KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Mit Drohnen wie der MQ-9 Reaper dreht die Nato die Gewaltspirale nur schneller, sagt Friedensforscher Daniele Ganser. Foto: Larry E. Reid Jr./Wikimedia

Mit Drohnen wie der MQ-9 Reaper dreht die Nato die Gewaltspirale nur schneller, sagt Friedensforscher Daniele Ganser. Foto: Larry E. Reid Jr./Wikimedia

Ausgabe 199
Politik

"Alle heizen den Kessel an"

Von Jens Wernicke (Interview)
Datum: 21.01.2015
Die Gewaltspirale dreht sich weiter. Aber sind daran nur radikale Islamisten schuld? Der Friedensforscher Daniele Ganser sagt Nein und erinnert daran, dass die NATO einst einen serbischen TV-Sender bombardiert hat. Damals starben zehn Journalisten – und niemand hat protestiert. Ein Interview.

Herr Ganser, sind wir jetzt alle durch radikale Islamisten bedroht?

Wir sollten ruhig und achtsam bleiben. Was wirklich in Paris bei dem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" passiert ist, wissen wir derzeit nicht. Wenn die Polizei recht hat, haben wir es mit einer sensationell schnellen Aufklärung eines komplizierten Verbrechens zu tun. Diese Aufklärung dauerte keine 24 Stunden. Wie gelang das der Polizei? Die Killer haben angeblich "Gott ist groß" sowie "Wir haben den Propheten gerächt" gerufen. Erkannt hat die Polizei die Männer aber nicht, denn sie waren mit schwarzen Sturmmasken maskiert.

Es gibt einen Personalausweis aus dem Fluchtauto.

Das gilt nun in Europa und den USA als der durchschlagende Beweis. Ich habe mich gefragt: Warum nimmt ein Killer seinen Ausweis mit, wenn er einen Massenmord plant? Und wie konnte man mit einem Personalausweis sofort zwei Täter identifizieren? Eigentlich müsste man die Brüder Cherif und Said Kouchai, von denen die Polizei annimmt, dass sie hinter den schwarzen Sturmmasken steckten, nun ins Verhör nehmen. Das kann man aber nicht mehr, weil sie tot sind. Und schließlich muss man untersuchen, ob es nicht eine False-Flag-Operation war, welche man in diesem Fall den Muslimen in die Schuhe schiebt, um in Europa und den USA Angst und Hass zu schüren, den Überwachungsstaat weiter auszubauen und Kriege gegen muslimische Länder fortan noch besser legitimieren zu können.

"99 Prozent der Menschen möchten einfach in Ruhe leben." Foto: Joachim E. Röttgers
"99 Prozent der Menschen möchten einfach in Ruhe leben." Foto: Joachim E. Röttgers

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Nach jedem Anschlag ist die Öffentlichkeit zuerst schockiert und aufgewühlt. Das ist genau das Ziel: Den Menschen vor dem Fernseher soll die Angst in Mark und Knochen fahren. Nicht nur die Toten, sondern vor allem die Beobachter der Geschehnisse sind das Ziel des Terrors. Oft werden unmittelbar nach dem Anschlag falsche Beweise präsentiert und erlogene Geschichten erzählt, welche die Menschen bereitwillig schlucken, weil sie in einem emotionalen Ausnahmezustand sind und nicht mehr in Ruhe nachdenken können.

Können Sie das belegen?

Im italienischen Peteano starben 1972 drei Polizisten bei einem Terroranschlag, der sofort der extremen Linken in die Schuhe geschoben wurde. Doch die Beweise waren gefälscht. Der Sprengstoffexperte der italienischen Polizei, Marco Morin, hatte bewusst eine falsche Expertise erstellt und behauptet, der Peteano-Sprengstoff sei jener, den auch die linke Terrorgruppe Brigate Rosse verwende. Die Massenmedien folgten dieser Expertise blind, und dadurch wurden nicht nur die Brigate Rosse, sondern auch die italienischen Kommunisten und Sozialisten diskreditiert. Es dauerte zwölf Jahre, bis der italienische Untersuchungsrichter Felice Casson die Lüge aufdeckte. Er fand heraus, dass nicht die Linken, sondern der Rechtsextremist Vincenzo Vinciguerra den Anschlag verübt hatte. Er begründete seine "Strategie der Spannung" so: "Die Anschläge sollten die Menschen, das italienische Volk, dazu bringen, den Staat um größere Sicherheit zu bitten."

