Abdoul Azizou Hamza arbeitet im afrikanischen Niger für die UNHCR. Foto: Joachim E. Röttgers

Abdoul Azizou Hamza arbeitet im afrikanischen Niger für die UNHCR. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 353
Überm Kesselrand

Letzter Halt Agadez

Von Dietrich Heißenbüttel (Interview)
Datum: 03.01.2018
Damit weniger afrikanische Flüchtlinge nach Europa kommen, versucht die EU, sie bereits am Durchqueren der Sahara zu hindern. Abdoul Azizou Hamza, Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, erzählt, was das für sein Land Niger bedeutet.

Herr Hamza, Sie arbeiten beim UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR). Was genau machen Sie?

Ich habe bis Mitte des Jahres im UNHCR-Büro in Niamey, der Hauptstadt von Niger, gearbeitet. Im Mai wurde dann ein weiteres Büro in Agadez eröffnet. Ich bin dort Ansprechpartner für lokale Behörden und NGOs. Wir haben uns überlegt: Nur 30 Prozent derjenigen, die in Europa ankommen, werden dort als Flüchtlinge anerkannt. Ob sie aus Mali, Burkina Faso, Elfenbeinküste oder Togo über Niamey oder aus dem Kamerun über Kano in Nigeria kommen: sie landen alle in Agadez. Die Idee ist, sie dazu zu überreden, zu bleiben.

Wie funktioniert das? Menschen, die auf der Flucht sind, lassen sich vermutlich nur schwer festhalten.

In der Wüste sind schon viele ums Leben gekommen, in Libyen warten Tod, Folter, Gefängnis und Zwangsarbeit auf sie, und auch im Mittelmeer sind schon viele ertrunken. Auch Niger hat die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet, deshalb hängen wir zu den Abreisezentren Zettel auf und verteilen Gratistelefone, damit diejenigen, die in Niger einen Antrag auf Asyl stellen wollen, sich melden können. In Agadez wurde dafür ein Zentrum eingerichtet. In Niamey gibt es seit 2016 ein Auffanglager. Da können sie bleiben und werden mit Essen versorgt, bis die Behörden über ihren Antrag entschieden haben. Wir haben darauf hingewirkt, die Kapazitäten der nationalen Behörde, die über die Asylanträge entscheidet (CNE), zu erhöhen. Der UNHCR hat in diesem Prozess einen Beobachterstatus.

Abdoul Azizou Hamza

Hamza ist einer von zwanzig Afrikanern, die im Jahr 2017 durch das Cross-Culture-Programm des Instituts für Auslandsbeziehungen nach Deutschland gekommen sind. Er war sechs Wochen im Flüchtlingsrat Baden-Württemberg zu Gast, um Kontakte zu knüpfen und sich über den Umgang mit Geflüchteten in Deutschland zu informieren. (dh)

Wenn ich mir, ausgehend von der UNHCR-Website, die Karte ansehe, dann gibt es im Niger 166 000 Flüchtlinge, die sich auf zwei Regionen verteilen: zwei Drittel im äußersten Südosten, an der Grenze zu Nigeria; und ein Drittel im Nordwesten, an der Grenze zu Mali.

Dazu kommen noch 129 000 Binnenflüchtlinge. Denn aufgrund von Angriffen der Boko Haram auf die Stadt Bosso und ein Flüchtlingslager bei Kabalewa sind die Menschen in der Region Diffa geflohen. Sie ziehen zur Nationalstraße Nr. 1, die Niamey mit N'Guigmi ganz im Osten des Landes verbindet, weil dort die Sicherheitskräfte präsent sind. In Mali ist seit dem Versuch, 2012 einen unabhängigen Staat Azawad auszurufen, die Sicherheit noch nicht wieder hergestellt. In der Region Tillaberi gibt es drei große Flüchtlingslager, in der Region Tahoua wurde Nomaden mit ihren Herden ein großes Gebiet zur Verfügung gestellt. Es gibt aber auch Flüchtlinge in den Städten, die sich dort mit Migranten vermischen, die aus anderen Motiven unterwegs sind.

Wenn die Haupt-Fluchtgebiete im Südosten und Nordwesten des Landes liegen, warum arbeiten Sie in Agadez, genau in der Mitte?

In diesen Gebieten waren wir ja schon aktiv. Wir haben aber festgestellt, dass sich unter den vielen Migranten in Agadez - man spricht von 300 000 im Jahr - auch viele Flüchtlinge befinden. Bevor das Militär und die Polizei angefangen haben, diese unerlaubte Migration zu unterbinden, brachen hier täglich Dutzende Lkw zur Fahrt durch die Sahara auf.

Warum unerlaubt? Im westafrikanischen Staatenbund Ecowas herrscht komplette Freizügigkeit. Ebenso in der EU. Nur dazwischen soll es kein Durchkommen geben.

Ja, das ist der Grund, warum die Geflüchteten in Agadez festsitzen.

Sie sprachen davon, dass sich auf diesem Weg Migranten mit verschiedenen Motivationen vermischen. Auch im Einzelfall lässt sich nicht so leicht auseinanderhalten, ob einer etwa zu Zeiten des Diktators Yahya Jammeh aus politischen Gründen aus Gambia geflohen ist oder um ökonomisch zu überleben.

Es gibt solche gemischten Motivationen. Jeder hat seine Gründe. Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg beispielsweise stellt sich auf den Standpunkt, wenn einer sein Land verlässt, dann geschieht dies nicht ohne Grund und er braucht Unterstützung.

Niger. Karte: Wikimedia Commons
Niger. Karte: Wikimedia Commons

Das ist aber nicht die Position der EU.

