Ausgabe 166
Überm Kesselrand

An die Wand gestellt

Von Roger Repplinger
Datum: 04.06.2014
Über den Tatort war schon längst Gras gewachsen. 14 französische Widerstandskämpfer hat die Wehrmacht im Jahr 1944 in einem Wald bei Karlsruhe erschossen, in eine Grube geworfen und verscharrt. Das Ehepaar Brändle hat sich auf Spurensuche begeben. (Teil II)

Was macht eine Mauer im Wald? Die Mauer war nicht schwer zu finden. Brändles guckten sich die Mauer an, schluckten, und kamen mit einem Experten wieder. Der nickte. Sie hatten den Kugelfang des Schießstands Fürstenberger Schlag gefunden. Der fing auch die Kugeln des Exekutionskommandos, die nicht trafen. Da sind Einschusslöcher in der Mauer, die können auch von den Amerikanern stammen. Die in regelmäßigen Abständen in den Beton eingelassenen Vertiefungen sind für die Schießscheiben. Erklärte der Experte. Gerhard Brändle legt seine Hand auf die Vertiefungen. Die Entfernung zu dem Platz, von dem aus auf die Scheiben geschossen wurde, beträgt die vorgeschriebenen 500 Meter.

Wir stehen an der Mauer. Jeder schluckt, der hier steht. Die Bäume und Sträucher müssen wir uns wegdenken. Die sind hier in den vergangenen Jahren gewachsen. Als die Wehrmacht hier übte, wuchs Gras zwischen dem Platz, auf dem die Soldaten standen, und den Scheiben, die sie treffen sollten. Nebenan war ein Schießstand für Pistolen. Der Wall, von dem die eine Seite noch gut zu sehen ist,  sollte für Sicherheit sorgen. 

"Die erste Begegnung mit der Mauer, mit den Bildern der Ermordeten vor Augen, hat mich mitgenommen", sagt Brigitte Brändle. Die Mauer ist etwa 80 Meter lang, Gerhard Brändle ist sie einige Male auf und ab gegangen, und sieben, acht Meter hoch. Im Bereich des Fußes ist sie etwa 80 Zentimeter dick. Es ist so ein Beton, wie er beim Bunkerbau verwendet wurde. Hitler hat ja für das, was er unter Ewigkeit verstand, bauen lassen. Die anderen Nazis auch. Von den Gebäuden ist das meiste weg. Solche Mauern stehen noch und halten noch ein paar Jahrzehnte durch. An einer Stelle bröckelt die Mauer ab, da sieht man die Eisenverstrebungen, die den Beton zusammenhalten. Wenn er bröselt, sieht der Beton aus wie Popcorn. 

Sind ein paar Graffiti auf der Mauer: Ein Kamel, das auch eine Giraffe sein könnte, rot, und ein paar grüne Tiere mit großen Ohren. Und was Sprayer so an Tags auf Wände sprayen. Vor der Gedenkfeier ließ die Stadt ein Graffito übermalen. Das war beleidigend, nicht gegenüber den Männern, die hier erschossen wurden, oder den Gästen, die zu ihren Ehren gekommen waren, eher allgemein. Gerhard Brändle gluckst, verrät aber nicht, was da stand.

SS ermordete Widerstandskämpfer auf bestialische Weise

"Dass es die Mauer gab, wussten ein paar ältere Karlsruher", sagt Gerhard Brändle, "was an der Mauer passiert war, keiner", sagt Brigitte Brändle. Auch in Pforzheim, Gerhard Brändle ist gebürtiger Pforzheimer, und das Ehepaar hat bis vor zwei Jahren dort gelebt, wurden kurz vor Kriegsende Widerstandskämpfer ermordet. Von der SS und auf bestialische Art und Weise: erschlagen, zu Tode getrampelt, eine Frau vergewaltigt. Auch in Pforzheim haben die Brändles die Geschichte der Ermordeten und die Geschichte der Mörder, denn die Geschichten gehören ja zusammen, recherchiert. In Pforzheim dauerte es drei Jahre, bis sich die Stadt zu einem Stein, der an die Ermordeten erinnert, durchringen konnte.

Der Pforzheimer Inschrift liest man das Ringen ab: Da ist die Rede von "Menschen, denen der Kampf für Freiheit, Gleichstellung und Frieden mehr bedeutete als das Leben". Welche "Gleichstellung" ist hier gemeint, und wer hat die Ermordeten gefragt, was ihnen mehr bedeutete? Vielleicht war es so, dass Leben genau das bedeutete: Freiheit und Frieden. Nicht mehr und nicht weniger. Und dann steht da auch noch, dass "ihr Leiden" zur "Entstehung eines erneuerten Europas" geführt habe und dass es "mahnt", das Leiden, und was sich ein hilfloser Antifaschismus sonst noch so ausdenkt, um Morden einen Sinn zu verleihen und damit wir mit Verbrechen und Verbrechern besser leben können.

