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Kultur und Corona

Absage an die Absage

Kultur und Corona: Absage an die Absage
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Mit dem Verbot aller Kulturveranstaltungen im November möchte die Politik ihre Corona-Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Doch Kultur ist mehr als ein Abendvergnügen. Ohne Kultur weiß eine Gesellschaft nicht, wohin sie will.

Das Esslinger Literaturfestival LesArt ist oft schon im Voraus ausverkauft. In diesem Jahr hätte trotz allem ein reduziertes Programm stattfinden sollen, für einen Bruchteil des Publikums. "Es war und ist in Esslingen stets unser kulturpolitisches Bestreben, auch und gerade in schwierigen Zeiten wie jetzt, kulturelle Angebote zu stärken und zu sichern", versichert Oberbürgermeister Jürgen Zieger im bereits gedruckten Programmheft. Makulatur. Die LesArt, vom 6. bis zum 27. November, ist abgesagt.

Die LesArt, der Architekturnovember des Bunds Deutscher Architekten , die französischen Filmtage in Tübingen – es gibt viele Veranstaltungsreihen, die genau für den Monat November geplant waren. Die OrganisatorInnen haben ein halbes Jahr oder länger Kontakte geknüpft, Verträge geschlossen, in die Öffentlichkeitsarbeit investiert, ja häufig ihre ganze Leidenschaft in die Vorbereitung gesteckt. Sie stehen nun vor der Wahl: Absagen? Verschieben? Oder wieder in digitale Kanäle umlenken?

Als im März die Kultureinrichtungen und die meisten Geschäfte zum ersten Mal schließen mussten, standen alle vor einer neuen, ungewohnten Situation. Theater, Ausstellungshäuser, Konzertveranstalter, Kinos: Alle haben sich gefügt, in der Folge aber gemeinsam mit den Gesundheitsämtern detaillierte Maßnahmen erarbeitet, um wenigstens einen eingeschränkten Betrieb wieder zu ermöglichen.

Mehr Abstand geht nicht

"Wenn Sie zum Beispiel den Württembergischen Kunstverein betreten", schreibt dessen Direktor Hans D. Christ in einem Facebook-Kommentar, "tragen Sie Maske, ein Abstand von 1,50 Meter ist kein Problem, eine Fläche von 24 Quadratmeter pro Person auch nicht. Es wird Frischluft in die Räume eingeblasen und Verbrauchsluft abgesaugt. Für Gespräche haben wir 200-mal-200-Zentimeter Tische mit Tröpfchenschutz und individualisierte Plätze. Wir sind so extrem sicher, dass diese Art der pauschalen Schließung bei gleichzeitiger Zugänglichkeit von räumlich völlig überforderten Konsumtempeln absurd ist."

Wie Christ haben diesmal viele reagiert. "Wir werden in Mithaftung genommen für eine Symbolpolitik", wird Marc-Oliver Hendriks, der geschäftsführende Intendant der Stuttgarter Staatstheater, in der "Süddeutschen" zitiert – und in vielen anderen Zeitungen. Es handelt sich um eine dpa-Meldung, die die Redaktionen eins zu eins abdrucken. Die Presseagentur habe bei ihm angerufen, erklärt Hendriks, und danach noch der Deutschlandfunk, wo er etwas ausführlicher Stellung nehmen konnte.

"Es gibt keine nachweisbaren bekannten Ansteckungsfälle", sagt der Intendant da. "In einem Opernhaus hier in Stuttgart mit 1.400 Plätzen sitzen bei Aufführungen zurzeit 330 Menschen, sie tragen alle eine Maske. Ich glaube, man kann weitgehend ausschließen, dass die Theater- und Konzertsäle Ansteckungs- und Verbreitungsorte einer Pandemie sind. Ich glaube, es trifft den Falschen."

