Ausgabe 378
Zeitgeschehen

"Die Sonne sehe ich nicht mehr aufgehen …"

Von Brigitte und Gerhard Brändle
Datum: 27.06.2018
Vor 75 Jahren ermordeten die Nazis im Lichthof des Stuttgarter Justizgebäudes acht Widerstandskämpfer aus dem Elsass. Brigitte und Gerhard Brändle haben deren Geschichte recherchiert und stellen bisher in deutscher Sprache unveröffentlichte Forschungsergebnisse vor – um den Ermordeten ihren Namen, ihr Gesicht und damit auch einen Teil ihrer Würde wiederzugeben.

Marcel Stoessel wird 1904 in Dornach, einem Stadtteil von Mulhouse im Elsass, geboren. 1927 heiraten er und Marie Madelaine Jaegle. Er arbeitet als Kranführer und ist Gewerkschaftsmitglied, 1936 ist er Sprecher bei einem Streik bei der Textilfirma Schaeffer. In seiner Freizeit leitet er die Abteilungen Kunstradfahren und Radball des Sportclubs "Solidarité" in Mulhouse. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Frankreich und der Besetzung des Elsass kommt er im Herbst 1941 über seinen Kollegen René Kern in Kontakt mit einer der Widerstandsgruppen, die von Georges Wodli, einem Gewerkschafter und Mitglied der Kommunistischen Partei, geleitet wird. Marcel Stoessel engagiert sich mit dem Decknamen "Louis" in der Aufklärungsarbeit gegen das Nazi-Regime und die Besetzung seiner Heimat: Er beschafft Schreibmaschinen, schreibt Flugblätter, lässt sie drucken und sorgt für ihre Verbreitung. Die "Groupe Wodli" verteilt unter anderem die Zeitschrift "Der freie Gewerkschafter", sammelt Spenden für Familien von Verhafteten und organisiert die Flucht von Gefährdeten über die nahe Grenze in die Schweiz beziehungsweise in die noch nicht von der Wehrmacht besetzte Zone Frankreichs, in der die formell unabhängige, aber nazitreue Vichy-Regierung herrschte.

Bis heute ist nicht geklärt, ob die Gestapo durch Unvorsichtigkeit ihrer Gegner oder durch Verrat auf die Spur der Résistance-Gruppen im Elsass kommt, jedenfalls werden zwischen März und Juli 1942 im Großraum Mulhouse über 100 Antifaschisten verhaftet, so auch Marcel Stoessel am 12. Mai 1942 an seinem Arbeitsplatz. Bei der Hausdurchsuchung finden die Gestapo-Leute nichts Verdächtiges, trotzdem sperren sie ihn wie seine Mitstreiter René Kern, Alphonse Kuntz und Edouard Schwartz, alle Eisenbahner bei der SNCF, ins Gefängnis in Mulhouse. Die Nazis wissen nichts von Waffen-Depots und den Plänen der Gruppe für einen Anschlag auf die Eisenbahn-Linie Basel-Mulhouse-Straßburg. Ebenfalls Ende Mai 1942 verhaftet die Gestapo vier weitere Résistance-Kämpfer der "Groupe Wodli": René Birr, auch Eisenbahner, die Lehrer Eugène Boeglin und Auguste Sontag sowie den Schreiner Adolphe Murbach. Alle acht Widerstandskämpfer werden ins sogenannte "Sicherungslager" Schirmeck-Vorbruck verschleppt, dort verhört und gefoltert. Georges Wodli, Gewerkschafter und Kommunist aus Schweighouse-sur-Moder nördlich von Straßburg, der die Résistance-Gruppe ins Leben gerufen hatte, gerät erst im Oktober 1942 in die Fänge der Polizei des Vichy-Regimes. Im Januar 1943 liefert ihn dessen mit Nazi-Deutschland kollaborierende Regierung an die Gestapo aus.

