abstrakter Befund, wenn auch nur halbwegs stimmt, was der gläubige Muslim Ahmad Mansour im jüngsten "Spiegel" berichtet: "Fast jeder durchschnittliche Imam, gefragt, was aus denen wird, die nicht beten und fasten, antwortet Kindern wie Erwachsenen: Sie werden in der Hölle schmoren."

Beispiele für Realitätsleugnung und Verharmlosung, für die allgegenwärtige Angst vor heißen Eisen ließen sich endlos vermehren. Sie belegen ein religionsübergreifendes Phänomen, das es wohl gab, seit es religiöse Modelle gibt: der Schutzzaun, den Menschen um Götter und Glauben ziehen, weil sie ihnen zu teuer sind, als dass sie sie irgendeiner Kritik ausgesetzt sehen möchten. Benutzt werden dazu viele Formen der Immunisierung, wie hier etwa der Hinweis, dass es d e n Islam ja gar nicht gebe.

Dabei sind solche Verallgemeinerungen unumgänglich, kein Diskurs kommt ohne sie aus – und zudem sind sie gerechtfertigt, wenn es nicht um Randerscheinungen geht, sondern um typische Merkmale. Oder: Den Koran könne man nur richtig verstehen, sagen gerade islamische Theologen gern, wenn man richtig übersetzt, richtig auslegt und alle möglichen Aspekte seiner Entstehung berücksichtigt. Wobei nicht nur der Gottlose diesen Ruf nach "Kontextualisierung" rätselhaft finden darf. Denn wieso kann es beim angeblich geoffenbarten Wort Gottes auf irgendwelche diesseitigen Aspekte wie Zeitumstände und dergleichen ankommen? Man kennt aber auch dies zur Genüge auch von christlichen Theologen hinsichtlich der Bibel.

Was also hat der Islam mit Gewalt zu tun, mit Mord und Verfolgung, mit Köpfen, Steinigen und Auspeitschen? Die Antwort handelt von der mangelnden Distanz zwischen Gläubigen und ihrer Religion und der daraus erwachsenden Tendenz zu herrischer Unduldsamkeit, zu Ausgrenzung und am Ende Inhumanität. Allah, Mohammed und der Koran sind unantastbar, dürfen nicht hinterfragt oder gar geleugnet werden – so denken oder besser: empfinden unzählige Muslime, die selber nicht zur Kalaschnikow greifen, sich aber auch keineswegs abgestoßen fühlen von denen, die es tun.

Die Identifikation mit dem Staats- und Religionsgründer – dessen Lebenslauf, vorsichtig gesagt, durchaus Problematisches einschließt – geht so weit, dass Muslime in Pakistan und Niger, in Saudi-Arabien und Mali nicht nur persönlich beleidigt werden durch satirische Attacken auf jenen Propheten. Sondern, wenn sie könnten, deren Urheber bestrafen würden, so als müssten diese, obwohl viele tausend Kilometer entfernt in einer ganz anderen Kultur lebend, die Verehrung für Mohammed teilen oder zumindest bei ihm eine Ausnahme von der Regel machen, dass in der Demokratie im Prinzip alles kritisiert und angezweifelt werden darf.

Es muss vieles zusammenkommen – zu Optimismus besteht wenig Grund –, damit islamistischer Terror eines Tages wieder endet. Der Westen müsste endlich anders agieren – klüger und vorausschauender, also weniger doppelzüngig und egoistisch –, die sozialen Probleme in europäischen Städten müssen weitaus entschlossener angegangen, die bildungspolitischen Anstrengungen müssen vervielfacht werden. Aber man kann den Mördern nicht das Wasser abgraben, ohne dass ein Umdenken einsetzt in der ganzen, also auch in der nicht gewaltbereiten islamischen Welt, in der sich dennoch Extremisten heute bewegen wie einst Maos berühmte Fische im Wasser. Das erfordert mehr Relativierung und weniger Dogmatismus, zugleich ein Bekenntnis zu Freiheit und Vielfalt; zumindest in dem Sinne, dass andere ein Recht darauf haben, wenn man schon selbst davon keinen Gebrauch machen und lieber verharren will in traditioneller Orthodoxie.


