Prostitution heute ist nur wenig glamourös. Foto: Pixabay

Ausgabe 244
Debatte

Bio-Puff mit Gütesiegel

Von Gastautorin Ruth Schiffer
Datum: 02.12.2015
BefürworterInnen und GegnerInnen eines Prostitutionsverbots liefern sich derzeit erbitterte Debatten. Unsere Autorin ist Kabarettistin – und sie widmet sich dem Thema mit Haltung, aber ohne Schaum vor dem Mund. Ein Beitrag zur Entkrampfung.

Anschaffen? Abschaffen? Von mir aus machen wir die Läden alle wieder zu, ich möchte dann vorher nur geklärt haben: Wer besorgt es dann den Bedürftigen? Das sind ja nicht grade wenig, 1,2 Mio. Kunden am Tag. Hier bei uns. Die Arbeit ist ja da. Und das sind zufriedene Kunden, die fahren zuerst ordentlich ab, dann kommen sie pünktlich, da träumt die deutsche Bahn noch von. In Japan haben sie die Frauenausbeuterei im Griff, da haben sie Puffs mit Puppen zum Poppen; da gibt es aber auch Kunden, denen ist der Unterschied noch gar nicht aufgefallen. Kannst du mit dem deutschen Mann nicht machen. Das merkt der. Doch. Die Frauen sagen ja, der Beruf selber, ja Gott, das Leben ist kein Wunschkonzert, das Unangenehmste an dem Beruf Hure, das ist eigentlich, sagen sie, dass alle dich scheiße finden. Und das war ja nicht immer so.

Die erste Professionelle, die verbürgt ist, war ein Star ihrer Zunft. Eine Celebrity ihrer Zeit. Dabei kam die im Prinzip aus der kirchlichen Sozialarbeit, die war Tempelhure in Mesopotamien. 4000 Jahre ist das her. Und ebendiese Schamchat bekam eines Tages von König Gilgamesch den Auftrag, sie sollte aus einem halbwilden Viehhirten ein brauchbares Mitglied der menschlichen Gemeinschaft machen: Er ist ein Mann, hilf ihm, ein Mensch zu werden. Also so eine Art Bauer sucht Frau. Die Fachkraft hat dann den Jungen, Enkidu, hieß er, die hat den nachts um sein bisschen Verstand gebracht, ihm bei der Gelegenheit beigebogen, wo man bei Frauen drücken muss, damit es klingelt, und tagsüber hat sie ihm den Rest der Zivilisation erklärt. Dass man sich was anzieht, sich vorher wäscht, mit Messer und Gabel isst, auch mal reden kann statt immer nur hauen. Als die mit dem fertig war, der hat im Sitzen gepinkelt, den Müll runtergetragen und mit sauberen Fingernägeln am Tisch gesessen. Und war im Bett ein Gott.

Ich meine, wir können verdammt froh sein, dass es Frauen gibt, die sich professionell um Männer kümmern. Als Ehrenamtlerin kommst du da mitunter an die Grenzen. Und es steht ja nirgendwo geschrieben, dass Frauen, die was arbeiten, es dabei immer schlecht haben müssen. Nicht beim Lidl, nicht beim Siemens und auch nicht im Bordell. Die Püffe könnten ja auch ganz anders aussehen.

Freier-Markt ein freier Markt

Ich will mal so sagen, ich kaufe aus Prinzip keine billigen Eier, die schmecken mir nicht. Das ganze Drumherum schmeckt mir nicht, Hühnerbaron, Hühnerknast, das ist nicht meine Welt. Wenn ich Appetit auf ein leckeres Ei hab, dann weiß ich, das wird jetzt richtig teuer, das geht ins Geld, dann spar ich mir das zusammen, da gibt es eben nicht jeden Tag eins. Sie verstehen gleich, worauf ich rauswill. Preisfrage: Warum gibt es Bioeier? Weil der Hühnergott auf einmal sein Geflügel lieb hat? Oder Angst vor der Hölle? Falsch. Bioeier gibt es, weil wir die wollen. Da entsteht eine Nachfrage, und prompt generiert sich das Angebot. Klingelt's? Der Freier-Markt ist auch ein freier Markt, und der Kunde ist König. Schlimm gerupfte Hühnchen in der Liegebatterie, die muss es nicht geben. Preisfrage. Wenn der Kunde wollen würde, dann würde der in aller Würde quasi in einem Biopuff kommen. In freier Gesellschaft von frei laufenden Hühnern in artgerechter Haltung, mit Transfair-Siegel, amtlich konzessioniert, sauber, legal und sicher.

