KONTEXT Extra:
Gleise frei für den Güterverkehr

Nein, ein konkretes Datum, bis wann Züge zwischen Rastatt und Baden-Baden wieder verkehren können, das gibt es immer noch nicht. Nachdem am Freitag (18.08.) Vertreter der Deutschen Bahn und betroffener Kommunen im Verkehrsministerium zusammenkamen, teilte dieses mit: "Alle Beteiligten haben die Hoffnung, dass bis zum Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg die Rheintalstrecke wieder durchgängig befahren werden kann." Das sind ganz andere Töne, als der ursprüngliche Zeitplan der Deutschen Bahn, in dem der 28. August angepeilt wurde. Das kommende Schuljahr beginnt im Südwesten am 11. September. Verbindlich ist das Datum nicht, die Bahn betont weiterhin, derzeit seien keine Prognosen möglich, bis wann die Reparaturmaßnahmen abgeschlossen sind.

Das Verkerhrsministerium teilte außerdem mit, man werde der Bahn in "gewissen Grenzen" entgegenkommen. Das bedeutet eine zwischenzeitliche Einschränkung des Personenverkehrs, Schienenersatzverkehr wird ab Samstag (19.08) auf den betroffenen Strecken eingerichtet. So sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden, die aktuell auf Umleitungen angewiesen sind. Unumwunden heißt es dazu in einer Pressemitteilung: "Bis zur Wiederherstellung der Trasse zwischen Rastatt und Baden-Baden werden auf den genannten Strecken in der Nacht Lärmbeeinträchtigungen für die Anlieger durch ein erhöhtes Güterzugaufkommen die Folge sein." Die Maßnahme sei jedoch zeitlich befristet und solle spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres aufgehoben werden. Der Regionalverkehr dürfe zudem, wie es aus dem Ministerium heißt, nicht in den Hauptverkehrszeiten beeinträchtigt werden, daher gebe es zwischen 6 und 9 Uhr sowie 15 Uhr und 19 Uhr keine Zugausfälle.

Weiterhin kritisiert das Verkehrsministerium die Kollegen auf Bundesebene. Die Zurückhaltung bei der Ertüchtigung von Nebenstrecken räche sich nun. Minister Winfried Hermann beklage das bereits seit seinem Amtsantritt.

Betroffene Fahrgäste finden hier detaillierte Informationen zum Ersatzfahrplan. (18.08.2017)


"Runder Tisch" zu Rastatt

Bis zu 200 Güterzüge donnern tagtäglich durchs Rheintal. Im Hochsommer sind es weniger, dennoch stauen sich die Transporte – in der Planung – inzwischen zurück bis Rotterdam. Die grün-schwarze Landesregierung hat zwar keine direkten Zuständigkeiten rund ums Gleisdesaster der Deutschen Bahn in Rastatt. Das Verkehrsministerium bietet der DB aber an, die Folgen abzumildern. Noch in dieser Woche findet ein "Runder Tisch" in Stuttgart statt, um über Ausweichstrecken und Umleitungsverkehre zu reden. Unter anderem werden Kommunalpolitikern in betroffenen Städten und Gemeinden über die möglichen Belastungen rund um die Uhr informiert. Es dürfte nach den bisherigen Planungen "einen 24-Stunden-Güterbetrieb auf ziemlich beschaulichen Strecken“ geben, sagt ein Sprecher. Die Bahn teilte bereits mit, "ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten zu können".  

