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Gewalt gegen die Cruising-Szene

Angriffe auf queere Sichtbarkeit

Gewalt gegen die Cruising-Szene: Angriffe auf queere Sichtbarkeit
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In Stuttgart kam es zu brutalen körperlichen Angriffen auf Menschen, die Cruising-Orte besuchten. Das ist nichts Neues, denn Cruising ist historisch eng verknüpft mit Gewalt gegen die queere Community.

"Cruisinggebiete sind in der Regel friedliche Orte", heißt es in einem Info-Flyer der Stuttgarter Polizei. Gemeint ist damit, dass von queeren Menschen auf der Suche nach anonymem Sex keine gesteigerte Gefahr ausgeht. Doch wie auch im bundesdeutschen Trend haben homophobe Gewalttaten rund um den bekannten Treffpunkt am Degerlocher Fernsehturm zugenommen. Im Juli führte die Polizei Razzien bei fünf Tatverdächtigen durch, die in mehreren Fällen insgesamt zehn Männer verletzt und teils mit Feuerlöschern besprüht haben sollen. Bei den Hausdurchsuchungen ist nach Polizeiangaben viel Beweismaterial sichergestellt worden und nach ersten Erkenntnissen sei eindeutig von einer homophoben Motivation auszugehen.

In ganz Deutschland steigt die Zahl queerfeindlicher Straftaten, die Polizeistatistik verzeichnete 2025 eine Zunahme von knapp 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch die Cruising-Szene ist betroffen. Zugleich ist das Verhältnis zur Polizei historisch belastet. So geht das Stuttgarter Präsidium bei Übergriffen von einer hohen Dunkelziffer aus: "Viele Betroffene könnten die Taten bislang nicht angezeigt haben – etwa aus Scham, Angst vor einem Outing oder aus Sorge vor negativen Reaktionen", heißt es in einem Zeugenaufruf mit der Bitte um Hinweise. Als weiterer Grund ließe sich noch das beschädigte Vertrauensverhältnis zur Polizei ergänzen.

So ist der Wald um den Fernsehturm nicht erst gestern zum Treffpunkt geworden, sondern schon seit Jahrzehnten. In der Bundesrepublik wurden homosexuelle Handlungen zwischen Männern nach Paragraf 175 StGB bis 1969 strafrechtlich verfolgt, in Baden-Württemberg zeigten sich die Ermittlungsbehörden dabei besonders unerbittlich. Von staatlicher Seite war das Aufklärungsinteresse überschaubar, seit Januar 2017 dokumentiert die von der Zivilgesellschaft gepflegte Website "Der Liebe wegen", dass Baden-Württemberg bei der Verfolgung Homosexueller bundesweiter Spitzenreiter war: mit über 7.300 Verurteilungen zwischen 1953 und 1969. Regelmäßige Kontrollen in Bars und Clubs trugen zu Verlagerungseffekten bei und hatten einen Anteil daran, dass sich Treffpunkte wie der am Fernsehturm etabliert haben.

Erst im März 2026 ist mit der Monografie "Paragraf 175 StGB in der jungen Bundesrepublik – Verfolgung und staatliche Repression" die erste umfangreiche Auseinandersetzung im akademischen Kontext publiziert worden: J. Noah Munier forscht als akademische Mitarbeiter:in am Historischen Institut der Universität Stuttgart, hat umfangreiches Quellenmaterial ausgewertet und bestätigt die Einschätzung, dass in Baden-Württemberg "homo- und bisexuelle Männer im Bundesvergleich besonders stark verfolgt" wurden. Sogar so weit, dass es "maßgeblichen Anteil an der gesteigerten bundesweiten Verfolgung" hatte. Am Höhepunkt der Verfolgung durch Paragraf 175 StGB lag die Anzahl der verurteilten Menschen zudem höher als in bevölkerungsreicheren Bundesländern wie Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Als Gründe für die hohe Verfolgungsrate sieht Munier ein "Zusammenwirken von Institutionen" wie Polizei, Justiz, Medizin sowie Psychiatrie. Hinzu kamen Denunziationen aus der Bevölkerung, deren "Triebkräfte" aber noch weiter erforscht werden müssten. Besonders von queerfeindlicher Verfolgung betroffen waren Jugendliche und junge Erwachsene. Durch erhöhte polizeiliche Kontrollen wurden viele Orte der queeren Community wie Bars, aber auch Cruising-Treffpunkte in öffentlichen Schwimmbädern und Toiletten nachhaltig zerstört. Munier konnte offenlegen, dass dafür extra weitere Beamte eingestellt wurden. Erst gegen Ende der 1960er-Jahre fand ein gesellschaftliches Umdenken statt, das auch in die Institutionen sickerte.

