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Journalismus in Afghanistan

Der blinde Fleck

Journalismus in Afghanistan: Der blinde Fleck
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In Afghanistan gibt es eine journalistische Zweiklassengesellschaft: Während ausländische KorrespondentInnen von den Taliban hofiert werden, werden afghanische KollegInnen massiv in ihrer Arbeit behindert. Dahinter steckt Kalkül.

Seit die militant-islamistischen Taliban Kabul und fast ganz Afghanistan im August eingenommen haben, genießt das Land eine Aufmerksamkeit wie zuletzt wohl vor zwanzig Jahren nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Doch jetzt werden die Probleme deutlich, die die Afghanistan-Berichterstattung schon seit Jahren dominieren. Ein auffälliges Beispiel sind viele jener JournalistInnen, die Hals über Kopf in das Land gereist waren, um so nah wie möglich am Geschehen zu sein. Auffällig viele von ihnen haben in der Vergangenheit wenig bis gar nicht aus Afghanistan berichtet oder sind mit der jüngeren Geschichte des Landes nicht vertraut. "Parachute journalism" – Hauptsache dabei sein.

"Feel we are witnessing history", kommentierte etwa die bekannte CNN-Journalistin Clarissa Ward auf Twitter, während sie ein Selfie mit mehreren Taliban-Kämpfern teilte. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Vor allem viele afghanische JournalistInnen, die zeitgleich damit beschäftigt waren, sich in Sicherheit zu bringen und das Land zu verlassen, waren schockiert und wütend. "Du erlebst es, aber wir müssen damit leben!", antwortete etwa Fatima Faizi, die für die "New York Times" tätig ist.

"Überraschend normal"

Ward war nicht die Einzige, die sich so unreflektiert verhielt. Rund eine Woche nach der Taliban-Eroberung meinte der freie Schweizer Journalist Franz J. Marty, dass der Alltag in weiten Teilen Kabuls "überraschend normal" sei, und teilte ein Video aus einem bekannten Stadtteil. Dass man auf den Straßen keine Frauen mehr sah, schien ihn nicht zu interessieren. Aufgrund der darauffolgenden Kritik sah sich Marty gezwungen, seine Beobachtung, die er in mehreren Interviews dennoch wiederholte, zu korrigieren. Bereits 2018 musste er sich schon korrigieren. Damals schrieb der Journalist, dass das Leben in Kabul "nicht einmal halb so gefährlich sei, wie viele es sich vorstellen".

Tägliche Selbstmordattentate, Autobomben, mordende, kriminelle Banden und die Tatsache, dass selbst internationale Beobachter die Lage in der afghanischen Hauptstadt als extrem gefährlich einstuften, wurden von Marty verdrängt oder verschwiegen. Stattdessen wurden seine subjektiven Wahrnehmungen vor allem von jenen Menschen in Europa mit Wohlwollen gelesen, die die Abschiebungen afghanischer Geflüchteter befürworteten. Seit mehreren Jahren wurde etwa auch von deutschen, österreichischen oder schweizer Behörden der Mythos verbreitet, afghanische Großstädte wie Kabul seien "verhältnismäßig sicher". Damit ließen sich Abschiebungen in ein Land, in dem nun seit über vierzig Jahren Krieg herrscht, leichter durchsetzen.

Mit der Realität vor Ort haben solche subjektiven Eindrücke jedoch wenig zu tun. Der Krieg in Afghanistan gehört seit Jahren zu den tödlichsten Konflikten der Welt. Die Anzahl ziviler Opfer nahm auch in Städten wie Kabul stetig zu. Dies wurde gerade auch in den letzten Tagen der NATO-Mission im Land abermals deutlich. Während des US-Abzugs Ende August töteten IS-Terroristen rund zweihundert Menschen am Kabuler Flughafen. Kurz darauf starben durch einen "Racheangriff" der Amerikaner per Drohne zehn Zivilisten in Kabul.

Westliche, weiße JournalistInnen sind privilegiert

Andere westliche (männliche) Kollegen, die für renommierte, internationale Medien tätig sind, verhielten sich oft ähnlich und berichteten von einem vermeintlich sichereren Kabul unter dem neuen Taliban-Regime. Teils begrüßten sie es auch explizit, dass die Extremisten ihre Berichterstattung nicht stören würden. Dass dies mit einem gewissen Kalkül verbunden ist, wird wenig reflektiert. Der australische Fotograf und Journalist Andrew Quilty musste, ähnlich wie Marty, seine Beobachtungen kurz nach der Taliban-Eroberung korrigieren. Er bekannte sich daraufhin zu seiner privilegierten Rolle als westlicher, weißer Journalist in Afghanistan. Dass er davon weiterhin profitiert, steht außer Frage. Sein Buch über den Krieg im Land soll im kommenden Jahr erscheinen. Es wäre das zigste Afghanistan-Buch eines weißen Kriegsreporters.

