KONTEXT:Wochenzeitung
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Hemdschwitzer und Durchzischer

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Am Sonntag, 8. März ist es so weit: Der Souverän darf seines Amtes walten und den neuen Landtag in Baden-Württemberg wählen. Endlich. Nicht nur Politiker und Journalistinnen dürften froh sein, dass der Wahlkampf endlich ein Ende findet. Denn mal ehrlich: Wer hat sich nicht schon sattgesehen an den bunten Wahlplakaten mit meist inhaltsleeren Losungen wie "Neue Kraft fürs Land" oder "Erfahrung war nie wichtiger"? Wer kann noch länger diese aufgesetzt schwäbelnden Sprüche à la "'s Hemd schwitzt ned von alloi" oder durch die Zähne gezischten Familienbeschwörungen ertragen?

"Isch over" werden wir in der Kontext-Redaktion dann am Sonntag erleichtert sagen. Auch wenn es auf den letzten Metern noch einmal spannend wird. Bis vergangene Woche war CDU-Vorsitzender und -Spitzenkandidat Manuel Hagel quasi als künftiger Ministerpräsident gesetzt, dann sahen zwei neue Umfragen die Grünen nur noch knapp hinter den Konservativen. Nicht ausgeschlossen also, dass der künftige Ministerpräsident doch Cem Özdemir heißt. Das ginge dann vor allem zulasten der Roten: Die SPD schafft vermutlich nicht mal ein zweistelliges Ergebnis und die Linkspartei bangt um den Einzug in den Landtag, der schon sicher schien. Die Redakteurinnen und Redakteure von Kontext haben ihre Gedanken- und Gefühlswelt kurz vor der Wahl nochmal zusammengefasst. Für einen ist bald, wenn auch nicht gleich nach dem Wahlabend, endgültig Schluss: Winfried Kretschmann, 15 Jahre lang grüner Ministerpräsident, geht mit 77 Jahren in den Ruhestand. Kontext-Autorin Johanna Henkel-Waidhofer blickt auf sein Wirken zurück, unsere Fotografen haben dazu ihre schönsten Aufnahmen rausgesucht.

Übrigens ist gerade im gesamten Bundesgebiet Wahlzeit – nicht in der Politik, sondern bei der Interessensvertretung am Arbeitsplatz. Noch bis Ende Mai kann der Betriebsrat neu gewählt werden, sofern es überhaupt einen gibt. "In Betrieben mit in der Regel mindestens fünf ständigen wahlberechtigten Arbeitnehmern, von denen drei wählbar sind, werden Betriebsräte gewählt", heißt es im Betriebsverfassungsgesetz. Dennoch haben laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) mehr als die Hälfte der Beschäftigten deutschlandweit keine Interessensvertretung gegenüber ihrem Arbeitgeber. Wer betroffen ist und was daran ändern möchte, findet Unterstützung beim DGB.

Auch die Pseudogewerkschaft Zentrum hat eigene Listen aufgeschrieben. Dabei geht es dem rechten Verein weniger darum, die Interessen der Beschäftigten zu vertreten, sondern vielmehr diese zu spalten und die DGB-Gewerkschaften zu verdrängen. Inzwischen stellen AfD und Zentrum ganz ungeniert ihre Verbundenheit zur Schau, obwohl Zentrum wegen seiner Nähe zu Neonazis einst auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD stand. Björn Höcke hat dies vermutlich nie gekratzt, der Kopf des offiziell aufgelösten völkischen Flügels war immer einer der rechtesten in der rechtsextremen Partei. Vergangenen Samstag reiste der Thüringer AfD-Chef zum Wahlkampfabschluss nach Reutlingen-Rommelsbach, wo er über "Kartellparteien" herzog und vom "Völkermord" durch Migration schwadronierte. Die Kontext-Redakteur:innen Gesa von Leesen und Korbinian Strohhuber waren vor Ort und haben im Publikum auch einen Mann mit Zentrum-Jacke entdeckt. So verstörend Höckes Auftritt auch war, der Anblick von über 4.000 Gegendemonstrant:innen draußen gab Hoffnung.

Recherche gegen Rechts endet

Im Kampf gegen Rechtsextreme sind Infos über deren Umtriebe unerlässlich. Seit November veröffentlicht Kontext wöchentlich einen Text zum Projekt "Recherche gegen Rechts". Sogar eine Broschüre ist daraus entstanden, die am vergangenen Sonntag im Kulturcafé Merlin präsentiert wurde. Neben Kontext-Redakteur Minh Schredle, der an diesem Abend moderierte, plauderten aus dem Nähkästchen ihrer Recherchen die Autor:innen Linda Roth, Andrea Röpke und Timo Büchner. Letzterer hat für diese Ausgabe einen Beitrag über Straftaten von AfD-Funktionär:innen verfasst. Damit enden die regelmäßigen wöchentlichen Veröffentlichungen im Rahmen des Rechercheprojekts. Aber keine Sorge: Kontext wird auch weiterhin den Rechten auf die Finger schauen.

Ausstellung über zivile Seenotrettung

Zehn Jahre hat Fotojournalist Chris Grodotzki Sea-Watch begleitet, einen Verein, der mit seinen Rettungsschiffen Geflüchtete im Mittelmeer vor dem Ertrinken bewahrt. Über die Erfahrungen hat er ein Buch geschrieben, das er vergangenes Jahr veröffentlichte (Kontext berichtete). Jetzt folgt eine Ausstellung mit seinen Aufnahmen im Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Bis zum 24. April sind seine Bilder zu sehen, am 12. März lesen Grodotzki und Luna Ali um 18 Uhr aus ihren Büchern "Kein Land in Sicht" und "Da waren die Tage".

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