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Stuttgart 21

Postfaktisch mit S 21

Stuttgart 21: Postfaktisch mit S 21
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Wahrheit? Egal. Solange das Ergebnis stimmt: Über Jahrzehnte wurde Stuttgart 21 von den Verantwortlichen schöngerechnet. Was kostet es wirklich, wenn Politiker:innen falsche Zahlen verbreiten?

"Ich hab' aber auch nicht vergessen, wie wir behandelt worden sind von diesem Konzern, (...) mit welcher Arroganz wir da abgebürstet worden sind (...). Und heute tritt all das ein, was wir damals gesagt haben, von A bis Z."

Das sagte nicht irgendein Stuttgart-21-Gegner, das sagte der damalige Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im Mai 2025 in einer Pressekonferenz. Die Empörung ist ihm anzusehen. Erstaunlich, dass ein in der ganzen Republik geschätzter Ministerpräsident von Baden-Württemberg, auch nach fast fünfzehn Amtsjahren emotional wird, wenn es um das Auftreten der Bahnmanager geht. Kretschmann hatte in diesem Augenblick so etwas wie einen "die da oben"-Moment. Wenn selbst bei einem Kretschmann diese Demütigungen noch nachwirken, wie muss das bei Otto-Normalverbraucher sein?

Im Kern drückt der Ministerpräsident die Wirkung einer in bestimmten Kreisen mittlerweile nahezu gängigen Postfaktizität aus. Gut, manche Menschen sprechen hier einfach von Lügen – aber die Sache ist dann doch komplexer.

Ein Projekt als Fetisch

An Stuttgart 21 lässt sich ablesen, wie eine Idee für ein gewaltiges Projekt sich zu einem politischen Fetisch verfestigt. Und in einer erbitterten Auseinandersetzung zur Glaubensfrage mutiert. 

April 1994, im Mosersaal des Landtags haben sich um Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU), nicht nur sein Landesverkehrsminister und der Oberbürgermeister Stuttgarts, sondern zu Überraschung der eilends einberufenen Presse auch Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (CDU) und Bahnchef Heinz Dürr versammelt – beide aus der Region Stuttgart. Teufel stellt ein gewaltiges Großprojekt vor: Stuttgart 21. Ein neuer Stadtteil soll entstehen und die noch störenden Gleise in den Untergrund verschwinden. So etwas ist eine Herkulesaufgabe, doch es gibt die "einmalige personelle Konstellation", das alte Stuttgarter Kumpels an den entscheidenden Stellen sitzen. "Das ist die Chance (...), die wir nutzen müssen." Sagt der Ministerpräsident ganz unbekümmert. Heute würde man von Filz sprechen.

Wie behauptete Realität und tatsächliche Realität auseinanderdrifteten, lässt sich am deutlichsten an der Kostenentwicklung zeigen. Das Projekt war nicht nur ob der schieren Größe ein Superlativ, nein es war auch noch "das bestgeplante" und das "bestgerechnete" Projekt. So haben es damals nicht nur Baden-Württembergs Innen- und Verkehrsminister Heribert Rech (CDU) behauptet, sondern es war das Mantra der S-21-Befürworter. In allen befassten Parlamenten hatte Stuttgart 21 überwältigende Mehrheiten. CDU, SPD und FDP waren für das Projekt, nur die Grünen und viele Aktivist:innen hielten dagegen. 

Es entwickelte sich ein nun schon mehr als dreißig Jahre anhaltender Ritus: 

Die Bahn nennt Kosten für das Projekt, anfangs waren es einmal 2,5 Milliarden Euro, die Gegner bezweifeln sie und legen eine Gegenrechnung vor. Wenig später muss die Bahn ihre eigene Kostenschätzung nach oben korrigieren. Alle paar Jahre das selbe Spiel. Immer verbunden mit einer bahnseitigen Bekräftigung, dass nun aber wirklich alles auf dem Tisch liege. Selbst als der Bundesrechnungshof die Kosten deutlich höher einschätzte als die Planer, ficht die das nicht. Es war ja das – immer wieder aufs Neue – "bestgerechnete" Projekt. Keine Spur von Demut. 

