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Sprache und Zeitgeist

Quasi sozusagen

Sprache und Zeitgeist: Quasi sozusagen
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Gewiss hat die Welt zur Zeit größere Sorgen. Und doch, meint unser Autor, sollten wir aufpassen: Modischer Sprachmüll nährt sich nicht nur von gesellschaftlich relevanten Erscheinungen wie Herdentrieb und Geltungsdrang, sondern befördert sie auch.

Früher, als alles noch besser war (?), musste sich das Wörtchen "aufgestellt" zufriedengeben mit ziemlich überschaubarem Terrain. Aufgestellt wurden dazumal Heere, Verkehrszeichen, Thesen und Weltrekorde, dann kam in den 1980er-Jahren die berühmte Familienaufstellung nach Helliger. So ums Millennium herum muss aber irgendjemand in unserem innovationslüsternen Land aufgewacht sein mit der fatalen Idee, das Alltagsdeutsch anzureichern mit der Aussage, Firma X in Y sei gut "aufgestellt" für künftige Herausforderungen. Anstatt diesem Jemand die Löffel langzuziehen für seine blasierte Erfindung, verhalfen ihr alsbald Festredner, Leitartikler, Politiker, CEOs und sogar schlaumeiernde Stammtischbrüder zügig zu erstaunlicher Beliebtheit: "Gut aufgestellt" waren plötzlich ganze Länder und Kontinente, Kliniken und Unis, Kickerklubs und Parteien.

Wieder einige Jahre später geschah das Absehbare: Jetzt wurde sogar einzelnen Individuen wie Herrn Meier und Frau Schulze öffentlich bescheinigt, da und dort gut oder eben nicht so gut aufgestellt zu sein, beispielsweise finanziell oder digital. Nicht wenige Menschen fanden es schick, sogar so über sich selbst zu schwadronieren. So dass Helmut Kohl, dem im Rückblick auf sein Pennälerdasein das hinkende Eigenlob "In Hölderlin war ich gut" zugeschrieben wird, eindeutig besser beraten gewesen wäre mit "In Hölderlin war ich gut aufgestellt".

Geradezu närrisch ist die Sache mit dem Narrativ. Nur ein wenig übertrieben wäre die Feststellung, dass neuerdings kein anspruchsvolles Feuilleton mehr auskommt ohne diesen Begriff. Dass die alten Römer "narrare" sagten, wenn sie "erzählen" meinten, wissen lateinkundige Germanen seit zweitausend Jahren, machten aber kein Aufhebens davon. Ganz anders der Essayist von heutzutage, der es hübsch findet, sich mit dem Narrativ erstens einen bildungsbürgerlichen Anstrich zu geben. Und zweitens die Bedeutung seines Themas hochzujubeln, selbst wenn es sich bloß um ein abgeschmacktes Propagandamärchen aus Putins Giftküche handelt, einen längst abgehakten Mythos aus der Antike oder wahnhafte Phantasien aus dem Schiefdenkermilieu von heute.

Referieren ist nicht einordnen

Grundsätzlich gilt: Wann immer routiniert repetierte Floskeln, Phrasen und Ausdrücke auftauchen, droht etwas faul zu sein mit dem oder der Sprechenden. Was sagt es uns beispielweise über ihn oder sie, wenn eine mehr oder minder zutreffende Aussage gekrönt wird mit einem "Genau!" am Ende? Spontane Verdachtsdiagnose: Es fehlt an der Distanz zu sich selbst; sich selbst beim Reden auf einer kritischen Tonspur zu- und nachzuhören, das ist dieser Person wahrscheinlich ziemlich fremd. Oder: Wenn sämtlichen TV-Korrespondenten nach kurzem Auftritt ein roboterhaftes "Danke für Ihre Einordnungen" zugerufen wird, nervt dieser Brauch zumindest die einfühlsameren Gemüter auf der Couch. Den Damen und Herren im Studio scheint das aber egal zu sein. Obendrein haben die Berichterstatter oft genug gar nichts eingeordnet, sondern nur Tatsachen referiert, und das ist mitnichten dasselbe.

Schließlich denken wir an den konsumwütigen Teenager, der in provokantem Tonfall der sparsamen Mutter mitteilt: "Und ja, ehrlicherweise geh‘ ich jetzt schoppen!" Die so pathetische wie überflüssige Einleitung greift erst seit circa einem Jahr virusmäßig um sich in der Republik, wird aber offenbar immer öfter als hilfreich empfunden beim Versuch, das Publikum wenn schon nicht mit Argumenten zu beeindrucken, so doch wenigstens mit Wortgedröhn. Und wieso fällt niemandem der grobe, aber verbreitete Unfug mit dem auch hier total falsch platzierten "ehrlicherweise" auf?