Januar und März 1943: Verurteilung in Straßburg

Die acht Widerstandskämpfer aus dem Süd-Elsass stehen in zwei Prozessen am 23. Januar bzw. am 19. März vor dem Ersten Senat des Volksgerichtshofs unter dem Blutrichter Roland Freisler, der in Straßburg tagt. Die Urteile lauten jeweils: Todesstrafe wegen Hochverrat. René Birr, mit gerade 20 Jahren der jüngste der Verurteilten, erklärt: "Wir haben gegen Barbaren wie Sie gekämpft. Wir haben Waffen gesammelt, um Sie aus unserem Land zu jagen. Sie werden alle untergehen, auch wenn ich sterben muss. Unser Beispiel, verbunden mit dem heldenhaften Kampf der Roten Armee, wird Tausende neue Kämpfer hervorbringen. Unser Land wird frei werden … Wir werden sterben, und zwar für eine edle Sache, aber in einem Jahr, da werden Sie für Ihre Verbrechen bezahlen." Am Tag seiner Verurteilung zieht René Birr in einem Brief an seine Eltern die Bilanz seines Lebens als militanter Kommunist und schreibt, dass er es nicht bereut, sein Leben für seine Ideale zu geben: "Für euch hätte ich einen besseren Ausgang dieser Sache gewünscht, aber die Dinge sind so, wie sie sind. Man muss diesen Weg hinter sich bringen. Seid mutig, überwindet euren Schmerz. Ihr könnt euch mit Stolz und erhobenen Hauptes zeigen."

Von Straßburg aus verschleppen die Nazis die acht Widerstandskämpfer ins Gefängnis Stuttgart. Georges Wodli ermorden die Nazis schon am 1. oder 2. April im Keller der Gestapo-Zentrale in der Rue Sellénick in Straßburg.

Juni 1943: Hinrichtungen in Stuttgart

Die Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni verbringen René Birr, Eugène Boeglin, Adolphe Murbach und Marcel Sontag zusammen in der Todeszelle. Sie bekommen Papier und Schreibzeug für einen letzten Brief, René Birr schreibt: "Liebe Eltern, ich habe für meine Ideale gelebt. Ich bin bereit, auch für sie zu sterben. Ich glaube, dass es für euch eine größere Ehre ist, dass ich als wahrer Kämpfer sterbe, als dass ich getötet worden wäre an irgendeiner Front in dieser verfluchten Nazi-Uniform." Gemeint ist die feldgraue Uniform der ca. 100 000 ab Mitte 1942 zur Wehrmacht gepressten Elsässer.

Ein nicht genannter Zeuge berichtet 1949 in der Stuttgarter "Volksstimme" über den 1. Juni 1943, den Tag ihrer Ermordung: "Morgens um 5 Uhr wurden die Todeskandidaten geweckt und man hat ihnen noch einmal das Todesurteil verlesen. Dann wurden sie gezwungen, sich auszuziehen und sich mit dem Totenhemd aus Papier – mit einem Ausschnitt am Hals – zu bekleiden. Sie wurden zum Hof des Justizgebäudes geführt, wo die angetrunkenen Gehilfen des Henkers ihre Opfer erwarteten. Die Verurteilten wurden brutal auf die Pritsche der Guillotine gelegt und festgeschnallt. Der Gehilfe drückte auf einen Knopf, das Fallbeil sauste herunter und man machte weiter mit dem nächsten Opfer. An diesem Tag wurden 35 Personen auf diese Weise hingerichtet. Zellennachbarn berichten, dass Auguste [Sontag] und seine drei Kameraden die Marseillaise sangen, als sie zum Fallbeil gingen."

Die Menschen hinter den Fotos

Die Fotos der acht Widerstandskämpfer der Gruppe Wodli sind – ausgenommen das Foto von Marcel Stoessel aus dem Betriebsausweis der Firma SACM in Mulhouse – professionelle Portrait-Aufnahmen, wenn nicht gar Fotos der Verfolger. Nur selten werden die Menschen in ihrem Lebenszusammenhang, zum Beispiel in ihrer Familie, sichtbar. Obwohl die Frauen in die gewerkschaftlichen und politischen Tätigkeiten ihrer Männer und auch in die illegale Arbeit gegen die Nazis eingebunden waren, bleiben sie in der Geschichtsschreibung bis heute anonym, meist namen- und gesichtslos. Aber: Mehrfach fand der in der Illegalität lebende Georges Wodli Unterschlupf bei der Familie Stoessel.

