KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Greta lässt hoffen

|

Datum:

Das Stuttgarter Pressehaus hat sich Greta Thunberg vorgenommen. Die Kritik an ihrer Person zerpflückt unser Autor postwendend und scheut dabei keine Vergleiche, weder mit Lindner, Trump und Söder noch den Zeugen Jehovas.

Wann haben Sie zuletzt jemanden gelobt? Machen wir das alle nicht viel zu selten? Unter Kollegen, in der Familie, besonders unter Schwaben, wo es ja genügt, nicht zu meckern. Und gemeckert wird viel lieber und viel mehr. Auch hier bei Kontext. Jetzt gibt es eine Gelegenheit, das zu ändern. Und das ausgerechnet gegenüber dem Stuttgarter Pressehaus. Ja, wenn die Redaktion von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten das verdient, erkennen auch wir das an und stehen dazu.

In der jüngsten Wochenendbeilage haben sich die Kollegen einer spannenden Persönlichkeit angenommen: Greta Thunberg. Und damit nebenbei auch eines ausgesprochen wichtigen Themas: des Klimawandels. Dabei hat die Südwestdeutsche Medienholding auch noch gezeigt, wie breit die Meinungsvielfalt ihrer Journalisten gestreut ist. Denn unter der Schlagzeile "Ein Mädchen – zwei Meinungen" durften zwei Kollegen – also eine Kollegin und ein Kollege, so viel Gender-Korrektheit muss sein – beurteilen bzw. verurteilen. In einer Gegenrede und einer Lobrede. Beide Journalisten haben pointiert Stellung bezogen und ihre Meinungen gut begründet. Schon wieder sehr lobenswert.

Der Kollege für die Lobrede hatte natürlich die einfachere Aufgabe. Schließlich setzt sich die 16-Jährige für eine gute Sache ein und hat unzweifelhaft viel bewegt. Aber er macht seine Sache gut. Er lobt, dass eine Jugendliche fordert, den Klimawandel zu bekämpfen, weil ihre Generation ausbaden muss, was Politiker und Industrielle jetzt durch Nichtstun anrichten. Dass sie geduldig über eine lange Zeit ihr Schild "Schulstreik fürs Klima" hochgehalten hat, ohne eine Ikone sein zu wollen. Und er lobt, dass sie mit ihrer Hartnäckigkeit auf die Nerven geht und wir ihr dankbar sein sollen.

Kann man dagegen etwa haben? Ja, man(n) kann. Wie beispielsweise Christian Lindner. Der FDP-Chef hat zunächst von Greta gefordert, diese wichtige Angelegenheit Profis zu überlassen. Also denen, die es eigentlich besser wissen müssten, aber nichts getan haben. Und der jetzt am vergangenen Wochenende nachgelegt hat, als er das geplante Klimapaket der Bundesregierung kritisierte: man könne nicht 2020 die Probleme von 2040 regeln. Na gut, er hätte Recht, wenn er meinte, diese Probleme hätten schon 2010 oder 2000 angegangen werden müssen. Hat er aber nicht. Ich habe seinen politischen Zielen nie etwas abgewinnen können, ihn aber für intelligent(er) gehalten. Er sollte Politik lieber Profis überlassen.

Weltuntergang? Greta ist dagegen

Und ja: Auch Frau kann etwas dagegen haben. Die Journalistin der Gegenrede warnt davor, Greta als neuen Messias und Heilsbringerin zu überhöhen. Da hat sie recht, kritisiert damit aber nicht die Protagonistin, sondern ermahnt ihre Anhänger. Was wirft sie Greta vor? Zunächst einmal pauschalen Antikapitalismus. So hatte ich das bislang noch gar nicht gesehen. Aber wenn man dauerndes Wachstum und grenzenlosen Ressourcenverbrauch für systemimmanent hält, dann stimmt das wohl. Und das darf man nicht infrage stellen? Nein, das muss man infrage stellen. Dann wirft sie Thunberg vor, die nahende Apokalypse heraufzubeschwören. Nun, die Zeugen Jehovas gehen auf die Straße, weil die Welt sowieso untergeht; Greta und die Fridays-for-Future-Bewegung gehen auf die Straße, damit die Welt nicht untergeht. Können wir uns darauf verständigen, dass dies ein gravierender Unterschied ist?

