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Arbeitgeber der Zukunft

Bezahltes Zertifikat

Arbeitgeber der Zukunft: Bezahltes Zertifikat
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Moderne Website, gute Bewertungen, Zukunftsstrategie: So lässt es sich zum "Arbeitgeber der Zukunft" werden. Für das Siegel zahlen auch öffentliche Arbeitgeber mehrere Tausend Euro. Und je genauer man hinsieht, desto interessanter wird die Frage, was hier eigentlich geprüft wird. Und von wem.

Wer heute Fachkräfte sucht, präsentiert sich als flexibel, nachhaltig, digital und natürlich wertschätzend. Eine moderne Karriereseite hilft, Benefits sowieso, am besten noch ein Siegel darüber. Eines davon heißt gleich "Arbeitgeber der Zukunft". Vergeben wird es vom Deutschen Innovationsinstitut für Nachhaltigkeit und Digitalisierung, kurz diind. Der Name klingt nach öffentlicher Forschungseinrichtung; tatsächlich handelt es sich um ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Schirmherrin ist die frühere Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD).

Das Prinzip: Selbstauskunft, Prüfung und Auszeichnung sollen kostenlos sein. Zur Kasse gebeten werden die Preisträger:innen danach. Wer mit dem Siegel werben will, kann eine Lizenz erwerben. Je nach Unternehmensgröße kostet ein Jahr zwischen 1.200 und 9.500 Euro.

Das tun auch öffentliche Arbeitgeber. Die Landeshauptstadt Stuttgart wurde 2023 durch ein Mailing auf die Auszeichnung aufmerksam. Das Siegel habe zu ihren Recruiting-Schwerpunkten gepasst, so die Stadt auf Kontext-Anfrage. Für die Nutzung für ein Jahr zahlte Stuttgart rund 8.000 Euro aus dem Bereich Personalgewinnung.

Ob deshalb mehr oder bessere Bewerbungen eingingen, kann die Stadt nicht belegen. Sie verweist auf positive Rückmeldungen aus Vorstellungsgesprächen, Politik, kommunalem Umfeld und Belegschaft. Verlängert wurde die Lizenz aber nicht. Wegen der angespannten Haushaltslage werde auch beim Personalmarketing gespart. Auch eine ausgezeichnete Zukunft muss sich schließlich am Haushalt messen lassen.

Die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim wurden ebenfalls ausgezeichnet. Wer den ersten Schritt machte? "Wir wurden angesprochen", heißt es von dem kommunalen Unternehmen. Für die Siegelnutzung zahlte es 7.900 Euro. Auf die Frage, was untersucht worden sei, lautet die Antwort: "Selbstauskunft". Einen messbaren Effekt auf Bewerbungen erhebe man nicht, gehe aber von einer positiven Wirkung aus.

89 von 100 Punkten

Wie die Prüfung aussieht, zeigt ein sechsseitiges Dokument, das Kontext vorliegt. Die "Zusammenfassung des Prüfberichts" vergibt an die Stadtwerke 89 von 100 Punkten: "Hervorragend". Die Auszeichnung wird ausdrücklich empfohlen.

Punkte gibt es für digitalen Außenauftritt und Karriereseite, "Modern-Work-Angebote & agile Unternehmenskultur", Mitarbeiterbewertungen und digitale Arbeitskultur, Zukunftsstrategie und Innovationsinvestitionen sowie digitale Stellenpräsenz und Technologie-Auszeichnungen.

Der Ton ist freundlich. Die Unternehmenskultur sei von "Vertrauen, Eigenverantwortung und partnerschaftlichem Miteinander" geprägt. Die Stadtwerke böten ein "motivierendes Arbeitsumfeld", der Bericht attestiert "technologische Exzellenz" und eine "wertschätzende Unternehmenskultur". Wer nur den Prüfbericht liest, könnte meinen, im Ludwigsburger Arbeitsleben seien die gröbsten menschlichen Probleme bereits gelöst.

Das klingt nach Gesprächen mit Beschäftigten, nach Betriebsbesuchen. Dokumentiert ist davon nichts. Im Kleingedruckten heißt es, sämtliche Angaben basierten auf öffentlich verfügbaren Quellen. Als Beleg für eine gute Arbeitskultur verweist der Bericht darauf, dass die Stadtwerke bereits andere Arbeitgeberauszeichnungen erhalten haben. In der "beeindruckenden Sammlung externer Auszeichnungen" erscheint sogar "Arbeitgeber der Zukunft 2026" – also genau jenes Siegel, dessen Vergabe der Bericht empfehlen soll. Ob das Punkte brachte, bleibt offen. Frühere Auszeichnungen sprechen jedenfalls für die neue, die danach selbst in der Sammlung landet.

