Hat schon bessere Zeiten gesehen: KNV-Zentrale in Stuttgart-Vaihingen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Hat schon bessere Zeiten gesehen: KNV-Zentrale in Stuttgart-Vaihingen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 413
Zeitgeschehen

Amazon statt KNV

Von Ulrich Viehöver
Datum: 27.02.2019
Der einstige Stolz der Buchhandels- und Verlagsbranche galt als "unkaputtbar": Koch, Neff & Volkmar mit Sitz in Stuttgart. Unser Autor hat dort gelernt. Eine Pleite hat er früher für unmöglich gehalten. Deren Folgen könnten nun verheerend für die Branche sein.

Die wahre Bedeutung des Buchgroßhändlers, der im Fachjargon zutreffend "Barsortimenter" genannt wird, besteht darin, dass er gut 5600 Buchläden und vielen Verlagen das tägliche Geschäft des Bestellens, Auslieferns und Bezahlens vereinfacht. Für diesen Service führt KNV fast 600 000 sofort lieferbare Titel im Sortiment, um seine Kunden möglichst bis zum nächsten Tag beliefern zu können. Das heißt aber auch: Ein Autor, den KNV nicht in seiner Liste führt, ist in den Buchläden praktisch nicht existent. Damit betreibt der riesige Buchein- und -verkäufer Sortimentspolitik. Die größten Konkurrenten, Libri (Hamburg) und Umbreit (Bietigheim), verhalten sich in ihrer Angebotsgestaltung ähnlich.

Zahlreiche Buchhandlungen und Verlage von Flensburg bis Bozen sind auf die prompte Lieferfähigkeit der Stuttgarter so angewiesen wie Haushalte auf Strom und Wasser. Und alle im Buchbusiness verbindet ein seit Langem existierendes (Abhängigkeits-)Verhältnis. Für Buchhändler ist der enge Kontakt zu "ihrem" Barsortimenter so unverzichtbar wie die Luft zum Atmen. So lernen sie es schon in der Berufsschule. Die Nähe zu ihrem Lieferanten drückt sich sogar in einer Insidersprache aus. Eingefleischte Literatur-Kaufleute sprechen bis heute vertrauensvoll kurz von ihrem "Knööö" (langes "ö") für das frühere Kürzel für Koch, Neff, Oetinger, wie die Vorgängerfirma von KNV in Stuttgart hieß.

Werden bald nicht mehr fahren: Die blau-blauen Transporter.

Dabei ist die steinalte Idee vom Barsortimenter hoch modern. Ihr Kern steckt auch in Amazon. Denn der Urgedanke besagt nichts anderes, als Kunden aus einem riesigen Sortiment rasch beliefern zu können. Nur mit dem Unterschied, dass KNV stets auf die Buchbranche und nicht wie etwa Amazon auf Privatkunden ausgerichtet ist.

Die Wiege des Barsortiments liegt im sächsischen Leipzig, das einst die Buchhauptstadt Deutschlands war. Anfang des 19. Jahrhunderts kamen die Lieferanten (Verlage) und Spediteure von Büchern aus dem Großraum Leipzig auf den Gedanken, ihre Wege zu den vielen Buchläden zusammenzulegen. Warum, so fragten sie, sollen alle für ein paar Bücher die gleiche Strecke in die Läden zurücklegen, wenn die Fracht eigentlich einer für alle übernehmen kann? Allen Händlern wurde klar: Eine gemeinsame Logistik mit Handkarren und Pferdewagen geht billiger und schneller, weil rationeller. Weitere Voraussetzung für das Funktionieren des Kartells: ein umfangreiches und lieferbereites Sortiment aus einem zentralen Lager. Bald war das Unternehmen zum Barsortimenter geboren: Koehler & Volkmar (K&V), Leipzig.