Ebenfalls eingeladen nach Stuttgart sind Vertreter der DB Netz, der DB Region und der Nahverkehrsgesellschaft. Das Verkehrsministerium mit seinen Fachleuten prüft auch, wie und an welchen Strecken der Takt des Regionalverkehrs ausgedünnt werden könnte, um vorübergehend Güter zu transportieren. Das Angebot gilt aber nur bis zum Schulbeginn im September, weil nach den Ferien das Fahrgastaufkommen deutlich steigt. Die DB selber nennt als eine Umleitungsstrecke die Neckar-Alb-Bahn über Horb–Tübingen–Reutlingen–Plochingen. "Wegen der Umleitung der Güterzüge sind Anpassungen im Regionalzugverkehr auf der Neckar-Alb-Bahn notwendig", heißt es in einer Pressemitteilung weichgespült, und dass die DB "für die auftretenden Beeinträchtigungen und die verstärkte Nutzung der Neckar-Alb-Bahn für den Güterverkehr Anwohner und Fahrgäste um Verständnis bittet". Die notwendigen Umleitungsmaßnahmen für den Güterverkehr seien zeitlich befristet, "bis die durchgehende Sperrung der Rheintalbahn wieder aufgehoben werden kann". Ein konkretes Datum dafür wird nicht (mehr) genannt. Experten rechnen mit einer Wiederinbetriebnahme frühestens in der zweiten Septemberhälfte. 

Dazu: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/333/der-schienen-gau-4546.html


Tunnel-Flop

Es sollte die Weltpremiere werden für die neue Stabilisierungsmethode per Eisring im Tunnelbau. Monatelang war an den Vorkehrungen getüftelt worden. Jetzt ist eine der meist befahrenen Eisenbahnstrecken Europas erst einmal bis mindestens 26. August gesperrt. In Rastatt-Niederbühl, dort, wo die Züge künftig aus dem Tunnel kommen werden, unterquert die Strecke den Bahndamm. Und die darauf liegenden Geleise sackten ab.

Die Konstruktion ist komplex, Stuttgart 21 lässt grüßen: Der Tunnel ist 4,3 Kilometer lang, führt in zwei Röhren von Ötigheim nach Niederbühl, unter der Murg, unter einer tief liegenden Straße, die ihrerseits unter der Rheintalstrecke durchführt, dann zügig wieder nach oben. Eingefroren wurde ein geschlossener Ring. Alle Beteiligen erklärten immer wieder, damit in actu auf einer Baustelle, keine Erfahrungen zu haben. Die Gewissheit, dass das Manöver gelingt, war dennoch groß. Bautechniker untersuchen bereits das Fiasko, möglicherweise ist der Regen der vergangenen Tage verantwortlich.

Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" ist "wenig überrascht von der Leichtfertigkeit, mit der die Deutsche Bahn offensichtlich Tunnelbauarbeiten unter einer der Hauptstrecke des deutschen Bahnverkehrs betrieben hat". Dass es keinen Plan B gebe, zeige die Selbstüberschätzung der DB und, auch hier, das Versagen des Aufsicht führenden Eisenbahnbundesamts, so Bündnissprecher Norbert Bongartz. Es sei im Vorfeld der Bauarbeiten in Rastatt "mit Händen zu greifen gewesen, dass ein Tunnelbau so knapp unter den bestehenden Bahngleisen und in Sandboden hoch riskant ist". Keinen Pfifferling seien die vollmundigen Beteuerungen der Bahn wert, sie habe die Tunnelbauarbeiten mitten im Stadtgebiet Stuttgarts voll im Griff. Auch wenn da die Überdeckung bei den Tunnelbaustellen zumeist deutlich höher ist: "Angesichts der besonderen geologischen Situation in Stuttgart muss auch hier über die schon bekannten Schäden hinaus mit Bauproblemen ganz anderer Größenordnung gerechnet werden." (14.8.2017)


Malen nach Zahlen

Das ist aber ein gelungener erster Platz! Die CDU habe mit sagenhaften 55 Prozent die Nase vorn beim Frauenanteil auf den Landeslisten für die Bundestagswahl. Das teilte jetzt Landeswahlleiterin Christiane Friedrich mit. Erst nach der Union kommen Grüne und Linkspartei mit je 50 Prozent und die SPD mit gut 46 Prozent. Jedoch, die schönen Zahlen sind Blendwerk.

