KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere einen bis drei Punkte oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Wenn die Protestanten Heilige hätten: Er wäre einer davon. Martin-Luther-Statue vor der Dresdner Frauenkirche. Foto: Pixabay

Wenn die Protestanten Heilige hätten: Er wäre einer davon. Martin-Luther-Statue vor der Dresdner Frauenkirche. Foto: Pixabay

Ausgabe 324
Zeitgeschehen

Der Hassprediger

Von Peter Henkel
Datum: 14.06.2017
Das idealisierte Luther-Bild, das im Jubiläumsjahr allerorten gezeichnet wird, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun: Die Schriften des Reformators strotzen vor Hass und Fanatismus, vor Tötungsmanie und Obrigkeitsdenken. Unser Autor kippt etwas Wasser in den Jubelwein.

"Wie? Kritik an Luther? Was sollte, was könnte man denn gegen Luther haben?" So etwa lautet der Tenor spontaner Kommentare zu der Absicht, Martin Luther nicht wie üblich als Glücksfall der Weltgeschichte zu beschreiben. Allenthalben gilt Luther als Lichtgestalt – gewiss mit einigen Schattenseiten, wie gern mit Kennermiene hinzugefügt wird. Seine Agenda, um diesen heutigen Begriff zu bemühen, sei der erfolgreiche Versuch gewesen, aus dem finsteren Mittelalter heraus zu dem vorzudringen, was wir heute Neuzeit nennen. Modernität das eine Kennzeichen, Freiheit das andere – darin besteht eine Übereinstimmung, die weit über die protestantische Gemeinde hinaus bis tief in kirchenferne, säkulare Schichten reicht.

"Dies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein." Kein Geringerer als der Philosoph Hegel hat dem Professorenkollegen diesen Kranz geflochten. Gegenüber dieser bis heute dominierenden Sicht werden die kritischen Töne aus Expertenreihen neuerdings lauter und zahlreicher. Im Meer des Enthusiasmus anlässlich des Jubiläumsjahrs 2017 haben sie dennoch kaum eine Chance.

Würden hingegen die Scheuklappen von Traditionalismus und Autoritätsgläubigkeit abgelegt und bliebe das verständliche Bedürfnis des kirchlich organisierten Luthertums nach Weihrauch für seinen Begründer beiseite, dann würde der Blick frei: auf Luthers Fixierung auf Strafe und Tod, auf seine ins Krankhafte gesteigerte Sündenangst; auf seine Verbohrtheiten, Phobien und Stigmatisierungsgelüste; das hochspekulative, um nicht zu sagen: krause und krude Bild von Gott und dessen Beziehung zum Menschen; den exzessiven Teufelsglauben; den nicht zu zügelnden Drang, Widerstände und Andersdenkende niederzuringen: Da agierte Luther mit seiner Waffe, dem geschriebenen und gesprochenen Wort, nur zu oft wie ein Hassprediger von heute.

Konservativ, autoritär, hochmütig

Nicht zuletzt kommt in der Regel zu kurz, wie konservativ und autoritär er sein konnte, wie maßlos in seiner hochmütigen Intoleranz. Als der Humanistenfürst Erasmus von Rotterdam Luthers Lehre zurückwies, Gott habe jeden einzelnen Menschen von allem Anfang an zu Heil oder Verdammnis bestimmt, da wählte der Reformator diese Worte: "Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig!"

Eine breite Allianz einflussreicher Akteure besitzt indessen die Deutungshoheit in Sachen Reformation: Evangelische Kirche, akademische Theologie, etablierte Politik, wohlwollende Publizistik und absatzbewusstes Verlagswesen führen in ihrem Mutterland mehrheitlich den Luther-Kult fort. Dies und die fatale Unkenntnis eines zu Schulzeiten durchweg oberflächlich und unkritisch unterrichteten Publikums nähren und bedingen sich gegenseitig.

Luther auf dem Reichstag zu Worms. Unbekannter Künstler
Luther auf dem Reichstag zu Worms. Unbekannter Künstler

Dabei sind die Meriten dieses ungemein fleißigen, vielseitig begabten und kreativen Mannes ja nicht kleinzureden. Mit dem zynischen Ablasshandel bekämpfte er Kommerzialisierung und Verflachung des Glaubens, in Worms bot er mutig Kaiser und Reichstag die Stirn, mit seiner Bibelübersetzung schenkte er den unfertigen Deutschen eine markante Schriftsprache, mit seiner Zwei-Reiche-Lehre legte er den Grundstein für die segensreiche Trennung von Kirche und Staat, mit seinen poetischen Talenten hinterließ er kraftvolle Kirchenlieder. Er war der Rammbock, der die Mauern um die Papstkirche zum Einsturz brachte. Durch ihn, durch seinen Wagemut und seine Energie, büßte sie ihr Alleinstellungsmerkmal als geistliche Mittlerin zwischen Gott und Mensch ein. Damit begann der Prozess, der zu ihrem Ausscheiden aus dem Reigen weltlicher Mächte in Europa führte. Indem der Augsburger Religionsfrieden von 1555, der den Protestantismus legalisierte und den Landesherrn die Konfession seiner Untertanen bestimmen ließ, die Existenz zweier Konfessionen anerkannte, erhob er religiöse Vielfalt zum Prinzip und beförderte so im Ergebnis religiöse Freiheit. Toleranz und Pluralismus sind so, im Gefolge von Reformation und Aufklärung, herausragende Merkmale der Moderne geworden.

