Ausgabe 405
Zeitgeschehen

Kamrad Lenin und der Mann im Schatten

Von Ulrich Weitz
Datum: 02.01.2019
Ein Schwabe auf Mission in Moskau: Vor 100 Jahren unternimmt der linke Autor, Kulturwissenschaftler und Kunstsammler Eduard Fuchs eine abenteuerliche Reise, um bei Lenin Geld für die Deutsche Revolution zu organisieren.

In der Stuttgarter Staatsgalerie hängt ein lebensgroßes Porträt von Eduard Fuchs, gemalt von Max Slevogt. Dieser hagere Mann mit der aufgewühlten Frisur und der Mappe in der Hand, aus der er ein Flugblatt zieht, ist heute vor allem als Kulturwissenschaftler ("Illustrierte Sittengeschichte") und Kunstsammler bekannt. Doch der 1870 in Göppingen geborene Fuchs war auch Mitbegründer des Spartakusbundes und ein enger Freund Lenins.

Dem späteren russischen Revolutionsführer war er im Herbst 1900 erstmals in München begegnet. In der Isarstadt machte Fuchs, der 1888 in Stuttgart als jugendlicher Sozialist wegen Majestätsbeleidigung und Vertrieb illegaler Schriften zu insgesamt zehn Monaten Gefängnis verurteilt worden war, seit 1890 Parteikarriere bei der SPD. Zunächst wurde er dort eingestellt, um einen neuen sozialdemokratischen Medienkonzern aufzubauen. Im "Süddeutschen Postillon", einem illustrierten Satireblatt, hatte er als Chefredakteur aber auch Karikatur und Spott als wirksame Waffe im Klassenkampf entdeckt.

Zu dieser Zeit war Lenin in der Schwabinger Parteikneipe "Goldener Onkel" als polizeilich nicht gemeldeter Untermieter im Hinterhaus einquartiert. Damit lebte Lenin nur wenige Schritte entfernt von der Römerstrasse 20, wo Fuchs damals wohnte. Die konkrete Zusammenarbeit begann am Jahresende 1900, nachdem am Heiligen Abend die erste Nummer der illegalen Zeitung "Iskra" erschienen war. Die Redakteure Lenin und Martow erbaten damals von Fuchs Hilfe, um Zeichner für die illustrierte Beilage zu finden, die ab September 1901 erscheinen sollte. Gerade ein Land, in dem so viele Analphabeten lebten wie in Russland, brauchte nicht nur gesetzte Bleiwüsten, sondern auch Bilder zur Agitation.

Seit dieser Zeit war Fuchs einer der wenigen, die Lenin duzen durften. Dem jüdischen Rechtsanwalt und Kunsthändler Hugo Perls verdanken wir die schöne Anekdote über deren Beziehung: "Der Allgewaltige (Lenin) hatte ihm in bestrickender Liebenswürdigkeit ein Automobil schenken und nach Berlin senden wollen", aber Fuchs erwies sich als unbestechlich: "Ja, was denke Sie denn, Kamrad Lenin, I tu auch so mei Fliecht."

Im Auftrag Rosa Luxemburgs nach Moskau

Vom März 1917 bis März 1918 war Eduard Fuchs, dank seiner Kontakte in der spenden-freudigen Kulturszene, der maßgebliche Finanzier der Antikriegsagitation des Spartakusbundes. Leo Jogiches, neben Rosa Luxemburg und Franz Mehring einer der Mitbegründer der Gruppe, notierte in einem Büchlein die stolze Summe von 8868 Reichsmark, die Fuchs ihm in mehreren Raten übergab. Sofort nach der Oktoberrevolution 1917 ernannte ihn Lenin "Zum Generalbevollmächtigten für die gesamte Kriegs- und Zivilgefangenenfürsorge in Deutschland", wie der Berliner Börsenkurier am 28. Januar 1920 zurückblickend schrieb.