Sabotierte Schutzräume?

Viele Jahrzehnte später schien das Stuttgarter Polizeipräsidium untermauern zu wollen, dass sich die Mentalität gewandelt hat: "Cruising ist geil und macht Spaß!", steht in der 2022 veröffentlichten Broschüre "Cruising mit Respekt". Darin räumt die staatliche Ordnungsmacht sogar ein, dass es "viele Gründe für Cruising" geben könne, vom anonymen Sex bis zum "Kick, erwischt zu werden". Von Wald und Strand, Parks und Parkplätzen über Saunen, Kinos, Einkaufszentren und Schwimmbäder habe das Cruisen "eine lange Tradition und wird weltweit praktiziert". Das sei auch legal, es gelte nur zu beachten, dass der Sex "ausschließlich einvernehmlich und unter Erwachsenen" erfolgt, niemand Unbeteiligtes unfreiwillig zusehen muss und kein Müll liegen gelassen wird.

Im Kontrast zu dieser betonten Offenheit stehen Polizeieinsätze der vergangenen Monate, die bei der Szene schlimme Erinnerungen wach werden lassen. Im Dezember 2024 schilderten Betroffene gegenüber der "Stuttgarter Zeitung", wie sie beim Cruisen am Fernsehturm plötzlich im Lichtkegel einer Taschenlampe standen, wobei die Beamten auch gedroht hätten, die Hunde von der Leine zu lassen, da seien "Leute gejagt worden wie irgendwelche Tiere". Was die rechtliche Grundlage für den Einsatz war, bleibt offen. Clemens Arzt, Professor für Polizeirecht, beurteilt es gegenüber der StZ als "zweifelhaft", dass hier im Wald der Tatbestand einer "Erregung öffentlichen Ärgernisses" erfüllt war. Er vermutet, "dass es hier nicht um eine Strafverfolgung ging, sondern eher um staatliches 'Flagge zeigen', um Beschwerden im Allgemeinen nachzukommen".

Nur zeigte der Staat eben keine Pride Flag. Und die Zahl der Beschwerden rund um den Fernsehturm scheint überschaubar: Die Stadtverwaltung bestätigt zwei eingegangene Beschwerden für das Jahr 2024, dem gegenüber stehen 20 Kontrollen. Hinzu kommen Rodungsarbeiten, die Sichtschutz und Diskretion im Weg stehen – Gerüchten zufolge, weil der Fernsehturm als Weltkulturerbe im Gespräch ist und die Cruising-Szene vor einer möglichen Ehrung vergrämt werden solle.

Die Stadt bestreitet das, die erhöhte Präsenz des städtischen Vollzugsdiensts in der Gegend diene dazu, die Einhaltung des Grillverbots zu überwachen, die "Waldpflegemaßnahmen mit geringer Eingriffsstärke" würden "klimaresiliente Baumarten zu fördern, indem konkurrierende Nachbarbäume entnommen werden". Unter Betroffenen ist hingegen der Eindruck verbreitet, dass die Motivation eigentlich eine andere ist. Die StZ zitiert aus dem Brief eines Cruisers an Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU), der appelliert, "alle ordnungsrechtlichen und forstwirtschaftlichen Verdrängungsmaßnahmen am Fernsehturm unverzüglich einzustellen".

