"Cruisinggebiete sind in der Regel friedliche Orte", heißt es in einem Info-Flyer der Stuttgarter Polizei. Gemeint ist damit, dass von queeren Menschen auf der Suche nach anonymem Sex keine gesteigerte Gefahr ausgeht. Doch wie auch im bundesdeutschen Trend haben homophobe Gewalttaten rund um den bekannten Treffpunkt am Degerlocher Fernsehturm zugenommen. Im Juli führte die Polizei Razzien bei fünf Tatverdächtigen durch, die in mehreren Fällen insgesamt zehn Männer verletzt und teils mit Feuerlöschern besprüht haben sollen. Bei den Hausdurchsuchungen ist nach Polizeiangaben viel Beweismaterial sichergestellt worden und nach ersten Erkenntnissen sei eindeutig von einer homophoben Motivation auszugehen.
Aufruf der Polizei beim Christopher Street Day 2026 in Stuttgart. Foto: Julian Rettig
In ganz Deutschland steigt die Zahl queerfeindlicher Straftaten, die Polizeistatistik verzeichnete 2025 eine Zunahme von knapp 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch die Cruising-Szene ist betroffen. Zugleich ist das Verhältnis zur Polizei historisch belastet. So geht das Stuttgarter Präsidium bei Übergriffen von einer hohen Dunkelziffer aus: "Viele Betroffene könnten die Taten bislang nicht angezeigt haben – etwa aus Scham, Angst vor einem Outing oder aus Sorge vor negativen Reaktionen", heißt es in einem Zeugenaufruf mit der Bitte um Hinweise. Als weiterer Grund ließe sich noch das beschädigte Vertrauensverhältnis zur Polizei ergänzen.
So ist der Wald um den Fernsehturm nicht erst gestern zum Treffpunkt geworden, sondern schon seit Jahrzehnten. In der Bundesrepublik wurden homosexuelle Handlungen zwischen Männern nach Paragraf 175 StGB bis 1969 strafrechtlich verfolgt, in Baden-Württemberg zeigten sich die Ermittlungsbehörden dabei besonders unerbittlich. Von staatlicher Seite war das Aufklärungsinteresse überschaubar, seit Januar 2017 dokumentiert die von der Zivilgesellschaft gepflegte Website "Der Liebe wegen", dass Baden-Württemberg bei der Verfolgung Homosexueller bundesweiter Spitzenreiter war: mit über 7.300 Verurteilungen zwischen 1953 und 1969. Regelmäßige Kontrollen in Bars und Clubs trugen zu Verlagerungseffekten bei und hatten einen Anteil daran, dass sich Treffpunkte wie der am Fernsehturm etabliert haben.




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