Denn nahezu alle CDU-Abgeordneten werden auch 2017 wieder direkt in den Bundestag gewählt werden, als SiegerInnen in ihrem Wahlkreis. Davon gibt es 38 im Südwesten. Und in ihnen spiegelt sich die CDU-Wirklichkeit im Jahre 2017: in 35 wurden Kandidaten nominiert und nur in drei Kandidatinnen: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzende der Frauenunion, die Stuttgarterin Karin Maag und die bisher jüngste Volksvertreterin Ronja Kemmer.

Selbst in Mannheim, Heilbronn und Böblingen sind ausscheidende CDU-Männer, darunter auch Landeschef Thomas Strobl, durch Männer ersetzt. Dabei hatte der doch zur "politischen Grundmelodie" erklärt, dass "mehr Frauen zum Tragen kommen". Doch auch in Berlin ist die baden-württembergische Landesgruppe derzeit mit nur acht weiblichen Abgeordneten vertreten und am Ende des Bundesvergleichs zu finden.

Der Männeranteil auf allen im Land antretenden Listen ist laut Landeswahlleiterin Friedrich immerhin von 71 Prozent zurückgegangen auf 66 Prozent. Spitzenreiter in der Männerstatistik für die Wahl am 24. September ist die AfD mit 87 Prozent. Gefolgt werden die Rechtspopulisten von den Liberalen, die es 2017 im Land auf nur 19 Prozent Kandidatinnen bringen. Das bedeutet sogar einen Rückschritt im Vergleich zu vor vier Jahren und gut 21 Prozent bedeutet. (9.8.2017)


Kontext-Vorstand ruft zu Flashmob auf

"Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!", sagt unser zweiter Vereinsvorsitzender Jürgen Klose. Und weil er das schier nicht glauben kann, hat er gestern am Nachmittag vor lauter Zorn kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 20 Spontandemonstrierer standen wenig später vor dem Stuttgarter Rathaus – mit Fahrradhupen und Trillerpfeifen! Hier Jürgen Kloses Rede:

"Ich habe zu diesem Protest heute aufgerufen, weil ich zornig bin über die 'Ergebnisse' des Diesel-Gipfels. Ich wollte mein Adrenalin wieder loswerden!

Papst Gregor der Große (6. Jhdt.) soll gesagt haben: 'Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.' Das ist sozusagen mein Leitmotiv. Guckt euch auf YouTube das Video mit Georg Schramm an, dann wisst ihr was ich meine!

Wir sind zornig auf das peinliche Schaulaufen von Politik und Autoindustrie auf dem gestrigen Dieselgipfel!

Wir sind zornig auf die unverantwortliche Bundeskanzlerin. Sie lässt lieber Urlaubsfotos aus Südtirol verbreiten als den Automanagern die Leviten zu lesen!

Wir sind zornig auf die Bundesregierungen gleich welcher Couleur, die sich zum Büttel der Autoindustrie degradieren ließen statt ihrer Aufsichtspflicht für Verbraucher und Umwelt nachzukommen!

Wir sind zornig auf die vom Gipfel ausgesandte Botschaft 'Wir tun was!' - nur besonders wehtun durfte es den Autokonzernen nicht!

Wir sind zornig auf den Versuch, uns mit Placebos abzuspeisen: Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!

Wir sind zornig auf die jahrelange Missachtung von Grenzwerten und auf den offensichtlichen und schon länger bekannten Schwindel mit den Abgastests und der Mogelsoftware! 

Wir sind zornig auf die Täuschung der Verbraucher und den erfüllten Tatbestand des Betrugs (§263 StGB). Täuschungshandlung, Vermögensschaden, Bereicherungsabsicht - alle juristischen Tatbestände sind erfüllt! Strafen? Fehlanzeige!

Wir sind zornig auf die völlige Missachtung des Verursacherprinzips: Wer zahlt den Dieselbesitzern den Wertverlust ihrer Autos. Warum gibt es keinen Schadenersatz?