Bei einem anderen Terroranschlag habe ich verfolgt, wie Pässe gefälscht worden sind: Als 1985 der französische Geheimdienst in Neuseeland das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior mit einer Bombe versenkte, reisten zwei Agenten mit gefälschten Pässen als Schweizer Ehepaar Turenge ein. Die Schweiz hatte aber gar nichts mit dem Anschlag zu tun – Schweizer waren überhaupt nicht an Bord. Geheimdienste haben keinerlei Probleme damit, Pässe zu fälschen und damit falsche Fährten zu legen, das ist ein Kinderspiel.

Eine zunehmende Radikalisierung bestimmter Milieus ist aber nicht zu übersehen.

Natürlich gibt es eine Radikalisierung, wir stecken mitten in einer riesige Gewaltspirale, und das ist alles andere als gut. Aus ihr müssen wir herauskommen, aber das geht nur, wenn wir Konflikte ohne Gewalt lösen. Wir befreien uns daraus nicht, wenn wir noch mehr muslimische Länder angreifen oder bombardieren oder in den NATO-Ländern den Überwachungsstaat ausbauen. Wir müssen uns diese Gewaltspirale in aller Ruhe anschauen. Im Nordsudan hat der muslimische Präsident Baschir alle "Nicht-Muslime" als "giftiges Ungeziefer" bezeichnet, Christen werden brutal vertrieben und auch getötet. Das ist ein Element der Gewaltspirale.

Ein anderes ist aber auch die Folter der CIA, welche kürzlich aufgedeckt worden ist. Da gibt es aber auch noch den Krieg von Frankreich und anderen NATO-Ländern gegen Libyen 2011, der 30 000 Tote forderte, die meisten davon Muslime. Und den illegalen Angriffskrieg von Großbritannien und den USA gegen den Irak 2003, der mehr als 100 000 Tote forderte, die meisten davon Muslime. Derzeit stehen die Kämpfe in Syrien und in der Ukraine im Fokus. Jede daran beteiligte Gruppe – die Christen, die Muslime, die Juden, die Hindus, die Buddhisten, die Atheisten – sollte dabei über den je eigenen Beitrag zur Gewaltspirale selbstkritisch nachdenken. Erst dann erkennt man, dass alle zusammen den Kessel anheizen. Man muss den Balken im eigenen Auge sehen – und nicht nur den Splitter in dem des Fremden.

Derlei Selbstkritik wäre wünschenswert, ist aber kaum vorhanden.

Das stimmt nicht. Es gibt diese Selbstkritik, nur wird darüber viel zu wenig berichtet. Der US-Drohnenpilot Brandon Bryant hat kürzlich eine sehr bewegende Selbstreflexion durchgemacht. Er hat 1626 Menschen getötet, nicht mit der Hand, dem Messer oder Gewehr, sondern vor seinem Monitor. In einem Fall sah er, wie ein Opfer wegen einer offenen Beinarterie verblutete. Auch Kinder und Frauen sterben in Afghanistan und Pakistan bei Drohnenangriffen, die meisten davon sind Muslime. Diesen Teil der Gewaltspirale wollen viele in Europa nicht sehen. Bryant hinterfragte sein Tun und kündigte schließlich beim Pentagon. Darüber gab es einige Beiträge in den Medien, leider aber viel zu wenige, daher kennen viele nun zwar den Begriff "Charlie Hebdo", nicht aber den Namen Brandon Bryant.

"Eine Reflexion über den eigenen Terror ist tabu", sagt Ganser über NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Foto: Kjetil Ree/Wikipedia
"Eine Reflexion über den eigenen Terror ist tabu", sagt Ganser über NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Foto: Kjetil Ree/Wikipedia

Bei aller Selbstkritik muss der Angriff auf die Pressefreiheit verurteilt werden, den die Morde in Paris offenbar intendierten.