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17 Kommentare verfügbar

  • N. Brücker
    am 27.01.2015
    @ ElisabethHD, 27.01.2015 19:10

    Ich gebe zu, dass ich Ihre Argumentation im Einzelnen nicht verstehe (ich nehme nicht ausdrücklich und ausschließlich Bezug auf die Pariser Morde - wie es im Übrigen auch der Artikel nicht tut, sondern dieser einen universaleren Horizont aufspannt bezüglich des Themas, sich gleichwohl aber verrennt und über ein Stöckchen springt, wie es weiland bspw. ein Sarrazin dem öffentlichen Diskurs hinhielt und -hält.)

    Wer die tieferen Ursachen für den gegenwärtigen Terrorismus, welcher sich auf den Islam beruft, im Islam selbst sucht, wird genauso fündig werden, wie derjenige, der in Grimms Hausmärchen die Ursache und Anleitung für Foltermethoden in den illegalen CIA-Gefängnissen vermutet. Will sagen: So wird man das Problem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eben nicht lösen. Man wird es so nicht einmal ansatzweise erfassen und verstehen können. Aber das ist ja genau auch der Zweck dieser "Diskurs-Umleitung".

    Da mir Ihre moraline Attitüde trotz meines o.g. Nichtverstehens dennoch nicht entgangen ist, möchte ich Ihnen noch dieses vielleicht Adäquate hier anfügen: http://www.dronememorial.com/
    Vielleicht lesen Sie sich das mal durch, von Anfang bis Ende. Sie können ja Kichererbsen dabei knabbern, wenn es zu lang werden sollte. Guten Appetit!