Wir sind zornig, dass die Autoindustrie anscheinend nach dem Leitmotiv handelt 'Profit vor Gesundheit' und 'Gier vor Umweltschutz'!

Wir sind zornig auf die Autokonzerne, die eine der Kernbranchen dieser Republik schwer beschädigen und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen gefährden! Zukunftsvorsorge sieht anders aus!

Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, eine intakte Umwelt und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen!

Wir alle wollen eine Abkehr vom Autowahn und die Umkehr zu einem anderen, menschen- und umweltfreundlicheren Verständnis von Mobilität!

Wir alle wollen Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stauhauptstadt befreien!

Wir bleiben zornig, bis wir am Ziel sind!

Danke für eure Unterstützung!" (4.8.2017)


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Wenn die Protestanten Heilige hätten: Er wäre einer davon. Martin-Luther-Statue vor der Dresdner Frauenkirche. Foto: Pixabay

Wenn die Protestanten Heilige hätten: Er wäre einer davon. Martin-Luther-Statue vor der Dresdner Frauenkirche. Foto: Pixabay

Ausgabe 324
Zeitgeschehen

Der Hassprediger

Von Peter Henkel
Datum: 14.06.2017
Das idealisierte Luther-Bild, das im Jubiläumsjahr allerorten gezeichnet wird, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun: Die Schriften des Reformators strotzen vor Hass und Fanatismus, vor Tötungsmanie und Obrigkeitsdenken. Unser Autor kippt etwas Wasser in den Jubelwein.

"Wie? Kritik an Luther? Was sollte, was könnte man denn gegen Luther haben?" So etwa lautet der Tenor spontaner Kommentare zu der Absicht, Martin Luther nicht wie üblich als Glücksfall der Weltgeschichte zu beschreiben. Allenthalben gilt Luther als Lichtgestalt – gewiss mit einigen Schattenseiten, wie gern mit Kennermiene hinzugefügt wird. Seine Agenda, um diesen heutigen Begriff zu bemühen, sei der erfolgreiche Versuch gewesen, aus dem finsteren Mittelalter heraus zu dem vorzudringen, was wir heute Neuzeit nennen. Modernität das eine Kennzeichen, Freiheit das andere – darin besteht eine Übereinstimmung, die weit über die protestantische Gemeinde hinaus bis tief in kirchenferne, säkulare Schichten reicht.

"Dies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein." Kein Geringerer als der Philosoph Hegel hat dem Professorenkollegen diesen Kranz geflochten. Gegenüber dieser bis heute dominierenden Sicht werden die kritischen Töne aus Expertenreihen neuerdings lauter und zahlreicher. Im Meer des Enthusiasmus anlässlich des Jubiläumsjahrs 2017 haben sie dennoch kaum eine Chance.

Würden hingegen die Scheuklappen von Traditionalismus und Autoritätsgläubigkeit abgelegt und bliebe das verständliche Bedürfnis des kirchlich organisierten Luthertums nach Weihrauch für seinen Begründer beiseite, dann würde der Blick frei: auf Luthers Fixierung auf Strafe und Tod, auf seine ins Krankhafte gesteigerte Sündenangst; auf seine Verbohrtheiten, Phobien und Stigmatisierungsgelüste; das hochspekulative, um nicht zu sagen: krause und krude Bild von Gott und dessen Beziehung zum Menschen; den exzessiven Teufelsglauben; den nicht zu zügelnden Drang, Widerstände und Andersdenkende niederzuringen: Da agierte Luther mit seiner Waffe, dem geschriebenen und gesprochenen Wort, nur zu oft wie ein Hassprediger von heute.

Konservativ, autoritär, hochmütig

Nicht zuletzt kommt in der Regel zu kurz, wie konservativ und autoritär er sein konnte, wie maßlos in seiner hochmütigen Intoleranz. Als der Humanistenfürst Erasmus von Rotterdam Luthers Lehre zurückwies, Gott habe jeden einzelnen Menschen von allem Anfang an zu Heil oder Verdammnis bestimmt, da wählte der Reformator diese Worte: "Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig!"

