Demonstration gläubiger Muslime im September 2012 in Freiburg gegen ein Schmähvideo, in dem der Prophet Mohammed vorkam. Fotos: Joachim E. Röttgers

Demonstration gläubiger Muslime im September 2012 in Freiburg gegen ein Schmähvideo, in dem der Prophet Mohammed vorkam. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 199
Gesellschaft

"Mit Islam hat das nichts zu tun"

Von Peter Henkel
Datum: 21.01.2015
Nach den Anschlägen in Frankreich beteuern Muslime in aller Welt, Gewalt und Terror hätten "mit dem Islam nichts zu tun", vielmehr werde er von den Tätern bloß "missbraucht". Viele wohlmeinende Nichtmuslime hierzulande stimmen ein. Unser Autor fürchtet: Sie sind alle auf dem Holzweg.

Ehe Nikolaus Schneider im Sommer aus seinem Amt als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) schied, gab der Theologe ein bemerkenswertes Interview: Was von den muslimischen Verbänden hierzulande zur Legitimation von Gewalt im Koran und in der islamischen Tradition gesagt werde, sei zu wenig. Und: "Auch die christlichen Kirchen haben eine sehr problematische Gewaltgeschichte."

Weiß Gott, ergänze ich da, auch als Atheist.

Man muss aber nicht gottlos sein, um sich zu wundern über ebendiese globalen Sprechchöre, die bei Bedarf einen scharfen Trennungsstrich ziehen wollen zwischen Islam und den Gräueln der Gotteskrieger. Die von Paris waren unzweifelhaft gläubige Muslime. Nicht anders übrigens als die unzähligen Muslime, die in arabischen, asiatischen und afrikanischen Ländern mit Gewalt gegen andere Muslime vorgehen, nur weil die einer der vielen anderen Strömungen innerhalb des Islam angehören. Krieg, Gewalt und Unterdrückung spielen eine riesige Rolle in den islamischen Regionen dieser Welt, und das nicht erst in unseren Tagen.

Christliche Exil-Iraker demonstrieren im August 2014 in der Stuttgarter Innenstadt gegen IS-Terror in ihrer Heimat.
Christliche Exil-Iraker demonstrieren im August 2014 in der Stuttgarter Innenstadt gegen IS-Terror in ihrer Heimat.

Und ausgerechnet hier, wo die Religion ganz anders als im Westen Politik und Alltag durchdringt, sollte der Islam "nichts zu tun" haben mit denen, die mit ihm Gewalt rechtfertigen oder sie sogar rühmen als Pflichterfüllung?

Überall begegne ich Konfusion. So bei Bundestagspräsident Norbert Lammert, der im Bundestag zunächst das Übliche sagte: Terror habe mit dem Islam, mit Religion nichts zu tun. Wenig später der Widerruf: Der Satz sei falsch, so wie es auch falsch sei zu behaupten, das Christentum habe nichts zu tun mit Kreuzzügen, Inquisition, Hexenverfolgung. Lammert: "Die Zusammenhänge sind offenkundig."

Und dann sagt die Pfarrerstochter Angela Merkel, von der Beiträge zur Belebung des darniederliegenden hiesigen Religionsdiskurses ansonsten nicht überliefert sind, die islamische Geistlichkeit müsse sich kritischen Fragen stellen, sie dürfe "nicht länger ausweichen".

Weiß Gott, ergänze ich da schon wieder, endlich mal Klartext statt Kleister. Was ist aber gemeint mit d e m Islam, mit welchem Mord und Totschlag nichts zu tun haben sollen? Anstatt sich zu verlaufen in Teilsektoren des Islam, im Irgendwo zwischen Pariser Banlieues und Kobanê, wäre es sinnvoll, auch für Nichtexperten, sich mit dem literarischen Fundament des Ganzen zu befassen: dem Koran, dem Wort Gottes, durch Vermittlung des Erzengels Gabriel geoffenbart dem Propheten Mohammed.