    Nichts für ungut.
  • eraasch
    am 27.01.2015
    Solange muslimische Staaten von westlichen Militärbündnissen in Schutt und Asche gebombt werden, auf Grundlage dreister Lügen, ohne daß diese Länder auch nur eines der westlichen angegriffen hätten - sollten private Glaubensmeinungen bitte privat bleiben.
    Mit oder ohne gewalttätigen Inhalt von Heiligen Schriften gibt es für mehrere Generationen von Politikern genug zu tun, die Folgen der vergangenen Kriege zu beseitigen und Frieden wieder herzustellen.
    Die jüngere Vergangenheit der westlichen Aussen- und Energiepolitik zeigt, daß sie vollkommen unabhängig von religiösen Schriften hunderttausende von Menschen niedergemetzelt hat. Da geht es um Macht, Strategie und Energie.
    Jetzt auf dem Gewaltgehalt von alten Büchern herumzuhacken finde ich kindisch.
    Diese Debatte gehört nicht in den Zusammenhang der Energie- und Strategiekriege der letzten 20 jahre. Wir werden schon genug für dumm verkauft, bitte nicht noch mehr pegidataugliche Aufmunitionierung. Für die Frage nach Krieg oder Frieden ist es völlig irrelevant.
  • ElisabethHD
    am 27.01.2015
    N. Brücker, 26.01.2015 21:53
    "Ob Gotteskrieger nun ein Kreuz oder einen Halbmond vor sich hertragen, ob sie mit Drohnen ballern oder sich selbst in die Luft sprengen, macht, ethisch-moralisch betrachtet, keinen Unterschied. Und als "abendländischer" Westler - dessen Regierungen dutzende, verheerende Kriege mit hunderttausenden Toten vor allem über muslimische Teile der Welt brachten - sollte man sich doch mit moralischen Forderungen an Muslime vielleicht besser ein wenig zurückhalten. Anderweitig setzt man sich dem Verdacht aus, die Deutungshoheit über die Probleme anderer zu übernehmen, deren Verursacher man obendrein zum großen Teil doch selbst ist."
    ----
    Richtigstellung: Die Pariser "Gotteskrieger" haben nicht "sich selbst in die Luft gesprengt", sondern mehr als ein Dutzend Leute umgebracht, deren einziges "Vergehen" darin bestand, Karikaturen zu malen bzw. sich in einem jüdischen Supermarkt aufzuhalten.
    Dass Sie dieses Attentat in Paris nur als "Problem anderer" sehen, kann ich mir nur damit erklären, dass Sie wohl noch nie in der Rue des Rosiers Fallafel gegessen haben.
    Und wer keinen Unterschied erkennt zwischen "seine Flagge zeigen" und "mit Drohnen ballern", sollte sich mit "ethisch-moralischen" Deutungen und Forderungen vielleicht besser zurückhalten - sowohl "dem Westen" wie "den Muslimen" gegenüber.
  • N. Brücker
    am 26.01.2015
    Der Artikel spiegelt sehr schön die ganze, ausgemachte Oberflächlichkeit der aktuellen Auseinandersetzung mit dem Thema Islamismus wider: Dass Religion zwar sehr viel mit Moral und Ethik zu tun hat, darf keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass Religion nie Privatsache war und ist, sondern seit je ein politisches Herrschaftsinstrument ersten Ranges darstellt. V.a. die monotheistischen Religionen sind ohne das negativ konnotierte Schuldmotiv nicht denkbar; sie sind daher von Haus aus paternalistisch und reaktionär in ihrem Bestreben, ethisch-moralisches Verhalten unter Verhältnissen krasser Ungleichheit zu erzwingen - was praktisch und letztlich lediglich zu einem duckmäuserischen Wohlverhalten Unterdrückter gegenüber angemaßten Autoritäten führt und somit bestehende Hierarchien zementiert. Ob es sich dabei nun um marktkonforme Demokratien handelt, deren Verfassungen scheinbar nicht einmal das Papier mehr wert sind, auf welches sie geschrieben wurden oder um Kalifate, welche die Scharia engstmöglich und drakonischst auslegen, macht prinzipiell kaum einen Unterschied. Beides sind Formen der Gewaltherrschaft, die eher auf das Mittelalter als auf die erte der Aufklärung verweisen. Btw.: Ob Gotteskrieger nun ein Kreuz oder einen Halbmond vor sich hertragen, ob sie mit Drohnen ballern oder sich selbst in die Luft sprengen, macht, ethisch-moralisch betrachtet, keinen Unterschied. Und als "abendländischer" Westler - dessen sich in Sonntagsreden und -predigten okzidentaler Aufklärung angeblich verpflichtet fühlende Regierungen in den letzten Jahrzehnten weitestgehend ungehindert von ihren Bevölkerungen dutzende, verheerende Kriege mit hunderttausenden Toten vor allem über muslimische Teile der Welt brachten - sollte man sich doch mit moralischen Forderungen an Muslime, mit deren Belehrung, was Demokratie und Respekt bedeuten, vielleicht besser ein wenig zurückhalten. Anderweitig setzt man sich dem Verdacht aus, sehr unaufklärerisch und ohne Voltaire'sche contenance, eher in guter alter und geübter Kolonialherrenmanier, die Deutungshoheit über die Probleme anderer zu übernehmen, deren Verursacher man obendrein zum großen Teil doch selbst ist.
  • ElisabethHD
    am 24.01.2015
    Jona: "Jürgen Todenhöfer hat auf facebook gepostet:
    "Terrorismus hat mit Islam genauso wenig zu tun, wie Vergewaltigung mit Liebe."

    -- Hilfreicher als Todenhöfers Poesiealbum-Sprüche wäre vielleicht die Unterstützung der islamischen Reformer.