Auf dem Schießplatz Fürstenberger Schlag exekutierte nicht die SS, hier arbeitete die Wehrmacht. Nach einem formal völlig korrekten Militärgerichtsverfahren. Reichskriegsanwalt Dr. Karl Lotter, damals Mitte vierzig, geboren in Zeulenroda, erhob die Anklage. Senatspräsident war Dr. Karl Schmauser, geboren 1886 in Nürnberg, eine bewährte Kraft in solchen Angelegenheiten. Er hat an der Universität Erlangen über "Die Straßenreinigungspflicht in Bayern rechts des Rheins" promoviert. Dann hat er mit Todesurteilen saubergemacht: gegen Kriegsdienstverweiger schon 1939 und Todesurteile bis Februar 1945, er verurteilte die Mitglieder der Roten Kapelle zum Tode. Daneben auf der Richterbank Generalleutnant Hermann Ritter von Mann Edler von Tiechler, 1889 in Nürnberg geboren, seit 4. November 1942 beim Reichskriegsgericht, Oberst Graf von Pfeil und Klein-Ellguth, Spross schlesischen Uradels, Oberst Sachs, Kriegsgerichtsrat Zeitler, die am 14., 16., und 21. Dezember als Reichskriegsgericht Torgau, III. Senat, in Freiburg die 14 Angeklagten zum Tod verurteilten. Verteidiger gab es auch, aber sie namentlich zu erwähnen heißt ihnen eine nicht vorhandene Bedeutung einräumen.

Das sah wie ein Gerichtsverfahren aus, so wie die Gesetze im Nationalsozialismus wie Gesetze aussahen und die Richter und die Staatsanwälte. Was die Richter anbelangt, so muss man sagen, dass das feine Leute waren: Aristokraten, gebildet, gut ausgebildet, Akademiker, Juristen. Dass es auf all das nicht ankommt, kann man hier schön sehen. 

Geheimprozesse vor dem Reichskriegsgericht

Zwischen August 1939 bis und Februar 1945 fällte das Reichskriegsgericht 1189 Todesurteile, davon 313 wegen Landesverrats, 96 wegen Hochverrats, 24 wegen Kriegsverrats, 340 wegen Spionage und 251 wegen Verweigerung und Wehrkraftzersetzung. Von diesen 1189 Todesurteilen wurden nachweislich 1049 vollstreckt. Der Historiker Norbert Haase nennt als "Wesensmerkmale der Praxis des Reichskriegsgerichts" drakonische Urteile, den Ausschluss der Öffentlichkeit in den als "geheime Kommandosache" geführten Prozessen, die häufig praktizierte Nicht-Aushändigung von Anklageschriften und die oftmals auf eine Alibifunktion beschnittenen Möglichkeiten der Verteidigung. Die rechtsstaatlich maßgebenden Grundlagen seien zur Durchsetzung dessen, was man "für militärisch zweckmäßig und für im NS-Sinne kriegsnotwendig" hielt, geändert worden.

Die 14 französischen und belgischen Widerstandskämpfer saßen nach dem Todesurteil im Keller des Zuchthauses Bruchsal. An Händen und Füßen angekettet. Am 1. April wurden sie aus den Zellen geholt, im Gefangenenbuch, das die Brändles gelesen und kopiert haben, ist in der Namensspalte in der Rubrik "Abgang" nichts eingetragen. "Da müsste eigentlich was stehen", sagt Gerhard Brändle und legt seinen Finger auf die weiße Stelle des Gefängnisbuchs.

 

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe.


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1 Kommentar verfügbar

  • Frank Müller
    am 19.08.2014
    Seit über 20 Jahren wohne ich in der Waldstadt, auf Spaziergängen und -Fahrten bin ich häufig an der Mauer vorbeigekommen, mir war intuitiv klar, dass das ein Schießstand war, aber niemand wußte etwas darüber zu erzählen: "Nein, da ist kein Schießstand...." Damals (1944) gab es die Waldstadt allerdings noch nicht, nur Wald, die Menschen, die ich gefragt hatte, lebten auch noch nicht. Jetzt habe ich in der Karlsruher Stadtzeitung und der Kontext-Wochenzeitung Details erfahren, es wurde eine schlichte Stele aufgestellt, 70 Jahre danach...

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