Das Neckartal soll cyber werden. Fotos: Joachim E. Röttgers

Das Neckartal soll cyber werden. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 387
Wirtschaft

Digitale Doppelgänger

Von Jürgen Lessat
Datum: 29.08.2018
Mit grüner Regierungshilfe wandelt sich das Neckartal vom Industriestandort zum Cyber Valley: Zwischen Tübingen und Stuttgart forschen heimische Konzerne unter anderem am autonomen Fahren – und Amazon an der virtuellen Umkleidekabine.

Wenn Deutschland als Land der Dichter und Denker gilt, dann beansprucht Baden-Württemberg zusätzlich, Heimat der Tüftler zu sein. Die Erfindungen von Gottlieb Daimler oder Robert Bosch prägen hier bis heute Technik und Leben. Nun sollen Ideen aus dem Ländle auch Impulse im digitalen Zeitalter liefern – diesen Anspruch hat jedenfalls Ministerpräsident Winfried Kretschmann formuliert.

Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) betreibt Grundlagenforschung in den Natur-, Lebens- und Geisteswissenschaften. Mit ihren 84 Instituten und Einrichtungen ist sie das internationale Aushängeschild für die deutsche Wissenschaft – neben fünf Auslandsinstituten betreibt sie 17 Max-Planck-Center gemeinsam mit ausländischen Universitäten. Sie wird je zur Hälfte finanziert von Bund und Ländern und verfügte 2017 über einen Grundetat von rund 1,8 Milliarden Euro. Hinzu kommen Drittmittel für Projekte von öffentlichen oder privaten Geldgebern sowie der Europäischen Union.

Seit der Gründung der MPG in 1948 sind 18 Nobelpreisträger aus ihren Reihen hervorgegangen. Die Generalverwaltung mit dem Büro des Präsidenten befindet sich in München. Oberstes Entscheidungsorgan ist der Senat, dessen Mitglieder aus wichtigen Bereichen des wissenschaftlichen und öffentlichen Lebens kommen. In der MPG sind knapp 23 000 MitarbeiterInnen tätig, rund 61 Prozent von ihnen arbeiten im wissenschaftlichen Bereich. Knapp die Hälfte der WissenschaftlerInnen kommt aus dem Ausland. (jl)

Im Dezember 2016 fiel im Stuttgarter Neuen Schloss der Startschuss für das "Internet Tal",  das sogenannte Cyber Valley (CV), das sich neckaraufwärts bis Tübingen erstreckt: Ein gemeinsames Projekt der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), der Universitäten Stuttgart und Tübingen, des Landes sowie heimischer Konzerne, darunter Bosch, Daimler, Porsche, BMW und ZF Friedrichshafen. Die Partner aus Forschung, Politik und Industrie wollen es zu einem Hotspot der Künstlichen Intelligenz (KI) und des maschinellen Lernens machen. Für "wissenschaftliche Exzellenz und die intelligentesten Köpfe von morgen", wie es zum Start hieß. Konkret soll die Cyber-Valley-Initiative so etwas wie ein Zwitter aus Wissenschaft und Kommerz sein: sowohl internationales Zentrum für Grundlagenforschung im KI- und Robotikbereich als auch Gründerplattform für deren marktfähige Anwendungen. "Unser Ziel ist, nicht nur die besten Maschinen zu bauen, sondern auch die schlausten", so Kretschmann beim "Kick-off". Damit meint der MP neben autonom fahrenden Autos auch lernende Roboter, die in nicht allzu ferner Zukunft beispielsweise in Hospitälern und Hospizen fehlende Pflegekräfte ersetzen sollen.

Um bei diesen Zukunftstechnologien mitzumischen, an denen auch milliardenschwere US-Konzerne und chinesische Staatsholdings intensiv arbeiten, machen die grün-schwarze Landesregierung und heimische Firmen reichlich Geld zur Anschubfinanzierung locker. Das Land blättert 50 Millionen Euro in den ersten Jahren hin, eine vergleichbare Summe will die Industrie beisteuern. Damit lassen sich rund ein Dutzend neue Forschungsgruppen und mehrere Professuren einrichten. Die Universitäten richten ihrerseits "Brückenprofessuren" zum Max-Planck-Institut (MPI) für Intelligente Systeme ein, sprich, sie stellen deren Forscherinnen und Forschern eigene Lehrstühle zur Verfügung. Zudem spendierte das Land der Max-Planck-Gesellschaft einen Institutsneubau in Tübingen, damit das Cyber Valley auch ein physisches Zuhause hat.

