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Tarifrunde Metall

"Acht Prozent sind ein Witz"

Tarifrunde Metall: "Acht Prozent sind ein Witz"
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Noch eine Chance gibt es, um größere Streiks in der Metallindustrie zu verhindern: Wenn IG Metall und Südwestmetall sich diesen Donnerstag zur fünften Verhandlungsrunde treffen. Kommt da wieder nichts bei rum, droht die Gewerkschaft mit härteren Kampfmaßnahmen.

So jedenfalls heißt es vom IG-Metall-Vorstand, der am Montagabend tagte. Die fünfte Verhandlung in Baden-Württemberg – das bedeutet, dem Südwesten wird offenbar die Rolle des Pilotbezirks für die diesjährige Tarifrunde zugetraut. Viermal wurde – auch in allen anderen Bundesländern – ergebnislos verhandelt. Dass man sich nun überhaupt noch einmal trifft, bedeutet auch, dass Südwestmetall offenbar signalisiert hat, ihr Angebot nachzubessern. Ein solches Signal hatte die Gewerkschaft zumindest als Bedingung gestellt. Es wird also am Donnerstag tatsächlich spannend. Und schwierig. Denn die IG Metall hat mit ihrer Forderung nach acht Prozent und vielen Warnstreiks in den vergangenen Wochen die Erwartungen bei ihren Mitgliedern hochgeschraubt.

"Früher hat ein Döner fünf Euro gekostet, jetzt 6,50. Das ist schon heftig." Raul schaut empört, seine beiden Azubi-Kollegen nicken. Die drei stehen am vorigen Freitagmittag vor dem Tor von Festo in Ostfildern-Scharnhausen. Sie sind extra aus der Lehrwerkstatt in Esslingen hoch auf die Fildern gekommen. "Wenn die Löhne erhöht werden, haben wir ja auch was davon in ein, zwei Jahren", sagt der angehende Produktionsdesigner Matti.

Früh Schluss lautet das Motto an diesem Tag. Eigentlich hätten die Azubis um 15 Uhr Feierabend, heute eben um 11:30 Uhr. So wie die Beschäftigten aus dem Werk, die ebenfalls früher Schluss gemacht haben. Rund 1.000 Menschen produzieren in dieser Fabrik im Dreischichtbetrieb Ventile, Ventil-Inseln und Elektronik, nochmal rund 300 arbeiten im Büro. Um die 60 Frauen und Männer stehen nun vor dem Tor, formieren sich hinter dem Transparent "8 % Solidarität gewinnt", blasen in Trillerpfeifen, schwenken rote IG-Metall-Fahnen. Auf der Straße fahren Autos mit Kolleg:innen vorbei, manche hupen. "Wäre zwar besser, sie stünden mit uns hier, aber immerhin sind sie raus", sagt Matthias Fuhs. Der Festo-Betriebsrat hat die Kolleg:innen am Morgen nochmal an den Warnstreik erinnert. Trotz des eher kleinen Warnstreikhäufchens ist er ganz zufrieden: "Die Halle ist jetzt jedenfalls leer."

Eigentlich eine einfache Tarifrunde

Acht Prozent mehr Lohn – in dieser Tarifrunde geht es nur um mehr Geld. Die letzte tabellenwirksame Erhöhung, also bleibende Lohnerhöhung, ist vier Jahre her, seitdem wurden in den Tarifrunden andere Extras verhandelt wie freie Tage für Pflege, Extrazahlungen, Arbeitszeit. Die Corona-Jahre haben die Verhandlungen erschwert und das statistische Bundesamt hat festgestellt, dass die Arbeitnehmer:innen in der Republik schon 2020 und 2021 Reallohnverluste hinnehmen mussten. Für das erste Halbjahr 2022 rechnete das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) wegen der Inflation bereits im Spätsommer ein Minus von 3,6 Prozent bei den Löhnen aus. Und die Situation wird nicht besser angesichts einer Inflation von 10,4 Prozent im Oktober.

Wie teuer Lebensmittel, Benzin, Heizen geworden ist, spürt mittlerweile jede:r und so hat der Esslinger Gewerkschaftssekretär Max Czipf, der den Festo-Warnstreik organisiert, den Eindruck, "dass die Leute in den vergangenen zwei, drei Wochen kampfbereiter geworden sind, weil sie's einfach immer mehr im Geldbeutel spüren". Zwei kräftige Mitvierziger aus der Logistik, die beide anonym bleiben wollen, bestätigen den Eindruck. "Zu Hause heizen wir weniger, duschen seltener und mit den Kindern wird jetzt auch weniger unternommen. Die Preise sind der Wahnsinn." Beide haben Familie, der eine noch einen Hund. "Hundefutter hat 90 Cent gekostet, jetzt 1,50", sagt er. "Da sind acht Prozent eigentlich ein Witz. Am Ende kommt vielleicht irgendwas mit fünf raus. Naja."