Im Gegenteil, trotz immer neuer Kostensteigerungen, wurde die jeweils aktuelle Milliardensumme als sakrosankte Größe dargestellt. Das fatale an dieser Entwicklung war, dass nicht irgendjemand unhaltbare Behauptungen aufstellte, sondern regierende Politiker:innen und die staatliche Deutsche Bahn AG. Zum Skandal wurde dieses Verfahren erst, als klar wurde, dass die Bahn die nächste Preissteigerung schon kannte, öffentlich aber absichtlich niedrigere Summen nannte. 

Zu viele falsche Wahrheiten 

Ein großes Problem war und ist, dass entscheidende Daten des Projekts von der Bahn immer unter Verschluss gehalten wurden und werden. Die Öffentlichkeit kann sich selbst kein Bild machen. Immer wieder braucht es geleakte Dokumente, um zu wissen, dass da was nicht stimmt. Ein Beispiel war das sogenannte "Azer-Papier", in dem der damalige Chefplaner Hany Azer im Jahr 2013 die gewaltige Kostenrisiken unverblümt benannte. 

Schon da wurde immer deutlicher, dass Stuttgart 21 viel teurer werden wird, und dass die Kosten nicht nur zu gering eingeschätzt, sondern dass bewusst falsche Zahlen in die Welt gesetzt wurden.

Dann wurde die Schlichtung geboren. Eine bemerkenswerte Veranstaltung. Es wurden wirklich Argumente ausgetauscht, man konnte in stundenlangen Fernsehübertragungen sehen, wie sich beide Seiten sachlich auseinandersetzen. 

Allerdings war damals von vornherein klar, dass weder das Land, die Stadt, noch die Bahn ihre Pläne ändern wollten. Doch weil sich über die Frage nach der Kapazität des Bahnknotens keine Einigung erzielen ließ, wurde ein sogenannter Stresstest anberaumt. Der zur Grundlage wurde für die Volksabstimmung 2011 und die Basis für alles, was seitdem gebaut wurde und damit das wichtigste Dokument der S-21-Geschichte. 

Heute sagt Werner Stohler, der damalige Chef der Gutachterfirma SMA, die den Stresstest berechnete, der Test sei nicht belastbar und damit eigentlich für die Tonne gewesen. Aktuell bestätigt das auch der damalige Geschäftsführer. Einfach ausgedrückt: Die Firma hat, aus interner Abhängigkeit, die Wünsche der Bahn in passende Form gegossen.

Und so konnte sich das Diktum durchsetzen: "Stresstest bestanden". Was die Realität anbelangt, war das gelogen. 

Wenn aber nun eine Landesregierung und ein Staatskonzern wie die Bahn über Jahrzehnte Behauptungen aufstellen, die sich regelmäßig als falsch herausstellen – warum sollte jemand noch an Aussagen von Politiker:innen glauben? Ausgerechnet diejenigen, die vom Volk durch Wahlen eingesetzt werden, haben die Bevölkerung über Jahre hinweg hinters Licht geführt. Zahlen und Fakten wurden grundsätzlich unter Verschluss gehalten, nur durch Gegengutachten und schließlich durch die normative Kraft des Faktischen wurde die Wahrheit enthüllt. Das Vertrauen der Bevölkerung wurde hier so untergraben, dass man sich nicht wundern muss, wenn die überhaupt nichts mehr glaubt. Das Vertrauen in die Demokratie: nachhaltig geschädigt. 

Hat man etwas daraus gelernt?

Evelyn Palla, die neue Bahnchefin, hat unlängst verkündet, den Revisionsbericht über die Mängel von Stuttgart 21 nicht zu veröffentlichen, selbst der Landesverkehrsministerin Nicole Razavi (CDU) wird der Bericht vorenthalten. Was für brisante Nachrichten mag der Bericht enthalten? Man kann nur spekulieren.

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