    Hier sind zwei:
    http://www.tagesanzeiger.ch/region/bern/Die-Muslime-haben-keine-Antwort-auf-den-Radikalismus/story/26010017#clicked0.6935108467749563

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/interview-mit-islamwissenschaftler-khorchide-13369952.html
  • Peter Henkel
    am 24.01.2015
    @Luigi Pantisano


    Als Atheist stelle ich Religionen nicht nur in Frage, sondern behaupte, dass sie sämtlich im Kern unzutreffende Aussagen über eine - tatsächlich nicht existierende - Transzendenz machen. Meine Gründe für diese Behauptung sind aber hier nicht zu erörtern. Und selbstverständlich lässt der Atheismus als solcher die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit vollkommen unberührt.
    Mein Text über den Islam wollte auf zwei Dinge hinaus, die nicht miteinander im Widerspruch stehen:
    1. Der Koran als unstrittiges Fundament des Islam ist in seinen Inhalten deutlich kritischer zu beurteilen, als Muslime dies für gewöhnlich tun. Das ergibt sich aus unvoreingenommener Lektüre.
    2. Relativierung und Entdogmatisierung sind unerlässlich, um dem ihm - ebenso wie dem Christentum innewohnenden Gewaltpotenzial entgegenzuwirken.

    Im Übrigen bin ich nicht der - sehr verbreiteten - Ansicht, dieses Gewaltpotenzial gehe quasi naturwüchsig aus der Überzeugung der Gläubigen hervor, im Besitz einer "absoluten Wahrheit" zu sein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit enthalten auch der Satz des Pythagoras (und meine Gottesleugnung mit einer etwas geringeren) eine "absolute Wahrheit". Bei Betrachtung des Terrors und der religionsgetriebenen Kriege unserer Gegenwart käme es "nur" auf eine globale Verständigung über einen kategorischen Gewaltverzicht in Glaubensdingen an - das wäre ein konstruktiver "Kulturbruch" von ungeheurer Dimension.
  • Jona
    am 24.01.2015
    @Zaininger:
    Erstaunlich, dass Sie offenbar annehmen, dass derlei Äußerungen in direktem Zusammenhang mit Herkunftsland und Religion stehen. Ein Paradebeispiel für die Konstruktion von Differenz. Derlei Bemerkungen kann man selbstverständlich genauso bei Jugendlichen finden, die hier aufgewachsen sind. Sicher auch noch abschätziger. Vielleicht in besserem Deutsch?!
    Umgekehrt weiß ich, dass viele muslimischen Jugendlichen Ihre Eltern mit überaus großem Respekt behandeln - wovon sich viele deutschen Kids eine Ecke abschneiden könnten. Ihre Konstruktion des Zusammenhang s von Herkunftsland, Religion und "Geisteshaltung", sagt mir hingegen einiges mehr über Ihre geistigen Prozesse, als Ihnen wahrscheinlich lieb ist.

    Der artikel selbst befremdet mich sehr und wirkt auch eher oberflächlich zusammen geschustert.

    Jürgen Todenhöfer hat auf facebook gepostet:
    "Terrorismus hat mit Islam genauso wenig zu tun, wie Vergewaltigung mit Liebe."

    Ich kann das nicht recht beurteilen, jedoch trifft das die Sache sicherlich besser als dieser Artikel.
  • Fred Heine
    am 23.01.2015
    Die Täter in Paris waren Lustmörder – wie die Dschihadisten im Nahen Osten auch sind. Sie wollten töten und haben dafür einen Grund gesucht, der sie davor schützt, sich vor dem Spiegel selbst als Mörder bezeichnen zu müssen.
    Damit sind sie den Terroristen der RAF sehr ähnlich. Jemand wie Andreas Baader war doch die Politik schnurzegal. Der wollte Randale, bis hin zum Mord. Als sich die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass es besser wäre, mit einem unauffälligen VW Polo statt mit einem schnellen, aber auffälligen Porsche zu fliehen, saß Baader leider schon im Knast – vermutlich hätte er sich spätestens nach seiner ersten Polo-Flucht vom Terrorismus losgesagt. Nicht umsonst hat Jean Paul Sartre, nach seiner Begegnung mit ihm auf Baader angesprochen, geantwortet: "So ein Arschloch!"
    Mir gehen diese Wichtigtuer einfach nur auf den Geist.
  • Roller Derby Queen
    am 22.01.2015
    "(..) Die von Paris waren unzweifelhaft gläubige Muslime. (..)"