Bereits am 20. Dezember 1918 war Eduard Fuchs von Rosa Luxemburg gebeten worden, nach Moskau zu reisen, um Lenin klarzumachen, dass sie sich jegliche Einmischung Russlands in die Gründung einer deutschen kommunistischen Partei verbiete. Bereits seit 1904 hatte sie aus ihren Differenzen mit den russischen Bolschewiki in der Frage der Kommunistischen Internationale keinen Hehl gemacht. Doch trotz teilweise unterschiedlicher Strategien betrachtete man die revolutionäre Entwicklung in Europa voller Sympathie. Im Gepäck hatte Fuchs ein persönlich gehaltenes Schreiben von Luxemburg, datiert vom 20. Dezember:

"Teurer Wladimir! Ich benutze die Reise des Onkels, um Ihnen allen einen herzlichen Gruß von unserer Familie, von Karl [Liebknecht], Franz [Mehring] und den anderen zu übersenden. Gebe Gott, dass das kommende Jahr alle unsere Wünsche erfüllen wird.

Alles Gute!

Über unser Leben und Treiben wird der Onkel erzählen. Einstweilen drücke ich Ihnen die Hände und grüße Sie. Rosa."

Mit dieser Legitimation und getarnt als dänischer Gesandtschaftsattache, reiste Fuchs mit Lastkraftwagen und Bahn, aber auch zu Fuß und mit dem Schlitten durch das verschneite Russland. Am ersten Weihnachtsfeiertag überschritt Fuchs die sowjetrussische Grenze. Aus Molodetschno, einem Ort in Weißrussland, richtete er ein Militärtelegramm an Lenin: "Komme zu Ihnen als Mitglied und Delegierter der Zentrale des Spartakusbundes. Eintreffe heute Abend in Minsk. Bitte zu veranlassen, dass ich aus Minsk ohne Verzögerung nach Moskau, Nr. 105 weiterreisen kann."

"Bleiben Sie der Mann im Schatten", sagt Lenin zum Abschied

Am 27. oder 28. Dezember erreichte Fuchs Moskau. Untergebracht war er wie ein Ehrengast im Kremlpalast. Noch am Abend des 28. Dezember fand das Gespräch mit Lenin statt, bei dem ihm Fuchs die Broschüre "Was will der Spartakusbund" übergab. Verabschiedet wurde er von Lenin mit folgenden Worten: "Bleiben Sie immer der Mann im Schatten. Als solcher werden Sie der Partei die wertvollsten Dienste leisten, denn leider ist die Zahl derer gering, die so viel Kraft aufbringen, um sich mit dem gelungenen Werk allein zufrieden zu geben, auch wenn ihre Person dabei nicht in bengalische Beleuchtung tritt. Die meisten wollen immer irgendwie mit ihrer Person glänzen. Sie, lieber Freund, gehören zu den wenigen."

Fuchs brach nicht sofort wieder auf – es mussten noch Agitationsmaterialien und Geldmittel für den Spartakusbund bereitgestellt werden. Ob er dazu einen Auftrag aus Deutschland hatte (den Geldkoffer übergab er nach seiner Rückreise dem neuen KPD-Vorsitzenden Leo Jogiches) oder dies auf eigene Initiative betrieb, lässt sich nicht mehr klären. Die Zeit bis zur Abreise nutzte Fuchs mit Gesprächen und Besuchen. Bereits am 29. Dezember lernte er den Letten Dr. Maurice Laserson, einen jüdischen Intellektuellen und Bankexperten, kennen. Nach der Oktoberrevolution war dieser Wirtschaftsberater der neuen Regierung. Laserson verdanken wir die detaillierte Beschreibung der Rückreise.

