Ausgabe 445
Editorial

Der Berg kreißte

Von unserer Redaktion
Datum: 09.10.2019

"Heute ist ein guter Tag für Stuttgart", ließ Stuttgarts grüner OB Fritz Kuhn am vergangenen Montag verlauten. Ein guter Tag, juhu – wen freut das nicht? Und der Anlass für die frohe Botschaft ist gar nicht hoch genug einzuschätzen: Stuttgart führt – Trommelwirbel, bitte – ein Pfandsystem für Coffee-to-go-Becher ein. Respekt! Nun werden Kleingeister wieder einwenden, ja klar, Feinstaub- und Stickoxid-Belastung nicht in den Griff kriegen, kein zukunftsfähiges Verkehrskonzept hinbekommen, eine ökologisch katastrophale Tunnelhaltestelle und Dutzende Tunnelkilometer buddeln, im Unverstand Flächen versiegeln und als Alibi Mooswände auf die Gehwege stellen, die dann nicht mal ausreichend bewässert werden – aaaber dann großspurig Nachhaltigkeit reklamieren wegen ein paar Pfandbechern.

Solchen Defätisten sei gesagt, dass der neue "Recup-Becher", so die Stadt, "zur besseren Wahrnehmung des Pfandsystems in der Öffentlichkeit", und jetzt kommt’s, "mit einer eigenen Stuttgart-Edition" startet: "Der Becher zeigt die Wahrzeichen der Stadt wie den Fernsehturm, die Stiftskirche oder (sic!) das Mercedes-Benz und Porsche-Museum". Vom Bonatzbau war in der Pressemitteilung nicht die Rede, sicher ein Versehen. Sollte die Stadt nun noch dazu übergehen, diese Becher an die im Stau stehenden Autofahrer zu verteilen, kann davon ausgegangen werden, dass diese umgehend ihre unnachhaltige Fortbewegungsweise überdenken und sich vornehmen, fürderhin zu Fuß, zweirädrig oder mit den Öffentlichen eines dieser Wahrzeichen anzusteuern. Im Porsche-Museum macht sich der Nachhaltigkeitsbecher mit dem passenden Motiv sicher gut. 

Apropos Wahrzeichen: Gemessen an der Häufigkeit, mit der man es im Stadtbild sieht, erscheint das Pferd als Stuttgarter Wappentier nicht mehr zeitgemäß. Wie wäre es stattdessen mit einer Maus? Nicht nur wegen der schönen Sprichwörter. Mal beißt sie keinen Faden ab, mal wird sie mit Speck gefangen, oder, besonders schön: Der Berg kreißte und gebar eine Maus. (Der Lateiner weiß natürlich, dass in der auf den altrömischen Dichter Horaz zurückgehenden Urversion des Spruches – "Parturient montes, nascetur ridiculus mus" – noch eine Wertung der Maus – "ridiculus" – enthalten war.)

Aber was heißt das überhaupt? Um die Verdeutlichung dieses Spruches hat sich in den vergangenen Wochen geradezu vorbildlich die Bundesregierung verdient gemacht. Und zwar mit ihrem Klimapaket. Auch wenn wohl nur hoffnungslose Optimisten hier einen ganz großen Wurf erwartet hatten, dass trotz Dauerpräsenz des Themas, Fridays-for-Future-Protesten und "Haben-verstanden/werden-liefern"-Floskelei ein so dermaßen klägliches Mäuslein herauskam, überraschte so manchen dann doch. Große Konsequenz im Unterbieten von Erwartungen zeigte das Bundesumweltministerium nun auch am Montag, als bekannt wurde, dass das Gesetz in einem neuen Entwurf noch etwas abgeschwächt wurde, oder sinnbildlich: die kleine Maus nach der ersten Kritik an ihrer geringen Größe weiter schrumpfte.

Ein grünes Immobilienprojekt

Doch man muss gar nicht nach Berlin gehen, um schöne Entsprechungen für Horaz' geflügeltes Wort zu finden. In Stuttgart kreißt ja seit einigen Wochen auch ein Berg, konkret, es tagt eine Arbeitsgruppe aus Vertretern von Land, Stadt, Region und Bahn über die Frage, wie die absehbaren Kapazitätsprobleme der S-21-Tiefhaltestelle behoben werden könnten, der Bahnhof für eine Verdopplung der Fahrgastzahlen tauglich gemacht werden könne.

Verkehrsminister Hermann hatte hier die Idee eines unterirdischen Ergänzungskopfbahnhofs ins Spiel gebracht, der rechtwinklig zum geplanten Durchgangshalt liegen solle – also so wie der jetzige Kopfbahnhof, nur halt tiefer. Dass über Ergänzungen überhaupt gesprochen werden sollte, nährte dann schon die sanfte Hoffnung, den Beteiligten könnte irgendwann aufgehen, dass S 21 in geplanter Form einfach nicht funktionieren wird, und dass es vielleicht einfacher wäre, zumindest einen Teil der Gleise nicht erst abzureißen und dann an gleicher Stelle tiefer zu legen, sondern gleich oben zu lassen. Vielleicht nicht gleich, aber irgendwann …

Doch nun lassen die ersten Prämissen, auf die sich die Arbeitsgruppe verständigt hat, wieder die Geburt einer Maus erwarten: Alle Mitglieder der Gruppe akzeptieren es offenbar als Tatsache, dass S 21 den Deutschlandtakt bewältigen kann – eine ziemlich gewagte Aussage (Kontext berichtete). Und es dürfe keine oberirdischen Gleisanlagen mehr geben, denn für Stuttgart habe der Städtebau Vorrang (mittlerweile auch ein grünes Projekt, siehe hier). Auch sonst durchweht die Prämissen der Geist, Stuttgart 21 sei eigentlich so schon perfekt, worüber reden wir eigentlich? Der Käs sei also, um ein weiteres Sprichwort anzubringen, in jeder Hinsicht schon gegessen. Aber von wem eigentlich? Von der Maus, die die kreißende Arbeitsgruppe noch gebären soll? Fragen über Fragen.

Einfacher mit den Antworten hat es die Protestbewegung gegen Stuttgart 21, die diese Woche am Montag auf der Straße und Dienstag im Stuttgarter Theaterhaus zehn Jahre Montagsdemo feierte. Unter anderem haben Regisseur Volker Lösch und Kabarettistin Christine Prayon dabei gratuliert, und beide Beiträge fanden wir so interessant, dass wir sie in unserer aktuellen Ausgabe dokumentieren.


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