Dringliche Empfehlung zum Denkverzicht

Martin Luther dachte und handelte aber in vielem ganz anders, als es der populäre Luther-Mythos wahrhaben will und mit erstaunlichem Erfolg propagiert. Zwei Luther'sche Merksätze mögen als Kostproben die Zumutungen illustrieren, die er bereithält: "Das ist der höchste Grad des Glaubens, zu glauben, jener Gott sei gütig, der so wenige rettet und so viele verdammt; zu glauben, daß der gerecht ist, der durch seinen Willen uns notwendig verdammenswert macht." Und: "Lehren soll man zwar von Gottes unausforschlichem Willen; aber sich unterstehen, denselben zu begreifen, das ist sehr gefährlich und man bricht sich dabei den Hals." Der erste Satz stellt eine massive Drohung dar. Und der zweite enthält die dringliche Empfehlung eines Denkverzichts, ausgesprochen ausgerechnet von einem, der gefeiert wird als Wegbereiter der Neuzeit.

Entgegen den gängigen Vorurteilen resümierte der Historiker Heinz Schilling in seiner großen Biografie: "Luther wurde wider Willen zum Geburtshelfer der pluralistischen und liberalen Moderne; nur indirekt und gegen seine Intention trug er zum Aufstieg von Toleranz, Pluralismus, Liberalismus und Wirtschaftsgesellschaft der Moderne bei." Denn ihm sei "Toleranz im heutigen Sinne fremd" gewesen, heißt es an anderer Stelle, und "eine Pluralität religiöser Wahrheit" habe er sich "nicht vorstellen können".

Beizeiten hatte Margot Käßmann, die EKD-Botschafterin zum Jubiläum, wegweisende Worte gefunden: "Wir müssen Luthers großartige historische Leistung, seine theologische Genialität und seinen großen Mut abwägen gegen seine problematischen Äußerungen und Irrtümer. Für mich überwiegen ganz klar die positiven Leistungen." In Wittenberg sei es darum gegangen, "dass Menschen selbst nachdenken dürfen, selbst fragen dürfen", und eben dies sei der reformatorische Schritt vom Mittelalter in die Neuzeit gewesen. Luther hatte aber ganz anderes im Sinn gehabt, und das drehte sich im Wesentlichen darum, wie der Majestät Gottes Genüge getan werden kann. Völlig fern lag ihm der Gedanke eines angeborenen Grund- und Menschenrechts aller Individuen auf freies Denken und Reden.

Tief hat er viele Zeitgenossen enttäuscht mit seinen Tiraden gegen die Bauern. Dass er sie wie gewohnt theologisch begründete, also unter Berufung auf passende Bibelstellen, dürfte bei vielen seiner analphabetischen Zeitgenossen kaum angekommen sein. Und auch, dass er so viele seiner Gegner zu Werkzeugen des Teufels erklärte und sie deshalb des Henkers Schwert oder dem Scheiterhaufen empfahl, hindert seine notorische Verklärung nicht. Dasselbe gilt für die Fragwürdigkeit seines für uns Heutige kaum mehr nachvollziehbaren theologischen Erbes, und in besonderer Weise für seine monströse Judenhetze. Erst recht nach dem Holocaust böte sie schon für sich allein Anlass, Abstand zu nehmen von Luther-Jubiläen. Denn solange es sie gibt, werden sie kaum umhin können – und wollen –, dessen objektive Mitverantwortung für die ungeheuerlichen Verbrechen des europäischen Antisemitismus letztlich doch zu verharmlosen.

Umstritten, ob das so wirklich stattgefunden hat: Luther schlägt seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg. Foto: gemeinfrei
Umstritten, ob das so wirklich stattgefunden hat: Luther schlägt seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg. Foto: gemeinfrei

Die übliche einseitige Betonung positiver Aspekte der Luther'schen Wirkungsgeschichte führt schließlich dazu, dass zwischen der Reformation und dem von der Kirchenspaltung (mit)verursachten Elend der Religionskriege wiederum nur selten ein kritischer Zusammenhang hergestellt wird. Ohne Luther, heißt es in Thomas Manns Doktor Faustus, wäre "der Menschheit unendliches Blutvergießen und die entsetzlichste Selbstzerfleischung erspart geblieben". Die zahlreichen nur wenige Monate nach seinem Tod im Winter 1546 einsetzenden militärischen Konflikte, mit dem Dreißigjährigen Krieg als grausigem Höhepunkt, haben im kollektiven Gedächtnis der Europäer nur einen hinteren Platz.

