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Gaza free

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Wie ist die Lage? Zum Kotzen, Herr Major – drastisch war sie gerne, meine Omi Glimbzsch aus Zittau, und "zum Kotzen" hätte sie auch den Aufmarsch von 30 000 Rechtsradikalen letzte Woche in Warschau gefunden – na ja, bevor's nicht 100 000 sind und das Ghetto brennt, ist das keine Nachricht wert. Die Delegationen diverser faschistischer Organisationen kamen unter anderem aus Kroatien, Spanien, Italien, Ungarn (Magyar Garda), Rumänien, Serbien, Tschechien und der Slowakei. Das ist die Ecke, von der mir die Omi öfter mal vorgaukelte, dass im Gemisch der Völkerschaften das Nationale verschwinden tät: ein Kessel Buntes wie zu Zeiten von Elisabeth Amalie Eugenie. Jetzt ist nix mehr mit Sissi, jetzt wird zur Hatz auf Lesben und Linke, Schwule, "Zigeuner" und Juden geblasen. Noch ist Polen nicht verloren – immerhin standen den 30 000 fast 1000 Gegendemonstranten gegenüber.

Weiter westlich richtet sich der Blick eher in die Ferne, dort, wo geballert wird: Israel, Palästina. Hin und wieder der Einschlag einer Granate – Feuer unterm Arsch, Sirenen, Krankenwagen, verängstigte Kinder, Luftschutzkeller – Mensch, das kennt man alles nur noch aus dem Fernsehen und von Guido Knopp! Wir sind für die da im Nahen Osten allzeit bereit und jederzeit gute Ratgeber. Ob's nun um den Leopard 2 für Saudi-Arabien geht oder um wendigere Schützenpanzer für bevorstehende Straßenkämpfe in den Innenstädten Indonesiens: frag nach in Deutschland. Minen oder Minensuchgeräte – wir haben alles auf Lager, sogar Beinprothesen in Haut-Weiß.

Momentan hocken unsere Strategen über Karten aus dem Nahen Osten (Rommels Reste) und überlegen, ob und wie in einer Zangenbewegung in der Region Ruhe hergestellt werden kann, ein für allemal. Free Gaza from Hamas ist die Devise – dazu gibt's passende T-Shirts mit einer hochgehenden Bombe oder schlichte, aber grafisch gut gemachte Bepperle für den Zweitwagen. Am liebsten würde man sich freiwillig melden, aber in Israel misstraut man den Deutschen und ihren Ratschlägen und verzichtet (noch) auf Söldner.

Peter Grohmann.Auch die Freunde mit dem Palästinensertuch wissen alles über die Leiden der semitischen Völker, über Grausamkeiten, Tod und Terror und gestohlenes Land. Es würde ihnen nicht im Traum einfallen, ihnen wegen der paar Hamas-Granaten, mit denen man die Juden in die Bunker treibt, auch nur eine Träne nachzuweinen.

Meine Empfehlung der Woche: Gaza nicht Hamas-frei machen, sondern Deutschland nazifrei. Den eigenen Bau ausmisten.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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1 Kommentar verfügbar

  • peterwmeisel
    am 22.11.2012
    Antworten
    Jawoll, wir sind wieder Wer! Aber Wer? Die Drittgrössten, im Waffengeschäft. Wo sonst! Die Regierung des Convents Der Unwahrhaftigkeiten war die erfolgreichste, sagt sie. Würde sie wahrhaft sagen, wir sind die Folgenreichste, dann könnte dies erst recht zutreffen? Aber wir reden nicht über Geld.…
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