Privilegien sind in Afghanistan nichts Neues. Ausländische JournalistInnen aus dem Westen erleben deshalb oft einen gänzlich anderen Alltag als ihre einheimischen KollegInnen, Afghanische JournalistInnen wurden Anfang September von den Taliban während einer Demonstration brutal zusammengeschlagen. Nematullah Naqdi und Taqi Daryabi, die für die bekannte Kabuler Tageszeitung "Etilaat Roz" tätig sind, wurden von den Taliban während eines Frauenprotests im Westen Kabuls inhaftiert und gefoltert. Umso lauter wurden daraufhin die Stimmen jener, die darauf hinwiesen, dass unterschiedlich mit lokalen und ausländischen Journalisten umgegangen wird. Und zwar schon seit Jahren.

2019 wurde ein Kollege von mir von Polizeikräften in Dschalalabad verhaftet, weil er Fotos von einer Menschenmenge vor dem pakistanischen Konsulat schoss. Ihm wurde vorgeworfen, ein "Terrorist" zu sein. In seiner Zelle wurde er von mehreren Sicherheitskräften verprügelt. Einige seiner Verletzungen behinderten ihn noch Monate später. Andere Kollegen, die mit mir vor Ort zusammenarbeiten, baten mich darum, sie nicht mit Namen zu nennen, weil sie Angst vor Repressalien haben. Und auch ich selbst, war meist Repressalien ausgesetzt, wenn ich in Afghanistan recherchierte.

Nicht "moderat" sind die Taliban, sondern medienaffin

Afghanische Journalisten gelten oft als potenzielle Spione, denen man nicht trauen dürfe oder als "fragwürdig" und "unanständig"; letzteres betrifft vor allem afghanische Journalistinnen. Ausländische JournalistInnen hingegen durften Dokumentationen mit den Taliban drehen oder wurden von Regierungstruppen an die Front eskortiert. Auch in der Politik wurde diese unterschiedliche Behandlung deutlich. Ex-Präsident Ashraf Ghani, der Mitte August vor den Taliban ins Ausland geflüchtet ist, gab westlichen Medien gerne Interviews. Doch lokale JournalistInnen ließen seine Sprecher nur selten vor, griffen sie sogar in den Sozialen Medien an und diffamierten sie.

Dass sich dieser unterschiedliche Umgang mit JournalistInnen in Afghanistan weiterhin Alltag ist, haben die letzten Tage und Wochen deutlich gemacht. Das Problem sind nicht nur die Taliban, die sich auf diese Weise besonders medienaffin präsentieren können. Es sind auch jene westlichen ReporterInnen, die ihnen hinterherrennen und damit eine Bühne geben. Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid hat allein in den letzten Wochen Dutzende von Interviews gegeben, die teils auch im deutschsprachigen Raum positiv rezipiert wurden. Plötzlich sprach auch die "Welt" von den "moderaten Taliban", mit denen man den Dialog aufnehmen müsse. Und die österreichische "Krone" wollte wissen, ob die neuen Herrscher in Kabul eventuell abgeschobene Geflüchtete aufnehmen würden. "Immer her damit", war die erwartbare Antwort Mujahids, der in diesen Tagen in erster Linie das vermittelt, was weite Teile des westlichen Publikums hören wollen.

Es handelt sich hierbei um eine ausgeklügelte PR-Strategie, auf die vor allem viele westliche KollegInnen reinzufallen scheinen. Viele lokale JournalistInnen sind indessen bereits geflüchtet sind, verstecken sich. Oder versuchen, ihre Arbeit zu machen, indem sie sich selbst zensieren. Der Wahrheitsfindung dient das nicht.


Afghanistan-Experte Emran Feroz hat für investigative Recherchen große Teile des Landes bereist und war außer in der Hauptstadt auch in provinzielleren Gebieten unterwegs, immer ohne Geleitschutz. Jüngst erschien von ihm das Buch "Der längste Krieg – 20 Jahre War on Terror" im Westend-Verlag. Kontext veröffentlichte einen Vorabdruck.

Am kommenden Montag, 15. November, sitzt Feroz im Stuttgarter Theaterhaus mit auf dem Podium des Neuen Montagskreises zum Thema "Afghanistan – Krise ohne Ende". Er diskutiert mit Suzanne Lipovac von der Hilfsorganisation Kinder-Berg, Serkan Eren von Stelp und den afghanischen Schwestern Zohra und Nehal. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr. Eine Anmeldung ist zwingend erforderlich.


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1 Kommentar verfügbar

  • willi germund
    vor 2 Wochen
    Antworten
    So sehr ich die Berichte von Emran Feroz im Allgemeinen schätze, so sehr bin ich von dieser oberlächlichen Geschichte enttäuscht.

    Natürlich gibt es den Parachute Journalismus, den er anspricht. Das ist nicht neues, gilt nicht nur für Afghaistan sondern auch für andere Konfliktherde. Aber er…
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