Es ist gut, wenn man versucht zu helfen, auch wenn jemand vor Hunger geflohen ist. Ich war letzte Woche auf einer Konferenz in Paris. Da gibt es auch Organisationen, die setzen sich für ein Aufenthaltsrecht für Alle ein. Das ist legitim. Wir beim UNHCR sind aber an das Mandat gebunden, Menschen zu helfen, die vor Krieg oder Verfolgung geflohen sind. Ich meine, wenn wir effizient arbeiten wollen, müssen wir uns daran halten. Alles zu vermischen, würde den Status der vor Krieg und Gewalt Geflüchteten schwächen.

Bei einem Besuch im Niger vergangenen Sommer hat die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gesagt, sie wolle "unseren Partnern helfen, in Sicherheit und Prosperität zu leben" – und 100 Geländewagen mitgebracht, damit die Sicherheitskräfte Flüchtlinge und Migranten von der Weiterreise durch die Sahara abhalten. Hilft Ihnen das, in Prosperität zu leben?

Die EU investiert sehr viel, um den Staaten zu helfen, vor allem ihre Grenzen zu kontrollieren. Die Grenzen dicht zu machen, ist aber nicht die Lösung. Auch in Europa sind überall die Grenzen geschlossen worden. Aber wenn die Leute nicht weiterkommen, werden sie nach Wegen suchen. Wenn die Grenzen geschlossen werden, sind die Leute auf Schmuggler und Schleuser angewiesen – und ihnen ausgeliefert. Notwendig wäre, die ökonomische Situation der Länder zu verbessern, aus denen die Migranten kommen.

Agadez ist Unesco-Weltkulturerbe: eine Stadt, die durch den Sahara-Handel groß geworden ist. Was macht eine Stadt, die vom Handel lebt, wenn die Handelsrouten blockiert sind?

Es gibt tatsächlich dieses Problem. Die wirtschaftliche Situation ist sehr hart.

Und nun kommen auch noch die Migranten und Flüchtlinge dazu.

Die Bevölkerungszahl hat sich vervielfacht. Früher, zu Gaddafis Zeiten, sind die Leute nach Libyen gereist, nicht um nach Europa zu gelangen, sondern um dort zu arbeiten. Viele haben in Agadez auch in der Tourismus-Branche gearbeitet. Aber seitdem die Situation in Libyen destabilisiert ist, ist auch der Tourismus eingebrochen, weil die gesamte Region, ich denke ein wenig zu Unrecht, von den Auswärtigen Ämtern des Westens als rote Zone eingestuft wird.

Vergrößerung per Klick. Karte: UNHCR
Vergrößerung per Klick. Karte: UNHCR

Nigers Präsident Mahamadou Issoufou hat einmal gesagt, es bräuchte einen Marshallplan für die Region. Was denken Sie?

Jeder ist irgendwann einmal darauf angewiesen, sich auf Andere zu stützen. Mit dem Marshallplan haben die USA nach dem Zweiten Weltkrieg geholfen, Europa wieder aufzubauen. Damals war die Welt längst nicht so reich wie heute. Heute sind einige Länder extrem reich und andere extrem arm. Es gibt viele Leute, die leben von einem Euro am Tag. Wenn sie morgens aufstehen, wissen sie noch nicht, ob sie mittags etwas zu essen kriegen. Wenn man auf diesem Niveau von Armut angelangt ist, ist das ein sehr tiefer Stand – und viele afrikanische Länder befinden sich auf diesem Niveau.

Tatsächlich versucht die EU eher, ihrer eigenen Wirtschaft durch Freihandelsabkommen einen Zugang zu den afrikanischen Märkten zu verschaffen.

Es gibt eine interessante Beobachtung: Sie haben die Zahl von 100 000 Flüchtlingen genannt, die aus Nigeria kommen und im Niger leben. Wir, die afrikanischen Länder, sind arm, aber wir sind bereit, das wenige, was wir haben, zu teilen. Die Europäer sind reich, aber sie wollen nicht teilen. Der Arme hilft, der Reiche schließt seine Tür.

Machen Sie sich nicht zum Komplizen dieser Politik, wenn Sie die Flüchtlinge identifizieren und zum Bleiben überreden?

Wenn wir unsere Arbeit machen, die Leute zu identifizieren, ist das für manche so, als wollten wir sie in Agadez festhalten. Dazu sage ich: Ja, wir wollen sie in Agadez festhalten. Aber nicht, weil wir sie hindern wollen, nach Europa zu gehen, das geht uns nichts an. Was uns angeht ist: Wenn eine Person vor Krieg oder Verfolgung geflohen ist, besteht meine Arbeit darin, sie zu informieren über die Möglichkeit, im Niger zu bleiben, um sie vor der Hölle in Libyen oder dem Tod in der Sahara oder im Mittelmeer zu bewahren.

Kontext-Autor Dietrich Heißenbüttel (links) im Gespräch.
Kontext-Autor Dietrich Heißenbüttel (links) im Gespräch.

Ich höre immer wieder, wenn Menschen aus Afrika nach Europa wollen, nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern um zum Beispiel an einer Konferenz teilzunehmen, ist es oftmals sehr schwierig, ein Visum zu erhalten. Wie haben Sie das erlebt?

Das war auch in meinem Fall so. Ich bin hier zu einem sechswöchigen Austausch, finanziert vom deutschen Auswärtigen Amt. Trotzdem musste ich um mein Visum bangen. Immer steht man unter dem Verdacht, sich als illegaler Einwanderer in Europa einschleichen zu wollen. Das muss aufhören. Ich bin Mitarbeiter des UNHCR, außerdem Richter in meinem Heimatort – diese Funktion ruht zwar aufgrund meiner derzeitigen Beschäftigung, aber der Titel bleibt. In Europa könnte ich niemals eine Arbeit auf meinem Niveau finden.


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