Ausgabe 415
Editorial

Paradies im Pressehaus

Von unserer Redaktion
Datum: 13.03.2019

Schon toll, wenn man als Chefredakteur bereits vor dem Frühstück gelobt wird. Und wenn es dann noch eine weibliche Führungskraft aus der Wirtschaft ist, die eine Simse schickt, weil sie den Feminismus auch für überholt hält – was will Mann mehr? Insofern fing der Internationale Frauentag für Joachim Dorfs super an, was er sogleich in der Redaktionskonferenz verkündete. Nicht so super ging es weiter. Denn den galoppierenden Klischees und frisch-naiven Sprüchen im von Claudia Scholz verfassten Leitartikel "Feminismus ist überholt" in den Stuttgarter Zeitungsnachrichten (StZN) mochten die meisten der versammelten RedakteurInnen nichts abgewinnen: Deutschland ein feministisches Paradies – woher kommt denn diese steile These?

Das fragten sich auch LeserInnen der StZN. Manchen blieb das Frühstück im Hals stecken oder sie dachten, es sei schon der erste April. Und die Vorsitzende der Stuttgarter Frauenunion, Susanne Wetterich, ärgert sich über die Diskreditierung von Frauenpolitik und die Ahnungslosigkeit der Autorin. Fragt sich nur, warum der "Niveau-Limbo", so ein Leserbriefschreiber, niemanden vorher aufgefallen ist. Ja, warum eigentlich?

Die Stuttgarter Zeitungsnachrichten haben sich mit diesem reaktionären Leitartikel jedenfalls ein Alleinstellungsmerkmal erschrieben. Während Nachrichtensendungen über massenhaften Frauenprotest von Spanien über Indien bis nach Berlin zu berichten wussten und gewissenhaft die Fakten aufzählten, bejubelten die StZN, dass junge Frauen heute alle Chancen der Welt hätten: Hausfrau, Vorstandsfrau, ganz normale Frau (was auch immer das ist) – alles möglich, alles drin.

Kein Wort darüber, dass die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen immer noch 21 Prozent beträgt und Frauen bis zum 18. März umsonst arbeiten – woran der Equal Pay Day erinnert. Oder dass sie im Alter weniger als die Hälfte an Rente zur Verfügung haben. Oder dass nur jeder dritte Bundestagsabgeordnete weiblich ist. Oder dass mit dem Homeoffice wieder eine Genderfalle aufgestellt ist, wie unsere Autorin Johanna Henkel-Waidhofer in dieser Ausgabe ausführt. Egal! Deutschland ist ein feministisches Paradies. Exklusiv in den StZN.

Unbewohnt, schmuck und seit 9. März besetzt. Foto: Jens Volle
Unbewohnt, schmuck und seit 9. März besetzt. Foto: Jens Volle

***

Exklusiv in Stuttgart ist auch der Mietwucher in der Forststraße 168, über den wir in der vergangenen Ausgabe berichtet haben: 136 Prozent Mieterhöhung durch die Immobilienfirma Schwäbische Bauwerk, von 488,30 Euro im Monat auf 1155,24 Euro für 66 Quadratmeter. So viel Unverschämtheit muss man sich auch erstmal trauen. Die MieterInnen sind nachhaltig entsetzt, eine davon, Tanja Klauke, hatte für den vergangenen Samstag eine Kundgebung vor der Haustür organisiert. Unter den mehr als 100 Teilnehmenden war offenbar auch das Aktionsbündnis Recht auf Wohnen, das im Anschluss ein seit zwei Jahren leerstehendes Haus ein paar hundert Meter weiter, in der Forststraße 140, besetzte und fürs kommende Wochenende zur solidarischen Renovierung aufruft. Nur Minuten vergingen, da standen schon die ersten Primeln auf den Fensterbrettern. "Endlich lüftet da mal einer!", sagte eine Passantin im Vorbeigehen. "Da kommt ja sonst der Schimmel rein."

***

Jeder Fotograf freut sich, wenn er seine Bilder mal anders sieht: in echt nämlich, in einer Ausstellung und nicht nur auf dem Bildschirm oder in der Zeitung. Kontext-Fotograf Joachim E. Röttgers ist da keine Ausnahme. Zumal ihm das Thema seiner Fotoreportage unter die Haut ging: der letzte Guss in der Heidenheimer Gießerei. Das war vor mehr als fünf Jahren.

In Heidenheim sprühten die Funken. Foto: Joachim E. Röttgers
In Heidenheim sprühten die Funken. Foto: Joachim E. Röttgers

Aber natürlich war Röttgers nicht nur beim letzten Guss am 9. August 2013 dabei. Er hat ebenso die letzte Demo dokumentiert, er war dabei, als die Hallen, die einst heiß und laut waren, gespenstisch leer und gruselig still waren. Und er hat die ehemaligen Arbeiter auch danach nicht aus den Augen verloren. Christian, der nun beim Daimler arbeitet und erzählt, dass man dort halt rein gehe und mit Geld wieder raus. Während es in der Heidenheimer Gießerei damals diesen Zusammenhalt der Arbeiter gab, was wie eine Familie war. Nachzulesen ist das in dem Buch "Der letzte Guss" von Rolf Siedler und Joachim E. Röttgers.

Zu sehen sind Röttgers Bilder ab kommende Woche in einer Ausstellung im Willi-Bleicher-Haus in Stuttgart. Vom 18. März bis zum 3. Mai. Montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr. Bei der Vernissage am 18. März um 18 Uhr sprechen der letzte Betriebsratsvorsitzende der Gießerei Heidenheim und natürlich der Fotograf Röttgers.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!