Hendriks erwähnt auch die freie Kulturszene: "Die sind noch viel existenzieller betroffen als wir. Wir sind eine staatliche Einrichtung. Wir dürfen nicht spielen, aber natürlich laufen hier Gehaltszahlungen, wenn auch unter den Bedingungen der Kurzarbeit weiter." Anders die Freiberufler: "Ich kenne aber genügend Künstlerinnen und Künstler, die sich von Engagement zu Engagement weiter hangeln", schildert er deren Lage. "Das ist alles existenzbedrohend, wenn sie keinen Unternehmergewinn erzielen, wenn sie ihre Miete bezahlen müssen, das sind dramatische Einschnitte."

Kunst ist mehr als Konsum

"Und wissen Sie, was noch viel wichtiger ist?" fährt der Intendant fort. "Wir entziehen uns gerade in der jetzigen Situation die Diskursorte. Die Gesellschaft braucht notwendig, gesellschaftlich zwingend diese Orte, an denen Themen verhandelt werden, und diese Pandemie und wie wir damit umgehen ist ein großes Thema, und der notwendige Diskurs, der findet jetzt nicht statt."

Wenn man an Opernabende, Ballett und Staatstheater denkt, mag dies alles vielleicht ein wenig abgehoben erscheinen, und beim Wort Diskurs schaltet der Eine oder Andere gleich ab. Es lässt sich aber belegen an zwei Programmen, die genau jetzt, im November, hätten stattfinden sollen: die Veranstaltungsreihe "Die empathische Stadt" und die Ausstellung "Amt für öffentlichen Raum".

Die Ausstellung in der Architekturgalerie am Weißenhof hätte am 29. Oktober eröffnen sollen. Aber es macht keinen Sinn, zwei Tage danach für vier von fünf Wochen wieder zu schließen. Ein Amt für den öffentlichen Raum? Das gibt es nicht, aber genau darum geht es: Wer kümmert sich nicht nur darum, wie es im öffentlichen Raum aussieht, sondern dass es ihn überhaupt gibt, dass nicht alles privatisiert und kommerzialisiert wird, dass Diskussionen stattfinden, ein Zusammenkommen ohne Verzehrzwang möglich ist.

Am Ausstellungskonzept war das Architekten-Netzwerk Stadtlücken beteiligt, das sich seit seiner Gründung um "Gestaltung, Planung, Pflege und Erhaltung öffentlicher Flächen wie Fuß- und Radwege, Straßen, Plätze, Parkanlagen, Spielräume, Brunnen, Bäder, Gewässer und Waldflächen" bemüht und dabei, etwa am Österreichischen Platz, bereits einiges erreicht hat. Die Besucher der Galerie sind oder waren aufgefordert, ihre Anregungen zu hinterlassen. Nun verschiebt sich wahrscheinlich alles auf später.

Empathie geht nicht nur digital

Die "Bewegung für radikale Empathie", gegründet vor ein paar Jahren von Anja Haas, Designerin am Staatstheater, und der Fotografin Dominique Brewing, erwischt der Lockdown mitten in ihrem bisher größten Programm: "Die empathische Stadt". Die Bewegung, die so tut, als ob es sie schon seit langer Zeit gäbe, spielt sehr bewusst mit utopischen Potenzialen. Oder potentiellen Utopien? Aber könnte es nicht sein, dass es eine solche Bewegung tatsächlich schon lange gibt, dass sie nur nicht in Erscheinung trat, nicht ins Bewusstsein gerückt ist, weil sie ihren Namen noch nicht gefunden hatte?

Wie dem auch sei, ein Schwerpunkt des Novemberprogramms der "empathischen Stadt", das wie schon im Oktober im Kultur Kiosk stattfinden sollte, liegt bei der Black Community Foundation. Der Name erscheint etwas missverständlich, denn mit "Foundation" ist nicht etwa eine Stiftung gemeint, wie Jelisa Delfeld erklärt, sondern die Hauptbedeutung des englischen Begriffs, nämlich Gründung oder Grundlage. Die Black Community Foundation hat sich nach den Silent Demos am 6. Juni in vielen Städten bundesweit gegründet, um eine Grundlage zu schaffen für Austausch, gegenseitige Hilfe und Öffentlichkeitsarbeit.