In der Cruising-Broschüre der Polizei werden die Treffpunkte als "Schutzräume für Männer, die Sex mit Männern haben wollen" definiert. Das dominierende Bild des schnellen, anonymen Sex zwischen Männern in Parks und öffentlichen Toiletten umfasst aber nicht ansatzweise die Vielfalt dieser Jahrtausende alten Kulturpraxis. "Alle sind irgendwie gleich für den Moment, das finde ich einen spannenden Aspekt von Cruising", sagt Jonathan Gregory. Er leitet für die Deutsche Aidshilfe die Präventionskampagne "Ich weiß was ich tu", kurz IWWIT. Oft entstehe dabei ein Raum, in dem Aussehen unwichtig erscheint und der Menschen über Alters- und Gehaltsklassen sowie sexuelle und geschlechtliche Identität miteinander verbindet.

Ahmet Sitki Demir ist bei IWWIT für die Kampagnenkoordination zuständig und hat deren neu herausgegebenen Cruising-Guide in der Entstehung begleitet. Demir berichtet von der Schwierigkeit, all die Facetten und die lange historische Tradition des Cruisens in einer Infobroschüre zu vereinen. Die entscheidende Frage zur Auswahl war: "Was ist heute noch gelebte Praxis?". Gregory fügt hinzu, dass zudem die Präventions- und Bildungsperspektive für IWWIT wichtig sei und damit einhergehend der Sicherheitsaspekt. Neben Aufklärung zu Safer Sex und solchem, der auf gegenseitigem Konsens beruht, gehört dazu auch, "der Community zu sagen: Sucht euch Orte, wo ihr ungestört seid" und gleichzeitig "wo ihr nicht das öffentliche Leben stört".

Kostengünstige Freizeitgestaltung

Cruisen findet mittlerweile sowohl online durch Apps als auch an öffentlichen Orten wie Parks, aber auch an halb öffentlichen Orten wie Clubs statt. Im dominanzgesellschaftlichen Diskurs wird häufig übersehen, dass dieser anonym praktizierte Sex eine feinfühlige Seite haben kann. Es gibt beispielsweise die Kulturpraxis, dass sich Menschen nur durch Blickkontakt zum Sex verabreden, Dresscodes und klare Regeln im Umgang mit anderen. Aus anfänglichem anonymem Sex entstünden manchmal auch verbindliche Beziehungen, betont Demir. Er weist darauf hin, dass es auch Menschen gebe, die Cruising-Orte aufsuchen, ohne Sex zu haben.

Allerdings ist Cruisen auch keine gelebte Utopie. Selbstverständlich passieren auch hier Ausschlüsse und Menschen erleben Diskriminierung aufgrund von Herkunft und Geschlecht, betont Gregory. Zudem gebe es laut Demir Orte, an denen beispielsweise ausschließlich lesbische Personen oder nicht geoutete Männer cruisen gehen. Es treffen selten alle aufeinander, aber der Möglichkeitsraum ist dafür angelegt und wird gelebt.

Gregory und Demir ist es außerdem wichtig weiterzugeben, dass viele queere Menschen das Cruisen für sich selbst nicht in Betracht zögen. Gleichzeitig erlebe das Cruisen gerade wieder ein Comeback – zum einen, weil die Lebenshaltungskosten steigen und Ausgehen immer teurer werde. Zum anderen würden im Moment vielen queeren Orten die Fördermittel gekürzt oder gleich ganz gestrichen, sodass diese Begegnungsorte für die Community wegfielen. Dadurch bekämen Cruising-Orte wieder eine höhere Relevanz.

Auch Gregory und Demir teilen den Eindruck, dass die institutionellen Eingriffe und Kriminalisierungsversuche zunehmen, während bei homophoben und queerfeindlichen Personen die Gewaltbereitschaft steigt. Vom Staat würden sie sich mehr Schutz wünschen und weniger getrimmte Gebüsche.


Noch bis zum 6. November 2026 ist in der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg in Ulm die Ausstellung "gefährdet leben. Queere Menschen 1933–1945" zu sehen. Am 8. Oktober referiert dort um 18 Uhr J. Noah Munier und stellt Forschungsergebnisse vor. 

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