Sicher für alle Beteiligten. Es nimmt ja in den Buden auch keine Bauaufsicht der Domina ihre Folterkammer ab. Gut, der Kick wär wahrscheinlich auch im Eimer. Das braucht man sich nur vorzustellen: Der Sklave, auf allen Vieren im Erziehungszimmer, angekettet, gefesselt, geknebelt, von oben bis unten in Latex gedreht, lost in time and space; und dann linst der durch die Augenschlitze von seinem Zorro-Kostüm – auf das Siegel vom Technischen Überwachungs-Verein. Da ist es ja rum mit der Romantik. Aber das ist es doch sowieso.

Die Hälfte der Frauen lässt sich heute scheiden, und das, obwohl es in der Wäscheabteilung vom Kaufhof mittlerweile aussieht wie bei Beate Uhse. Oder grade deswegen. Womöglich ziehen die diese Wäsche nämlich gar nicht zu Hause an. Die wären auch schön blöd. Stichwort Hobbyprostitution: Gekocht hab ich nix, aber kuck mal, wie ich hier liege. Reich geworden sind damit noch die wenigsten, aber das muss ja nicht so bleiben. Frauen sitzen auf ihrem Kapital. Und Kapital muss arbeiten. Wir haben es mit selber arbeiten probiert, aber kommt ja nix bei rum. Frauen machen zwei Drittel der Arbeit in der Welt, für zehn Prozent vom Lohn, wir sitzen mit 100 Prozent Kapital auf einem Prozent Grund und Boden des Planeten und knabbern an einem Prozent Vermögen. Rendite unter aller Sau. Aber sehen wir es doch mal pragmatisch: Männer wollen rund um den Globus chronisch mehr Sex, als sie kriegen können, Frauen sind chronisch klamm. Da geht doch was.

Der Kunde will heute Eventpoppen

Bio ist ein Wachstumsmarkt, auch im Gewerbe. Der moderne Klient, der hat die letzten vierzig Jahre auch nicht an der Wand geschlafen, der möchte heute nicht mehr bei Nacht und Nebel mit hochgeklapptem Mantelkragen rein, raus. Der aufgeklärte Kunde will heute Zuwendung, Aufmerksamkeit, der will nicht nur Wartung, sondern Pflege, der will Wellness, der will Eventpoppen. Der will sogar, dass es der Frau dabei gut geht. Und möchte trotzdem nachher wieder weg. Und zwar ohne Theater. Das kann auch für die Frau mal schön sein: Der Mann kommt, dann legt er das Geld für die Miete auf den Tisch, und dann geht der auch wieder.

Ich bin ja so gespannt, ob ich das noch erlebe, das Etablissemang für Frauen. Ich bin dafür. Einfach aus Prinzip. Wir verdienen eigenes Geld, wir werden nicht jünger. Ich weiß nicht, ob ich hinginge, aber das ist nicht der Punkt. Bei mir um die Ecke ist ein Kino, da renn ich auch nicht dauernd rein, aber ich finde doch prima, dass es da ist. Wenn ich mir das nur vorstelle, werde ich ganz wuschig: Direkt gegenüber dem Kino womöglich wäre ein gepflegter Laden und die ganze, lange, herrliche Bar entlang: nur Hauptgewinne. Brauchst dir nur noch einen aussuchen. Und musst ihn nicht mal mit nach Hause nehmen. Ich weiß nicht, was noch kommt, aber eins weiß ich sicher: Es kommt der Tag, da hab ich einfach nicht mehr die Nerven, an irgendeiner Theke der Welt Bewerbungsgespräche abzuhalten.

Die Frage kann man ja mal stellen, wieso sollen wir Frauen immerzu Amateure schlecht machen lassen, was ein Profi wahrscheinlich viel besser kann? Wenn ich's am Blinddarm habe, gehe ich ja auch ins Krankenhaus und nicht zu meinem Nachbarn, bloß weil der ne Änderungsschneiderei hat. Geiz ist nicht geil, mit einem Zugelaufenen ist es im besten Fall nur günstiger, im schlimmsten Fall will der auch noch Frühstück, und ich soll mich bedanken. Von einem professionellen Dienstleister meines Vertrauens dagegen würde ich nach Strich und Faden, von Kopf bis Fuß, von oben nach unten, nach allen Regeln der schönen Kunst mal so richtig verwöhnt. Einvernehmlich und erwachsen, da würde ich Wert darauf legen. Der junge Mann sollte volljährig sein, selber bestimmen dürfen, wo er wohnt und was er arbeiten möchte. Und wenn er denn nun einmal keine abgeschlossene Berufsausbildung hat, vielleicht nicht einmal einen qualifizierten Schulabschluss, aber ein schönes Talent zum Vögeln? Was hab ich denn davon, wenn ich dem die Stütze finanziere? Da gebe ich ihm das Geld doch lieber gleich.