Eine breite Allianz einflussreicher Akteure besitzt indessen die Deutungshoheit in Sachen Reformation: Evangelische Kirche, akademische Theologie, etablierte Politik, wohlwollende Publizistik und absatzbewusstes Verlagswesen führen in ihrem Mutterland mehrheitlich den Luther-Kult fort. Dies und die fatale Unkenntnis eines zu Schulzeiten durchweg oberflächlich und unkritisch unterrichteten Publikums nähren und bedingen sich gegenseitig.

Luther auf dem Reichstag zu Worms. Unbekannter Künstler
Luther auf dem Reichstag zu Worms. Unbekannter Künstler

Dabei sind die Meriten dieses ungemein fleißigen, vielseitig begabten und kreativen Mannes ja nicht kleinzureden. Mit dem zynischen Ablasshandel bekämpfte er Kommerzialisierung und Verflachung des Glaubens, in Worms bot er mutig Kaiser und Reichstag die Stirn, mit seiner Bibelübersetzung schenkte er den unfertigen Deutschen eine markante Schriftsprache, mit seiner Zwei-Reiche-Lehre legte er den Grundstein für die segensreiche Trennung von Kirche und Staat, mit seinen poetischen Talenten hinterließ er kraftvolle Kirchenlieder. Er war der Rammbock, der die Mauern um die Papstkirche zum Einsturz brachte. Durch ihn, durch seinen Wagemut und seine Energie, büßte sie ihr Alleinstellungsmerkmal als geistliche Mittlerin zwischen Gott und Mensch ein. Damit begann der Prozess, der zu ihrem Ausscheiden aus dem Reigen weltlicher Mächte in Europa führte. Indem der Augsburger Religionsfrieden von 1555, der den Protestantismus legalisierte und den Landesherrn die Konfession seiner Untertanen bestimmen ließ, die Existenz zweier Konfessionen anerkannte, erhob er religiöse Vielfalt zum Prinzip und beförderte so im Ergebnis religiöse Freiheit. Toleranz und Pluralismus sind so, im Gefolge von Reformation und Aufklärung, herausragende Merkmale der Moderne geworden.

Dringliche Empfehlung zum Denkverzicht

Martin Luther dachte und handelte aber in vielem ganz anders, als es der populäre Luther-Mythos wahrhaben will und mit erstaunlichem Erfolg propagiert. Zwei Luther'sche Merksätze mögen als Kostproben die Zumutungen illustrieren, die er bereithält: "Das ist der höchste Grad des Glaubens, zu glauben, jener Gott sei gütig, der so wenige rettet und so viele verdammt; zu glauben, daß der gerecht ist, der durch seinen Willen uns notwendig verdammenswert macht." Und: "Lehren soll man zwar von Gottes unausforschlichem Willen; aber sich unterstehen, denselben zu begreifen, das ist sehr gefährlich und man bricht sich dabei den Hals." Der erste Satz stellt eine massive Drohung dar. Und der zweite enthält die dringliche Empfehlung eines Denkverzichts, ausgesprochen ausgerechnet von einem, der gefeiert wird als Wegbereiter der Neuzeit.

Entgegen den gängigen Vorurteilen resümierte der Historiker Heinz Schilling in seiner großen Biografie: "Luther wurde wider Willen zum Geburtshelfer der pluralistischen und liberalen Moderne; nur indirekt und gegen seine Intention trug er zum Aufstieg von Toleranz, Pluralismus, Liberalismus und Wirtschaftsgesellschaft der Moderne bei." Denn ihm sei "Toleranz im heutigen Sinne fremd" gewesen, heißt es an anderer Stelle, und "eine Pluralität religiöser Wahrheit" habe er sich "nicht vorstellen können".

