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Klimakrise

"Sie werden mit uns sterben"

Klimakrise: "Sie werden mit uns sterben"
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Seit Jahren bleiben die Zusagen der mächtigen Staaten beim Klimaschutz hinter dem zurück, was notwendig wäre. Daran änderte auch der Weltklimagipfel wenig. Das Zögern im Norden hat im globalen Süden schon heute tödliche Folgen. Ein Gespräch mit Faustin Viningoma, Mitglied der Panafrican Climate Justice Alliance.

Herr Viningoma, am Sonntag ist mit zwei Tagen Verspätung die Weltklimakonferenz COP27 in Scharm El-Scheich zu Ende gegangen. Sie waren selbst vor Ort. Wie bewerten Sie die Ergebnisse?

Gut ist, dass ein Entschädigungsfonds besprochen wurde, der nach Meinung der Länder des globalen Nordens nicht so heißen darf. Bisher ist nichts Konkretes beschlossen worden, aber es wurde immerhin die Grundlage für weitere Verhandlungen geschaffen, und das ist wichtig.

Nicht gut ist, dass über das Thema CO2-Einsparungen kaum gesprochen wurde. Europa orientiert sich durch die Energiekrise wieder in Richtung fossiler Energieträger und Afrika drängt auf einen Entwicklungspfad nach dem Vorbild der Industrialisierung, ebenfalls mit Hilfe fossiler Energieträger. Das ist ein ernsthaft gefährliches Szenario und macht das Einhalten des 1,5-Grad-Ziels eigentlich unmöglich.

Faustin Viningoma ist der nationale Koordinator des "Rwandan Climate Change and Development Board", einem Dachverband ruandischer Umweltorganisationen. Er ist Mitglied der "Pan African Climate Justice Alliance" und war als Vertreter der Zivilgesellschaft Teil der ruandischen Delegation auf dem COP27 in Scharm El-Scheich. Zentral ist für ihn in seiner Arbeit die Frage der Klimagerechtigkeit aus der Perspektive des globalen Südens.

In Scharm El-Scheich ist viel über Klimagerechtigkeit gesprochen worden. Was bedeutet das für Sie?

Dass diejenigen, die verantwortlich für den Klimawandel sind, diejenigen entschädigen, die am meisten unter seinen Folgen leiden. Also genau das, was die Länder des Nordens nur sehr zögerlich bereit sind einzugestehen. Ihr im Norden müsst eure Emissionen reduzieren und uns im Süden dabei unterstützen, mit den Folgen eures Handelns zu leben. Ihr seid dafür verantwortlich, dass die Menschheit als Ganzes überlebt. Sagt das euren Brüdern und Schwestern in Deutschland, weil unser Leben davon abhängt.

Wo spüren Sie in Ruanda und der Region die konkreten Folgen des Klimawandels schon jetzt?

Lauft heute von hier aus Richtung Norden zum Horn von Afrika und wenn ihr all diese Menschen und Tiere seht, die verhungern, weil es seit vier Jahren nicht ausreichend regnet, dann fragt ihr das nicht mehr. Lauft von hier aus Richtung Süden und sprecht mit den Menschen, die in den Fluten ihre Liebsten und alles andere verloren haben. Sprecht mit den Leuten hier und jetzt in einer Jahreszeit, in der es eigentlich sehr viel regnen sollte und stattdessen gnadenlos die Sonne scheint, und dann wisst ihr, was der Klimawandel hier bedeutet. Die Lebensmittelpreise haben sich hier in zwei Jahren fast verdreifacht, weil die Ernten schlecht ausgefallen sind. Ich kann die Dürre in meinem Geldbeutel spüren. Wenn die Leute ihr ganzes Einkommen für Lebensmittel ausgeben müssen, dann bleibt nichts übrig für Kleidung, Miete oder Steuern. Die wirtschaftlichen Folgen des Ausbleibens von Regen sind viel krasser, als ihr sehen könnt. Der Klimawandel löst eine Kettenreaktion aus, die unsere Wirtschaft an den Rand des Kollapses bringt.