Daneben pflegte Fuchs seine Kontakte zur Kulturszene. Doch der "Mann im Schatten" (das war neben "Onkel" sein Deckname) hatte noch eine andere Aufgabe, die ihm half, seine Mission zu tarnen. Als Zivilkommissar für Kriegsgefangenenfürsorge musste er organisatorische Voraussetzungen abklären, um die russischen Gefangenen von Deutschland in ihre Heimat zurückzubringen.

Dann ein hektischer Aufbruch am 3. Januar 1919. Am Abend startete ein Lastwagen vom Volkskommissariat des Auswärtigen zum Moskauer Nikolai-Bahnhof. Die Bahnfahrt am 4. Januar wurde zum Abenteuer, wie Laserson berichtet: "Alles war überfüllt, alle Menschen schrien und rannten durcheinander. Wir mussten uns schließlich mit einem alten, vor Schmutz starrenden Wagen III. Klasse begnügen, der von durchreisenden Matrosen besetzt war."

Auf der Rückreise trifft Fuchs Maxim Gorki

Petrograd (heute: St. Petersburg) erreichten sie am 5. Januar. Dort blieb die Gruppe mehrere Tage, wahrscheinlich bis zum 14. Januar. Ein bisher unveröffentlichtes Foto aus dem Archiv der Stanford University (Kalifornien) zeigt Fuchs im Palast der österreichischen Botschaft. Laserson schilderte diese Szene so: "F(uchs) wurde von den deutschen und österreichischen Genossen sehr gefeiert. Ein ausgezeichneter, von Geist sprühender Plauderer und Erzähler, hielt er die ganze Gesellschaft in bester Laune. Im Palais Jussupow ließ sich F(uchs) inmitten der deutschen Genossen in einem Gruppenbild feierlichst aufnehmen."

In der ehemaligen Residenzstadt der Zaren fand auch eine Begegnung mit Maxim Gorki statt. Das Gespräch mit dem berühmten Schriftsteller fasste Fuchs rückblickend zusammen. Gorki habe ihm in dieser Unterhaltung ausführlich geschildert, was von den Sowjets bereits in den wenigen Monaten ihrer Herrschaft zur Hebung der allgemeinen Kultur veranlasst wurde. Wörtlich zitierte Fuchs den Autor: "Wenn Sie zurück sind, dürfen Sie der ganzen Welt verkünden, dass die russische Sowjetregierung in dem ersten Jahre ihrer Herrschaft für die allgemeine Bildung der russischen Bauern und Arbeiter positiv mehr geleistet hat, als die gesamten amerikanischen Millionäre jemals für die Steigerung der amerikanischen Kultur getan haben."

Laserson, der ebenfalls teilnahm, überlieferte das Gespräch völlig anders: "Gorki empfing uns in seinem Arbeitszimmer, das mit Büchern überladen war. Nachdem die einleitenden Höflichkeitsphrasen gewechselt waren, ging man zu den gegenwärtigen politischen Verhältnissen über. F(uchs) sprach von der deutschen Umwälzung, vom Kriege, von dem ungeheuren Eindruck, den die große Revolution der russischen Bauern und Arbeiter auf die ganze Welt gemacht habe." Nach einer längeren Diskussion habe Gorki versucht, den revolutionsbegeisterten Fuchs wieder auf den Boden zu holen. Kritisch habe der weltberühmte Autor konstatiert: "Er wisse nicht, ob es F(uchs) bekannt sei, welche negativen Auswirkungen die Revolution gezeitigt hatte. Es wäre für ihn Gewissenspflicht, laut zu bekunden, dass jede freie Meinungsäußerung unmöglich geworden sei und dass die russischen Intellektuellen unter den schwersten Verhältnissen ihr Leben fristen mussten."

Im Hotel "Astoria" fand dann noch ein Gespräch mit Grigori Sinowjew statt, dem Vertrauten Lenins und Verantwortlichen fur Petrograd. Er gab Fuchs eine Bescheinigung mit, in der er sämtliche Behörden anwies, dem Spartakisten während der Rückreise in jeder Beziehung behilflich zu sein.