Trotz Geldregens: Facebook springt ab

Doch selbst der wärmste Subventionsregen konnte nicht verhindern, dass der einzige ausländische und zudem nicht im Automobilbau verwurzelte Mitspieler die Reißleine zog, bevor es überhaupt richtig losging: Der US-Konzern Facebook kassierte seine Zusage, sich in Tübingen mit einer eigenen Forschungsabteilung niederzulassen. Was den zuletzt wegen seines laschen Umgangs mit Datenschutz kritisierten Betreiber des führenden Sozialen Netzwerks dazu bewog, darüber können angeblich selbst führende Köpfe der Initiative nur spekulieren. "Den Grund kenne ich auch nicht, das war eine unternehmerische Entscheidung von Facebook", bekannte CV-Forschungskoordinator Matthias Tröndle jüngst in einem Interview.

Amazon-Gebäude mit parkenden Autos.
In Pforzheim ist Amazon auch schon am Start – mit einem Auslieferungslager.

Es floss nicht viel Wasser den Neckar hinunter, da sprang ein anderer US-Internetgigant in die digitale Bresche. Im vergangenen Oktober verkündete Amazon seinen Einstieg ins schwäbische Cyber Valley, um über eine "strategische Zusammenarbeit mit der Max-Planck-Gesellschaft die Forschung im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) voranzutreiben". Dazu will der Online-Versender, der auch bedeutender IT-Anbieter ist, für 1,25 Millionen Euro ein eigenes "Amazon Research Center" auf dem Tübinger MPI-Campus etablieren. Dort sollen in den kommenden fünf Jahren rund 100 Mitarbeiter und Doktoranden ausgebildet werden. Die Jungforscher sollen sich insbesondere dem "Machine Learning" widmen, wodurch, wie Amazon in einer Pressemitteilung erklärt, "die Kundenerfahrung insbesondere bei visuellen Systemen verbessert werden soll". Der Tübinger Standort ist das vierte Forschungszentrum von Amazon in Deutschland nach Berlin, Dresden und Aachen, wo unter anderem an Cloud-Computing-Lösungen, Textanalyse, Sprach- und Mustererkennung, Assistenzsystemen wie Alexa und neuen Webtechnologien getüftelt wird.

Amazon "unterstützt" die Max-Planck-Gesellschaft reichlich

Mit der Kooperation wurden zwei Direktoren des Tübinger Max-Planck-Instituts, Bernhard Schölkopf (Abteilung für Empirische Inferenz) und Michael J. Black (Abteilung für Perzeptive Systeme) zu sogenannten Amazon Scholars. In dieser Funktion forschen, lehren und leiten die beiden Wissenschaftler weiter innerhalb ihrer MPI-Abteilungen. In Teilzeit oder im Rahmen einer Freistellung, auch Sabbatjahr genannt, arbeiten sie künftig aber auch für den US-Konzern. Das Scholars-Programm richte sich an Wissenschaftler aus Universitäten auf der ganzen Welt, die Forschungsmethoden in der Praxis anwenden und dem Unternehmen helfen wollten, schwierige technische Herausforderungen zu lösen, ohne ihre akademischen Einrichtungen zu verlassen, beschreibt der Konzern das Angebot. "Wir glauben, dass Amazon ein einzigartiger Ort ist, um die Auswirkungen neuer wissenschaftlicher Ideen zu messen", sagt das Unternehmen.

Pärchen liest auf Wiese.
Bald ist Schluss mit dem Lotterleben in der Unistadt Tübingen, …

Zudem fließt direkt Geld. Der US-Konzern unterstützt die Max-Planck-Gesellschaft jährlich mit Amazon Research Awards im Wert von 420 000 Euro (500 000 US-Dollar). Das Programm fördere die Forschung und damit verbundene Beiträge für Open-Source-Projekte von führenden Akademikern in Nordamerika und Europa, die speziell im Bereich Robotik, Maschinellem Lernen und Maschinellem Sehen arbeiten, beschreibt der Konzern das Stiftungsprogramm. Ihm dabei nicht allein Uneigennützigkeit zu unterstellen, dürfte nicht allzu gewagt sein.

Kurz zuvor hatte sich bei anderer Gelegenheit gezeigt, wie eng der US-Internetriese bereits mit der von Bund und Ländern getragenen Max-Planck-Gesellschaft verbunden ist. Anfang Oktober 2017 wurde bekannt, dass Amazon das New Yorker Unternehmen Body Labs gekauft hat. Die Schätzungen zum Kaufpreis schwanken zwischen 50 und 100 Millionen Dollar. Hinter Body Labs verbirgt sich ein Start-Up, das 2013 unter anderem vom heutigen Max-Plank-Institutsdirektor Michael J. Black gegründet wurde. Der US-Computerwissenschaftler entwickelte in zehnjähriger Arbeit eine 3-D-Scan-Technologie, die als das größte Kapital von Body Labs gilt. Sie ermöglicht es, den Körper eines Menschen exakt zu erfassen und diesen anschließend virtuell darzustellen. Blacks Technologie gilt als weltweit führend für die vollautomatisierte Herstellung von dreidimensionalen Avataren, die das gesamte Spektrum menschlicher Bewegungsabläufe imitieren können. Finanziert wurde die Arbeit des Forschers mit Hilfe von Wagniskapitalgebern, zu denen neben dem US-amerikanischen Chip-Riesen Intel auch die deutsche Max-Planck-Innovation GmbH gehörte. Die Tochtergesellschaft der MPG hilft Spitzenforschern unter anderem dabei, ihre Erfindungen zu vermarkten.

