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Israel und Gaza

"Drang nach Rache nicht nachgeben"

Israel und Gaza: "Drang nach Rache nicht nachgeben"
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"Die Tötung zusätzlicher Zivilisten wird die bereits Getöteten nicht zurückbringen" – das ist die Position von 27 Organisationen aus der israelischen Zivilgesellschaft, die nach dem Terrorangriff der Hamas einen gemeinsamen Aufruf verfasst haben. Sie fordern die Freilassung aller Geiseln und ein Ende der Bombardierungen auf beiden Seiten. Kontext dokumentiert den Aufruf.

Wenn es um Israel und Palästina geht, waren hitzige und polarisierende Diskussionen noch nie weit. Besonders jetzt nicht, da nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel eine Eskalation der Gewalt in Nahost befürchtet wird. Gestritten wird auch beim Stuttgarter Bürgerprojekt Die Anstifter. "Momentan liegen wir bei unseren Debatten drinnen wie draußen weit auseinander", sagt Peter Grohmann, Koordinator der Anstifter und Kontext-Kolumnist. Er sagt: "In Sachen Israel ist als erstes Solidarität auszusprechen, ohne die geht reineweg gar nichts." Aber was kommt danach? Für Grohmann ist eine aktuelle Erklärung von 27 Menschenrechtsorganisationen aus Israels Zivilgesellschaft ein guter Leitfaden. Diese drücke "besser aus, was gesagt werden kann und wie wir verständlich argumentieren können". In der Erklärung wird gefordert, alle Geiseln freizulassen, die die Hamas nach Gaza verschleppt hat, und alle Bombardierungen sofort zu beenden – sowohl die von israelischer Seite auf Gaza als auch die der Hamas auf Israel. Zu den Gruppen, die den Aufruf unterzeichnet haben, gehören unter anderem Amnesty International Israel, die Frauenorganisation Mothers Against Violence, die von israelischen Veteranen gegründete NGO Breaking the Silence, die NGO B'Tselem, die Menschenrechtsverletzungen in israelisch kontrollierten Gebieten dokumentiert, und die Rabbis for Human Rights. Wir dokumentieren den Aufruf hier in voller Länge:
 

Menschenrechtsorganisationen erheben ihre Stimme laut und deutlich gegen jegliche Schädigung unschuldiger Zivilisten

Tel Aviv, 12. Oktober 2023

Wir, Mitglieder der unterzeichnenden Menschenrechtsorganisationen in Israel, sind schockiert und entsetzt über diese schrecklichen Tage. Die schrecklichen Verbrechen der Hamas gegen unschuldige Zivilisten – darunter Kinder, Frauen und ältere Menschen – haben uns alle erschüttert, und wir kämpfen darum, uns von den unerträglichen Anblicken und Geräuschen zu erholen. Einige von uns befanden sich während des Angriffs in den israelischen Gemeinden an der Grenze zum Gazastreifen. Viele von uns haben Familie, Freunde und Kollegen, die die erschütternden Ereignisse ertragen mussten und sich immer noch mitten darin befinden. Wir alle kennen Menschen, die ermordet, verletzt oder entführt wurden. Es wird einige Zeit dauern, die Implikationen und Konsequenzen des abscheulichen Angriffs der Hamas, für den es keine Rechtfertigung gibt, vollständig zu verstehen.

Zu den meisten unserer Teams gehören Israelis und Palästinenser. Daher haben einige von uns Verwandte und Kollegen in Gaza, die derzeit unter dem anhaltenden Angriff des israelischen Militärs leben. Kinder, Frauen und ältere Menschen werden wahllos angegriffen und haben keinen Ort, an dem sie sich verstecken können.

Auch jetzt – besonders jetzt – müssen wir unsere moralische und menschliche Position wahren und uns weigern, der Verzweiflung oder dem Drang nach Rache nachzugeben. Es ist wichtiger denn je, unseren Glauben an den menschlichen Geist und die ihm innewohnende Güte aufrechtzuerhalten. Eines ist klar: Wir werden unseren Glauben an die Menschheit niemals aufgeben – auch nicht jetzt, wo dies schwieriger denn je ist.

Da wir uns immer dagegen ausgesprochen haben, dass unschuldigen Zivilisten Schaden zugefügt wird, bleibt dies auch in diesen schrecklichen Zeiten unsere Pflicht – da wir auf israelischer Seite unsere Toten zählen und uns Sorgen um verwundete, vermisste und entführte Angehörige machen und während in Gaza Bomben auf Wohnviertel abgeworfen werden, die Auslöschung ganzer Familien ohne die Möglichkeit, die Toten zu begraben – um unsere Stimme laut und deutlich gegen die Schädigung aller unschuldigen Zivilisten sowohl in Israel als auch im Gazastreifen zu erheben.

Wir fordern die sofortige Freilassung aller Geiseln und ein Ende der Bombardierung von Zivilisten in Israel und im Gazastreifen. Humanitäre Hilfe muss die Zivilbevölkerung erreichen, medizinische Einrichtungen und Zufluchtsorte dürfen nicht beschädigt werden und lebenswichtige Ressourcen wie Wasser und Strom dürfen nicht abgeschnitten werden. Die Tötung zusätzlicher Zivilisten wird die bereits Getöteten nicht zurückbringen. Willkürliche Zerstörung und eine Belagerung, die Unschuldigen schadet, werden weder Erleichterung, Gerechtigkeit noch Ruhe bringen.

Als Menschen, die sich für die Förderung der Menschenrechte einsetzen und an die Heiligkeit des Lebens glauben, fordern wir dringend ein Ende aller willkürlichen Schäden am Leben und an der Infrastruktur von Zivilisten. Wir fordern Verhandlungen und alle möglichen Maßnahmen, um die Freilassung der Geiseln herbeizuführen – wobei wir den von der Hamas festgehaltenen Zivilisten Vorrang einräumen. Es ist das einzig Humane und Vernünftige, und es muss jetzt getan werden.


Unterzeichnende Organisationen: Mothers Against Violence, Itach Ma'aki – Women Lawyers for Social Justice, Amnesty International Israel, BIMKOM – Planners for Planning Rights, B'Tselem, Gisha, The Association for Civil Rights in Israel, Public Committee Against Torture in Israel, Parents Against Child Detention, Hamoked - Center for the Defence of the Individua, Zazim - Community Action, Haqel – In Defense of Human Rights, Yesh Din, Yesh Gvul, Combatants for Peace, Mehazkim, Machsom Watch, Women Wage Peace, Akevot Institute for Israeli-Palestinian Conflict Research, Standing Together, Ir Amim, Emek Shaveh, The Parents Circle-Families Forum, Rabbis for Human Rights, Physicians for Human Rights–Israel, Breaking the Silence, Torat Tzedek.

Den Aufruf im Original gibt es unter anderem hier.


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5 Kommentare verfügbar

  • S. Holem
    am 18.10.2023
    Antworten
    Diesen Text ist bedrückend relativierend und mit so vielen generischen Gemeinplätzen befüllt, dass (fast) eine Äquidistanz zwischen Mördern und Opfen hergestellt wird. Dies ist bei den Big Players im antiisraelischen NGO-Business, die an der Erstellung beteiligt waren, wahrlich keine Überraschung.
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