Die Stuttgarter Buchhandlung Quenzer macht bald dicht. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Stuttgarter Buchhandlung Quenzer macht bald dicht. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 351
Wirtschaft

Thiemo, der Lokführer

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 20.12.2017
Nach 41 Jahren schließt die Buchhandlung Quenzer in der Stuttgarter Olgastraße. An manchen Tagen hat der Besitzer nur noch eine Kunstpostkarte für zweivierzig verkauft. Er wird jetzt lieber Lokführer.

Die größten Lücken sind dort, wo Vater und Tochter immer gestanden sind. Links hinten an der Wand, in der Kinder- und Jugendbuchecke. Verschwunden sind Jim Knopf und Ronja Räubertochter, Nils Holgersson und Oksa Pollok. Alle verkauft, weil es 20 Prozent Rabatt gibt. Quenzer macht zu, einen Tag vor Heiligabend ist Schluss. Und Vater und Tochter sind traurig, weil der junge Quenzer, der auch schon 49 ist, keine Bücher mehr empfehlen und auch keinen rotlackierten Holztraktor mehr verkaufen wird, auf dem Rico, der Tiefbegabte, weg geschmökert werden kann. "Bei Quenzer habe ich die besten Bücher gekriegt", sagt die Tochter. Ihr Mann des Vertrauens könnte als Lukas der Lokomotivführer durchgehen. Mit seinem Bart und seiner Statur.

41 Jahre hat die Familie durchgehalten. An der Olgastraße 69, einer ziemlich gesichtslosen Adresse zwischen Fitness, Wellness, E-Zigarette und Döner, an der heute Fritz Kuhn auf dem Weg ins Amt vorbeieilt. Jeden Morgen um acht. Vater Gert, erzählt Sohn Thiemo, habe den Ort bewusst gewählt. Keine Königstraße, keine 1-A-Lage, sondern ein Laden an einer Durchgangsstraße, die Drogen und Sex im Angebot hatte, damals in den Siebzigern. Das Puffviertel ist nicht weit. Gert Quenzer wollte hier eine literarische Buchhandlung haben, aber er hat auch Murmeln für einen Pfennig an Kinder verkauft. Für ein kleines Glück im Vorbeigehen. Als Lektor beim Klett-Verlag, dem er den High-Fantasy-Klassiker "Herr der Ringe" lektoriert hat, war Quenzer-Senior, würde man heute sagen, breit aufgestellt.

Noch Buchhändler, bald Lokführer: Thiemo Quenzer.
Noch Buchhändler, bald Lokführer: Thiemo Quenzer.

Gefuchst hat ihn immer, wenn er als Anthroposophen- oder gar Waldorfladen missverstanden wurde, wahrscheinlich wegen des Holzspielzeugs, den Xylophonen und den Wachsmalstiften. Oder weil Otto Schily mal nach Rudolf Steiner gefragt hat, der in des Bundesinnenministers Elternhaus mehr galt als Marx, und ihn gegen "marxistisch-leninistische Abwege" immunisiert hat, wie er einst der FAZ sagte. Politisch sah sich der Alte eher beim Kollegen Wendelin Niedlich, der sich rühmte, Adorno und Bloch vollständig in seinen vollgestopften Regalen zu haben. Später hätte Quenzer mit den Büchern zum S-21-Protest kontern können. Die hatte er alle.

Der Junge, also Thiemo, wusste, dass er ein schwieriges Erbe antreten würde. Vater Gert, der Philosophie und Germanistik studiert hat, war ungeheuer belesen, bürstete die Kundschaft ab, wenn sie telefonisch beraten werden wollte, und betrachtete seinen Laden als heiligen Ort des Gesprächs. Aber bitte nicht bei Kaffee oder Tee. Undenkbar, dass hier ein Sofa, eine Kaffeemaschine und eine Keksdose herumstehen würden. Alles Standard heute bei den Wittwers dieser Welt, aber nicht bei Quenzer. Der Inhalt zähle, hat der Senior immer gesagt, nicht das Interieur. Und der Junior hat's genau so versucht, und hat eigentlich nie wirklich renoviert. Die Holzregale an der Wand, die Japan-Kugellampen an der Decke, das Sammelsurium im Schaufenster – das ist, als wäre es 1976, als alles anfing. Very old School.