Bücher aus der "SBZ" waren verboten

Das Lager- und Logistikmodell war mit der Zeit so erfolgreich, dass K&V zügig zu einem beherrschenden Player der gesamten Buchbranche aufstieg. Die Geschichte hätte sicher ein Happyend genommen, wäre da nicht der Zweite Weltkrieg und die Teilung Deutschlands dazwischen gekommen. Das sächsische Mutterhaus wurde enteignet und dem DDR-Literaturbetrieb unterworfen. Die Eigentümer von Koehler & Volkmar mussten sich jäh in den Westen absetzen. Ihre Flucht führte sie nach Stuttgart zu ihrer damals kleinen Tochterfirma Koch, Neff, Oetinger & Co., später: Knöö... Dort baute die Familie ihren Betrieb wieder zügig auf und ihr Barsortiment als unverzichtbare Institution des westdeutschen Buchgewerbes mächtig aus. Ihr monopolartiges Geschäft glich einer Lizenz zum Wohlfühlen.

Klöpfer ist gerettet

Hubert Klöpfer wäre nicht der Gemütsmensch, der er ist, wenn er in der KNV-Pleite nicht noch irgendetwas Gutes entdeckte. Wenigstens sei’s nicht im Weihnachtsgeschäft passiert, sagt er, und damit leichter zu ertragen. Wahrscheinlich wird der 68-Jährige aber auch noch von einem Vorgang erheitert, der so kaum mehr zu erwarten war: sein Verlag ist gerettet. Die weißen Ritter kommen auch aus Tübingen, vom Wissenschaftsverlag Narr Franke Attempto. Er gehört der Familie Narr, die nun Klöpfer & Meyer übernimmt und in „Klöpfer, Narr“ umbenennt. Hubert Klöpfer soll in den nächsten drei Jahren als „programmgestaltender Mitgesellschafter“ weiter machen und einen neuen Lektoren aufbauen. (jof)

Sitz der Zentrale in Stuttgart war lange Zeit die Eberhardstraße im denkmalgeschützten Graf Eberhardsbau mitten in der City. Unter dem Dach eines dieser typisch spitzen Türmchen durfte der Autor in fast detektivischer Kleinarbeit in der Auslandsabteilung "Z" nach Titeln für Bücher und Zeitschriften suchen ("bibliografieren"). Deren Quellen galt es irgendwo zu finden. Dieser spezielle und teure Service stand nur ausländischen Kunden offen. Diese Abteilung war direkt der Familienholding Koehler & Volkmar angegliedert. Die Firmensprache hier war sächsisch, kaum schwäbisch. Und die verstaubte Atmosphäre glich dem architektonischen Ambiente des historischen Hauses. Eine eigene Welt, in der die Zeit irgendwie stehen blieb. Das Personal fuhr morgens, mittags und abends mit dem Lastenaufzug am Lager vorbei, auf und ab. Den Buchhändlerinnen und -händlern im Hause wurde strikt verboten, ein Buch oder Medium zu bestellen, das aus der DDR stammen könnte, hier abfällig "SBZ" (Sowjetisch Besetzte Zone) genannt.

Schließlich zog das Haus in eine neue, nüchtern-moderne Zentrale im Gewerbegebiet von Stuttgart-Vaihingen. Ein solcher Umzug ist für ein Unternehmen mit mehreren hunderttausend Büchern und einer komplexen EDV für die Vertriebslogistik eine gigantische Herausforderung. Doch KNV packte den nötigen Kraftakt samt seinen mehr als tausend Mitarbeitern – organisatorisch wie finanziell. Jahrzehnte später, nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung, klappte der nächste große Umzug offenbar weit weniger. Teile der Unternehmerfamilie zog es zurück ins Stammland Sachsen, während andere in einer strafferen Vertriebsstruktur die einzig beste Überlebenschance sahen. Der mittelständische Barsortimenter war am Scheidepunkt seiner Existenz angekommen.

Ein ähnlich steiler Niedergang wie bei Quelle

Das neue Stuttgart der Zentrallogistik sollte das thüringische Erfurt sein, also ziemlich in der Mitte Deutschlands. In Vaihingen wurde das große Lager samt elektronischer Logistik aufgelöst, mehrere Hundert Menschen verloren ihre Arbeit. Ein brutaler Schnitt, der auch viel Geld in Form von Abfindungen gekostet hat. Heute arbeiten für KNV in Stuttgart nur noch rund 500, in Erfurt 1000 Mitarbeiter.