Panikmache lautet ein weiterer Vorwurf. Weil Panik doch ein schlechter Ratgeber sei. Und die Kollegin führt dazu noch ein konkretes Beispiel an. Panik habe zu Deutschlands unüberlegtem Ausstieg aus der Atomenergie geführt, und nur deshalb müssten die Kohlekraftwerke so lange am Netz bleiben. Frau Kollegin, sie mögen einen unerschütterlichen Glauben an die Ungefährlichkeit der AKWs und des (immer noch nicht sicher entsorgbaren) Atommülls haben. Ich dagegen halte Angst bisweilen für ein überlebenswichtiges Alarmsignal des Menschen, und Tschernobyl und Fukushima haben mir Angst gemacht. Und dass AKWs nicht mit allen Risiken versicherbar sind, auch. Kohlekraftwerke bleiben im Übrigen wegen der Arbeitsplätze noch am Netz.

Die Autorin sieht bei Greta Thunberg "Verbotsfanatismus". Wie beurteilt sie Richter, die tatsächlich schon Fahrverbote ausgesprochen haben? Sie unterstellt der Aktivistin eine "antifreiheitliche Haltung". Ich will mich nicht über Begrifflichkeiten streiten. Es genügt zu zitieren, wen die Kollegin schützen will: "alle, die unabhängig sein wollen von Bus und Bahn, die dorthin fliegen wollen, wo sie aus Spaß oder Berufsgründen hinmüssen, die essen wollen, was sie wollen" (aus Spaß irgendwohin müssen – das gefällt mir besonders gut). Um gleich böswilligen Missverständnissen Einhalt zu gebieten: Kein Mensch will alle Autos verbieten oder Urlaubsflüge oder Fleisch oder jeden Spaß am Leben. Aber jede Freiheit eines Einzelnen findet ihre Grenzen, wenn sie die Freiheit anderer beschränkt. Zum Beispiel indem sie die Luft für alle vergiftet. Oder indem sie mehr Ressourcen verbraucht, als die Erde nachwachsen lässt. Das hat inzwischen selbst die CSU begriffen. Sie will das Fliegen teurer machen und die Lkw-Maut. Eine böse Unterstellung ist, dass sie nicht aus Einsicht so handelt, sondern aus Machterhalt. Dass Söder grüner ist als alle anderen hat er uns übrigens schon 2014 gezeigt: als Shrek.

Ein Satz im Text der Gegenrede macht mich allerdings völlig fassungslos: "Die Wissenschaftsgläubigkeit der Schülerin ist fatal." Der Klimawandel: fake news? Das kannte ich bislang nur von einem Präsidenten (weiter weg) und einer Partei (ganz nah).

Am Freitag wird es wieder Tausende von großen und kleinen Aktionen geben. Am Freitag wird passenderweise auch das Klimakabinett der Bundesregierung sein Paket verkünden. Es wird ein Kompromiss sein und deshalb nicht weit genug gehen, aber in die richtige Richtung. Der Klimawandel ist in den Köpfen der Menschen angekommen, sogar wahlentscheidend geworden. Das ist Millionen von Gretas (und vielleicht auch Rezos) auf der ganzen Welt zu verdanken.

Liebe Kollegin Claudia Scholz, darf ich mich zum Schluss an Sie persönlich wenden. Natürlich weiß ich, was Sie meinen, wenn Sie schreiben: "Thunbergs Gnadenlosigkeit verhöhnt all jene, die sich einen luxuriösen Ökolifestyle nicht leisten können." Niemand verurteilt eine alleinerziehende Verkäuferin, wenn sie bei Aldi Hackfleisch für die Bolognese einkauft. Aber sie fährt auch nicht mit dem SUV zum Discounter, wie der Billiglöhner sich von seinem Stress nicht auf den Malediven erholen kann. Letztendlich träfe die Klimakatastrophe die Ärmsten der Armen, und das wären Millionen. Haben Sie bemerkt, dass ich den Konjunktiv gewählt habe? Ich habe wieder Hoffnung!


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


27 Kommentare verfügbar

  • Katja
    am 24.09.2019
    Antworten
    Die bisherige Klimapolitik: Placebo. Jetzt, unter dem Druck der Demonstrationen: Placebo forte. Es wird weitergemacht wie bisher. Die einen haben das Recht, Millionen zu machen und die Lebensgrundlagen aller zu zerstören, die große Mehrheit hat das Recht, krank gemacht zu werden und unterzugehen.…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!