Wiederum: Man muss kein Atheist sein, um beim Blick in dieses Buch ähnlich ins Staunen zu geraten wie beim wiederholten Blick ins Alte Testament der Bibel. Was die beiden großen Weltreligionen da zu bieten haben, sind mitnichten Zeugnisse von Güte, Barmherzigkeit und Friedensliebe, wie sie in Predigten und Talkshows von mehr oder weniger sympathischen ChristInnen und MuslimInnen als Markenkerne ihres Glaubens angepriesen werden. Auch im Koran spielen finstere Themen wie Tod, Vergeltung, Sünde, Höllenfeuer, (Un)Gehorsam die Hauptrolle, und nicht zuletzt die totale Abhängigkeit des Menschen von göttlichem Willen.

Karikaturen und Darstellung des Propheten: Meinung oder Provokation?
Karikaturen und Darstellung des Propheten: Meinung oder Provokation?

Der Islam, dem ich hier begegne, hat nichts zu tun mit dem, was wir seit der Französischen Revolution "unsere Werte" nennen: Freiheit, Gleichheit und eine Brüderlichkeit, die eben nicht nur Gesinnungsgenossen gelten darf. Die gemeinsame Erbsünde der Bibel wie des Koran besteht ja gerade darin: dem Menschen zu winken mit der Alternative Heil oder ewige Verdammnis und es ausgerechnet von religiöser Gefolgschaft abhängig zu machen, was davon ihm bevorsteht. Dass Muslime wie Christen seit eh und je dieses Junktim hinnehmen und seine Absurdität nicht einmal zu bemerken scheinen, bleibt ein schwer begreiflicher kultureller Skandal.

Auch dieses Problem ist mir von Christen nur zu vertraut: selektives Zitieren und Zuhören. Muslime verweisen zwar gern auf die vielen Stellen, die Allahs Güte und Weisheit rühmen. Dass es sich so gut wie immer um göttliches Selbstlob handelt, bleibt außen vor. Und: Laut Koran kann Allah, der allmächtige Allerbarmer und Erschaffer von Welt und Mensch, auch ganz anders. Vers 5 in Sure 9: "Sind die geschützten Monate vorüber, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet." In der gewohnten Deutung gilt das nur für schon ausgebrochene Verteidigungskriege. Wie ja überhaupt die herrschende islamische Geschichtsschreibung den Eindruck erwecken will, während und nach der Staatsgründung durch den Propheten hätten Muslime immer nur in Notwehr zu den Waffen gegriffen; dabei haben sie sich im Rekordtempo riesige Territorien zwischen Asien und Atlantik einverleibt.

Und Vers 29 in Sure 18 transportiert dies: "Wer nun will, der glaube, und wer will, der glaube nicht." Ihn feiern gerade liberale Muslime als ultimativen Beleg für die Toleranz ihrer Religion. Nicht gewusst oder unterschlagen wird, was ihm unmittelbar folgt: "Siehe, für die Sünder haben wir ein Feuer bereitet [...] Und wenn sie um Hilfe rufen, dann soll ihnen mit Wasser wie flüssigem Erz geholfen werden, das ihre Gesichter röstet."

Die zumutbare Zumutung an Muslime, zumal an die in Europa lebenden, bestünde also darin, sich dem g a n z e n Koran zu stellen. Sich mithin nicht zu begnügen mit seiner erbaulichen Verkürzung auf jenseitige Versprechungen und ein Regelwerk für den frommen Alltag in einem Diesseits, von dem sich unzählige Gläubige ohne solche rituellen Leitplanken überfordert zu fühlen scheinen. Als Erstes müssten Tabus fallen, die Trampelpfade des Konformismus verlassen werden. Stattdessen behaupteten die drei monotheistischen Religionsgemeinschaften in Deutschland in einer gemeinsamen Erklärung zu dem Blutbad in Paris: "Bibel, Koran und Thora sind Bücher der Liebe." So etwas kann nur sagen, wer sie nicht kennt oder warum auch immer ein geschöntes Bild von ihnen entwerfen will.

Christliche Demonstrantinnen Anfang 2014 in Stuttgart.
Christliche Demonstrantinnen Anfang 2014 in Stuttgart.