Von den Folgen des Klimawandels ist also vor allem der globale Süden betroffen?

Nein, denkt doch nicht, dass ihr nicht im gleichen Maß betroffen sein werdet! Manche mögen denken, ihr hättet die Ressourcen, um genügend Resilienz gegen die Klimakatastrophe zu entwickeln. Aber niemand hätte vorher gedacht, dass die Überschwemmungen, die Hitzewellen, die Waldbrände der letzten Jahre auch bei euch so schnell und so heftig kommen würden. Niemand kann genau sagen, wie es sich entwickeln wird. Wer weiß, vielleicht steht ihr eines Tages als Flüchtlinge vor unserer Tür. Was ist, wenn es in Deutschland immer heißer und heißer wird und ihr vor der Hitze fliehen müsst – kommt ihr dann hierher? Vielleicht sind wir heute noch die Unterentwickelten, aber morgen macht ihr euch auf den Weg über das Mittelmeer, weil ihr in Europa nicht mehr leben könnt. Wissenschaft hat uns viel erklärt, aber die Entwicklung des Klimas zeigt uns, dass wir längst nicht alles verstanden haben und berechnen können. Nicht nur der globale Süden wird in Zukunft leiden, sondern auch der globale Norden.

Viele Regierungen des globalen Nordens werden ihre in Paris vereinbarten Klimaschutzziele nicht erfüllen und bemühen sich schon jetzt darum, Länder des globalen Südens zu bezahlen, damit diese für sie die entsprechenden Einsparungen vornehmen. Wie denken Sie darüber?

Ausgabe 607, 16.11.2022

Mehr als Kehrwoche

Von Florian Kaufmann, Malte Stieber und Angela Wolf

Mit Sauberkeit, Sicherheit und Stabilität will Ruanda westliche Investoren vor allem in die Hauptstadt Kigali locken. Auf dem Land herrscht noch weitgehend Subsistenzwirtschaft. Kaum ein Tag beschreibt die ruandische Gesellschaft besser als der Umuganda, der viel mehr als die schwäbische Kehrwoche ist.

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Es ist absurd, dass wir in Afrika über Einsparungen reden, denn alle afrikanischen Länder zusammen sind für genau 3,7 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Aber wenn die deutsche Regierung der ruandischen einen Teil ihres in Paris vereinbarten Budgets abkaufen will, dann profitiert unsere Gesellschaft kurzfristig davon. Durch die Einnahmen stehen uns mehr Ressourcen etwa für Anpassungsmaßnahmen und den Aufbau von Klimaresilienz zur Verfügung. Aber diese Verschiebung von CO2-Budgets vom Norden in den Süden bedeutet nicht, dass das global für die notwendige Reduktion der Gesamtemissionen sorgt. Ruandas Wälder und Moore haben schon immer CO2 gebunden – der einzige Unterschied ist jetzt, dass wir dafür von euch bezahlt werden. Aber am Ende des Tages steigen die globalen Emissionen trotzdem weiter an und das ist das Problem.

Aber ist das nicht in gewisser Weise eine Art Kompensation des globalen Nordens an den Süden?

Wenn wir über Kompensationen reden, dann müssen wir als erstes darüber reden, wie der Norden all die Zerstörung, die im Süden angerichtet wurde, wiedergutmachen will – die bereits geschehene, nicht die zukünftige. Die Ökosysteme, die zerstört sind, die Arten, die ausgestorben sind, all die Menschen, die durch Naturkatastrophen ihr Leben verloren haben. Wie gedenkt ihr das zu kompensieren? Wir sind nicht für die Ursachen dieser Katastrophe verantwortlich, sondern ihr im globalen Norden.

Kann es denn unter diesen Bedingungen überhaupt einen gerechten und wirkungsvollen Zertifikathandel geben?

