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Heuschrecken-Alarm auf den Fildern

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Der Thyssenkrupp-Konzern braucht Geld. Der einfachste Weg heißt: verkaufen. Und da gibt es in dem Unternehmen, das vor allem für sein Stahlgeschäft bekannt ist, nur eine Sparte: Aufzüge und Fahrtreppen. In Neuhausen auf den Fildern geht die Angst um.

Auch dem unbegabtesten Betriebswirt ist klar, dass es mittelfristig eher unklug ist, ausgerechnet den Teil zu versilbern, der satte Gewinne einfährt. Also überlegt man im Konzern, der Thyssenkrupp AG, noch weitere Wege. Vielleicht bringt man die Sparte Aufzüge und Fahrtreppen an die Börse? Behält man dann die Mehrheit? Oder verkauft man nur einen Teil, holt also einen Investor an Bord? Im Moment scheint alles möglich. Den rund 1000 Beschäftigten in Neuhausen schmeckt keine Möglichkeit. "Egal was, alles ist unser Feind", fasst der Betriebsratsvorsitzende vom Aufzugswerk in Neuhausen, Georgios Triantafillidis, die Stimmung zusammen. "Wir wollen bei Thyssenkrupp bleiben."

Steil nach oben – wie lange noch?

Wer mal auf dem Thyssenkrupp-Testturm bei Rottweil war, weiß, was ein moderner Aufzug ist. In etwa 30 Sekunden fährt die Kabine auf die 232 Meter hohe Aussichtsplattform. Das sind etwa acht Meter pro Sekunde, und diese Geschwindigkeit merkt der Fahrgast nicht. Beeindruckend. Auf seiner Webseite schreibt das Unternehmen: "Mit einem Investitionsvolumen von mehr als 40 Millionen Euro unterstreicht Thyssenkrupp die besondere Bedeutung der Region: Zusammen mit dem Aufzugswerk in Neuhausen auf den Fildern (...) bildet Rottweil mit dem geplanten Testturm eine hochmoderne Innovationsschmiede für Aufzugstechnik mit insgesamt über 1500 Mitarbeitern." Das passt zum Tüftler-Image des Südwestens, doch wie lange es die "hochmoderne Innovationsschmiede" in Neuhausen noch geben wird, ist derzeit unklar. (gvl)

Um das dem Management klar zu machen, sind 2500 Frauen und – vor allem – Männer aus den beiden deutschen Aufzugs- und Fahrtreppenwerken Neuhausen und Hamburg sowie den vielen Servicestandorten vorige Woche mit Bussen nach Essen gefahren. Dort sitzt die Zentrale und dort wurde kräftig demonstriert, mit Bengalos, Fahnen, Trillerpfeifen. "Alleine aus Neuhausen sind zwölf Busse mit 600 Leuten gefahren", berichtet Georgios Triantafillidis, genannt Gogo, stolz. "Das gab es noch nie."

Wie gut die Aktion bei seinen Kolleginnen und Kollegen ankam, ist noch zwei Tage später bei einem Besuch im Werk zu sehen. Beim Gang durch die Produktionshallen wird dem Betriebsrat ständig auf die Schulter geklopft. "War super!", "Danke, Gogo." Der griechisch stämmige Weilheimer grinst zufrieden. Er sei im Betriebsrat der Außenminister, sagt er. Weil er auch im Aufsichtsrat von Elevator sowie im Konzern- und im Europa-Betriebsrat sitzt, reist er viel. "Nächste Woche bin ich wieder in Essen. Dann wird gemeinsam mit der IG Metall weiter verhandelt." Denn die IG Metall will Zusagen haben, dass Tarifbindung, Beschäftigung und die deutschen Standorte erhalten bleiben, egal wie der Konzern sich entscheidet.

Ein Käufer muss auch mit der Gewerkschaft verhandeln

Thyssenkrupp hat vorige Woche nach der Demo und Verhandlungen in Essen bereits signalisiert, dass da etwas vorstellbar wäre. "Das Unternehmen hat zugesichert, dass bei einem Börsengang oder Verkauf, Tarifbindung und Mitbestimmung fortgeführt werden", sagt Jürgen Groß von der IG Metall Esslingen, der im Elevator-Aufsichtsrat sitzt. Einzigartig sei die Zusage, "dass ein möglicher Käufer vor dem Kauf mit der Gewerkschaft verhandeln muss. Diese Woche wollen wir diese Zusagen festzurren."

Für Triantafillidis wäre ein Verkauf die schlechteste aller Möglichkeiten. "Dann ist der Standort hier auf lange Sicht tot." Ein Konkurrent, Kone, hat bereits öffentlich Interesse bekundet. Doch Triantafillidis glaubt nicht, dass ein Konkurrent Neuhausen erhalten würde. "Die wollen unsere Kunden, nicht uns." In Neuhausen werden Spezialaufzüge gebaut. Zum Beispiel die, die im New Yorker One World Trade Center (541 Meter hoch) und im Shanghai World Financial Center (492 Meter) Personen befördern. Hier wird nach Kundenwunsch entwickelt und produziert. "Ich behaupte, es gibt keinen Standort, wo so viel Knowhow über Aufzugstechnik vorhanden ist, wie hier", sagt Triantafillidis. Der Rundgang – fotografieren verboten – führt an riesigen Drehmaschinen vorbei, an der Pulverbeschichtungsanlage, geht durch den Stahlbau. "Jetzt sind wir im Antriebsbereich", Triantafillidis zeigt auf Paletten, auf denen sich kleinere Antriebe stapeln. "Aber wir bauen auch richtig Große. Hier sind in den vergangenen Jahren 20 Millionen Euro investiert worden."