Luther hielt sein Bibelverständnis für unfehlbar

Auch jenseits des Kriegsgeschehens ist Luther durchaus als mitverantwortlich für Not und Tod ungezählter Menschen anzusehen. Um einen Einzelfall zu erwähnen: Während der berühmte Rebell es sich, seiner Familie und seinen Gästen gut gehen ließ im alten Wittenberger Augustinerkloster, schmachtete auf derselben Eisenacher Wartburg, auf der er einst untergetaucht war als Junker Jörg, Fritz Erbe einem qualvollen Tod entgegen. Auf dringlichen Rat Luthers und seines Freundes Melanchthon war Erbe einsam eingesperrt im Angstloch, einem lichtlosen Verlies tief unter der Erde. Das Verbrechen des frommen Bauern bestand in seinem friedlichen Eintreten für die Taufe nicht schon für Neugeborene, unter Berufung auf die Bibel. Die beiden Großtheologen, von der fürstlichen Obrigkeit um Stellungnahme ersucht, fanden dies todeswürdig.

Wie so viele andere wurde auch Erbe ein Opfer von Luthers durchaus schwankendem, dann aber auch wieder eitel auftrumpfendem Selbstbewusstsein. Das äußerte sich etwa in seinem koketten Eigenlob, in tausend Jahren habe Gott "keinem Bischof solche Gaben gegeben wie mir". In seiner Überzeugung, kraft göttlicher Ermächtigung unfehlbar zu sein bei der Auslegung der Heiligen Schrift und überhaupt bei seinen wichtigsten religiösen Aussagen, verkündete er mit einer gehörigen Portion Hochmut: "Ich will meine Lehre ungerichtet haben, auch von allen Engeln. Denn da ich ihr gewiss bin, will ich durch sie euer und auch der Engel Richter sein, dass, wer meine Lehre nicht annimmt, nicht möge selig werden. Denn sie ist Gottes und nicht mein; darum ist mein Gericht auch Gottes, und nicht mein."

Solche Propheten wecken den Verdacht, ihr Sendungsbewusstsein, ihre verwegenen Botschaften, ihr selbstgerechtes und herrisches Auftreten gingen auf Störungen in ihrer Persönlichkeit zurück. Luther macht da keine Ausnahme. Die voluminöse Patientengeschichte des Reformators, der klagte, "in tausend Jahren" sei die Welt "niemandem so feind gewesen wie mir", zählt für das breite Publikum zu den großen Unbekannten seiner Biografie. In Zusammenhang mit seinem Lehren und Handeln wird sie aber höchst selten gebracht, und wenn, dann auch nur seltsam zurückhaltend und gehemmt.

Seit der Aufklärung vor rund 250 Jahren blieb noch jedes Luther-Jubiläum hinter ihr zurück. Nicht nur wegen des geradezu hysterischen Teufelsglaubens, dem der gläubig-abergläubische Professor huldigte, und der bei diesen Feiern wohlweislich beschwiegen worden sein dürfte, wie so vieles andere. Sondern ebenso wegen der strukturellen Vernunftfeindlichkeit in der Theologie Luthers, galt ihm doch die Vernunft als "die höchste Hur', die der Teufel hat", als "das größte Hindernis in Bezug auf den Glauben, weil alles Göttliche ihr ungereimt erscheint, dass ich nicht sage: dummes Zeug". Mit dem Menschenbild der Aufklärer war dieser Pessimismus unvereinbar. Und zudem hätten sie gewiss nicht akzeptiert, wie Luther sich bei Bedarf immer wieder auf die Bibel als unbezweifelbares Zeugnis von Wahrheit und Weisheit zurückzog.

Würdigungen voraus geht üblicherweise die Prüfung der Frage, ob eine(r) würdig ist. Für Jubiläen oder Namenspatronagen genügt es eben nicht, tiefe und breite Spuren in der Geschichte hinterlassen zu haben. Es müsste ja sonst wimmeln von Schulen, Plätzen und Straßen, die Namen der schlimmsten Figuren der Geschichte trügen. Jubiläen sind aber keine Seminare. Sie haben dann ihre Berechtigung, wenn die Bedeutung des Jubilars bejaht und er wertgeschätzt wird. Wie müsste eine um Objektivität bemühte Gesamtbilanz bei Luther ausfallen? Mit Antworten darauf macht man es sich im Mutterland der Reformation traditionell entschieden zu leicht.

 

Peter Henkel, früher langjähriger Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Stuttgart, ist Sachbuchautor und hat neben einem Porträt Winfried Kretschmanns (gemeinsam mit Johanna Henkel-Waidhofer) mehrere religionskritische Bücher verfasst. Der obige Text ist ein Auszug aus seinem am 12. Juni erschienenen Buch "Schluss mit Luther: Von den Irrwegen eines Radikalen", Tectum Verlag, Baden-Baden 2017, 198 Seiten, 18,95 Euro


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