Wenn es einen Zertifikathandel gibt, dann darf dabei nicht mit zweierlei Maß gemessen werden. Wenn ein Unternehmen im Norden davon profitiert, eine Tonne CO2 zu emittieren, muss ein Projekt im Süden, das diese Tonne wieder bindet, von diesem Unternehmen im gleichen finanziellen Maß entschädigt werden. Das würde einen direkten Anreiz schaffen, Emissionen wirklich zu reduzieren, weil sich der Ausstoß wirtschaftlich nicht lohnt. Unternehmen im Norden müssen ihr business-as-usual radikal verändern, sonst werden die Emissionen nie zurückgehen, sondern nur immer weiter ansteigen.

Die Diskussion, wie den Folgen des Klimawandels zu begegnen ist, ist auch im Norden im vollen Gange. Doch sobald es konkret wird, gibt es Widerstände.

Es ist traurig, wenn ihr im Norden denkt, dass man einfach so weitermachen kann und der Süden all diese Emissionen kompensieren wird. Das wird nicht passieren, weil es unmöglich ist. Die Kapazitäten dafür gibt es hier nicht. Der einzige Marktmechanismus, der etwas nützen würde, ist einer, der ernsthaft die globalen Emissionen reduziert.

Und wie sollen wir dieser Herausforderung begegnen?

Auch wenn ihr die Verursacher dieser Katastrophe seid, müssen wir die Auswirkungen dieser Bedrohung gemeinsam bekämpfen. Die Erde ist der einzige Ort, an dem wir leben können. Wenn ein Leben auf dem Mars möglich wäre, dann wären sicher schon ein paar Deutsche da. (lacht) Aber der Grund, warum wir hier zusammensitzen, ist, dass es keinen anderen Ort außer diesem hier zum Leben gibt. Deshalb müssen wir uns gemeinsam retten und diesen Planeten kommenden Generationen als einen Ort überlassen, an dem es sich zu leben lohnt.

Machen Sie einen konkreten Vorschlag, wie wir diesem Ziel näherkommen.

Mein Vorschlag ist einfach: Wir müssen unsere Art zu wirtschaften ändern – hin zu einer, die nicht ausschließlich Profit als Ziel hat. Wir müssen unsere Art zu produzieren so verändern, dass sie so wenig Emissionen wie möglich verursacht. Es fehlt nicht an guten Ideen oder technischem Wissen – einzig das Festhalten an individuellen Profiten hindert uns daran. Einige Unternehmer:innen halten am Öl oder der Kohle fest, weil sie unglaubliche Gewinne damit machen. Wer heute schon Milliardär:in ist, will morgen Multimilliardär:in werden. Und dabei ignorieren sie die Menschen, die auf Kosten ihres Reichtums leiden. Aber diese Milliardär:innen leben auf demselben Planeten und sie werden gemeinsam mit uns sterben. Niemand auf diesem Planeten ist sicher und wir haben keinen anderen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zusammenzuarbeiten. Lasst uns die Emissionen ernsthaft um das nötige Maß reduzieren, Resilienz aufbauen, uns auf das Schlimmste vorbereiten und alles dafür tun, damit der Planet nicht wirklich zu einem unbewohnbaren Ort wird.


Das Autorenteam Florian Kaufmann (Karlsruhe), Malte Stieber (Frankfurt/M.) und Angela Wolf (Frankfurt/M.) war gerade mehrere Wochen in Ruanda, um dort zu den Folgen des Klimawandels zu recherchieren. Ihre Arbeit wird durch ein Recherchestipendium des Journalism Fund der EU unterstützt.


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1 Kommentar verfügbar

  • Ralf Naujoks
    vor 1 Tag
    Antworten
    Wir reden von Klimagerechtigkeit zwischen globalem Norden und Süden. Zwischen Länder und Menschen.
    Wo bleibt die Klimagerechtigkeit und Verantwortung gegenüber den Tieren und der gesamten Natur?
    Die sitzen nicht an den Verhandlungstischen. Wir Menschen dürfen uns nicht mehr als Mittelpunkt…
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