"Terrorismus hat keinen Platz in irgendeiner Religion", deklamierte der oberste Muslim-Vertreter in Österreich, und anno 2006 verkündete der Zentralrat der Muslime In Deutschland: "Der Koran untersagt jeden Zwang in Angelegenheiten des Glaubens." Ein reichlich abstrakter Befund, wenn auch nur halbwegs stimmt, was der gläubige Muslim Ahmad Mansour im jüngsten "Spiegel" berichtet: "Fast jeder durchschnittliche Imam, gefragt, was aus denen wird, die nicht beten und fasten, antwortet Kindern wie Erwachsenen: Sie werden in der Hölle schmoren."

Beispiele für Realitätsleugnung und Verharmlosung, für die allgegenwärtige Angst vor heißen Eisen ließen sich endlos vermehren. Sie belegen ein religionsübergreifendes Phänomen, das es wohl gab, seit es religiöse Modelle gibt: der Schutzzaun, den Menschen um Götter und Glauben ziehen, weil sie ihnen zu teuer sind, als dass sie sie irgendeiner Kritik ausgesetzt sehen möchten. Benutzt werden dazu viele Formen der Immunisierung, wie hier etwa der Hinweis, dass es d e n Islam ja gar nicht gebe.

Dabei sind solche Verallgemeinerungen unumgänglich, kein Diskurs kommt ohne sie aus – und zudem sind sie gerechtfertigt, wenn es nicht um Randerscheinungen geht, sondern um typische Merkmale. Oder: Den Koran könne man nur richtig verstehen, sagen gerade islamische Theologen gern, wenn man richtig übersetzt, richtig auslegt und alle möglichen Aspekte seiner Entstehung berücksichtigt. Wobei nicht nur der Gottlose diesen Ruf nach "Kontextualisierung" rätselhaft finden darf. Denn wieso kann es beim angeblich geoffenbarten Wort Gottes auf irgendwelche diesseitigen Aspekte wie Zeitumstände und dergleichen ankommen? Man kennt aber auch dies zur Genüge auch von christlichen Theologen hinsichtlich der Bibel.

Was also hat der Islam mit Gewalt zu tun, mit Mord und Verfolgung, mit Köpfen, Steinigen und Auspeitschen? Die Antwort handelt von der mangelnden Distanz zwischen Gläubigen und ihrer Religion und der daraus erwachsenden Tendenz zu herrischer Unduldsamkeit, zu Ausgrenzung und am Ende Inhumanität. Allah, Mohammed und der Koran sind unantastbar, dürfen nicht hinterfragt oder gar geleugnet werden – so denken oder besser: empfinden unzählige Muslime, die selber nicht zur Kalaschnikow greifen, sich aber auch keineswegs abgestoßen fühlen von denen, die es tun.

Die Identifikation mit dem Staats- und Religionsgründer – dessen Lebenslauf, vorsichtig gesagt, durchaus Problematisches einschließt – geht so weit, dass Muslime in Pakistan und Niger, in Saudi-Arabien und Mali nicht nur persönlich beleidigt werden durch satirische Attacken auf jenen Propheten. Sondern, wenn sie könnten, deren Urheber bestrafen würden, so als müssten diese, obwohl viele tausend Kilometer entfernt in einer ganz anderen Kultur lebend, die Verehrung für Mohammed teilen oder zumindest bei ihm eine Ausnahme von der Regel machen, dass in der Demokratie im Prinzip alles kritisiert und angezweifelt werden darf.

Es muss vieles zusammenkommen – zu Optimismus besteht wenig Grund –, damit islamistischer Terror eines Tages wieder endet. Der Westen müsste endlich anders agieren – klüger und vorausschauender, also weniger doppelzüngig und egoistisch –, die sozialen Probleme in europäischen Städten müssen weitaus entschlossener angegangen, die bildungspolitischen Anstrengungen müssen vervielfacht werden. Aber man kann den Mördern nicht das Wasser abgraben, ohne dass ein Umdenken einsetzt in der ganzen, also auch in der nicht gewaltbereiten islamischen Welt, in der sich dennoch Extremisten heute bewegen wie einst Maos berühmte Fische im Wasser. Das erfordert mehr Relativierung und weniger Dogmatismus, zugleich ein Bekenntnis zu Freiheit und Vielfalt; zumindest in dem Sinne, dass andere ein Recht darauf haben, wenn man schon selbst davon keinen Gebrauch machen und lieber verharren will in traditioneller Orthodoxie.


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