    Erstaunlich!

    Also, ich hege da sehr wohl noch Zweifel, und zwar immense!
    Von kriminalistischer Aufklärungsarbeit in dem Fall ist mir bislang auch nicht allzuviel bekanntgeworden.

    Wilde Ballereien und sofortige Schuldzuweisungen, ja, die gab es. Maskierte Täter mit blauen (?!) Augen, die was von Allah rufen, ja. Vergessene Pässe und mysteriöse Selbstmorde unter zuständigen Kriminalkommissaren, ja, auch das.

    Aber Beweise? Noch dazu unzweifelhafte?

    Kurzum, solange GAR NIX bewiesen ist, sind solche Artikel einfach nur Meta-, bzw. Beta-Texte.

    .. vgl. Ganser, Daniele..

    ..oder wie ein anderer Kommentator an anderer Stelle bereits schrieb.. je suis Fredou!
  • Sigfrid H.
    am 22.01.2015
    Lieber Herr Pantisano,

    Sie schließen Ihren Kommentar vom 21.01.15/09:41 mit den Fragen:

    "Somit bleibe ich Ratlos zurück und frage mich ob es Ihnen in Ihrem Text nicht eher darum geht Religionen als ganze in frage zu stellen. Was machen wir aber dann mit in unserem Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit? "

    Gestatten Sie mir hierzu zwei Anmerkungen:

    1. Ich glaube schon, daß es dem Autor Henkel als bekennendem Atheisten sehr wohl auch darum geht, Religionen insgesamt in Frage zu stellen. Und -

    2. dies steht nicht im Widerspruch zu der im Art. 4 GG garantierten Religionsfreiheit. Viele "Religiöse" unterliegen dem Irrtum, dieser Artikel schütze ihre Religion. Das Gegenteil ist richtig. Genaues Lesen des Gesetzes ist zu empfehlen: Nach Art.4, Abs. 1 GG darf jedermann in seiner Weltanschauung Gott/Allah für ein Hirngespinst und Jesus/Mohammed für einen Scharlatan halten, - und: er darf das auch öffentlich sagen. Das gehört zu der Freiheit der Religions a u s ü b u n g , nur die ist geschützt.
    Der Gläubige hat das zu repektieren, gleich ob er nun die Gebote seiner Heiligen Schrift relativiert oder für absolut verbindlich hält.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr S.H.


    PS.: Wir sind uns hoffentlich einig: Viele Christen/Muslime fühlen sich durch was weiß ich nicht alles sich und Gott ganz p e r s ö n l i c h beleidigt. Einige sollen ja schon die bildliche Darstellung des Propheten für ein todeswürdiges Verbrechen halten. Das gibt ihnen - Sie stimmen sicher zu - aber nicht das Recht oder gar die Pflicht, sich (?!) im Namen ihres Gottes/ seines Sohnes/ seines Propheten mit Messer oder Kalaschnikow zu rächen. Eigentlich müßte schon aus dem Selbstverständnis der christlichen/islamischen Lehre eine solche Anmaßung reine Blasphemie sein. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß ein allgewaltiger Gott/Allah, sollte er Rachegelüste hegen, sich nicht höchst selbst zu helfen weiß ...
    Sollte allerdings irgendeine Heilige Schrift gegenwärtig wegen der Beleidigung der Religion verbindlich zu Mord und Totschlag auffordern (was nicht wenige "Gläubige" offenbar annehmen, Mord quasi als Freiheit der Religionsausübung ) , müßte unsere Staatsanwaltschaft gegen diese Schrift - Art. 4 GG hin oder her - sofort einschreiten ...
  • Zaininger
    am 22.01.2015
    Da reden wir doch mal nicht von den sogenannten "heiligen Schriften", den menschen- und besonders frauenfeindlichen, undemokratischen und irrationalen Suren, Psalmen, usw. sondern vom "normalen" Leben.