Unterwegs mit requirierten Loks oder Bauernschlitten

Die weitere Rückreise war gefährlich, denn sie ging quer durch die zurückstrebenden russischen Weißgardisten und die aus Riga durch Lettland und Königsberg nach Deutschland zurückflutenden deutschen Regimenter. Die Gruppe unter Führung von Fuchs requirierte am 15. Januar 1919 in lettischen Dwinsk (heute: Daugavpils) mit dem Mandat Sinowjews eine Lokomotive samt Waggon, um nach Riga weiterzureisen.

Zweieinhalb Stunden vor Riga endete die Bahnfahrt, denn die Brücke über die Duna war gesprengt. Ein Abenteuer blieb die Weiterfahrt: "Wir ... trieben nach langem Suchen ein Pferd und einen Bauernschlitten auf und begaben uns mit den Koffern und allen Sachen über den zugefrorenen Fluss".

Dann wieder das gleiche Prozedere: Requirierung einer Lokomotive und eines Waggons, und noch am Abend des 15. Januar erreichten sie Riga. Die Straßen waren völlig ausgestorben, es herrschte Belagerungszustand, und jeder Verkehr nach acht Uhr abends war streng verboten. Fuchs bleibt nur anderthalb Tage und bekam ein Auto, an dem er demonstrativ eine rote Fahne befestigen ließ, zur Weiterfahrt. Von Mittnau aus wurde er von lettischen Kommunisten im Schlitten bis zur ersten Eisenbahnstation an der deutschen Grenze gebracht. Im Gepäck hatte Fuchs erhebliche finanzielle Mittel zur Unterstützung der deutschen Genossen. Laserson bestätigte den Geldkoffer: "In den kleinen Koffern war ebenfalls Agitationsmaterial enthalten, vor allen Dingen aber große Geldbetrage in Zarenrubeln."

Doch diese Strapazen waren gering im Vergleich zu dem, was Fuchs bei seiner Rückkehr erwartete. Am 15. Januar 1919 waren Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die beiden führenden Köpfe der um die Jahreswende gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), verhaftet und brutal ermordet worden.

Am 18. Januar 1919 kam Fuchs wieder in Berlin an, sein erster Besuch galt Franz Mehring, dessen Reaktion auf das Blutbad Fuchs als Augenzeuge beschrieb: "Der Alte wollte nicht glauben, dass diese Tat hatte geschehen können. Als die Nachricht von dem bestialischen Meuchelmord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu ihm traf, irrte er stundenlang in seinem Zimmer auf und ab". Das Entsetzen über diese brutalen Morde beschleunigte Franz Mehrings Tod. Am 28. Januar 1919 starb er: Diesem Angriff war der alte, von der Schutzhaft ausgemergelte Körper nicht gewachsen. "So starb Mehring am Tode seiner Freunde".

Mit der Übergabe des Geldkoffers an Leo Jogiches, der nach Luxemburgs und Liebknechts Ermordung nun KPD-Vorsitzender war, hatte der "Mann im Schatten" seine wichtigste Mission abgeschlossen, arbeitete aber weiter für die Partei. Erst 1928 trat er aus Frustration über die Politik der Parteiführung aus der KPD aus und schloss sich der Kommunistischen Partei-Opposition (KPD/O) an - ohne dort Funktionen zu übernehmen.

Ein letztes Mal soll Fuchs Lenin 1922 getroffen haben. Was seine Mission war, ist nicht bekannt, aber bei dem von Hugo Perls überlieferten Treffen fiel jener Satz, in dem Fuchs erklärte, auch ohne große Geschenke "mei Fliecht" zu tun.

 

Ulrich Weitz ist promovierter Kunsthistoriker und Fuchs-Experte. 2014 erschien seine Biografie "Eduard Fuchs. Der Mann im Schatten" (Karl Dietz Verlag, Berlin, 400 S., 39,90 Euro).


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