Richtig teuer wird ein solcher Ortswechsel am Ende, wenn nichts richtig klappt. Kritische Schwachstellen sind die Logistik mit dem kaum durchschaubaren, fehlerhaft funktionierendem IT-System sowie die Einarbeitung neuer Mitarbeiter. Bestellungen fehlen auf mysteriöse Weise, Lieferungen bleiben liegen. KNV verliert den Überblick. Jetzt tickt die Uhr. Die Kosten laufen davon. Banken werden nervös, Kunden sauer. Die Lieferanten, also Verlage, werden misstrauisch. Was ist mit der bodenständigen Institution KNV los? Zum Vergleich: Einen ähnlich steilen Niedergang leitete beim früheren Versandhaus Quelle der Umzug in ein überdimensioniertes Zentrallager in Mitteldeutschland ein. Quelle, der einstige Branchenriese verschwand vom Markt.

Und dann ist da der harte Verdrängungswettbewerb aus dem Netz. Je mehr Kunden online bei Amazon, Otto & Co. kaufen, um so weniger bekommt der Buchhandel und sein Hauptlieferant KNV zu tun. Diesem Trend stehen die Literaten machtlos gegenüber. Auch die Buchpreisbindung ändert daran nichts. Besonders offenkundig werden die Einbrüche durch das Massensterben der Buchläden und durch den anhaltenden Konzentrationsprozess in der Zunft. Die verzweigten Handelsketten wie Thalia oder Osiander und die Großverlage brauchen den Barsortimenter aus Stuttgart immer weniger. Sie ordern preiswerter direkt bei den Verlagen.

Im Internet sind Bücher wie Socken

Die Insolvenz am Valentinstag kam also mit Ansage. Die ganze Buchbranche ist betroffen. Buchhändler sorgen sich, ob sie noch umfänglich beliefert werden. Verlage als Gläubiger der insolventen KNV müssen abwägen, ob sie das Geld für ihre Lieferungen jemals zurückbekommen werden. Dem Insolvenzverwalter Tobias Wahl muss rasch der heikle Spagat zwischen Verlagen, Buchhandlungen und Banken gelingen, sie alle bei der Stange zu halten. Er sucht nun händeringend nach kurzfristigen Geldgebern und langfristigen (ernsthaften) Käufern für KNV. Die beiden größten Konkurrenten, Libri und Umbreit, werden die große Lücke bei einem Ausfall der Stuttgarter nicht füllen können. Und fraglich ist, ob einer von beiden – vielleicht Libri? – genügend Kraft hat, bei KNV einzusteigen. Indes, viel Zeit bleibt Insolvenzanwalt Wahl zur Sanierung nicht. Das kostbare Büchersortiment ist verderbliche Ware. Verlage könnten ihre unbezahlten Lieferungen zurückrufen, Kleinverlage nervös zur Konkurrenz abspringen.

Eine bodenständige Instanz verliert an Bodenhaftung, zerbricht. Bald gehört die Zukunft auch dem Literaturbetrieb Amazon und anderen mit ihrer amerikanisch-aggressiven Art des Draufhauens. Sie agieren schnelllebig und werden offenbar besser fertig mit Umzügen, IT-Chaos und Massenentlassungen. Kultur hin, Buch her – das Internet vermarktet Literatur so seelenlos wie Socken, Handys oder Küchengeräte. Darwins brachiales Ausleseprinzip des angeblich Stärkeren setzt sich nun im eher behäbig auftretenden Buchgewerbe durch. Doch das Grundprinzip des vor fast 200 Jahren von Koehler und Volkmar entwickelten Barsortiments lebt in den Sortimenten der Onlineverkäufer weiter. Für KNV ist das nur ein kleiner Trost.

Niemals hätte ich gedacht, dass mein vor Kraft strotzender Arbeitgeber mit seiner gefragten Tochterfirma Knööö eines Tages um die nackte Existenz kämpfen muss.


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