Das Schöne an Männern ist ja, die können nur, wenn sie wollen, Viagra hin, Kreislauf her. Da bist du als Frau ethisch immer auf der sicheren Seite. Ich muss mich doch nie fragen: Will der das jetzt auch? Oder tut er nur so als ob? Wird er am Ende sogar gezwungen?! Gezwungen kann er nicht. Hängen im Schacht. Mit Gewalt geht nix, nicht mal, wenn er aus der Ukraine kommt. Können kann er nur freiwillig. Dass er dann in Gottes Namen auch mal nur so tut, als ob er sich dabei toll amüsiert, bitte, dafür kriegt er es schließlich bezahlt. Und davon ab, es gibt auch Sachen, sagen wir mal, Spiele, die möchtest du vom eigenen gar nicht verlangen geschweige denn vom Vater der Kinder. Da verlierst du ja vollkommen die Achtung. Und es hat auch nicht jeder die Figur für einen Auftritt im Tigertanga.

 

Ruth Schiffer ist Autorin und Performerin und lebt in Köln. Der vorliegende Text ist ein Ausschnitt aus einem Kabarettprogramm zum Thema.


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3 Kommentare verfügbar

  • x
    am 03.12.2015
    Ja, und laut dem letzten Absatz können Männer sozusagen nicht vergewaltigt werden. Ganz witzig wird hier die Idee Erektion = "Er wollte es ja" kabarettistisch eingesetzt; ich bin sicher, jeder Mann, der sexuelle Gewalt erlebt hat wird darüber lachen können. Schon als vergewaltigte Frau bin ich mich hier am zerkugeln.
  • Sonja Dolinsek
    am 03.12.2015
    Interessanter Text, vor allem die Frage, warum wir Frauen uns mit ehrenamtlichen Sex zufriedengeben, anstatt doch auch mal dafür zu zahlen.

    Die anderen Argumente erscheinen mir etwas weniger geglückt zu sein. Und das zeigt auch der erste Kommentar, der hier erschienen ist.

    Wer im Bereich der Sexarbeit anfängt mit "Bio" zu argumentieren, nimmt dabei notgedrungener Weise die Perspektive der Konsument*innen ein. Das verrät eine Sicht, in der Sexarbeiter*innen eben keine "Arbeiter*innen" sind mit eigenen Vorstellungen davon, wie Arbeit und Arbeitsbedingungen gestaltet werden sollen. In dieser Sicht sind sie eine "Ware", die sich nicht groß von den Hühnern oder der Eiern unterscheidet. Der unterschwellige Vergleich von Prostituierten mit Hühnern (Tieren) oder Eiern (eine Ware) würde bei jeder andere Arbeit nicht mal ansatzweise toleriert werden. Aber es sind ja Huren... (Sarkasmus)

    Letztendlich sind diese ganzen Argumente eben auch nur ein anderes Argument für Zwangsmaßnahmen, die die CDU/CSU für Prostituierte einführen will. Der erste Kommentar macht auch dies ziemlich deutlich.

    Die Kunden kann man ruhig mal in die Pflicht nehmen. Aber nicht so. Wie wäre es mal mit einer Kampagne, die Freier, die sich für 20€ einen besorgen lassen an den Pranger stellt (natürlich anonym)? Wollen wir vielleicht mal über die Freier reden, die es ok finden wenig zu zahlen, anstatt die Prostituierten staatlichen Zwangskontrollen und Verdrängungen auszusetzen?
  • Blender
    am 02.12.2015
    Danke für die Inspiration. Tatsächlich könnte so etwas wie ein Qualitätssiegel helfen; entweder an den Bordelltüren oder als Brosche am Revers beim Straßenstrich. Ein Siegel das aussagt ich zahle Steuern, bin gesundheitlich kontrolliert, ich bin absichtlich und freiwillig hier, werde ordentlich behandelt und bezahlt und unterliege der Schweigepflicht.

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