Maria Stoessel ist nach der Befreiung 1945 nicht nur alleinerziehende Mutter, sondern auch Gemeinderätin für die kommunistische Partei in Mulhouse. Noch mehr gilt die Anonymität für die Kinder, deren Väter die Nazis ermordeten. Im Abschiedsbrief an seine Familie gibt Marcel Stoessel sein politisches Vermächtnis weiter: "Führe ein Leben, wie es einem Arbeiterkind Ehre macht". Deswegen danken wir Roger Stoessel, dem jüngeren Sohn von Marcel Stoessel, dass er dieses Familien-Foto zur Verfügung gestellt hat. Es zeigt die Familie Stoessel 1939/40 in Mulhouse: Marcel Stoessel in französischer Uniform, rechts seine Frau Maria, dazwischen die Söhne Marcel (*1927) und Roger (*1938). (bb/gb)

Vier Wochen später, am Abend des 28. Juni, wird den vier Widerstandskämpfern René Kern, Alphonse Kuntz, Edouard Schwartz und Marcel Stoessel noch einmal das Todesurteil verlesen und sie bekommen die Gelegenheit, einen letzten Brief zu schreiben. Marcel Stoessel grüßt seine Frau, seine Eltern, seine beiden Kinder, Marcel, den älteren, und Roger, den jüngeren, seine Schwägerinnen und Schwager, und das Elsass, seine geliebte Heimat: "Meine Lieben Alle. Noch einmal und zum letzten Mal will ich euch schreiben; wenn ihr diesen Brief erhaltet, hat mein Leben aufgehört. Gerne möchte ich euch noch vieles sagen. Die Sonne sehe ich nicht mehr aufgehen, aber für euch geht sie bestimmt noch auf …"

Die Leichen werden in die Anatomie Heidelberg gebracht

Die Nazis machen fünf Frauen zu Witwen, sieben Kinder müssen ohne Vater aufwachsen. Die Leichen der in Stuttgart Geköpften übergeben sie nicht den Familien, sondern liefern sie in der Anatomie der Universität Heidelberg ab. Was dort mit den Leichen geschieht, weiß niemand, letztendlich gibt es acht Urnen. Auch die Urnen werden nicht den Familien übergeben, sondern verschwinden auf dem Bergfriedhof Heidelberg in einem Sammelgrab. Die Nazis wissen, was sie tun: Die Gestapo Straßburg lehnt in einem Telegramm an den Oberstaatsanwalt in Berlin die Überführung der Leiche eines ebenfalls im Juni 1943 geköpften Widerstandskämpfers aus dem Elsass in seine Heimatgemeinde ab mit der Begründung, "da bei der Einstellung eines großen Teiles der elsässischen Bevölkerung mit einer Massenbeileidskundgebung zu rechnen ist." Bei den acht Ermordeten der Wodli-Gruppe gibt es eine Ausnahme: Die Urne mit den Überresten von Marcel Stoessel wird der Familie zur Bestattung in seiner Heimatgemeinde übergeben, da Zeugen aussagen, der Ermordete sei kein Kommunist gewesen. Aus diesem Grund erinnert eine Tafel auf dem Bergfriedhof in Heidelberg eben nur an sieben der acht Ermordeten.

Am Landgericht Stuttgart in der Urbanstraße, wo die Widerstandskämpfer aus dem Elsass geköpft wurden, gibt es seit 1994 ein fragwürdiges und irreführendes Schriftband: Die Ermordeten haben dort keinen Namen, noch weniger ein Gesicht, zudem: Aus antifaschistischen Widerstandskämpfern, aus Gewerkschaftern und Kommunisten wurden anonyme "Opfer der Justiz im Nationalsozialismus". Ob bei der vom Justizministerium des Landes Baden-Württemberg und dem Oberlandesgericht geplanten und vom Haus der Geschichte vorbereiteten Ausstellung über die mehr als 400 im Landgericht Stuttgart Geköpften die Nazi-Gegner aus Frankreich ihre Identität, ihren Namen und ihr Gesicht erhalten werden, steht noch dahin.


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