    Dialog in der Straßenbahn:
    He, was machst Du?
    Fahr nach Hause.
    ?
    Essen!
    Kochst Du?
    Nein!
    Hast Du Schlampe zuhause, Mutter?

    Und da soll der durchschnittlich emanzipierte, mitteleuropäisch sozialisierte Bürger keinen Zusammenhang zwischen Herkunftländern und Religion und "Geisteshaltung" der Erziehungsberechtigten sehen?
  • Ulrich Frank
    am 21.01.2015
    Guter Beitrag. Siehe hierzu auch die aktuellen Überlegungen in der SZ von Abdel-Hakim Ourghi, "Der Islam braucht eine kritikfähige Renaissance", http://www.sueddeutsche.de/politik/religion-und-gewalt-der-islam-braucht-eine-kritikfaehige-renaissance-1.2309352 und von Daniel Schulz in der taz, "Gottes Liebe ist bitter", http://www.taz.de/Religionskritik-in-Demokratien/!152975/ - und andere.

    Eine Herangehensweise soll hierzulande die (weitere) Einführung von islamischem Religionsunterricht an den Schulen sein. Die Bewältigung eben der heiklen Stellen im Koran dürfte hier eine Herausforderung darstellen. Was vom hiesigen sog. Islamunterricht an einer Grundschule z.B. im swr (Landesschau) gezeigt wurde hatte mit dem Islam so gut wie nichts zu tun - es war schlichter Ethikunterricht. Gegen welch letzteren es selbstverständlich überhaupt nichts einzuwenden gibt. Ebensowenig wie gegen eine genauere Betrachtung (der Kriminalgeschichte) des Christentums, z.B. der Rezepte des Herrn Martin Luther gegen enteignete Bauern usw..

    Bezüglich der hinsichtlich dieses Artikels vorgebrachten Einwände was denn nun mit den fragwürdigen religiösen Texten anzufangen sei: es ist den - noch - Gläubigen die Aufgabe nicht abzunehmen diese Texte in ihren geschichtlichen Zusammenhang zu stellen, sich über sie ein Urteil zu bilden - und davon abzusehen ihre religiösen Schriften auf buchstäbliche Weise als Königsweg zum Heil anzusehen. Sonst wird Religion als emotionales Selbstbedienungs- und Rechtfertigungsmodell weiterbestehen mit den entsprechenden begleitenden Schäden.
  • ChriS
    am 21.01.2015
    Da liefert der Autor ja hübsch reflektiertes Argumentationsmaterial für die Pegidas. Irgendwie kann ich dennoch nachvollziehen, dass in Deutschland lebende Moslems so ihre Schwierigkeiten damit haben können, sich dauernd von den Terroristen distanzieren zu sollen. Zumal "die Deutschen", wenn man den Spieß mal umdreht, sich ja keineswegs mit großem Eifer hervorgetan haben im Zusammenhang mit der Aufklärung der von den deutschen Terroristen der NSU an Moslems begangenen Morden. Im Gegenteil wurden ja allem Anschein nach die NSU-Strukturen ja finanziell und logistisch vom Staat gefördert.
    Also: Was man von den Anderen fordert sollte man erst mal selbst leisten.
  • Jutta Mertins
    am 21.01.2015
    Wenn es um die im Namen des Christentums verübten Verbrechen wie z.B. Hexenverbrennungen, 30-jähriger Krieg oder den Nordirlandkrieg geht, nennen wir die Verbrecher nicht "Christianisten". Genausowenig sollten wir heute Mörder und Terroristen als Islamisten bezeichnen, - egal in wessen Namen sie morden. Islamisten sind genaugenommen alle Anhänger einer islamischen Religion. Wer kam eigentlich auf die teuflische Idee, "Islamist" mit "Terrorist" gleichzusetzen?
  • Peter S.
    am 21.01.2015
    Ich freue mich an dem Artikel, teile aber auch etwas die Verwirrung von Herrn Pantisano.