Lange Laufzeit ist tabu

Auf der einen Seite steht also die Acht-Prozent-Forderung für die bundesweit 2,8 Millionen Metall-Beschäftigten, die Arbeitgeber bieten an, die von der Bundesregierung genehmigten steuer- und sozialabgabefreien 3.000 Euro den Beschäftigten über 30 Monate lang in Häppchen auszuzahlen, also 100 Euro pro Monat. Sollte sich die IG Metall auf die sehr lange Laufzeit von 30 Monaten einlassen, dann wäre die Arbeitgeberseite - bislang - bereit, eventuell über ein tabellenwirksame Lohnerhöhung zu reden.

Gesamtmetall argumentiert mit der Krise – Krieg, Energiepreise, unterbrochene Lieferketten. Die steigenden Preise könnten nicht einfach an Kunden weitergegeben werden, in anderen Ländern seien die Lohnkosten deutlich geringer.

Die IG Metall argumentiert, die Unternehmen würden die steigenden Preise für ihre Produkte durchaus weitergeben, nur die Beschäftigten könnten höhere Preise nicht auf andere abwälzen. Der Branche gehe es gut, die Auftragsbücher seien gefüllt. Das räumt auch die Arbeitgeberseite ein, verweist aber auf ungewisse Zukunftsaussichten. So weit, so bekannt. Nach dem Rekordgewinn von Mercedes im vorigen Jahr erwartet das Unternehmen für 2022 laut Pressemitteilung im Bereich Auto eine "bereinigte Umsatzrendite im Bereich zwischen 13 Prozent und 15 Prozent, anstatt wie zuvor prognostiziert zwischen 12 Prozent und 14 Prozent". Auch die Bereiche Van und Daimler Truck laufen gut. Porsche kann auch nicht jammern. Dass mancher Autozulieferer wirtschaftliche Probleme hat, vor allem, wenn er am Verbrenner hängt, ist schon länger bekannt. Der ostdeutsche Maschinenbau meldete jüngst eine stabile wirtschaftliche Lage, für das kommende Jahr rechnet der VDMA (Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer) mit einem leichten Rückgang in der Branche.

Verdi fordert 10,5 Prozent

Wie stets ist die Zukunft also ungewiss. Gewiss ist nur, dass Energie extrem teurer geworden ist, auch Lebensmittel. Zuletzt im Schnitt um stolze 20 Prozent. "Käse, Butter und Fleisch sind für mich jetzt Luxus", sagt Georgia Efthimiopoulou. Sie montiert bei Festo in Scharnhausen Ventile und leitet den IG-Metall-Vertrauenskörper. Sie mag ihre Firma. "Wir machen Mehrarbeit, wir schaffen Nachtschicht – okay", sagt sie. "Aber bei diesen Preisen jetzt bleiben wir auf der Strecke."

Ihr Kollege Betriebsrat Matthias Fuhs will das nicht hinnehmen. Festo habe ein erfolgreiches Jahr hinter sich, sagt er. Sollten die Tarifparteien sich an diesem Donnerstag nicht einigen, stehen wahrscheinlich 24-Stunden-Streiks an, in den Verwaltungsstellen der IG Metall gibt es zudem bereits Schulungen für die Urabstimmung, also einen echten Streik. Fuhs wäre bereit. Er ärgert sich nicht nur über die Haltung der Arbeitgeber, sondern nun auch noch über den Chef von Gesamtmetall Stefan Wolf. Gegen den Vorstandvorsitzenden von Elringklinger und Chef von Gesamtmetall ermittelt die Staatsanwaltschaft Tübingen. Der Verdacht: Er soll seine Haushälterin schwarz beschäftigt haben. "Und der sagt uns, wir sollen sparen!", regt sich sich Fuhs auf. "Das ist doch unglaublich frech", schimpft er. Und hängt noch ein paar Ausdrücke dran, die nicht zitierfähig sind.

Das Ergebnis dieser Tarifrunde hat nicht nur Auswirkungen auf die Metall-Löhne. Der Abschluss hat stets auch Signalcharakter für andere Branchen. Und falls es tatsächlich zu richtigen Streiks kommt, ließe sich an der Beteiligung ablesen, wie unzufrieden die normalen Arbeitnehmer:innen sind. Verdi dürfte jedenfalls genau auf die IG Metall schauen. Dort laufen die Vorbereitungen für die Verhandlungen für den Öffentlichen Dienst, ebenfalls ein großer Bereich in der Gesellschaft. Verdi fordert für 2,5 Millionen Beschäftigte in Bund und Kommunen 10,5 Prozent. Start der Verhandlungen ist am 24. Januar. Es dürfte ein harter Kampf werden.


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2 Kommentare verfügbar

  • gerhard manthey
    vor 2 Wochen
    Antworten
    8,5 Prozent bis 30. September 2024 und zweimal 1500 Euro steuerfrei: Reicht das. um 2022 und 2023 eine Inflation von zehn Prozent + abzufedern? Zwar sind 8,5 % langfristige Steigerung der Löhne und Gehälter da, die hätte es aber auf 12 Laufzeit Monate gebraucht. Zu wenig gestreikt! Der Unmut hätte…
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 23 Stunden
Sehr interessant!


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