KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Corona in Thailand

Fast wie vor der Pandemie

Corona in Thailand: Fast wie vor der Pandemie
|

Datum:

Thailand gehörte zu den ersten Ländern, die Corona-Fälle registrierten. Jetzt hat es die Pandemie im Griff. Wie geht das? Ein Wahl-Thailänder berichtet.

Die junge Ärztin in Bangkoks Privatkrankenhaus Samitivej überlegt nicht lange, wenn sie gefragt wird, warum Thailand bei der Corona-Bekämpfung erfolgreich ist. "Die Leute haben Angst vor dem Virus", sagt sie, ganz einfach. Händeschütteln zur Begrüßung, Küsschen auf die Wange oder gar öffentliche Umarmungen gelten in dem südostasiatischen Königreich als verpönt und mögen in der Tropennation die Ausbreitung des Virus gebremst haben. Entscheidend für die Ärztin ist freilich, dass sich alle seit März an alle Vorsichtsmaßnahmen gehalten haben. Selbst die Kleinkinder, die im Wartezimmer über leere, wegen Abstandsregeln freibleibende Stühle turnen, tragen Gesichtsmasken.

Das war Ende Juli 2020. Ich hatte gerade meine zweiwöchige "Alternative State Quarantäne" (ASQ) in einem Hotel mit stattlichen Zimmerpreisen und Medizinkosten für zwei Coronatests absolviert und war erleichtert, um nicht zu sagen ziemlich frohgemut. Monatelang hatte ich in Deutschland auf die Erlaubnis zur Einreise in meine Wahlheimat Thailand gewartet. Die Grenzen und internationalen Flughäfen waren geschlossen und sind es weitgehend bis heute. Vor allem war ich endlich aus einem Deutschland entkommen, in dem am liebsten über weitere Erleichterungen debattiert wurde.

Inzwischen donnert, so jedenfalls sieht es aus über zehntausend Kilometern Entfernung aus, ein gewaltig anschwellender Corona-Tsunami über Europa hinweg. Ausgerechnet Thailand, das im Januar als erster Staat außerhalb Chinas die ersten Fälle registrierte, gehört dagegen neben Demokratien wie Neuseeland, Australien und Taiwan sowie den autoritären Regimen von Vietnam und Singapur zu den wenigen Staaten, die offenbar die Pandemie weitgehend im Griff haben. Angesichts der Bilanz von 4.000 gemeldeten Fällen, die in jüngster Zeit bis auf wenige Ausnahmen bei Einreisenden entdeckt wurden, und laut offiziellen Angaben rund 60 Toten, darf das als Erfolg gewertet werden.

Eine sechswöchige Ausgangssperre samt Alkoholverbot im April und Mai, Schulschließungen und Lockdown trugen ebenso dazu bei wie die Erinnerung. Jedes Kind in Thailand kennt die Geschichten aus den Zeiten der Urgroßeltern, in denen Cholera-Epidemien ganze Landstriche leerfegten. Inzwischen verfügt das Land über ein feinmaschiges Netz von Gesundheitszentren, die – mittelmäßig ausgestattet – bei der Verfolgung und Verhütung des tückischen Dengue-Fiebers und von Malaria ebenso effektiv arbeiteten wie offenbar auch beim Kampf gegen Corona. Und niemand unter den 67 Millionen EinwohnerInnen der zweitgrößten Wirtschaftsmacht Südostasiens will einen Rückfall in die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Als in Europa nach ein paar Wochen Einschluss, wie die deutsche Übersetzung für das englische, üblicherweise im Gefängniswesen gebräuchliche "Lockdown" heißt, voller Ungeduld weiter gelockert wurde, hielten Thailands Gesundheitspolitiker weiter den Fuß auf der Bremse. Mit der Furcht vor einer zweiten Welle begründet die Regierung des Ex-Putschisten Prayuth Chan-ocha bis jetzt die Beibehaltung des Notstands.

Der Notstand kommt der Regierung gerade recht

Zwar weiß das ganze Land, dass der Ex-General den Ausnahmezustand braucht, um eine wachsende Protestwelle gegen seine Regierung zu unterdrücken. Die Demonstrationen richten sich jedoch nicht gegen die weiterhin geschlossenen Landesgrenzen und andere Corona-Vorsichtsmaßnahmen, sondern gegen seine autoritäre Herrschaft. Über den internationalen Flughafen Suvarnabhumi dürfen täglich maximal 1.000 Personen einreisen. Noch 2019 verzeichnete er 45 Millionen Passagiere.