Löhne, Befristungen, Arbeitsbelastung, Überstunden oder die Qualität der Mitbestimmung untersucht der Bericht dagegen nicht. Ein Siegel für gute Arbeitgeber lässt damit ausgerechnet das aus, woran Beschäftigte ihren Arbeitgeber messen.

Ein Geschäft mit Auszeichnungen

Das diind gehört zum Firmen- und Medienumfeld des Hamburger Unternehmers Jens de Buhr mit einem Hang zu Instituten und Auszeichnungen. De Buhr gründete 2006 das Deutsche Institut für Service-Qualität, DISQ, 2017 folgte das diind in die JDB-Gruppe. Auch das DISQ vergibt zahlreiche Auszeichnungen und lizenziert kostenpflichtige Testsiegel. Brigitte Zypries, Schirmherrin beim "Arbeitgeber der Zukunft", ist dort Vorsitzende des Beirats.

Die Prüfverfahren unterscheiden sich. Das DISQ nutzt etwa Kundenbefragungen und verdeckte Tests. Das darauf aufbauende Geschäftsmodell ähnelt sich dann bei beiden Instituten: Aus Auswertungen oder Untersuchungen werden Auszeichnungen, die sich lizenzieren lassen. Dazu kommen Medien, Veranstaltungen und Kommunikationsangebote aus demselben Umfeld, die die Wirkung der Auszeichnungen verstärken sollen.

Wie wichtig dieses Geschäft ist, beschrieb de Buhr im August gegenüber dem Branchenmagazin "Horizont" selbst. Die Siegelgeschäfte machten demnach rund 40 Prozent der immerhin achtstelligen Umsätze der JDB-Gruppe aus. Ein KI-gestütztes "Radarsystem" sammle Informationen über Zehntausende Mittelständler, identifiziere potenziell erfolgreiche Firmen und generiere personalisierte Mailings mit dem Angebot, sich als "Nominierte" um eines der Siegel zu bewerben. Stuttgart wurde per Mailing aufmerksam, die Stadtwerke wurden angesprochen. Ob dies über das beschriebene System geschah, ist offen.

Die Frage, wie seriös ihr Arbeitgebersiegel sei, beantwortete JDB 2024 auf einer PR-Plattform gleich selbst: sehr.

Wie hart ist die Tür?

De Buhr betont gegenüber "Horizont" zugleich, das Siegel bekomme nicht jeder. Man habe eine "harte Tür wie das Berghain" – ein für seine Türsteher bekannter Berliner Club.

Mehr als 14.000 Auszeichnungen will das diind inzwischen vergeben haben. An anderer Stelle spricht das Unternehmen von 11.670 in fünf Jahren – das entspricht fast zehn ausgezeichneten Unternehmen pro Werktag. Wie viele an der "harten Tür" scheiterten, bleibt allerdings offen.

Das diind müsste nennen, wie viele Organisationen geprüft wurden und wie viele die erforderliche Punktzahl nicht erreichten. Genau danach hat Kontext gefragt. Außerdem wollte die Redaktion wissen, ob sich wenigstens ein nicht erfolgreicher Fall anonymisiert nennen lasse und welcher Anteil der Ausgezeichneten anschließend eine kostenpflichtige Lizenz kauft.

Trotz mehrfacher Nachfrage antwortete das Institut nicht.

Die Wettbewerbszentrale erklärt auf Anfrage von Kontext, bei Werbung mit Testauszeichnungen erwarte die Zielgruppe grundsätzlich eine Prüfung durch neutrale Dritte anhand objektiver und aussagekräftiger Kriterien. Lizenzgebühren seien zulässig. Das Lizenzgeschäft dürfe aber weder die Neutralität des Tests noch die Auswahl der geprüften Unternehmen beeinflussen.

Wenn jedes getestete Unternehmen eine Auszeichnung erhalte, könne dies zumindest auf Probleme bei Auswahl und Prüfverfahren hindeuten, so die Wettbewerbszentrale. Ob das hier der Fall ist, lässt sich nicht feststellen. Die entscheidenden Zahlen veröffentlicht der Anbieter nicht. Den Eindruck einer geprüften, neutralen Bewertung verkauft das diind trotzdem.

Ein ehrliches Siegel müsste wohl heißen: "Arbeitgeber mit überzeugendem digitalen Außenauftritt, positiven öffentlich verfügbaren Signalen und ausgeprägtem Zukunftsmarketing". Nur passt das auf keine Karriereseite.

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