    Da wir weder den (gewaltätigen Teil) des alten Testaments noch die entsprechenden Passagen des Korans im Nachhinein ändern können, besteht nur eine Möglichkeit.

    Es muss ein weltweiter Konsens unter den Moslems bestehen, dass es keine religiös erlaubte Gewalt in einem Rechtsstaat geben darf.

    Die Sünden des Abendlandes von ganz früher oder die jüngeren (Irland) sind UNRECHT welches, zumindestens wir abendländischen Kulturen, nicht dulden werden.

    Dazu gehört aber auch eine ganz klare und konsequente Ausrichtung.
    Jede Einrichtung (Mosche oder Gebetshaus), welche Gewalt oder Hass predigt oder toleriert muss sofort geschlossen werden!

    Nicht nur in Deutschland und Europa, sondern eben auch in den islamisch geprägten Ländern. Da ist der Islam eben gefordert.
    Das geht eben nur, wenn sich der gesamte Islam bzgl Toleranz neu ausrichtet und jeder Gewalt abschwört.
    Ja, das geht nicht von heute auf morgen, aber es muss jetzt angefangen werden.
  • Luigi Pantisano
    am 21.01.2015
    Lieber Herr Henkel,

    sie haben einen sehr interessanten Artikel geschrieben. Vielen Dank dafür. In einigen Punkte verstehe ich Ihren Argumentation aber leider nicht.

    Sie fordern am Ende Ihres Textes die Bekenntnis zu Freiheit und Vielfalt, eine Relativierung und weniger Dogmatismus von Seiten der "nicht gewaltbereiten islamischen Welt".

    Wenn ich aber Ihren Text richtig verstanden habe, dann handelt es sich doch Ihrer Ansicht nach beim Koran um eine nicht zu relativierende Schrift die auch nicht besser wird in dem man die darin befindlichen Texte in die heutige Zeit transportiert und diese dadurch versucht zu relativieren und zu entschärfen.

    Es kommt dann hinzu das in der Überschrift Ihres Textes "Mit Islam hat das nichts zu tun" Sie schon deutlich Ihre Kritik am aktuellen Diskurs in Politik und Gesellschaft äussern, nach dem nicht nur die "Pfarrerstochter Angela Merkel" sondern sehr viele Vertreter_innen in Europäischen aber auch in Arabischen Ländern bemüht sind darin die Texte des Korans zu relativieren und eben dafür plädieren den Text weniger dogmatisch auszulegen.

    Da frage ich mich schon am Ende Ihres Textes was denn nun gelten soll? Also ist der Terror eine Folge des Islam als ganzes? Womöglich der Islam eine gewaltfördernde Religion die nicht zu relativieren ist oder ist es doch eine Auslegungssache und eine für jeden interpretierbarer Text der sehr einfach missbraucht werden kann?

    Somit bleibe ich Ratlos zurück und frage mich ob es Ihnen in Ihrem Text nicht eher darum geht Religionen als ganze in frage zu stellen. Was machen wir aber dann mit in unserem Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit?

    Beste Grüße,

    Luigi Pantisano
  • Richard Schönfeld
    am 21.01.2015
    Bravo! Bitte mehr Aufklärung im Sinne der klassischen Aufklärung. Der machthabenwollenden Menschen ärgster Feind ist die Neugier der Anderen, darum haben Sie die Religionen erfunden, um diesen menschlischen Urtrieb, der uns erst zu Zivilisationen gebracht hat, so früh wie möglich zu kontrollieren und kanalisieren. Mit bisher durchschlagendem Erfolg, aber ganz tot ist unsere Bekenntnis zur Neugierde auf die Gebiete jenseits der Religionen auch noch nicht. Jedenfalls nicht, solange wir von Geburt an damit ausgestattet sind, ob das nun gottgegeben sey oder nicht. Je suis Lessing!

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