Ausgabe 344
Editorial

Hör mal, Lenin

Von unserer Redaktion
Datum: 01.11.2017

Kontext ganz im Zeichen der Revolution. Stellen wir uns einmal vor, Peter Grohmann wäre mit Lenin im Zug gefahren. In jenem Waggon, in dem der russische Revolutionär mit Kreide Linien gezogen hat, die nicht überschritten werden durften, und in dem er das Rauchen verboten hat. Siehe dazu Susanne Stiefels und Joachim E. Röttgers Reisereportage "Lenin unterm Maggi-Turm". Wäre interessant zu wissen, wie das "Schlitzohr der außerparlamentarischen Opposition" (Joe Bauer) reagiert hätte.

Hätte Grohmann gesagt: Hör mal Wladimir Iljitsch, ich habe hier eine kleine Gummiente in der Tasche. Lass uns zusammen das Lied vom Lampenputzer quietschen:

"War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer.
Ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.
Und er schrie: Ich revoluzze.
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr –
kam sich höchst gefährlich vor."

Lenin hätte ihn wahrscheinlich hochkant raus geschmissen, vielleicht noch hinterher gebrüllt, er solle erstmal sein "Was tun?" lesen, und sich der Diktatur des Proletariats unterwerfen. Wahrscheinlich wäre Peter wieder rein geklettert und hätte gesagt, das habe er schon als Sekretär beim Sozialistischen Zentrum und bei Willi Hoss' Plakatgruppe probiert. Erfolglos, obwohl er als Setzer und Buchdrucker selber der Arbeiterklasse entstamme. Er setze jetzt mehr auf seine Omi Glimbzsch aus Zittau, seine Bürgerbriefe und das rebellische Potenzial aus dem S-21-Widerstand. Da seien wenig ArbeiterInnen dabei, eher so linksgrünversifftes Volk.

Aber selbstverständlich hätte er Lenin alles Gute beim Revoluzzen gewünscht ("Jonger, revolution is the solution"), vielleicht noch betont, er möge bei seinem demokratischen Zentralismus stärker auf das erste Wort achten, und dann wäre er am Stuttgarter Hauptbahnhof ausgestiegen. Oben, wo Winfried Hermann mit der Bahnsteigkarte wartet.

Das ist jetzt natürlich alles Lüge – außer Grohmann. Die Wahrheit ist auf der Bühne, von der auch ein 80-Jähriger nicht steigt, weil er ganz schön blöd wäre, wenn er das täte. Von tausend FreundInnen gefeiert zu werden, die am vergangenen Freitagabend im Theaterhaus alle kleine Grohmänner und selbstverständlich -frauen sind, das mache ihm mal jemand nach. 48 von ihnen finden sich in der Festschrift zum 80. Geburtstag wieder, darunter auch zwei Kontextler. Wer revoluzzern will, sollte das Bändchen bei den Anstiftern erwerben – entweder bestellen oder im Anstifter-Büro (Werastraße 10, 70182 Stuttgart) vorbeigehen.

Peter Grohmann mit Blumen und Freunden im Theaterhaus. Foto: Timo Kabel
Peter Grohmann mit Blumen und Freunden im Theaterhaus. Foto: Timo Kabel

Im Munzinger steht der ganze Schleyer

"Der halbe Schleyer" stand über der Geschichte, die sich mit der NS-Vergangenheit des Daimler-Managers beschäftigte. Nach seiner Ermordung durch die RAF sei Schleyers Rolle im faschistischen Deutschland tabuisiert worden, lautete der Tenor des Kontext-Beitrags vom 21. Oktober. Als einen Beleg dafür hat Autor Josef-Otto Freudenreich das Munzinger-Archiv genannt, das immer noch als Standardquelle für deutsche Karrieren gelte – und kein Wort über Hanns Martin Schleyers Nazi-Zeit verloren habe. Das stimmt inzwischen nicht mehr, wie uns Ernst Munzinger, der Chef des Ravensburger Unternehmens mitteilt. Der Text über Schleyer sei 2008 aktualisiert worden, lässt er wissen, und er "verschweigt nichts". Als Beleg seinerseits schickt er die komplette NS-Biographie des selbsterklärten Nationalsozialisten mit, die in ihrer Ausführlichkeit die Kontext-Geschichte übertrifft. Munzingers Bitte um Richtigstellung entsprechen wir deshalb gerne, inklusive der sauberen Arbeit seines Archivs, hier nachzulesen.


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