Beizeiten hatte Margot Käßmann, die EKD-Botschafterin zum Jubiläum, wegweisende Worte gefunden: "Wir müssen Luthers großartige historische Leistung, seine theologische Genialität und seinen großen Mut abwägen gegen seine problematischen Äußerungen und Irrtümer. Für mich überwiegen ganz klar die positiven Leistungen." In Wittenberg sei es darum gegangen, "dass Menschen selbst nachdenken dürfen, selbst fragen dürfen", und eben dies sei der reformatorische Schritt vom Mittelalter in die Neuzeit gewesen. Luther hatte aber ganz anderes im Sinn gehabt, und das drehte sich im Wesentlichen darum, wie der Majestät Gottes Genüge getan werden kann. Völlig fern lag ihm der Gedanke eines angeborenen Grund- und Menschenrechts aller Individuen auf freies Denken und Reden.

Tief hat er viele Zeitgenossen enttäuscht mit seinen Tiraden gegen die Bauern. Dass er sie wie gewohnt theologisch begründete, also unter Berufung auf passende Bibelstellen, dürfte bei vielen seiner analphabetischen Zeitgenossen kaum angekommen sein. Und auch, dass er so viele seiner Gegner zu Werkzeugen des Teufels erklärte und sie deshalb des Henkers Schwert oder dem Scheiterhaufen empfahl, hindert seine notorische Verklärung nicht. Dasselbe gilt für die Fragwürdigkeit seines für uns Heutige kaum mehr nachvollziehbaren theologischen Erbes, und in besonderer Weise für seine monströse Judenhetze. Erst recht nach dem Holocaust böte sie schon für sich allein Anlass, Abstand zu nehmen von Luther-Jubiläen. Denn solange es sie gibt, werden sie kaum umhin können – und wollen –, dessen objektive Mitverantwortung für die ungeheuerlichen Verbrechen des europäischen Antisemitismus letztlich doch zu verharmlosen.

Umstritten, ob das so wirklich stattgefunden hat: Luther schlägt seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg. Foto: gemeinfrei
Umstritten, ob das so wirklich stattgefunden hat: Luther schlägt seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg. Foto: gemeinfrei

Die übliche einseitige Betonung positiver Aspekte der Luther'schen Wirkungsgeschichte führt schließlich dazu, dass zwischen der Reformation und dem von der Kirchenspaltung (mit)verursachten Elend der Religionskriege wiederum nur selten ein kritischer Zusammenhang hergestellt wird. Ohne Luther, heißt es in Thomas Manns Doktor Faustus, wäre "der Menschheit unendliches Blutvergießen und die entsetzlichste Selbstzerfleischung erspart geblieben". Die zahlreichen nur wenige Monate nach seinem Tod im Winter 1546 einsetzenden militärischen Konflikte, mit dem Dreißigjährigen Krieg als grausigem Höhepunkt, haben im kollektiven Gedächtnis der Europäer nur einen hinteren Platz.

Luther hielt sein Bibelverständnis für unfehlbar

Auch jenseits des Kriegsgeschehens ist Luther durchaus als mitverantwortlich für Not und Tod ungezählter Menschen anzusehen. Um einen Einzelfall zu erwähnen: Während der berühmte Rebell es sich, seiner Familie und seinen Gästen gut gehen ließ im alten Wittenberger Augustinerkloster, schmachtete auf derselben Eisenacher Wartburg, auf der er einst untergetaucht war als Junker Jörg, Fritz Erbe einem qualvollen Tod entgegen. Auf dringlichen Rat Luthers und seines Freundes Melanchthon war Erbe einsam eingesperrt im Angstloch, einem lichtlosen Verlies tief unter der Erde. Das Verbrechen des frommen Bauern bestand in seinem friedlichen Eintreten für die Taufe nicht schon für Neugeborene, unter Berufung auf die Bibel. Die beiden Großtheologen, von der fürstlichen Obrigkeit um Stellungnahme ersucht, fanden dies todeswürdig.