O Gott, wie wird der nächste Monat?

Thiemo Quenzer weiß, dass das so ist. Er hätte da mehr tun müssen, räumt er ein. Lesungen veranstalten, Beratungen via Facebook anbieten, Newsletter, der ganze Zirkus, der heute selbstverständlich ist. Aber das ist einfacher gesagt als getan. Als er vor fünf Jahren übernommen hat, war der Umsatz schon in den Keller gefahren. Am Ende waren es 150 000 Euro im Jahr, zehn Prozent davon gelten gemeinhin als Bruttogewinn.

Nächster Ladenschluss

Im Februar 2018 schließt die nächste Buchhandlung in Stuttgart: Schiller in Vaihingen, ein Vorzeigeladen laut "Börsenblatt", der 2016 noch mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet wurde. Inhaberin Susanne Martin (59) sagt, es werde immer schwieriger, zu überleben. Buchhändler zu sein bedeute "sehr viel Arbeit für sehr wenig Geld". Sie beschäftigt drei Mitarbeiterinnen bei einem Jahresumsatz von 500 000 Euro. Nach 41 Jahren im Buchgeschäft müsse sie sich erholen, um körperlich wieder in die Gänge zu kommen, sagt Martin. (jof)

Nicht, dass ihm das Buchgeschäft fremd gewesen wäre. Er hat es gelernt. Und gelesen sowieso. Jim Knopf, Latte Igel, Der glückliche Löwe, später, als wichtigsten Autor, Max Frisch. Seine vier Kinder waren glücklich, die ratsuchenden Papas vor den Regalen auch, weil ihre Kinder immer das Richtige bekamen. Aber der Vater, das literarische Lexikon, war nicht einzuholen.

Damit wäre womöglich Frieden zu schließen, mit der kleineren Schuhgröße. Auch mit dem Sortiment, das in Vaters Sinne gewesen sein dürfte: Keine "Shades of Grey" und keine Bücher aus dem Kopp-Verlag. Mit der objektiven Lage ging es nicht mehr. Buchläden in dieser Größe überleben nicht mehr, es sei denn als Hobbybetrieb mit angeschlossener Privatbank. Sei's die Ehefrau, der Ehemann oder das Erbe. Das ist so wie im Journalismus, wenn einem der Chefredakteur erklärt, Auslandskorrespondent sei schon drin, falls eine reiche Frau zur Verfügung stünde. Bei Quenzers gab's davon nichts, stattdessen keinen Urlaub, kein Geld für die Miete im Sommer, und die erste Frage am Morgen: O Gott, wie wird der nächste Monat?

Die Antwort war immer die gleiche: nicht besser, höchstens an Weihnachten. Und der Grund? Auch der gleiche. Er heißt nicht nur Amazon, er heißt auch Netflix, Whatsapp, Facebook. Alles, was vom Lesen gedruckter Worte ablenkt. Und die Zeit wird nicht mehr.

Thiemo Quenzer wollte diesen Kampf nicht mehr weiterführen. Er hatte Tage, an denen er nach zehn Stunden mit einem Tagesumsatz von zwei Euro vierzig nach Hause ging. Er hatte eine Kunstpostkarte verkauft. Er sagt, das müsse er, bei aller Freude an den vielen Gesprächen, nicht mehr haben. Er freut sich jetzt auf seinen neuen Job, der ein halbwegs sicheres Einkommen verspricht. Ab Januar lässt er sich zum Lokführer bei der Deutschen Bahn ausbilden.


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