Eine Organisation junger 'Schwarzer': Das ist der Begriff, auf den sie sich einigen können. Man könnte auch von Afrodeutschen sprechen, denn es sind in der Regel Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und eine dunklere Hautfarbe haben. Was Rassismus ist, muss man ihnen nicht erklären, denn sie erfahren es jeden Tag am eigenen Leib. Deutschen mit heller Haut muss man es dagegen häufig erklären, doch noch wichtiger ist für die jungen Leute, sich zunächst einmal darüber austauschen zu können und zu lernen, wie man damit umgehen kann.

Dazu waren im Rahmen der "empathischen Stadt" drei Workshops geplant, die nun online stattfinden, damit die bereits Angemeldeten nicht noch einmal vertröstet werden müssen. Ein geplanter Vortrag wird dagegen mit einem der Workshops zusammengelegt, eine Ausstellung verschoben. Die Öffentlichkeit bleibt außen vor, das bedeutet, in den Worten von Marc-Oliver Hendriks, "der notwendige Diskurs, der findet jetzt nicht statt." Und der wäre, angesichts der Silent Demos und der Stigmatisierung von "Menschen mit Migrationshintergrund" nach der sogenannten Stuttgarter Krawallnacht, dringend nötig.

Keine Orte für Debatten

"Wir wollten auch im November mit 'Die empathische Stadt' gemeinsam mit anderen Initiativen und BesucherInnen der Frage nachgehen: Wie wollen wir (als Gesellschaft) zusammenleben?", teilen die Organisatorinnen Anja Haas und Dominique Brewing auf Anfrage mit. "In diesen extrem unruhigen Zeiten sind Begegnungsräume und Austausch besonders wichtig, weshalb wir das Untersagen jeglicher künstlerischer und gesellschaftlich relevanter Veranstaltungen kritisch hinterfragen möchten."

Ähnlich sehen es die Intendantinnen des Theater Rampe: "Die europäische Gesellschaft lernt gerade einen Umgang mit Unsicherheit", umreißen Martina Grohmann und Marie Bues das Problem. "Je länger diese Pandemie andauert, desto dringlicher werden Fragen, die noch weit über sie hinausgehen: Wie entwickeln wir eine widerstandsfähige Demokratie und damit ein ebensolches Gemeinwesen weiter, das inklusiv, ausgleichend, nachhaltig funktioniert? Dafür braucht es die kulturelle Übung im Reflektieren und Imaginieren. Die Künste sind ein elementarer Raum dafür."

Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums, hat von sich aus sofort auf die Ankündigung der Schließungen reagiert. "Wir müssen derzeit leider beobachten, wie, bedingt durch die Krise und die Eingriffe in das gesellschaftliche Leben, das Fundament unseres Zusammenlebens ins Wanken gerät", schreibt sie in einer Pressemitteilung und dass sich "Gegenbewegungen formieren und Fronten bilden". Auf Rückfrage präzisiert sie, das beziehe sich unter anderem "auf die AfD, die gerade eine ungute Rolle einnimmt. Haben Sie die Rede von Herrn Gauland zu den Beschlüssen des Bundes gehört? Das ist gefährlich, spaltet und verunsichert die Gesellschaft, die gerade jetzt eng zusammenrücken sollte."

Groos hat nicht lange gezögert, als Stephan Berg vom Kunstmuseum Bonn sie um eine Unterschrift zu einem Statement bat, das die LeiterInnen von fast 40 Kunstmuseen unterzeichnet haben. "Bei allem Verständnis für die Herausforderungen, die Corona uns allen auferlegt", heißt es darin, "halten wir das" – gemeint ist die Schließung der Museen – "für eine falsche Entscheidung."


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1 Kommentar verfügbar

  • Andrea K.
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Eine schwierige Gemengelage haben wir da, während einer Pandemie. Wir haben keine Erfahrung im Umgang, man reagiert von Tag zu Tag - ich sehe das im kleinen Maßstab bei meinem Arbeitgeber.

    In den letzten Wochen plärrten sehr laute Stimmen unablässig, die vielen verschiedenen Regelungen seinen…
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