Wie so viele andere wurde auch Erbe ein Opfer von Luthers durchaus schwankendem, dann aber auch wieder eitel auftrumpfendem Selbstbewusstsein. Das äußerte sich etwa in seinem koketten Eigenlob, in tausend Jahren habe Gott "keinem Bischof solche Gaben gegeben wie mir". In seiner Überzeugung, kraft göttlicher Ermächtigung unfehlbar zu sein bei der Auslegung der Heiligen Schrift und überhaupt bei seinen wichtigsten religiösen Aussagen, verkündete er mit einer gehörigen Portion Hochmut: "Ich will meine Lehre ungerichtet haben, auch von allen Engeln. Denn da ich ihr gewiss bin, will ich durch sie euer und auch der Engel Richter sein, dass, wer meine Lehre nicht annimmt, nicht möge selig werden. Denn sie ist Gottes und nicht mein; darum ist mein Gericht auch Gottes, und nicht mein."

Solche Propheten wecken den Verdacht, ihr Sendungsbewusstsein, ihre verwegenen Botschaften, ihr selbstgerechtes und herrisches Auftreten gingen auf Störungen in ihrer Persönlichkeit zurück. Luther macht da keine Ausnahme. Die voluminöse Patientengeschichte des Reformators, der klagte, "in tausend Jahren" sei die Welt "niemandem so feind gewesen wie mir", zählt für das breite Publikum zu den großen Unbekannten seiner Biografie. In Zusammenhang mit seinem Lehren und Handeln wird sie aber höchst selten gebracht, und wenn, dann auch nur seltsam zurückhaltend und gehemmt.

Seit der Aufklärung vor rund 250 Jahren blieb noch jedes Luther-Jubiläum hinter ihr zurück. Nicht nur wegen des geradezu hysterischen Teufelsglaubens, dem der gläubig-abergläubische Professor huldigte, und der bei diesen Feiern wohlweislich beschwiegen worden sein dürfte, wie so vieles andere. Sondern ebenso wegen der strukturellen Vernunftfeindlichkeit in der Theologie Luthers, galt ihm doch die Vernunft als "die höchste Hur', die der Teufel hat", als "das größte Hindernis in Bezug auf den Glauben, weil alles Göttliche ihr ungereimt erscheint, dass ich nicht sage: dummes Zeug". Mit dem Menschenbild der Aufklärer war dieser Pessimismus unvereinbar. Und zudem hätten sie gewiss nicht akzeptiert, wie Luther sich bei Bedarf immer wieder auf die Bibel als unbezweifelbares Zeugnis von Wahrheit und Weisheit zurückzog.

Würdigungen voraus geht üblicherweise die Prüfung der Frage, ob eine(r) würdig ist. Für Jubiläen oder Namenspatronagen genügt es eben nicht, tiefe und breite Spuren in der Geschichte hinterlassen zu haben. Es müsste ja sonst wimmeln von Schulen, Plätzen und Straßen, die Namen der schlimmsten Figuren der Geschichte trügen. Jubiläen sind aber keine Seminare. Sie haben dann ihre Berechtigung, wenn die Bedeutung des Jubilars bejaht und er wertgeschätzt wird. Wie müsste eine um Objektivität bemühte Gesamtbilanz bei Luther ausfallen? Mit Antworten darauf macht man es sich im Mutterland der Reformation traditionell entschieden zu leicht.

 

Peter Henkel, früher langjähriger Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Stuttgart, ist Sachbuchautor und hat neben einem Porträt Winfried Kretschmanns (gemeinsam mit Johanna Henkel-Waidhofer) mehrere religionskritische Bücher verfasst. Der obige Text ist ein Auszug aus seinem am 12. Juni erschienenen Buch "Schluss mit Luther: Von den Irrwegen eines Radikalen", Tectum Verlag, Baden-Baden 2017, 198 Seiten, 18,95 Euro


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