Wer jetzt als Ausländer ankommt, fühlt sich plötzlich in den Roman "Die Wand" der Schriftstellerin Marlen Haushofer versetzt. Thailand erscheint wie von einer durchsichtigen Hülle abgeschirmt gegen die Außenwelt. Das Flughafenpersonal ist mit Kunststoffanzügen, Plastikschürzen, Handschuhen und Masken gegen die ankommenden "Risikofaktoren" geschützt. Vor der Flughafentür wartet ein Auto, das den Neuankömmling in die "Alternative State Quarantine" bringt.

Die mir zugeteilte Fahrerin war mit einem durchsichtigen Plastikschild vor dem Gesicht, einer Mundschutzmaske, einer normalen Brille und einer Plastikhaube für die Haare gegen den eingereisten Ausländer abgeschirmt. An der Plastikwand, die den Fahrersitz von der Rückbank trennt, prangt in computergarniertem Design ein Zettel mit der Aufschrift: "Willkommen in Thailand".

Zwei Wochen Quarantäne sind auch hier kein Zuckerschlecken. Aber dann erwartet den Neuankömmling eine "neue Normalität", die oft an den Alltag aus den Zeiten vor der Pandemie erinnert. Die Geschäfte sind geöffnet. Auf den Märkten drängeln sich die Menschen. "Uns geht es besser als vor Corona", schwärmt nahe meinem Wohnort, 650 Kilometer südlich von Bangkok, die Besitzerin des kleinen Strandlokals Chomlay in dem Städtchen Lamae, "die Gäste kommen und wir liefern mehr Bestellungen als früher aus."

Vom Golf von Thailand weht eine sanfte Brise über die Holztische. Kinder vergnügen sich im Sand. Ein paar kleine Boote schaukeln auf der leichten Dünung. In der Ferne rumpeln ein paar Gewitter. Am Horizont über dem Meer leuchten in der Abenddämmerung die ersten gleißenden Lichter der Tintenfisch-Fangflotte im Golf von Thailand auf: ein Tropenparadies fast ohne ausländische Touristen.

Doch der Schein ist nicht alles. Die Wirtschaft wird in diesem Jahr um etwa neun Prozent schrumpfen. "Meine Mutter und ich machen jetzt Hüte zuhause", meldet sich eine Freundin meiner Ehefrau nach ihrer Entlassung bei einer maroden Firma, "seid ihr interessiert?" Eine andere Bekannte verlegt sich auf die Zubereitung von Krayasard, einer klebrigen Süßigkeit aus Erdnüssen, Kokosnuss, Reis und Sesam-Körner, die in Plastiktüten zu 20 Cents bis einen Euro über den Tisch gehen. Gleichzeitig klettern die Preise.

Schon vor der Corona-Krise wuchs der Zorn über Regierungschef Prayuth Chan-ocha. Im Februar ließ er die Future Forward Party verbieten. Sie war von dem Milliardär Thanathorn Juangroongruangkit gegründet worden, dessen Fabriken unter anderem für Tesla produzieren. Bei den letzten, vom Regime manipulierten Wahl punktete sie mit einem deutlichen antimilitärischen Programm auf Anhieb bei den jüngeren Wählern. Hinzukommt die Wut über die Selbstherrlichkeit des Premiers, der laut der Tageszeitung "Bangkok Post" bis über beide Ohren in Korruptionsaffären steckt. Kaum hatte seine Regime die Corona-Krise im Griff, meldeten sich Tausende von Studenten und Schülern. Ihre Forderungen: Der Rücktritt von Prayuth und Verfassungsreformen.

Ein noch größerer Tabubruch ist ihre Kritik an König Vajiralongkorn, der eher am Starnberger See zu finden ist als in seinem Reich. Angesichts der Proteste hat er seine Ende Oktober geplante Rückreise nach Bayern verschoben und will bis Jahresschluss bleiben. Während die Regierung mit Gewalt gegen die Demonstranten vorgeht, meldete sich der König am Wochenende mit einer Verlautbarung zu Wort. "Ich liebe alle Thailänder!", ließ er wissen und fügte hinzu: "Thailand ist ein Land der Kompromisse." Auf den Nachweis warten die Untertanen noch.


Willi Germund, 65, war Korrespondent mehrerer deutscher Tageszeitungen, lebt seit 2001 in Thailand. In Kontext hat er zuletzt über den Fall Relotius geschrieben.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!