Digitaler Doppelgänger macht Umkleidekabinen obsolet

Mit der Scantechnologie eröffnen sich Mode- und Produktdesignern ganz neue Möglichkeiten. Auch zum 3-D-Druck von Spezialausrüstungen lässt sie sich verwenden. Zudem erleichtert sie bei Computeranimationen – ob im Film- oder Spielebereich – die Schaffung virtueller Figuren. Dem neuen Besitzer von Body Labs dürfte es jedoch vor allem ums Online-Shoppen gehen. Dank der Software brauchen sich Kleidungskäufer nicht mehr in muffige Umkleidekammern in Kaufhäusern begeben. Das neue Outfit lässt sich überall und jederzeit am Smart Phone passgenau anprobieren und in unterschiedlichen Posen oder Haltungen betrachten. Das Revolutionäre an der Body Labs-Technologie: Ein digitaler Doppelgänger für Jederfrau und Jedermann ist verblüffend einfach zu schaffen – als Scan-Quelle genügen Fotos oder Video-Sequenzen der jeweiligen Person. Für kleinere Boutiquen, aber auch für größere Modeketten, sind das keine guten Nachrichten. Die neue Software dürfte dem stationären Einzelhandel weiter zusetzen.

Schild "Kleiner Hörsaal"
… dann wird gefälligst gepaukt.

Auch für Amazon wird sich die Akquisition wohl lohnen: Sollten die Kunden neue Klamotten vor dem Bestellen zunächst virtuell probieren, würde dies die Anzahl der Retouren massiv reduzieren, vermutet 3dnatives.com, ein Online-Informationsportal für 3-D-Druck. Denn gerade bei Mode liegen die Rücksendequoten bisweilen bei über 50 Prozent, wobei nach Schätzungen der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen bis zu 15 Euro pro Rücksendung anfallen können. "Im Hinblick auf diese Zahlen, kann der Zukauf von Body Labs als sinnvoll gelten, wenn man das gewaltige Einsparpotential durch die 3D-Body-Scan-Technologie berücksichtigt", so das Portal.

Kritik an KI-Forschung für Industrie und Militär

Doch nicht nur an Amazon liegt es, dass sich nicht alle wohl fühlen beim Gedanken an Tübingen als deutsches Zentrum Künstlicher Intelligenz und lernender Maschinen. Die Tübinger Informationsstelle Militarisierung (IMI) warnt etwa vor einer "Transformation zum Rüstungsstandort" (hier die IMI-Analyse) und davor, dass das Cyber Valley zu einer Brutstätte für Kampfroboter wird, die allein entscheiden, wen sie erschießen. "Eine von der Industrie und militärischen Interessen angetriebene KI-Forschung wird uns einer Lösung der drängenden Menschheitsfragen nicht näher bringen, sondern die aktuellen Krisen und die internationale Konkurrenz bei der Entwicklung "disruptiver Technologien" nur weiter verschärfen", fürchtet auch die Fraktion der Linken im Tübinger Gemeinderat.

"Da der Konzern für schlechte Arbeitsbedingungen und umfangreiche Ausspähung der Konsumentinnen bekannt ist", begründet die Gemeinderatsfraktion die Ablehnung. Eine "Zivilklausel" soll zumindest militärische Forschung im Cyber Valley unterbinden, regte die Fraktion jüngst im Tübinger Gemeinderat an. Eine Forderung, die Oberbürgermeister Boris Palmer nach Medienberichten mit hochrotem Kopf für nicht praktikabel erklärte: "Sonst wäre Amazon sofort weg." Laut "Schwäbisches Tagblatt" ließ sich das grüne Stadtoberhaupt erst durch ein Stück Schokolade beruhigen, das ihm sein Baubürgermeister zuschob. Der Antrag der Linken wurde mit großer Mehrheit abgelehnt.

 

Info:

Am Samstag, den 15. September 2018, veranstaltet das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Stuttgart-Büsnau (Heisenbergstr. 3) von 10 bis 16 Uhr einen Tag der Offenen Tür. Hier das Programm. 


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