Natürlich, die Pressefreiheit ist sehr wichtig und wird immer wieder angegriffen, zum Beispiel auch in Russland. Aber manchmal greift auch die NATO die Presse an, das blenden wir dann immer gerne aus. Am 23. April 1999 bombardierte die Nato die Redaktion des Radio- und TV-Senders von Serbien. Es gab zehn tote Journalisten, 20 Vermisste, die meisten davon verschüttet. Das Medienzentrum war damit ausgeschaltet. Damals gab es weder in Frankreich noch in Deutschland noch in den USA jemanden, der gesagt hätte, hierbei handele es sich um Terror gegen Journalisten. Man fand das regelrecht normal und korrekt – und der NATO-Sprecher erklärte dann, man habe erfolgreich einen Propagandasender ausgeschaltet. Nach dem Anschlag in Paris hat NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärt: "Die NATO-Verbündeten halten im Kampf gegen Terrorismus zusammen. Wir stehen in voller Solidarität bei unserem Verbündeten Frankreich." Eine Reflexion über den eigenen Terror ist tabu.

Wen machen Sie für diese globale Gewaltspirale verantwortlich?

Wir sind derzeit sieben Milliarden Menschen in 200 Ländern. Nur ein Prozent tötet und foltert derzeit oder gibt Untergebenen den Befehl, zu töten oder zu foltern. Das ist also eine kleine Minderheit. Die anderen 99 Prozent möchten einfach in Ruhe leben, sich verlieben, etwas Geld verdienen, in die Ferien fahren, Freunde treffen, eine Familie gründen, Musik hören, die normalen Dinge des Lebens eben. Leider kann man diese 99 Prozent aber sehr gut an der Nase herumführen. Man erzählt ihnen etwa, ihre Freiheit müsse jetzt am Hindukusch verteidigt werden. Und obwohl sie zuvor noch nie von diesem Berggebiet gehört haben, ziehen sie womöglich mit in den Krieg. 

Ist bei den Gewalttätern dieser Welt die Religion wirklich das entscheidende Moment?

Nein. Die Gewalttäter kommen aus verschiedenen Ländern und gehören verschiedenen Religionen an. Es sind aber meistens Männer. Oft geht es im Kern um den Zugriff auf Ressourcen wie Erdöl oder Erdgas, die Religionen werden dabei vor allem dazu benutzt, die Gruppen in die Gewaltspirale hineinzuführen. Und diese gewalttätigen Männer haben ganz verschiedene Weltbilder. Sie sitzen etwa in den USA und steuern – wie sie denken, im Kampf für Freiheit, Menschenrecht und Demokratie – eine Drohne im Auftrag des Pentagons. Oder sie sind Präsident im Sudan und töten die Christen – vermeintlich im Auftrag Gottes oder der Religion. Oder sie arbeiten beim Geheimdienst in Italien und manipulieren einen Terroranschlag, um die Bevölkerung zu täuschen und für die Herren, denen sie hierbei dienen, die Chancen auf Wiederwahl zu erhöhen, die Möglichkeiten sozialer Revolten im Keim zu ersticken. In jedem Fall aber behaupten sie, dass sie durch Gewalt das Böse ausrotten könnten. Doch die Friedensforschung beweist ganz klar, dass das so nicht geht. Das ist ein ganz grässlicher Irrtum. Das Böse kann niemals durch Gewalt ausgelöscht werden.

Wenn dem so ist: Was könnte und sollte man aktuell tun?

Man muss sich erinnern, dass man den 99 Prozent angehört, die keine Gewaltspirale wollen. Man sollte daher mit Mut und Ehrlichkeit für gewaltfreie Konfliktlösung und für Toleranz gegenüber anderen Religionen einstehen. Auch wenn das derzeit nicht sehr populär ist. In einer Zeit voller Angst und Misstrauen muss man Brücken bauen. Wer einen Muslim kennt, sollte zu ihm gehen und ihn umarmen, oder wenn das nicht geht, ihm die Hand geben und ein freundliches Wort austauschen. Wir haben mehr als zwei Milliarden Christen und mehr als 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt. Es hat also offensichtlich gar keinen Sinn, wenn diese beiden großen Gruppen nun gegeneinander in den Kampf ziehen.

 

Daniele Ganser ist Schweizer Historiker, spezialisiert auf Zeitgeschichte seit 1945 und internationale Politik. Seine Forschungsschwerpunkte sind Friedensforschung, Geostrategie, verdeckte Kriegsführung, Ressourcenkämpfe und Wirtschaftspolitik. Er unterrichtet an den Universität St. Gallen und Basel und leitet das Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) in Basel.


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