Apropos Jugend. Keineswegs ist sie erst heute anfällig für einen eigenen Jargon bzw. Slang, sondern war das schon vor Jahrhunderten. Die Ergebnisse müssen nicht immer nur fröhlich stimmen, die Überflutung mit "super" und "krass", "chillen" und "boah ey" (neuere Kreationen hat der Autor altersbedingt noch nicht mitgekriegt) stimmt vielmehr bedenklich. Und zwar hinsichtlich der Resilienz – ein munter grassierendes Modewort für Widerstandskraft – des Nachwuchses gegenüber den Verlockungen des warum auch immer "in" oder "hip" Seienden. Dessen Reizen erliegen aber weite Teile der Menschheit gern, nicht zuletzt natürlich die Mitläufertypen und übrigens ganz vornedran Vertreter der Wissenschaft. Durch krampfhaftes Ausschlachten eines fachspezifischen Vokabulars möchten sie ihre Zugehörigkeit zur akademischen Elite nachweisen. So wie bei diesem zwanzig Jahre alten Prachtexemplar aus der Disziplin Soziologie: "Weniger konstitutiv für jugendliche Sprachstile sind einzelne "exotische" Lexeme wie das viel zitierte oberaffengeil als vielmehr die De- und Rekontextualisierung sprachlicher Einheiten, deren Variation auf der Folie kommunikativ-funktionaler Faktoren."

Zwanghaftes Kopieren von Ausdrücken und Redeweisen, oft aus schierer Gefallsucht gegenüber der jeweiligen community, bringt so manches zum Verschwinden, darunter die Unterscheidung zwischen richtigem Deutsch und dem real gesprochenen. Nicht mehr da ist beispielsweise das Bewusstsein dafür, dass mensch hierzulande seit eh und je a u f etwas verzichtet. In den sogenannten Nullerjahren wurde jedoch ein Adjektiv namens "unverzichtbar" in Umlauf gebracht, in dem das bis dahin für unabdingbar gehaltene "auf" unsanft entschlummert war. Auch diese beinahe gewalttätig zu nennende Neuschöpfung genießt bis heute größte Popularität.

Jogi und Lauterbach sind Quasi-Meister

Moden sind eben Magneten. So wie sie Eisenstäbe dazu bringen, sich in gleicher Himmelsrichtung zu formieren in Reih und Glied, trimmen Moden Geschmäcker, Meinungen etc. auf eine Linie. Auch deshalb wird kein nennenswerter Widerstand geleistet gegen die plötzliche und epidemische Verbreitung von regelwidrigen oder aus anderem Grunde fragwürdigen Trends. Emotionslose Experten pflegen sie freilich irrtümlich zu loben als Ausweis lebendiger Sprache. So hat erst vor Kurzem dieses Wort den wohl spektakulärsten Siegeszug der jüngeren Vergangenheit angetreten: "sozusagen." Einst fristete es ein unscheinbares Dasein als eher nichtssagende Buchstabenkollektion, allenfalls geeignet, etwa einem kühnen Vergleich die Schärfe zu nehmen: Einem oberlehrerhaft tönenden Satz wie "Die Sonne ist der Motor der Natur" täte ja ein dämpfendes "sozusagen" tatsächlich gut.

Inzwischen ist diese Vokabel aber sozusagen verbale Massenware, mit einem nachgerade enthemmten Verbrauch. Wer im Radio "Deutschlandfunk Kultur" einschaltet, kann problemlos hochdotierte Wetten eingehen, dass sie in den nächsten zehn Minuten mindestens zwanzig Mal fällt. Ganz ähnlich geht es bei unseren Talkshows zu. Der Drang zum Aufblähen vermählt sich mit dem zum Nachplappern, und beide sind so übermächtig, dass Stilblüten nach dem Muster von "Scholz war gestern sozusagen in Moskau" unvermeidlich werden.

Um Eindruck zu schinden, Verlegenheit zu überspielen oder Zeit zu gewinnen, bietet sich ein klassisches Füllwort wie dieses an wie kaum ein anderes. Jedenfalls dann, wenn man absieht von "auch", "quasi" und "also". So müsste in einer redlichen Biographie des Sportlehrers Jogi Löw neben all den Siegen und Titeln eine Statistik seiner Interviews vorkommen, die diese enorme Springflut von "auch" respektive seinem südbadisch eingedampften "au" erfasst. Langsam, aber sicher holt indessen das "quasi" auf – ganz nebenbei ein Indiz dafür, wie tief das so oft verächtlich gemachte Latein in Wahrheit unserer Kommunikation in den Knochen steckt. Und ohne seine "also"-Manie wäre übrigens der Professor Dr. Karl Lauterbach praktisch nicht denkbar. Trotzdem sollte der Minister seinen Medizinerscharfblick unbedingt mal auf die nervösen Ursachen seines inflationären Konsums dieser zwei Silben lenken. Schließlich kündigt "also" für gewöhnlich eine Schlussfolgerung aus dem bis dahin Festgestellten an, im Sinne des "ergo" der alten Römer. Hingegen ist es beim hibbeligen Herrn Lauterbach, der in so manchem seiner hurtigen Sätze locker drei davon unterbringt, heruntergekommen zu einem Symptom von Stress und Eile im Politikbetrieb. Was aber insofern sozusagen wieder ein ganz anderes Thema wäre als quasi die Mode.


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2 Kommentare verfügbar

  • Claudia Heruday
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Schön!
    Aber es könnte noch viel schärfer sein.
    p.s. und Anmerkung einer Korrekturleserin: "Moden sind eben Magneten. So wie sie Eisenstäbe dazu bringen..." Es sind (außer bei gigantischen Magneten) doch eher die Eisenspäne, die sie auf Linie bringen, gell? Nix für ungut.
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