Es geht weiter. "Hier wird alles in punkto Sicherheitsbereich gebaut. Geschwindigkeitsbegrenzer, Fangzangen. Also ich sag mal: Ein Aufzug kann nicht abstürzen. Und hier das sind Treibscheiben, über diese Rillen laufen die Stahlseile für die Aufzüge. Das muss aufs My genau sein." Der Stolz ist dem 44-Jährigen anzuhören.

In Neuhausen werden maßgeschneiderte Aufzüge gebaut

Er winkt einen jungen Mann herbei. "Darf ich vorstellen: Bilal, unser Flüchtling. Wir versuchen nämlich, immer auch Leute auszubilden, die keine tollen Noten oder irgendwie schwierige Lebenswege haben." Dostokhel Bilal lernt seit 2017 in Neuhausen Montagetechniker. "Ich bin aus Afghanistan, habe hier Deutsch gelernt, und bin jetzt in der Jugendauszubildendenvertretung Schriftführer", erzählt er. Er lobt Gogo: "Deine Rede in Essen war gut. Du hast richtig eingeheizt." Er glaubt, dass die Demo die Unternehmensführung beeindruckt hat. "Und wenn nicht, fahren wir eben nochmal hin." So etwas hört Triantafillidis gern.

Weniger gern hat er die Aufzugsstrategie von Thyssenkrupp in den vergangenen Jahren verfolgt. "Um Kosten zu sparen, wurden einzelne Komponenten outgesourct, beziehungsweise geschlossen. Zum Beispiel Türen. Die kaufen wir jetzt zu. Von der Firma, die alle Aufzugsfirmen beliefert." Er schüttelt den Kopf. Bessere Qualität käme so nicht zustande. Dabei sei Qualität "Made in Germany" noch immer ein Pluspunkt bei vielen Kunden.

Triantafillidis fände es sinnvoll, wenn Thyssenkrupp Elevator seine Werke in Deutschland und Spanien klarer am Markt aufstellen würde: "Die Spanier bedienen das untere Marktsegment, Wohnungsbau und so. Wir das mittlere und hohe. Hotels, hohe Bürogebäude, wo in kurzer Zeit viele Menschen transportiert werden müssen. Den Aufzug im Daimler-Museum haben wir gebaut. Oder: In einem Nobelviertel in London haben wir mal einen Aufzug gebaut, da war die Kabine sechs Meter lang und fünf Meter hoch." Er lacht. "Damit der Typ mit seinem Auto in die Wohnung fahren konnte."

Arbeiter wollen bei Thyssen bleiben

Mit seinem Stolz auf die Leistung in Neuhausen ist Triantafillidis nicht alleine. Die Leute sind verbunden mit dem Werk. "Wir haben eine sehr geringe Fluktuation. Die Arbeit ist gut, die Bedingungen auch, wir haben ja eine besondere Mitbestimmungskultur. Es wäre schon bitter, wenn die drei Thyssen-Kreise vom Dach verschwinden würden. Außerdem sind wir wichtig für die Region."

In diesen Wochen besichtigen potentielle Interessenten das Werk. "Heuschreckenalarm" nennt Triantafillidis das. Er und seine Kolleginnen und Kollegen sind verbittert, weil die finanzielle Misere der Thyssenkrupp AG hausgemacht ist. "Die Ursache ist der Bau eines Stahlwerks in Brasilien Anfang der 2000er Jahre", erklärt der IG Metaller Jürgen Groß. "Da hat das Unternehmen Milliarden versenkt. Seitdem hat die AG fast jedes Jahr irgendeinen Teil verkauft, um Geld in die Kasse zu bekommen." Momentan komme zu der sowieso schon schlechten finanziellen Lage noch die schwächelnde Konjunktur: "Weniger Autos, weniger Anlagenbau – das schlägt natürlich auch auf die Auftragslage in der Stahlproduktion durch."

Er will, dass in Deutschland weiterhin Aufzüge gebaut werden – zumal keiner der Konkurrenten, seien es Otis, Kone, Schindler, in Deutschland produziert. "Die Thyssen-Aufzüge haben den Ruf, der Daimler unter den Aufzügen zu sein. Es muss also auf Qualität geachtet werden, dann kann das funktionieren." Wenn aber auch in Neuhausen nur nach den Kosten geschaut werde und man auf billig mache, dürfte es schwierig werden. Dabei sei der Aufzug ein Zukunftsprodukt. Schließlich schreite die Urbanisierung voran und die Bauten würden immer höher.

Wenn Ende dieser Woche wieder verhandelt wird, geht Groß davon aus, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber sich weitgehend einigen. Auf jeden Fall müsse die Tarifbindung auch für die Zukunft sichergestellt werden. "Alle Thyssen-Elevator-Standorte sind tarifgebunden. Das ist bei so einem verzweigten Unternehmen schon ungewöhnlich. Sonst versuchen Firmen ja immer, Ausgliederungen oder Töchter tariflos zu halten."

Endgültig entschieden, was mit der Aufzugssparte passiert, wird bei der Aktionärsversammlung am 31. Januar nächsten Jahres. Groß: "Wenn wir wissen, wer der künftige Eigentümer ist, muss dieser mit uns über Standort- und Beschäftigungssicherung verhandeln." Ob die Beschäftigten dann noch einmal in Essen demonstrieren werden, hänge von der Verhandlungsbereitschaft des eventuell neuen Eigentümers ab.


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